Tag für Tag wird unsere Welt schlechter. Wirklich? Viele Menschen empfinden dies wohl so. Und auch den Autor überkommt angesichts von Kriegen, Handelskonflikten und Klimawandel manchmal ein Gefühl des Ausgeliefertseins. Da ist es doch gut, dass es diese Serie gibt, die es sich zur Aufgabe macht, wenigstens ab und zu gute Nachrichten zu verbreiten.
Eine solche ist es, dass die Europäische Union beim Klimaschutz nicht allein auf unserer geschundenen Erde dasteht. Das "European Union Emissions Trading System", kurz EU‑ETS, gilt Regierungen und Ökonomen, Altlinken und Liberalkonservativen als "das wichtigste Instrument" auf dem Weg zur Klimaneutralität 2050.
Das ideale politische Instrument zum Klimaschutz also: Der EU‑Emissionshandel begrenzt schrittweise den Ausstoß von CO2 sowie weiteren Treibhausgasen wie Methan oder Distickstoffmonoxid – und versieht ihn mit einem Preis, der stetig zunimmt.
Je mehr direkte Emissionen ein Unternehmen verursacht, desto mehr muss es zahlen. Auf Dauer wird es für Klimasünder dann richtig teuer, was betriebswirtschaftlich erheblichen Druck auf das Management erzeugt. Die Betroffenen sehen sich daher genötigt, möglichst bald technische Lösungen zu finden, die den betrieblichen Ausstoß von CO2 und Co und damit die Kosten des Unternehmens senken.
Durch den Handel von Emissionszertifikaten, deren Umfang begrenzt ist, wird der Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln gezähmt – "der Markt" wird zum Klimaschützer.
Emissionshandel ist keine Nischenpolitik mehr
So weit, so gut. Allerdings stoßen die 450 Millionen EU-Bürger global gesehen vergleichsweise wenig CO2 aus – rund drei Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr. Deshalb wirkt der Emissionshandel erst so richtig, wenn andere Länder und Regionen ebenfalls auf diese politische Regulierung setzen.
Doch es gibt eine weitere gute Nachricht: Die Zahl der Länder, die den CO2-Ausstoß mit einem Preis versieht, wächst. Es gibt weltweit inzwischen 41 Emissionshandelssysteme. Noch besser: Mehr als zwei Drittel aller G20-Staaten haben bereits ein ETS etabliert.
Solches geht zumindest aus dem neuen Statusbericht der überstaatlichen Denkfabrik International Carbon Action Partnership (ICAP) hervor, der kürzlich veröffentlicht wurde. "Trotz der turbulenten geopolitischen Lage und des erneuten Drucks auf die Energiemärkte expandiert und etabliert sich der globale Emissionshandel weiter", gibt sich Stefano De Clara, Leiter des ICAP-Sekretariats in Berlin, optimistisch.
Derzeit decken die Emissionshandelssysteme immerhin gut ein Viertel aller globalen Treibhausgasemissionen ab. Sie erfassen mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung, die zusammen 63 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung erzeugen. Und das zahlt sich aus. Die ETS-Einnahmen erreichten im vergangenen Jahr einen Rekordwert von 79 Milliarden US-Dollar. 545 Milliarden Dollar insgesamt sind es seit der Klimakonferenz auf Bali im Jahr 2007.
Drei neue nationale Systeme – in Japan, Indien und Vietnam – starten in diesem Jahr. Sieben Systeme stehen kurz vor der Einführung. Brasilien, Chile und Kolumbien haben die nötigen Gesetze beschlossen, Thailand und die Philippinen sind nach Medienberichten beinahe so weit.
Gleichzeitig würden etablierte Emissionshandelssysteme ihre Ambitionen weiter ausbauen, so ICAP-Chef De Clara. Auch die beiden Hauptkonkurrenten der EU auf dem Weltmarkt, China und Nordamerika, halten am ETS fest.
Kalifornien plus Québec plus Washington
Das Emissionshandelssystem in China umfasst bereits rund drei Fünftel des chinesischen Treibhausgasausstoßes, jährlich etwa 16 Milliarden Tonnen. Vor 15 Jahren handelten nur Konzerne aus dem Energiesektor mit Zertifikaten. Inzwischen fallen mit Stahlwerken, Aluminiumhütten und Zementproduzenten auch die drei Industrien mit den höchsten Emissionen unter die Regeln.
Im März beschloss der Volkskongress, das Parlament des autoritär regierten Landes, einen neuen Fünfjahresplan, der das ETS auf weitere Branchen ausweiten will. Im Gegensatz zu Indien – der globalen Nummer drei beim Ausstoß von Treibhausgasen – steigt in China die Bevölkerungsanzahl von 1,4 Milliarden Menschen nicht mehr.
Eine nennenswerte CO2-Reduktion hat der Emissionshandel in dem Schwellenland unterm Strich allerdings bislang nicht bewirken können, da gleichzeitig die nachholende Modernisierung der Wirtschaft zu mehr Industrie und zusätzlichen Klimabelastungen führte.
Diese Phase des extensiven Wachstums scheint nun in China beendet (in Indien hat sie gerade begonnen). Wie die boomende Produktion von E‑Autos in der Volksrepublik belegt, zielt die Regierung von Xi Jinping nun auf intensives, qualitatives Wachstum. Deutsche Pkw-Hersteller können hier technologisch nicht mithalten.
350 Millionen US-Bürger produzieren im Jahr sechs Milliarden Tonnen an Treibhausgasen – doppelt so viel wie die EU mit ihrer größeren Bevölkerung. Doch während US-Präsident Donald Trump weiterhin auf fossile Brennstoffe setzt, verfügen zwei Dutzend Bundesstaaten sowie kanadische Provinzen über ein ETS.
Das größte ETS ist das mit der kanadischen Provinz Quebec seit einem Jahrzehnt verknüpfte System Kaliforniens. Der sonnige US-Bundesstaat deckt mit 76 Prozent aller regionalen Emissionen einen beinahe doppelt so großen Anteil ab wie die EU in ihrem Hoheitsgebiet. Wie im März bekannt wurde, will sich der US-Bundesstaat Washington der Kooperation anschließen. Rein rechnerisch bilden die nordamerikanischen Drei zusammen die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt.
Zwischen den einzelnen ETS-Systemen gibt es allerdings erhebliche Unterschiede. Nur ein Teil hat, wie die EU, einen absoluten Deckel auf die Treibhausgase gesetzt. Andere Regulierungen geben vor, wie viel CO2 je Produktionseinheit emittiert werden darf. Emissionen steigen dann mit einer wachsenden Wirtschaft.
Unterschiede gibt es auch in der Frage, welche Emissionen über die Industrie hinaus abgedeckt werden sollen. Gebäude und Verkehr sind immerhin auf dem Vormarsch in den Emissionshandel. Landwirtschaft, Bergbau und Müllentsorgung bleiben eher noch die Ausnahme.
