Die Erdgas-Krise infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine wirkt bis heute als warnende Erfahrung nach: Ein Land wie Deutschland, immerhin drittgrößte Volkswirtschaft weltweit, kann in kürzester Zeit in eine energiepolitische Notlage geraten, wenn zentrale Energieträger zu stark von einzelnen Lieferanten abhängen.
Jetzt, wo die Bundesrepublik mitten im Übergang zu erneuerbaren Energien ist, verlagern sich die Risiken auf andere Felder – etwa auf Solarmodule, Batterien oder kritische Rohstoffe, die für eine klimaneutrale Wirtschaft unverzichtbar sind. Ein neuer Report des vom Bund geförderten Projekts Ariadne zeigt nun, wie sich solche Abhängigkeiten vermeiden lassen und welche politischen Maßnahmen wirken.
Die Photovoltaik ist das zentrale Beispiel dafür, wie es nicht laufen sollte. Noch in den 2000er Jahren war Deutschland Weltmarktführer, beherbergte innovative Unternehmen wie Q‑Cells, Solarworld und Schott Solar und setzte technologische Standards.
Doch schon wenige Jahre später kollabierte die heimische Industrie weitgehend. Gründe waren die rasanten Förderkürzungen durch die 2009 ins Amt gekommene Merkel-Regierung sowie die chinesische Konkurrenz, die mit massiver staatlicher Unterstützung aufgebaut wurde und billiger produzierte.
Heute stammen über 80 Prozent aller Solarmodule aus China, ebenso ein Großteil der Rohstoffe, Wafer und Zellen. Die Folge: Der Ausbau der Solarenergie, ein zentraler Baustein der Energiewende, hängt heute an Lieferketten außerhalb Europas.
Zwei Formen von Marktversagen
Um genau diese Risiken geht es in dem Ariadne-Projekt. Ariadne ist eines der vier großen Kopernikus-Projekte zur Energiewende, mitfinanziert vom Bundesforschungsministerium.
An der aktuellen Studie waren unter anderem das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und die Universität Würzburg beteiligt. Sie analysierten, wie und warum Importabhängigkeiten bei sauberen Energiegütern entstehen – und welche Instrumente helfen können, diese zu begrenzen.
"2023 machten saubere Energiegüter zehn Prozent des Wachstums des globalen Bruttoinlandsprodukts aus", erläuterte Ariadne-Forscher Michael Jakob. Um hier nicht abgehängt zu werden, sei es für Deutschland wichtig, aus der Abhängigkeit von russischem Gas zu lernen und sich bei grünen Technologien künftig nicht von China abhängig zu machen.
Die Ariadne-Studie unterscheidet dabei zwei Formen von Marktversagen im Ökoenergie-Sektor. Die erste ist eine zu geringe inländische Produktion, so wie im Fall Photovoltaik. Beispielsweise, weil Skaleneffekte große, zentralisierte Fertigungen begünstigen, wie sie in China aufgebaut wurden.
Die zweite betrifft eine ausreichende Diversifizierung der Lieferketten – etwa aufgrund von Informationsdefiziten oder fehlenden Investitionen in Lagerhaltung. Oft setzten Unternehmen darauf, dass im Krisenfall der Staat eingreift, statt selbst Vorkehrungen zu treffen, so die Forschenden.
Handelsbeschränkungen sollen spezifisch sein
Politisch sind daher Instrumente gefragt, die Produktion, Diversifizierung und Resilienz stärken. Der Report nennt finanzielle Förderung, Forschung und Infrastruktur als zentrale Hebel, um strategische Industrien im Inland auf- und auszubauen.
Staatlich garantierte Mindestabnahmemengen oder Vorhaltekapazitäten könnten eine Grundversorgung sichern, während strategische Reserven kurzfristige Engpässe bei Rohstoffen abfedern. Bei hochspezialisierter Elektronik wie Mikrochips sei eine solche Lagerhaltung hingegen weniger sinnvoll, da Produkte schnell an Wert verlieren.
Allgemeine Handelsbeschränkungen halten die Autor:innen für riskant. Sie könnten zwar heimische Hersteller schützen, erhöhten aber zugleich die Kosten und führten oft zu Gegenmaßnahmen anderer Staaten.
Als Alternative schlagen die Forschenden handelspolitische Quoten und gestaffelte Zollkontingente vor, mit denen der Importanteil eines einzelnen Landes unter einem definierten Schwellenwert gehalten werden kann.
"Zollkontingente wurden beispielsweise für Elektro- und Hybridfahrzeuge in Brasilien eingeführt. Wenn die Importe von einem einzelnen Handelspartner das festgelegte Kontingent überschreiten, greift für alle zusätzlichen Importe aus diesem Land ein höherer Zollsatz", erklärte Mitautor Joschka Wanner von der Uni Würzburg.
Solche Mechanismen könnten Wettbewerb und Freihandel bewahren, ohne neue Abhängigkeiten entstehen zu lassen.
