Der Krieg gegen den Iran und die faktische Teilschließung der Straße von Hormus haben die Welt in eine neue Energiekrise gestürzt – mit globalen Folgen, die Experten bereits als historisch einordnen.
Kaum ein anderer Ort ist für die Versorgung so entscheidend wie die Meerenge zwischen Iran und Oman. In Friedenszeiten gelangten etwa 20 Prozent der globalen Lieferungen von Erdöl und Flüssigerdgas (LNG) über dieses Nadelöhr in den Weltmarkt. Seit Beginn der Kämpfe ist der Schiffsverkehr jedoch massiv eingeschränkt, zeitweise nahezu zum Erliegen gekommen.
Die Konsequenzen sind dramatisch: Ölpreise von über 100 US-Dollar pro Barrel, stark steigende Erdgaspreise und ein Durchschlagen dieser Kosten auf die Strommärkte. Besonders hart trifft es asiatische Länder, die stark von Importen aus den Golfstaaten abhängig sind und nun mit realen Versorgungsmängeln konfrontiert sind.
In Ländern wie Indien und Bangladesch ist bereits Kochgas knapp und teuer geworden, und wegen abgeschalteter Gaskraftwerke kommt es zu Stromausfällen. Europa ist bisher vor allem indirekt betroffen – über Preiseffekte, die Haushalte, Lkw-Verkehr und Industrie gleichermaßen belasten.
Wie weit die Preisspirale noch gehen kann, falls der Krieg mit Angriffen auf die Öl- und Gasanlagen in der Golfregion weiter eskaliert, ist offen. Große Investmentbanken wie JP Morgan hatten bereits in früheren Krisenszenarien gewarnt, dass bei länger anhaltenden Öl- und Gaskrisen Ölpreise von bis zu 300 Dollar pro Barrel möglich wären.
Auch wenn viele Analysten solche Extremwerte nur im Worst Case erwarten, zeigt die Spannbreite der Prognosen, wie nervös die Märkte sind. Selbst moderatere Szenarien gehen von dauerhaft dreistelligen Preisen aus, solange die Lage angespannt bleibt.
"Größte Versorgungsunterbrechung der Geschichte"
Die Internationale Energieagentur IEA spricht von einer historischen Zäsur. Ihr Chef Fatih Birol warnte, der Konflikt habe "die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarktes" ausgelöst. Die koordinierte Freigabe strategischer Reserven verschaffe zwar kurzfristig Luft, könne aber den strukturellen Schock nicht kompensieren.
Vor diesem Hintergrund plädiert die IEA dafür, mit konsequentem Energiesparen für Entlastung auf der Nachfrageseite zu sorgen. Sie hat dazu einen Katalog von zehn zentralen Maßnahmen vorgelegt – inklusive quantifizierter Einsparpotenziale. Die in Paris ansässige IEA ist eine Organisation des Industrieländerclubs OECD, sie war 1974 als Reaktion auf die erste Ölkrise gegründet worden.
Im Verkehrssektor, der weltweit rund 45 Prozent der Ölnachfrage weltweit ausmacht, sieht die Agentur die größten kurzfristigen Hebel. Ein Vorschlag betrifft die Ausweitung von Homeoffice, weil so Millionen täglicher Pendelfahrten entfallen können. "Drei zusätzliche Tage im Homeoffice – für diejenigen, deren Tätigkeit dies zulässt – könnten den Ölverbrauch von Autos um zwei bis sechs Prozent senken", schreibt die IEA.
Weiterer Vorschlag: Absenken der Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen um rund zehn Stundenkilometer – das werde, je nach Höhe der bisherigen Limits, zusätzlich ein bis sechs Prozent bei Privatfahrzeugen einsparen. Kombiniert könnten bereits diese beiden Maßnahmen die Ölnachfrage im Straßenverkehr spürbar reduzieren.
Darüber hinaus empfiehlt die IEA eine breite Palette weiterer Verhaltensänderungen. Fahrgemeinschaften und Carsharing könnten den Fahrzeugbestand effizienter auslasten und den Kraftstoffverbrauch pro Person deutlich senken.
Eine stärkere Nutzung von Bahn und Bus – besonders im Pendelverkehr – gilt als einer der effektivsten Hebel überhaupt. Für Kurzstrecken wird explizit auch der Umstieg auf Fahrrad oder Fußverkehr genannt.
Spartipps für Güterverkehr, Geschäftsreisen und Industrie
Ein besonders großes, oft unterschätztes Potenzial sieht die IEA im Güterverkehr. Effizientere Fahrweisen bei Lastwagen – also geringere Durchschnittsgeschwindigkeiten, vorausschauendes Fahren und weniger abruptes Beschleunigen – könnten den Dieselverbrauch um fünf bis zehn Prozent senken.
Hinzu kommen strukturelle Verbesserungen: optimierte Fahrzeugbeladung, weniger Leerfahrten und eine bessere Routenplanung. Digitale Logistiksysteme könnten diese Effekte zusätzlich verstärken.
Im Luftverkehr schlägt die Agentur vor, Geschäftsreisen deutlich einzuschränken und verstärkt durch digitale Kommunikation zu ersetzen. Schon eine moderate Reduktion könne den Kerosinverbrauch im internationalen Luftverkehr um mehrere Prozent senken.
Auch für die Industrie enthält der Maßnahmenkatalog konkrete Vorschläge. Im Zentrum stehen "kurzfristige Effizienz- und Wartungsmaßnahmen". Dazu zählen etwa die Abdichtung von Druckluftsystemen, die Optimierung von Dampfkesseln, die Anpassung von Produktionszeiten an Lastspitzen sowie die konsequente Wartung energieintensiver Anlagen. Solche Maßnahmen könnten den Energieverbrauch vieler Betriebe kurzfristig um drei bis fünf Prozent senken – häufig mit sehr geringen Investitionskosten.
Ergänzend empfiehlt die Agentur, energieintensive Prozesse, wenn möglich, zeitlich zu verschieben und Flexibilitätspotenziale stärker zu nutzen, etwa durch Lastmanagement. Auch dies könne helfen, den Druck auf die Energiemärkte zu reduzieren.
Verwundbares Energiesystem
Die Botschaft der IEA ist eindeutig: Entscheidend sei eine aktive Senkung der Nachfrage. Nur wenn es gelinge, den Verbrauch schnell und breit zu reduzieren, ließen sich Preisspitzen abmildern und Versorgungsrisiken begrenzen.
Damit knüpfen die Vorschläge direkt an Erfahrungen aus der jüngeren Vergangenheit an. Nach Russlands Angriff auf die Ukraine 2022 hatten viele europäische Staaten ähnliche Maßnahmen ergriffen. Der Gasverbrauch in der EU sank daraufhin um mehr als 15 Prozent. Neben milden Wintern und hohen Preisen trugen auch politische Vorgaben und freiwillige Einsparungen erheblich dazu bei, die Versorgung zu stabilisieren.
Allerdings gab es auch gravierende wirtschaftliche Folgen. Die Industrieproduktion wurde teilweise gedrosselt, und für viele Haushalte wurden die Energiekosten zur Belastungsprobe. Die IEA betont deshalb, dass neue Sparprogramme sozial abgefedert werden müssten – etwa durch gezielte Unterstützung für einkommensschwache Haushalte.
Der aktuelle Konflikt im Nahen Osten heizt die Debatte neu an. Der Iran-Krieg zeigt, wie verwundbar das fossile Energiesystem ist, zumal weltweit alle Märkte getroffen werden. Er demonstriert, wie wichtig die strategische Neuorientierung hin zu mehr Energieeffizienz und gleichzeitig zu möglichst dezentral erzeugten erneuerbaren Energien ist.
Weniger Verbrauch bedeutet nicht nur geringere Kosten, sondern auch mehr Versorgungssicherheit. Und er hat einen weiteren, oft unterschätzten Vorteil: Jeder eingesparte Liter Öl und jede vermiedene Kilowattstunde Erdgas senken zugleich die CO2-Emissionen.
