Klimareporter°: Herr Friedrich, die Bundesregierung erwartet, dass dank Milliardenförderung viele Menschen auf E‑Autos und Wärmepumpen umsteigen, damit die Nachzügler-Sektoren Verkehr und Gebäude beim Klimaschutz aufholen. Ist das realistisch?
Axel Friedrich: Erwartungen sind keine Umsetzung. Damit die Erwartungen in reales Handeln münden, müssten die Anforderungen ambitionierter formuliert werden.
Und vor allem darf Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche nicht laufend gegenteilige Signale senden – wie zuletzt, als sie dafür plädierte, die Klimaneutralität der EU zu verschieben. Es braucht die klare Botschaft an die Menschen und die Wirtschaft: Gas und Öl sind keine Zukunftsenergien, auch nicht als Brückentechnologien. Denn diese Brücken tragen nicht.
Elektroautos und Wärmepumpen sind technisch überlegen, weil sie die eingesetzte Energie besser ausnutzen als Verbrenner und fossile Heizungen. Das spricht sich langsam herum. Wird das kein Selbstläufer?
Es geht darum, dass die Umstellung auf diese Technologen so schnell wie möglich erfolgen muss. Da braucht es einen Turbo.
Der Klimawandel beschleunigt sich immer weiter, aber man hat den Eindruck, das interessiert die breite Öffentlichkeit und damit auch die Politik nicht mehr. Man redet von Wasserstoff oder E‑Fuels, die erheblich ineffizienter und teurer sind, mal abgesehen davon, dass sie in der nächsten Zukunft nicht verfügbar sein werden.
Axel Friedrich
Der Verkehrs- und Umweltexperte war bis 2008 Abteilungsleiter für Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt. Bekannt wurde der promovierte Chemiker 2015 durch die Aufklärung des Dieselskandals, vor dem er zehn Jahre lang gewarnt hatte. Er hat die NGO International Council on Clean Transportation (ICCT) mitgegründet, die den Skandal mit aufdeckte. Heute berät er unter anderem Regierungen sowie Verbände wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH).
Ein Beispiel: Wenn ein Einfamilienhaus heute einen Jahresverbrauch von 12.000 Kilowattstunden Erdgas hat, läge der Stromverbrauch mit einer effizienten Wärmepumpe unter 3.000 Kilowattstunden.
Mit Wasserstoff als Energieträger wären es hingegen mehr als 12.000 Kilowattstunden, und die erheblich höheren Energieverluste bei Herstellung, Speicherung und Transport kämen noch dazu. Von den Kosten ganz zu schweigen.
Was schlagen Sie konkret vor, damit die Kosten etwa bei den Gebäuden im Rahmen bleiben?
Bei allen Maßnahmen muss man in der Tat auch die Kostenbilanz beachten. Es hat nicht viel Sinn, ein altes Haus sehr stark zu dämmen. Aus meiner Sicht reicht es, das Gebäude auf einen Energiebedarf von 100 bis 120 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr herunterzubringen.
Das ist in der Regel mit kostengünstigen Maßnahmen wie einer Dämmung der obersten Geschoss- und der Kellerdecke möglich – und dann sollte man eine effiziente Wärmepumpe verwenden. Das spart Kosten und belastet auch das Stromnetz weniger.
Das Thema Energieeffizienz kommt im Klimaschutzprogramm kaum vor. Wie erklären Sie sich das?
Hier herrscht wirklich ein Blackout, und das ist für mich völlig unverständlich. Die Energieeffizienzrichtlinie der EU verlangt von den Mitgliedsstaaten und damit auch von Deutschland, den Primärenergieverbrauch bis 2030 um 26,5 Prozent zu verringern, bezogen auf das Jahr 2008.
Bis 2024 betrug die Reduktion hierzulande nur 13 Prozent. Bleibt es bei dieser Reduktionsrate, werden wir 2030 nur bei 18 bis 20 Prozent landen. Mit anderen Worten: Es bedarf dringend zusätzlicher Maßnahmen, um das 2030er Ziel einzuhalten.
Wie könnte die Energieeffizienz gefördert werden?
Bei Förderprogrammen etwa im Gebäudebereich muss die Förderhöhe von der Energieeffizienz abhängig gemacht werden. Bisher erhält man zum Beispiel bei Wärmepumpen die gleiche Förderung für ein ineffizientes wie für eine hocheffizientes Gerät, obwohl der Wirkungsgrad bei den hocheffizienten Anlagen zirka 80 Prozent höher ist. Das muss geändert werden. Denn effiziente Geräte führen dazu, dass dann entsprechend weniger Heizkosten anfallen und zudem das Stromnetz weniger belastet wird.
Gibt es dieses Problem auch bei der E‑Auto-Förderung?
Hier ist es genauso. Bei einem Elektroauto bekommt man die gleiche Förderung, egal, ob der Wagen zwölf oder 24 Kilowattstunden pro 100 Kilometer braucht. Es ist für mich völlig unverständlich, dass es keine Verbrauchsobergrenze für Elektroautos gibt, aber eine für Staubsauger und Kühlschränke.
Auch in der Industrie liegen noch Einsparpotenziale. Was müsste hier für mehr Energieeffizienz geschehen?
In der Industrie gibt es schon Vorgaben für die Energieeffizienz, hier passiert relativ viel. Großen Nachholbedarf gibt es noch bei der Wärme-Rückgewinnung, etwa in der Chemie- und der Autoindustrie, wo noch sehr große Potenziale liegen. Hier muss die Politik entsprechende Vorgaben machen.
Und wie ist es bei den Haushalten? Braucht es, um die Potenziale zu heben, auch Einschränkungen beim Komfort? Weniger Autofahren, niedrigere Raumtemperaturen, weniger Elektronikgeräte? Oder kann alles so bleiben wie gewohnt?
Es kann nicht alles so bleiben, wie es ist, das liegt doch auf der Hand. Der Klimawandel spitzt sich zu, die globalen Temperaturen steigen noch schneller als erwartet. Dass selbst eine kleine Einschränkung wie ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen und Landstraßen nicht eingeführt wird, zeigt, dass die Dramatik in der Politik nicht angekommen ist.
Oder: Warum hat man die wegen der von Putin ausgelösten Energiekrise 2022 eingeführte Heizgrenze von 19 Grad Celsius in öffentlichen Gebäuden wieder abgeschafft? Das und viele andere Maßnahmen könnten uns jetzt in der neuesten, der Trumpschen Energiekrise helfen.
Sollte das Klimaschutzprogramm ergänzt werden?
Unbedingt. Denn es gibt leider zu viele Leerstellen. Es werden nicht einmal die einfach umzusetzenden technischen Möglichkeiten zur Reduktion der Treibhausgasemissionen genutzt – etwa bei Methan.
Man muss wissen, über 20 Jahre betrachtet ist Methan pro Gramm mehr als 82-mal so klimaschädlich wie CO2, und es ist für rund ein Drittel der globalen Temperaturerhöhung verantwortlich. Die Methan-Minderung, etwa bei Biogas- und Kläranlagen sowie in der Öl- und Gasindustrie ist sehr kostengünstig, oft werden dabei sogar Kosten eingespart.
Doch dazu steht im neuen Klimaschutzprogramm kein einziges Wort – und das, obwohl Deutschland sich gemeinsam mit vielen anderen Ländern auf dem UN-Klimagipfel 2021 in Glasgow verpflichtet hat, die Methanemissionen bis 2030 um mehr als 30 Prozent zu verringern. Bisher liegt noch nicht einmal ein Minderungsplan vor, von einer Umsetzung von Maßnahmen ganz zu schweigen.
Wenn nicht einmal das ins Klimaschutzprogramm aufgenommen wurde, braucht es dringend eine Überarbeitung des ganzen Projekts.

Offensichtlich entspricht das Handeln der Politik nicht der Dringlichkeit der Aufgabe.
Seit Ende 2023 existiert ein Energieeffizienzgesetz:
https://www.gesetze-im-internet.de/enefg/EnEfG.pdf
Die neue Bundesregierung - namentlich das Wirtschaftsministerium von Frau Reiche - plant, dieses Gesetz erheblich abzuschwächen:
https://deneff.org/enefg-bmwe-setzt-auf-energieverschwendung-und-verhoehnt-eu/
"Die Bundesregierung will die bisherigen verbindlichen nationalen Energieeffizienzziele für 2030 und 2045 streichen. Der bisherige Paragraf 4 soll stattdessen den Grundsatz „Energieeffizienz an erster Stelle“ verankern – allerdings ohne messbare Kriterien und ohne Überprüfung."
"Die geplante Anhebung der Schwellenwerte führt dazu, dass Energiemanagementsysteme nur noch für sehr energieintensive Unternehmen (ab 23,6 GWh statt 7,5 GWh) vorgeschrieben wären. Diese Systeme sind sehr weiche Maßnahmen, die vor allem die Eigeninitiative der Unternehmen dabei stärken, ihre Energieproduktivität strategisch zu steigern, erläutert die DENEFF. Diese etablierten Standards zurückzufahren, sei schlicht absurd. Auch bei Rechenzentren sollen künftig abgeschwächte Effizienzstandards gelten."
"Das BMWE will die bisherigen Pflichten zur Abwärmevermeidung, -nutzung und -meldung abschaffen. Dabei verfügt Deutschland über rund 300 TWh technisch nutzbare Abwärme, mehr als 150 TWh sind davon wirtschaftlich nutzbar. Das entspricht dem Wärmebedarf von mehreren Millionen Haushalten."