Klimaschutz, so lautet ein oft vorgetragenes Argument von Klimaskeptikern, sei vor allem eines: zu teuer. Vertreter der AfD warnen vor einer "Deindustrialisierung" durch ambitionierte Klimapolitik, und US-Präsident Donald Trump erklärt den Klimawandel gar zum "Schwindel" und verspricht seinen Anhängern, den Wohlstand durch mehr Ausbeutung fossiler Energien steigern zu können.
Die Grundannahme dieser Positionen: Der wirtschaftliche Schaden durch Klimaschutz-Maßnahmen übersteige ihren Nutzen. Eine neue Berechnung des Umweltbundesamtes (UBA) belegt nun erneut, dass diese Logik falsch ist.
Nach aktuellen Modellierungen führen die deutschen Treibhausgasemissionen eines einzigen Jahres – als Beispiel für 2024 durchgerechnet – über ihre gesamte Verweildauer in der Atmosphäre zu Wohlfahrtsverlusten von rund 647 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Der gesamte Bundeshaushalt in diesem Jahr betrug knapp 477 Milliarden Euro.
Die Schäden fallen dabei allerdings nicht nur in Deutschland, sondern, wegen der weltweiten Ausbreitung der Emissionen, weltweit an. Die Zahl basiert auf den Klimaschadenskosten-Sätzen aus dem neu veröffentlichten "Handbuch Umweltkosten – Methodenkonvention 4.0", mit dem das UBA seine seit 2007 veröffentlichten Kostensätze aktualisiert hat.
"Enorme Schäden bei uns und weltweit"
Was wie eine abstrakte Rechengröße wirkt, beschreibt reale Schäden: etwa Ernteausfälle infolge von Dürren, zerstörte Gebäude nach Überschwemmungen, Produktivitätsverluste durch Hitzewellen oder Infrastrukturschäden durch Extremwetterereignisse. Klimawandel und Umweltbelastungen sind keine theoretischen Zukunftsrisiken mehr, sondern messbare Kostenfaktoren.
"Jede eingesparte Tonne Treibhausgase reduziert reale Schäden: an Gesundheit, Wohlstand, Infrastruktur und wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit", sagte UBA-Präsident Dirk Messner. Die neuen Berechnungen zeigten, "welche enormen Schäden unsere Emissionen bei uns und weltweit verursachen". Klimaschutz müsse deshalb als "zentrale wirtschaftliche und soziale Vorsorge" verstanden werden.
Das Handbuch folgt einem zentralen Prinzip der Umweltökonomie: der Monetarisierung externer Kosten. Gemeint sind Schäden, die zwar durch wirtschaftliche Aktivitäten entstehen, aber nicht im Marktpreis auftauchen – etwa weil sie erst zeitverzögert eintreten oder von der Allgemeinheit getragen werden.
Die Methodenkonvention versucht, diese Belastungen in Geldwerte zu übersetzen. Grundlage sind komplexe Modellrechnungen, die Emissionen, atmosphärische Prozesse, klimatische Veränderungen und deren wirtschaftliche Folgen miteinander verknüpfen. Dabei geht es nicht um exakte Schadensabrechnungen einzelner Ereignisse, sondern um Durchschnittswerte und Größenordnungen.
In den Klimaschadenskosten – international: "Social Cost of Carbon" – wird der monetäre Schaden ausgedrückt, der durch den Ausstoß einer zusätzlichen Tonne CO2-Äquivalent entsteht. Entscheidend sind dabei Annahmen über Klimasensitivität, Schadensfunktionen, Anpassungsfähigkeit von Gesellschaften – und nicht zuletzt über die Bewertung zukünftiger Schäden.
Zukünftige Kosten wurden bisher geringer gewichtet
Letzteres ist ein zentraler Punkt bei der neuen Berechnung. Die im Handbuch ausgewiesenen Werte gewichten Schäden für heutige und zukünftige Generationen relativ gleich. In anderen ökonomischen Modellen wird dagegen oft eine stärkere Diskontierung verwendet: Künftige Schäden zählen weniger als heutige. Je höher die Diskontrate, desto geringer erscheinen langfristige Klimarisiken – und desto schwächer fällt die ökonomische Rechtfertigung für ambitionierten Klimaschutz aus.
Die Entscheidung für eine Gleichgewichtung ist daher auch normativ bedeutsam: Es wird davon ausgegangen, dass ein Schaden, der in Jahrzehnten auftritt, nicht weniger wert ist als ein heutiger. Befürworter sprechen von intergenerationeller Gerechtigkeit.
Über die Klimaschadenskosten hinaus erweitert das Handbuch den Blick auf zahlreiche weitere Umweltwirkungen. Aktualisierte Kostensätze finden sich hier auch für Emissionen klassischer Luftschadstoffe wie Stickoxide oder Feinstaub, für die Umwelteffekte der Strom- und Wärmeerzeugung, für den Verkehrssektor und die Landwirtschaft mit ihren Emissionen.
Für die Politik liefern diese Zahlen ein Instrument der Folgenabschätzung. Gesetzesvorhaben, Infrastrukturprojekte oder Förderprogramme können unter Einbeziehung der Umweltkosten bewertet werden. So können sich Maßnahmen, die kurzfristig hohe Kosten verursachen, langfristig als ökonomisch sehr sinnvoll erweisen, wenn vermiedene Schäden berücksichtigt werden.
Klimapolitik wird zur Investition in Schadensvermeidung
Auch für Unternehmen gewinnen solche Bewertungen an Bedeutung. Nachhaltigkeitsberichte, Investitionsentscheidungen oder Risikobewertungen beziehen zunehmend Umwelt- und Klimarisiken ein. Projekte, die unter rein betriebswirtschaftlichen Kriterien attraktiv erscheinen, könnten unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Umweltkosten anders bewertet werden. Das Handbuch versteht sich daher ausdrücklich auch als Entscheidungshilfe für Management und Investitionen.
Zugleich weist das UBA auf verschiedene Unsicherheiten der Berechnungen hin. Die Kostensätze beruhen auf Modellierungen und sind als Näherungswerte zu verstehen. Sie geben Durchschnittswerte wieder. Insbesondere bei lokalen Umweltwirkungen – etwa Stickstoffeinträgen oder Lärmbelastungen – können die Unterschiede je nach Region erheblich sein. Wo möglich, sollten daher lokale Daten verwendet werden, so die Behörde.
Gerade in Deutschland, wo die Debatte häufig um Belastungen für Industrie, Verbraucher und Staatshaushalt kreist, verschieben die neuen UBA-Zahlen die Perspektive. Klimapolitik erscheint hier nicht mehr primär als Kostenfaktor, sondern als Investition in Schadensvermeidung. Der wirtschaftliche Schaden entsteht demnach nicht durch die Transformation, sondern durch den fortgesetzten Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen.
Ob das neue Handbuch die politische Debatte tatsächlich verändert, bleibt offen. Klimaskeptische Positionen speisen sich bekanntlich selten allein aus Kostenargumenten, sondern auch aus ideologischen, sozialen und kulturellen Faktoren. Doch wer guten Willens ist, findet hier eine Zahlengrundlage für die klimaökonomische Debatte. Motto: Die Frage ist nicht, ob Klimaschutz teuer ist. Sondern, wie teuer es wird, auf ihn zu verzichten.

Und die Aerosolforscher behaupten, die Aerosole, die ja etwas mit der Wolkenbildung zu tun haben, seien um 30 % zurückgegangen. Als Folge davon sei die globale Mittelwerttemperatur um 0,4°C angestiegen. Wer hat denn nun Recht`?