Klimaschutz und Luftreinhaltung werden in der Politik meist als getrennte Aufgaben behandelt. In Ministerien, öffentlichen Haushalten und bei Investoren laufen beide Bereiche oft nebeneinander her. Das ist nicht nur ineffizient, sondern unnötig teuer, zeigt eine neue Untersuchung des UN-Umweltprogramms Unep und der dort angesiedelten Climate and Clean Air Coalition (CCAC).
Danach kann jeder US-Dollar, der in eine kombinierte Bekämpfung von Klimawandel und Luftverschmutzung fließt, einen gesellschaftlichen Nutzen von rund 15 Dollar erzeugen.
Der Nutzen entsteht durch niedrigere Gesundheitskosten, höhere Arbeitsproduktivität, weniger Klimaschäden und eine bessere Lebensqualität. Selbst wenn der Geldwert vermiedener vorzeitiger Todesfälle und andere nicht marktbezogene Wohlfahrtsgewinne ausgeklammert werden, verbleiben vier Dollar Nutzen je investiertem Dollar.
"Zu lange haben wir Klimaschutz als Kostenfaktor betrachtet, den es zu bewältigen gilt, und Luftverschmutzung als unglückliche Begleiterscheinung von Entwicklung", sagte Unep-Chefin Inger Andersen bei der Vorstellung des Berichts am Montag anlässlich des "Internationalen Tages der sauberen Luft". Tatsächlich sei saubere Luft ein Motor für Entwicklung, Gesundheit, Nahrungsmittel- und Energiesicherheit.
Die Lösungen seien vorhanden. Es fehle aber an entschlossener Führung durch Regierungen, Finanzinstitute und Unternehmen.
Fossile Energien sind ein großes Gesundheitsproblem
Der Bericht "Hidden Assets", zu Deutsch etwa "verborgene Vermögenswerte", versteht sich als erste umfassende globale ökonomische Bewertung eines integrierten Klima- und Luftreinhaltekonzepts. Untersucht wurden 25 Maßnahmen in Energie, Industrie, Verkehr, Landwirtschaft, Gebäuden und Abfallwirtschaft.
Dazu gehören erneuerbare Energien, mehr Effizienz, saubere Koch- und Heiztechniken, Elektrofahrzeuge, strengere Abgasnormen, das Abdichten von Lecks bei der Öl- und Gasförderung sowie ein besseres Dünger-, Gülle- und Abfallmanagement.
Das Paket senkt sowohl den Ausstoß langlebiger Treibhausgase wie Kohlendioxid als auch den kurzlebiger Klimatreiber wie Methan, Ruß und fluorierte Kohlenwasserstoffe. Methan heizt die Atmosphäre stark auf und fördert bodennahes Ozon. Ruß schädigt die Atemwege, erwärmt aber auch das Klima. Kohlekraftwerke, Verbrennungsmotoren, Öl- und Gasförderung oder Kochfeuer in Entwicklungsländern sind daher zugleich Klima- und Gesundheitsprobleme.
Europa: Fortschritte, aber keine Entwarnung
Auch in Europa überwiegt der Nutzen gemeinsamer Klima- und Luftreinhalte-Maßnahmen. Für die EU und Großbritannien errechnet die Studie drei Euro je investiertem Euro, für Russland vier und für die Westbalkanländer acht Euro.
Der relativ niedrige Wert für die EU erklärt sich durch jahrzehntelange Luftreinhaltepolitik. Trotzdem bleibt Luftverschmutzung Europas größtes umweltbedingtes Gesundheitsrisiko. Laut EU-Umweltagentur waren 2023 beispielsweise rund 182.000 vorzeitige Todesfälle Feinstaubwerten zuzurechnen, die oberhalb der WHO-Empfehlung lagen.
Das vorgeschlagene Maßnahmenpaket könnte laut Unep 2035 Schäden von rund einem Prozent der regionalen Wirtschaftsleistung vermeiden. Für EU und Großbritannien steigt der Nutzen bis 2100 auf 4,5 Prozent. Als besonders wichtig nennt der Report klimafreundliches Heizen, saubere Schifffahrt und weniger Massentierhaltung: Weniger Ammoniak aus der Landwirtschaft bedeutet unter anderem weniger Feinstaub.
Derzeit wird erwartet, dass das Klima mit der von den Regierungen weltweit bereits beschlossenen Klimapolitik bis 2050 um rund zwei Grad und bis 2100 um 2,8 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit erhöht. Die in dem Unep-Report empfohlenen 25 Maßnahmen könnten die zusätzliche Erwärmung bis 2050 um gut 0,3 Grad und bis 2100 um 1,4 Grad verringern. Die Methanemissionen würden dabei zum Beispiel um 60 Prozent sinken, wichtige Luftschadstoffe um rund 70 Prozent.
"Wenn wir Klimawandel und Luftverschmutzung gemeinsam modellieren, sind die Erträge größer, als jede getrennte Betrachtung zeigen kann", sagte Simon Dietz, Professor an der London School of Economics und Co-Leiter der Untersuchung. Häufig seien dieselben Quellen und politischen Instrumente entscheidend.
Nutzen nicht sofort messbar
Besonders dramatisch ist die Gesundheitsbilanz. Für 2025 veranschlagt die Analyse weltweit 6,4 Millionen vorzeitige Todesfälle infolge der menschengemachten Belastung der Außenluft mit Feinstaub und Ozon.
Hinzu kamen zwei Millionen Tote durch verschmutzte Raumluft, vor allem durch Kochen und Heizen mit Holz, Kohle, Dung oder Kerosin. Darunter waren rund 300.000 Kinder. Die Außenluft-Verschmutzung trug der Modellrechnung zufolge 2025 zudem zu 5,5 Millionen neuen Asthmafällen bei Kindern und zwei Millionen Demenzerkrankungen bei.
Bei vollständiger Umsetzung des Pakets könnten laut dem Report bis 2050 insgesamt 144 Millionen vorzeitige Todesfälle vermieden werden, davon 96 Millionen durch sauberere Außenluft, außerdem Hunderte Millionen chronische Erkrankungen.
Der Nutzen entsteht nicht erst in ferner Zukunft. Saubere Motoren, weniger Kohleverbrennung, abgedichtete Gasleitungen oder schadstoffarme Kochstellen verbessern die Luft teilweise binnen Monaten.
Die wirtschaftlichen Vorteile besserer Luft übertreffen die Kosten der Maßnahmen laut Unep innerhalb eines Jahrzehnts. Die jährlichen Vorteile entsprächen im Jahr 2035 rund 2,8 Prozent, 2050 etwa 4,5 Prozent und 2100 sogar mehr als elf Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.
Die direkten staatlichen Subventionen für fossile Energien lagen umgekehrt 2022 bei 2,2 Prozent. Ein Drittel davon würde laut dem Bericht ausreichen, um sämtliche Maßnahmen zu finanzieren – deren Kosten betragen heute 0,7 Prozent der Weltwirtschaftsleistung.
Das vom Unep ermittelte Verhältnis von 15 zu eins beim Nutzen der Maßnahmen enthält auch den statistisch ermittelten Wert längerer und gesünderer Lebensspannen sowie vermiedener Klimaschäden. Darin liegt ein Investitionshemmnis: Die Kosten der Maßnahmen müssen etwa von Ministerien oder Unternehmen getragen werden, der Nutzen jedoch verteilt sich breit und landet nicht in einer einzigen Bilanz, teils wirken die Vorteile auch erst in der Zukunft.
"Ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 15 zu eins würde in fast jedem anderen Sektor sofort Kapital anziehen", sagte der frühere UN-Chefökonom Elliott Harris, ebenfalls Co-Leiter der Untersuchung. Finanzministerien und Investoren, die Klima und Luftqualität getrennt behandelten, ließen deshalb Billionen liegen.
Jedes Jahr Verzögerung kostet der Analyse zufolge mehr als 1,5 Billionen Dollar an nicht nachholbarem Nutzen. Zersplitterte Zuständigkeiten, mangelhafte Kontrollen und schwache Regierungskoordination verzögerten die Umsetzung von bereits als sinnvoll erachteten Maßnahmen im globalen Durchschnitt um fast acht Jahre.
Bessere Institutionen, klare Vorschriften und abgestimmte Finanzströme könnten hingegen laut Unep bis 2040 zusätzliche Vorteile von bis zu zehn Billionen Dollar erschließen.
