Von sogenannten Großschadensereignissen blieb Deutschland zuletzt verschont. Andere Regionen traf es hart. So begann dieser Tage nach heftigen Regenfällen die Erde an der italienischen Adriaküste zu rutschen – auf einer Länge von vier Kilometern.

Mit der Klimakrise steigen die Schäden durch Extremwetter an. Für 2024 bezifferte der Rückversicherer Munich Re die globalen Verluste durch Naturkatastrophen auf 320 Milliarden US-Dollar.

 

In Deutschland verursachten in dem Jahr das Pfingsthochwasser im Saarland und das Junihochwasser in Süddeutschland versicherte Schäden von zusammen etwa 1,8 Milliarden Euro.

Die tödlichste Überflutung bleibt mit über 180 Toten die Ahrtalkatastrophe 2021. Sie führte zu versicherten Schäden von 11,5 Milliarden Euro. Bund und Länder sprangen zudem mit Soforthilfen von 30 Milliarden Euro ein.

Trotz alldem und ungeachtet anhaltender Warnungen des Deutschen Wetterdienstes vor zunehmend unberechenbaren Wetterextremen gibt es in Deutschland noch immer kein öffentlich-privates Versicherungssystem gegen Elementarschäden. Das kritisiert die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald und legte dazu am Donnerstag eine Analyse zu den Ursachen der Versicherungskrise vor.

Nur gut die Hälfte der Häuser ist versichert

Trotz steigender Klimagefahren sind derzeit nur rund 57 Prozent der Wohngebäude in Deutschland gegen Elementarschäden wie Hochwasser oder Starkregen versichert, wird in der Analyse bemängelt. Es gebe eine "große Versicherungslücke", betont Anna Lena Samborski, Autorin des Hintergrundpapiers und Finanzexpertin bei Urgewald.

Diese Lücke muss die öffentliche Hand immer wieder mit milliardenschweren Rettungspaketen kompensieren, wird in der Ausarbeitung entsprechend kritisiert. Als Gründe, warum nur etwas mehr als die Hälfte der Gebäude gegen Elementarschäden versichert ist, werden die Zuversicht angeführt, dass der Staat im Notfall einspringen wird, sowie das generell geringe Vertrauen in die Versicherer.

Viele Hauseigentümer gingen zudem davon aus, mit einer allgemeinen Gebäudegrundversicherung bereits umfassend versichert zu sein, führt die Analyse an. Tatsächlich aber decke selbst eine Elementarversicherung Schäden durch Sturmfluten und eintretendes Grundwasser nicht ab. Gegen diese Schäden gebe es in Deutschland zurzeit gar kein Angebot auf dem Versicherungsmarkt, merkt Urgewald an.

Die Versicherungswirtschaft möchte die Risiken für die höchsten Gefahrenlagen auf die Gesamtheit aller Versicherten umlegen. (Bild: Murat Nergiz/​Shutterstock)

Über die Versicherungslücke wird seit Jahren politisch weitgehend ergebnislos gestritten. Der schwarz-rote Koalitionsvertrag strebt eine Angebotspflicht für eine Elementarversicherung in Verbindung mit der ohnehin abzuschließenden Wohngebäudeversicherung an. Allerdings soll die Elementarversicherung dabei abgewählt werden können – eine sogenannte Opt-out-Regelung.

Im Dezember 2025 hatte der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft GDV einen Vorschlag für eine Elementarversicherung für die etwa 400.000 Gebäude in den höchsten Gefahrenlagen vorgelegt. Diese Risiken sollten demnach in eine neue Rückversicherung namens "Elementar Re" ausgelagert und durch einen Solidaritätsbeitrag der Versicherten aller Gefährdungsklassen getragen werden.

Für Gesamtschäden über 30 Milliarden Euro sollte dann der Staat einspringen. Der GDV gab an, dass damit die Versicherungsprämie für ein Einfamilienhaus in hoher Gefährdungslage von 1.500 auf 1.200 Euro jährlich sinken würde.

Den GDV-Vorschlag hält Samborski für eine "Nebelkerze". Die 400.000 so versicherten Gebäude würden nur zwei Prozent aller Wohngebäude ausmachen, sagt die Urgewald-Autorin. Nur ein kleiner Teil der Hauseigner könnte davon profitieren. Auch würden die vergleichsweise hohen deutschen Prämien kaum sinken. "Das GDV-Modell wäre unsolidarisch und unnötig teuer", erklärt Samborski.

Französisches Modell könnte ein Vorbild sein

Die deutsche Politik sollte sich ihrer Ansicht nach an Modellen wie dem in Frankreich orientieren. Im Nachbarland gilt das sogenannte Cat-Nat-System für Naturkatastrophen (catastrophes naturelles). Das ist eine verpflichtende Elementarschadenversicherung, die auf die jeweilige Grundprämie aufgeschlagen wird, die ihrerseits an Gebäude- und Kfz-Versicherungen gekoppelt ist.

Das System wird weiter durch einen staatlichen Rückversicherer abgesichert. Ein eigens eingerichteter Fonds finanziert zudem Präventionsmaßnahmen wie Deiche oder Hochwasserschutz aus den Versicherungsprämien.

Zwar sei der Elementarschaden-Aufschlag zuletzt infolge der großen Überflutungen in Frankreich auf nunmehr 42 Euro jährlich über alle Gefährdungsklassen hinweg gestiegen, räumt Samborski ein. In Deutschland lägen aber die Jahresprämien nach GDV-Angaben bei einer Selbstbeteiligung von 500 Euro und abhängig von der Gefahreneinstufung zwischen etwa 60 und 1.000 Euro, betont sie in der Analyse.

Angesichts dessen halte sie das französische System für resilienter, so die Expertin. Dass die Kosten auch in Frankreich steigen, resultiere ja nicht aus dem Versicherungssystem, sondern aus den zunehmenden Klimaschäden.

Urgewald spricht sich in dem Zusammenhang für konsequente Bauverbote in Hochrisikozonen aus. Auch müssten Anreize zur Prävention bei den Hauseignern gestärkt werden. Zudem müssten kommunale und regionale Hochwasserschutzmaßnahmen durch Deiche, Dämme und Hochwasserrückhaltesysteme sowie Ausgleichsflächen Vorrang erhalten.

Versicherer verdienen weiter im fossilen Sektor

Die Rolle der Immobilienwirtschaft bleibt in der Urgewald-Analyse ausgespart. So lehnt der Eigentümerverband Haus und Grund die Einführung einer verpflichtenden Elementarversicherung ab. Diese würde die Kosten des Wohnens weiter erhöhen und käme zu den hohen Energiepreisen sowie einer im internationalen Vergleich hohen Steuer- und Abgabenbelastung noch hinzu, hat der Verband schon mehrfach betont. Er droht auch mit einer Klage, sollte es zu einer Pflichtversicherung kommen.

Als Umweltorganisation lege Urgewald Wert auf die Grundsatzfrage, wer für die Klimaschäden zahlt, betont Samborski. In Deutschland spiele das Prinzip, dass die fossile Industrie als Hauptverursacherin der Krise zur Verantwortung zu ziehen ist, noch nicht so eine Rolle.

Urgewald beklagt hier eine Doppelrolle der Versicherer. Diese heizten die Klimakrise weiter an, indem sie zum einen fossile Aktivitäten versicherten und zum anderen selbst in die dahinterstehenden Unternehmen investierten.

Zwar hätten viele Versicherer inzwischen Geschäfte im Kohlesektor ausgeschlossen, entsprechende Regelungen im Öl- und Gasbereich blieben aber lückenhaft, heißt es in der Analyse. Insbesondere Gaskraftwerke oder neue Gasinfrastruktur wie LNG-Terminals seien in der Regel weiterhin investierbar und versicherbar.

 

Die Versicherer könnten nach Ansicht der Umweltorganisation zudem durch das Rechtsmittel des Forderungsübergangs – fachbegrifflich "Subrogation" – von ihnen beglichene Klimaschäden von den fossilen Unternehmen gerichtlich zurückfordern.

Dieses Instrument sei bis dato von Versicherern im Zusammenhang mit Klimaschäden noch nicht genutzt worden, räumt Samborski ein. Das hänge auch mit den fossilen Investitionen der Versicherer selbst zusammen. Diese wollten nicht am eigenen Ast sägen.

Als Vorbild für eine solche fossile Inzahlungnahme führt Urgewald geplante "Climate Superfunds" in den US-Bundesstaaten Vermont und New York an. In diese Fonds soll die fossile Industrie künftig einzahlen, damit Klimaschäden und Präventionsmaßnahmen daraus finanziert werden können. Allerdings stehe das Modell stark unter Beschuss der Trump-Administration, sagt Samborski.

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