Einige Zeit lang galt es in der Finanzbranche als schick, sich besonders ökologisch und sozial darzubieten. Das grüne Vokabular der Klimaschützer kam bei Bankern und Fondsmanager gut an, entsprach es doch dem Zeitgeist.
Der Zeitgeist hat allerdings im zurückliegenden Jahr seinen Geist aufgegeben, und 2026 wird sich dieser Tod in knallharter Politik der Zeitenwende niederschlagen.
Wenn in Brüssel aus fünf Gesetzen eines wird, dann kann es besser werden, muss es aber nicht. Aus Sicht von Umweltverbänden haben wir es vom Lieferkettengesetz bis zur EU-Taxonomie mit einer Aufweichung bisheriger Nachhaltigkeitsziele zu tun.
Als zentrale Narrative, mit denen diese wirtschaftspolitische Zeitenwende begründet wird, dienen in Brüssel – wie in Berlin – die überbordende Bürokratie und die schwindende globale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft.
It's the economy
Geopolitische Unsicherheiten, US-Präsident Donald Trump, der den Zollhammer schwingt, und die technologisch auftrumpfenden Konzerne aus China nehmen die Unternehmen in Europa in die Zange. Wenngleich in Teilen der Klimabewegung und der Linken die Gesetze der Ökonomie souverän ignoriert werden, sie wirken.
Zunächst müssen Werte durch Arbeit erschaffen werden, bevor sie verteilt werden und eine grüne Transformation ermöglichen können. Der Traum von einer Postwachstumsökonomie, der vornehmlich in der saturierten Mittelklasse geträumt wird, könnte zum Alptraum werden.
Bürokraten arbeiten derweil daran, Bürokratie abzubauen. Im Februar 2025 hatte die EU-Kommission eine Initiative gestartet, um die Wirtschaft von einer Vielzahl an Berichtspflichten zu entlasten, etwa bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung, dem Lieferkettengesetz oder der EU-Taxonomie. Im Mittelpunkt stehen dabei die Reduktion von Doppelungen und eine Vereinfachung der Vorgaben.
Ziel von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist es erklärtermaßen, die Wettbewerbsfähigkeit der EU zu stärken. Stand jetzt, wird diese Liberalisierung im ersten Quartal 2026 von EU-Kommission, Parlament und Mitgliedsstaaten endgültig beschlossen und in den Folgejahren umgesetzt.
Aus Brüssel ist dazu zu hören: Wir opfern nicht unsere Umweltschutz- und Klimaziele, wenn wir Dinge klarer machen und Innovationen mit Daten erleichtern. Aktuell müssen Unternehmen für ihre Nachhaltigkeitsberichterstattung, deren Leserschaft sich meist an einer Hand abzählen lässt, bis zu tausend Datenpunkte erheben, analysieren und quasi zu Papier bringen.
Versicherer: Weniger ist mehr
Schauen wir beispielsweise auf die Versicherungswirtschaft, neben Banken die Branche, mit der Klimareporter°-Leser:innen vielleicht am ehesten persönlich zu tun haben. Im Zentrum der Taxonomie steht hier die Offenlegungsverordnung.
Die Pläne der EU-Kommission, die im Parlament und bei den Mitgliedsstaaten im Kern auf Zustimmung stoßen, sehen vor, Nachhaltigkeitsinformationen zu Finanzanlageprodukten, etwa Lebensversicherungen, deutlich zu kürzen und dadurch den Informationsgehalt für Verbraucher zu erhöhen.
"Heute kommen in vielen Fällen schon einmal 20 bis 30 Seiten zusammen", bemängelt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer beim Gesamtverband der Versicherer (GDV). "Zukünftig werden alle relevanten Informationen einfach und verständlich auf maximal zwei Seiten zur Verfügung gestellt."
Das ist ein großer Gewinn für Versicherte, findet Asmussen – und sicherlich auch für die Branche. Mit der Reform würden die "bislang umfangreichen und teils schwer verständlichen Nachhaltigkeitsinformationen bei Finanzprodukten auf das Wesentliche reduziert und übersichtlich strukturiert".
Versicherte erhielten so künftig auf einen Blick Klarheit darüber, ob ein Finanzprodukt zum Erreichen ökologischer oder sozialer Ziele beiträgt, meint Asmussen. Auch werde nachhaltiges Engagement der Branche besser sichtbar. Beispielsweise sollen künftig alle Anbieter von Finanzprodukten auch Investitionen ausweisen dürfen, die zur Transformation in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaft beitragen sollen. Nach den bislang geltenden Regeln ist dies nicht gestattet.
Es gibt ein ökonomisches Eigeninteresse an Ökologie
Vereinfachungen können Klarheit schaffen. Komplexität herauszunehmen ist grundsätzlich ein sinnvoller Ansatz in einer immer komplizierteren Welt. Die Entwicklung in der EU kann man dennoch als Rollback werten.
Leider argumentiert ein Teil der Klimabewegung in Europa allerdings moralinsauer und mit Schaum vor dem Mund. Dabei geht es im Kern um profane Interessen – um die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen Akteure in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Entscheidend für die grüne Transformation des "finanzmarktgetriebenen Kapitalismus" (Jörg Huffschmid) wird am Ende die Wirtschaft sein. Und sie spürt längst die Auswirkungen von Umweltverschmutzung, sinkender Biodiversität und Klimaschäden und sieht kommende Kosten auf sich zukommen.
Das trifft nicht auf jedes Unternehmen und jeden Manager zu. Aber auf das Kapital insgesamt.
Hieraus entsteht ein existenzielles Interesse an der grünen Zeitenwende. Und zwar nicht allein in Europa, wo Aktivist:innen das kleine Deutschland zu oft als Nabel der Wende sehen. Wirtschaftliche Interessen an einer nachhaltigen Ökonomie spielen mittlerweile auch in der Großmacht China oder dem Entwicklungsland Indien eine wichtige Rolle – und in vielen US-Bundesstaaten, trotz Trump.
Daraus können wir Optimismus ziehen. Weniger für 2026, aber für die weitere Zukunft der Welt.
