Kupfer-Ventile und Rohre vor einer weißen Wand.
Der Energiesektor braucht keine Konstruktionen, die auf Erdgas setzen, sondern eine Strategie für den Ausstieg aus dem fossilen Energieträger. (Bild: Algirdas Gelažius/​Shutterstock)

Monitoring der Energiewende? Da war doch was. Richtig. Im September war wochenlang über einen Energiewende-Bericht gestritten worden, den Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in Auftrag gegeben hatte.

Die von ihr eingesetzten Gutachter betonten damals, es gehe nicht um eine "Neuausrichtung" oder gar ein "Zurückdrehen" der Energiewende, sondern darum, einige "Stellschrauben" zu ändern. Aus dem Bericht zog Reiche wiederum den Schluss, in Deutschland stehe die Energiewende an einem "Scheideweg".

Manch Beobachter wunderte sich im September, warum die Ministerin mit dem Monitoring nicht die ohnehin im Regierungsauftrag tätige unabhängige Expertenkommission zum Energiewende-Monitoring beauftragt hatte. Diese legt seit über einem Jahrzehnt regelmäßig umfangreiche Berichte vor. Wer also sollte besser mit dem Stand der Energiewende vertraut sein?

Eine mögliche Antwort darauf, warum Reiche de facto die eigenen Leute außen vor lassen wollte, gibt der am Dienstag vorgelegte aktuelle Monitoringbericht 2025. Kein Wort über einen "Scheideweg" findet sich dort, auch ein Drehen an "Stellschrauben" reicht der vierköpfigen Kommission nicht – vielmehr hält sie mehr Anstrengungen für die Energiewende für notwendig.

Experten fordern verlässlichen Energiewende-Kurs

Es brauche jetzt Entschlossenheit, damit die Energiewende Kurs hält, erklärt Kommissionsvorsitzender Andreas Löschel. Dabei gehe es nicht um einzelne Maßnahmen, sondern um einen verlässlichen und langfristig stabilen Rahmen für die Energiewende, betont der Ökonom von der Ruhr-Universität Bochum.

Die Forderung nach dem "verlässlichen Rahmen" ist durchaus in Richtung der Ministerin gemeint. Auch beim künftigen Handlungsbedarf setzt sich die Kommission zumindest mit zwei Forderungen ausdrücklich vom Wirtschaftsministerium ab.

Zum einen wird eine Energiepreisreform gefordert, mit der Umlagen und Abgaben auf Strom sinken sollen. Das soll mit der CO2-Bepreisung fossiler Energieträger gegenfinanziert werden.

Zum anderen spricht sich die Kommission dafür aus, die einheitliche deutsche Strompreiszone aufzuteilen. Das sei eine "sinnvolle Option", um lokale Preissignale zu liefern, die sowohl den Betrieb der Kraftwerke als auch langfristige Investitionen systemdienlicher ausrichten würden, heißt es im Bericht. Auch zeigten Studien klar, dass die aus einer Aufteilung resultierenden regionalen Preisunterschiede deutlich geringer seien als die heutigen regionalen Differenzen bei den Netzentgelten.

Anders gesagt: Regionen, die heute hohe Netzentgelte zahlen wie im Osten und Norden, würden von einer Aufteilung der Strompreiszone profitieren, Regionen im Süden und Westen würden verlieren.

Mehr Aufmerksamkeit für stoffliche Energieträger

Weiter verlangt die Kommission, den sogenannten stofflichen Energieträgern deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei geht es nicht nur um den als unzureichend eingestuften Hochlauf von grünem Wasserstoff.

"Vor dem Hintergrund der klimapolitischen Ziele ist es notwendig, den Erdgasverbrauch in Deutschland zu reduzieren und längerfristig auf null zurückzuführen", stellt Kommissionsmitglied Felix Matthes klar. In den nächsten 20 Jahren werde im Inland der Verbrauch von Erdgas um zwei Drittel und der von Mineralölprodukten um vier Fünftel zurückgehen, beschreibt der Forschungskoordinator beim Öko-Institut kommende Schrumpfungsprozesse.

Die Kommission hält bis Mitte der 2030er Jahre zwar einen Neubau von mindestens 12.000 Megawatt zusätzlicher Gaskraftwerke für nötig, diese würden aber wenig ausgelastet sein und wenig Gas verbrauchen, erklärt Matthes. Erdgas sei im Kern ein Wärme-Thema und hier wiederum getrieben von den Bereichen Gebäude und Industrie, betont er.

Rückbau der Gasnetze, solange noch genügend Gaskunden da sind

Aus der Sicht von Matthes wird eine Strategie gebraucht, wie die Erdgas-Infrastrukturen zu einem Zeitpunkt zurückgebaut werden können, wenn sich diese Kosten noch auf eine große Zahl von Kunden umlegen lassen. Für die künftige Gas- und Wasserstoffpolitik verlangt der Monitoringbericht deswegen eine integrierte und flexible Strategie. Diese sei bisher noch nicht zu erkennen.

Ähnliches gelte für die Mineralölwirtschaft und die Entwicklung der Raffinerien.

Auf den Wandel des Gasnetzes weist auch ein zeitgleich veröffentlichtes Kurzgutachten des Fraunhofer-Instituts IFAM im Auftrag des Umweltinstituts München hin. Weil immer mehr Menschen Wärmepumpen einbauen oder ihre Häuser an ein Wärmenetz anschließen, werde Gas für die verbleibenden Kunden sehr teuer, heißt es dort. Immer weniger Gaskunden müssten für die Instandhaltung eines gleichbleibend großen Gasnetzes bezahlen.

Um hohe Kosten abzumildern, müssen Städte und Stadtwerke deswegen den Ausstieg aus den Gasnetzen frühzeitig planen und Haushalte Quartier für Quartier vom Gas auf erneuerbare Wärme umstellen, rät die IFAM-Studie. Wer jetzt noch in eine Gasheizung investiere, müsse bis 2045 – allein wegen steigender Netzkosten – mit 3.000 bis 4.000 Euro Mehrkosten im Jahr rechnen. Heute würden diese Netzkosten pro Haushalt bei etwa 300 bis 400 Euro liegen.

Reservekraftwerke unterlaufen den Kohleausstieg 

Neue Entwicklungen macht der Monitoringbericht der Expertenkommission auch beim Kohleausstieg aus. Nach einem Anstieg der Kohleverstromung 2021 und 2022 im Zuge der Energiekrise verlaufe der Ausstieg nunmehr wieder im gesetzlichen Ausstiegs-Pfad bis spätestens 2038. Allerdings sprechen aus Sicht der Kommission die Indikatoren für einen marktgetriebenen Kohleausstieg deutlich vor 2038.

Aufgrund steigender CO2-Kosten sowie sinkender Erträge werden Kohlekraftwerke bereits in der zweiten Hälfte der 2020er und zu Beginn der 2030er Jahre einem zunehmenden Stilllegungsdruck ausgesetzt sein, heißt es im Bericht.

Zugleich macht die Kommission darauf aufmerksam, dass der Kohleausstieg durch mehrere Kraftwerks-Reservehaltungen – etwa in der Netz- und Kapazitätsreserve oder mit der sogenannten "zeitlich gestreckten Stilllegung" – quasi infrage gestellt wird. Entstanden sei ein komplexes, teilweise inkonsistentes System der Kapazitätssicherung, das hohe Kosten verursacht und den Kohleausstieg potenziell unterläuft, kritisiert der Bericht. Um die Versorgung zu sichern, werden in Deutschland außerhalb des Marktes derzeit 12.000 Megawatt an Kapazitäten vorgehalten.

 

Auch der diesjährige Monitoring-Bericht malt den Stand der Energiewende in Ampelfarben aus. Aktuell leuchtet die Ampel nur noch bei zwei Zielen in Grün: bei der erneuerbaren Stromerzeugung sowie beim Anteil der Erneuerbaren am Bruttostromverbrauch.

Da letzterer 2030 bei 80 Prozent liegen soll, müsse der Erneuerbaren-Anteil am Strom jetzt jedes Jahr um fünf Prozentpunkte steigen – das sei kein Selbstläufer, betont Anke Weidlich, Energieforscherin von der Uni Freiburg, für die Kommission.

Von der Ampelfarbe Rot auf Gelb verbessert hat sich laut Bericht die Versorgungssicherheit, besonders wegen des Netzausbaus. Auf Rot steht die Energiewende-Ampel weiter beim Wasserstoff-Hochlauf, beim Energieverbrauch (zu hoch), bei der Energieeffizienz (zu gering) sowie beim Anteil der Erneuerbaren am Endenergieverbrauch.

Letzterer lag laut dem Bericht 2023 erst bei 22 Prozent. Deutschland deckt also immer noch mehr als drei Viertel seines Energiebedarfs auf fossiler Basis.