Richtung Süden könnte jetzt der Wasserstoff fließen. Beginnend in Lubmin, ganz im Nordosten Deutschlands, reichen die ersten 400 Kilometer des künftigen Wasserstoff-Kernnetzes bis nach Bitterfeld-Wolfen in Sachsen-Anhalt.
Der Gasnetzbetreiber Gascade hat dazu Ferngasleitungen auf Wasserstoff umgestellt. Seit wegen des Ukraine-Krieges kein russisches Pipeline-Gas mehr nach Deutschland fließt, wurden die Röhren nicht mehr gebraucht.
In die 400 Kilometer investierte Gascade einen "mittleren dreistelligen Millionenbetrag", teilt das Unternehmen mit. Es nutzte dazu auch das von der KfW verwaltete H2-Amortisationskonto, das anfängliche Mindereinnahmen ausgleicht.
Inzwischen hat Gascade die Röhren mit Wasserstoff befüllt, aber nicht mit grünem, sondern mit konventionellem, der aus Erdgas gewonnen wird. Eine Befüllung mit grünem Wasserstoff hätte man sich gewünscht, auf dem Markt hätten die benötigten Mengen aber nicht beschafft werden können, bedauert das Unternehmen.
Es gebe jetzt Gespräche mit Industriepartnern, die die Transportkapazitäten nutzen möchten, so Gascade weiter. Auch lägen zahlreiche Anfragen für Netzanschlüsse vor. Konkrete Liefervereinbarungen sind bislang aber nicht bekannt.
Wasserstoff-Preise weit über den Erwartungen
300 Kilometer von Lubmin entfernt würde der Wasserstoff vermutlich sofort abgenommen – der potenzielle Interessent liegt aber nicht in südlicher, sondern in westlicher Richtung.
An seinem Standort in Hamburg könnte der Kupferkonzern Aurubis Wasserstoff gut gebrauchen. Dort hatte Aurubis vor drei Jahren rund 40 Millionen Euro in wasserstofffähige Anodenöfen investiert.
Mitte 2025 waren die Öfen "H2-ready", berichtete Aurubis-Direktor Holger Klaassen Ende Januar auf dem Wasserstoff-Panel beim Energiegipfel 2026 des Handelsblatts. Doch die Schmelzen müssen seinen Worten nach weiter mit Erdgas laufen.
Die Politik habe dem Unternehmen einst zugesichert, Aurubis würde 2026 oder 2027 ans Kernnetz angeschlossen und den Wasserstoff würde es für zwei bis 2,50 Euro pro Kilogramm geben, erinnerte sich der Manager.
Von solchen Preisen ist die Realität weit entfernt. Eine vom Energiewirtschaftsverband BDEW Mitte Februar präsentierte Analyse zum H2-Hochlauf veranschlagt für grünen Wasserstoff aktuell bestenfalls sieben Euro pro Kilogramm.
Auf 7,50 Euro je Kilo beziffert die unabhängige Kommission zum Monitoring der Energiewende den Preis in ihrem im Dezember erschienenen Bericht. Der Preis gelte für Nordwesteuropa, aber selbst in optimalen Regionen liege er kaum unter fünf bis sechs Euro, konstatiert das Gremium um dem Vorsitzenden Andreas Löschel von der Ruhr-Uni Bochum. Damit bleibe der Wasserstoff-Preis "weit über früheren Erwartungen", heißt es im Bericht.
Als Ursachen nennt die Kommission höhere reale Investitionskosten, Effizienzverluste bei der Elektrolyse sowie unterschätzte Stromkosten nach den Vorgaben der europäischen RED-III-Richtlinie.
Die aktuelle Renewable Energy Directive (RED) bestimmt Quoten für den Einsatz erneuerbarer Brennstoffe nicht biogenen Ursprungs (Renewable Fuels of Non-Biological Origin, RFNBO). Zu denen gehören grüner Wasserstoff und seine Derivate wie Ammoniak sowie E‑Fuels, synthetische Kraftstoffe, die alle mit erneuerbarer Energie hergestellt werden.
Für die Richtlinie legte die EU-Kommission Kriterien fest, damit RFNBO wirklich zum Klimaschutz beitragen. So muss ihr Einsatz mindestens 70 Prozent Treibhausgase einsparen, verglichen mit fossilen Alternativen. Anlagen, die den Strom für die RFNBO-Produktion erzeugen, müssen neu sein oder zusätzlich gebaut werden. Zudem müssen Stromerzeugung und Fuel-Produktion zeitlich und räumlich benachbart sein.
EU-Kriterien für grüne Wasserstofferzeugung unter Kritik
Auf dem Handelsblatt-Panel störten sich praktisch alle an den RFNBO-Kriterien. Diese hätten die Projekte unnötig verteuert und müssten so schnell wie möglich vereinfacht werden, forderte Aurubis-Manager Klaassen.
Für Michael Sterner von der OTH Regensburg dienen die Kriterien vor allem dazu, eine All-Electrical-Welt voranzutreiben. Damit solle Wasserstoff als grünes Molekül verhindert werden, kritisierte der bekannteste Wasserstoff-Experte Deutschlands.
Auch die BDEW-Analyse verlangt in ihren Handlungsempfehlungen eine Entschärfung der RFNBO-Kriterien. Es sei nicht zielführend, erst neue Windparks errichten zu müssen, um überhaupt als erneuerbar anerkannten Wasserstoff herstellen zu können. Sinnvoller sei es, Synergieeffekte im Energiesystem zu nutzen, wird in der vom Beratungsunternehmen Capgemini mit Praxispartnern wie EWE Hydrogen erstellten Untersuchung betont.
Die Bundesregierung müsse dazu mit der EU-Kommission über eine Anpassung der Erneuerbaren-Richtlinie verhandeln – mit dem Ziel, die Anforderungen der Zusätzlichkeit und stündlichen Korrelation im RFNBO‑Regelwerk auf 2035 zu verschieben.
In Zuge dessen erlebt auch der blaue, aus Erdgas gewonnene Wasserstoff eine Aufwertung. Timm Kehler, Chef des Branchenverbandes der Erdgas- und Wasserstoffwirtschaft, sprach sich beim Handelsblatt-Panel dafür aus, alle Herstellungs-Optionen zu nutzen. Beim Wasserstoff würden alle Farben gebraucht, auch die blaue, sagte er.
Laut BDEW-Studie kostet aus Erdgas hergestellter blauer Wasserstoff immer noch 3,50 Euro je Kilo. Der Monitoring-Bericht weist seinerseits darauf hin, dass verfügbarer blauer Wasserstoff vier bis fünf Euro kostet – und damit ebenfalls teurer ist als erwartet. Dennoch spricht sich auch das Experten-Gremium dafür aus, blauem Wasserstoff eine größere Rolle zukommen zu lassen.
Branche beklagt sinkenden Stellenwert des Wasserstoffs
So oder so prickelt es beim "Champagner der Energiewende" längst nicht mehr. Wasserstoff ist zu teuer, weil die Nachfrage fehlt – und die fehlt, weil Wasserstoff zu teuer ist. Mit dem klassischen Henne-Ei-Problem wird der fehlende Hochlauf meist erklärt.
Auch er habe den Wasserstoff-Hochlauf lange für ein Henne-Ei-Problem gehalten, erklärte auf dem Handelsblatt-Panel Luc Graré, Mittel- und Osteuropa-Chef beim französischen Wasserstoffhersteller Lhyfe. Mehr und mehr empfinde er alles aber als langes "Herumgeeiere", sagte der Manager.
Da schafft auch das Ende Februar vom Bundestag verabschiedete Wasserstoff-Beschleunigungsgesetz wenig Abhilfe. Es billigt dem Bau der H2-Infrastruktur überragendes öffentliches Interesse zu. Weiter geht es um schnellere Planung und Digitalisierung sowie um erleichterte Umrüstung von Gasleitungen und Gasspeichern.
Lhyfe-Manager Graré hält das Gesetz für eine gute Sache. Einen großen Durchbruch für Wasserstoff werde es zwar nicht bringen, die Zeitdauer für die Genehmigungen könne sich aber von acht auf sechs Monate verkürzen, so eine Einschätzung.
Graré wie auch Verbandschef Kehler beklagten auf dem Panel einen generell sinkenden Stellenwert von Wasserstoff in der Politik. Man müsse daran arbeiten, die Bedeutung von Wasserstoff wieder stärker nach vorn zu bringen, mahnte Kehler.
Auch Michael Sterner kritisierte, dass die Bundesregierung fossile Gaskraftwerke als komplementär zu den Erneuerbaren sehe – wenn schon, sollte das die grüne Gaskraft sein, forderte der Wissenschaftler. Er regte an, zunächst mit einer Grüngasquote zu beginnen. Alles auf einmal auf Wasserstoff umzustellen werde teuer und technisch zu aufwendig, begründete Sterner den Vorschlag.
Die Grüngasquote hat Sterner inzwischen mit den Eckpunkten der Bundesregierung zum neuen Gebäudemodernisierungsgesetz bekommen. Mit der Quote setzt die Koalition aber vor allem auf Biomethan und eine sogenannte "Bio-Treppe". Wasserstoff spielt nur eine Nebenrolle.
Baumaßnahmen fürs Kernnetz werden aufgeschoben
Der fehlende Markt bremst auch das Wasserstoffkernnetz. Bis Ende kommendes Jahres wollen die Netzbetreiber rund 2.200 Kilometer eines sogenannten Starternetzes fertigstellen, teilte jüngst die "Koordinierungsstelle für integrierte Netzentwicklungsplanung Gas und Wasserstoff" (Konep) mit und legte zugleich den ersten Entwurf eines "Netzentwicklungsplans Gas und Wasserstoff" zur Konsultation vor.
Der Entwurf für den Netzentwicklungsplan (NEP) sieht den Bau weiterer 7.000 Kilometer Wasserstoffleitungen bis spätestens 2037 vor. Der Bau des am Ende über 9.000 Kilometer langen Netzes kostet laut Konep inzwischen 20,1 Milliarden Euro statt der ursprünglich veranschlagten 18,9 Milliarden.
Die Steigerung sei aber nicht überraschend und eher der üblichen Verteuerung solcher Bauvorhaben mit der Zeit geschuldet. Das sei auch in den ursprünglichen Planungen schon berücksichtigt worden, wurde bei der Präsentation betont.
Allerdings haben die Netzbetreiber laut den Angaben inzwischen etwa 100 Maßnahmen zum Bau des Kernnetzes verschoben. Mit entsprechend wachsender Sorge werde die Entwicklung des Markthochlaufs betrachtet, erklärte der Vorstandschef des Fernleitungsbetreiber-Verbandes FNB Gas, Matthias Jenn, bei der Vorlage des NEP-Entwurfs.
Der zögerliche Hochlauf erhöhe die Risikodisposition der Kernnetzbetreiber deutlich, mahnte Jenn. Daher appelliere sein Verband an die Politik, flankierende Maßnahmen zur Unterstützung des Hochlaufs auf den Weg zu bringen.
Der BDEW legte Anfang März sogar die Forderung nach einem Wasserstoffgesetz auf den Tisch. Das von dem Branchenverband "H2G" genannte Gesetz soll – ähnlich dem EEG beim Ökostrom – einen "rechtssicheren, planbaren und einheitlichen, aber auch degressiv und zeitlich begrenzten" Förderrahmen schaffen.
Da schimmert schon Panik durch. Offenbar droht der "Champagner der Energiewende" schal zu werden.

Der Ruf nach blauem Wasserstoff war abzusehen und schallt schon lange durchs Land. Blauer Wasserstoff ist der feuchte Traum der Gaswirtschaft, nur ist hierfür zunächst die Infrastruktur zur Abscheidung und Speicherung von CO2 zu errichten. Und blauer Wasserstoff bringt leider kaum THG-Einsparungen.
Alles nicht überraschend - genauso wie der Ruf nach staatlicher Unterstützung.
Eine Frage muss endlich geklärt werden: will die Regierung durch den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft Industriepolitik betreiben, oder die THG-Emissionen senken?