Chemiemanager Stephan Müller beklagt sich in den Abendnachrichten über Klimapolitik – mit einer hinterfragenswerten These. (Bild: Screenshot/ZDF)

Zu den Industriebranchen, die am meisten über die CO2-Bepreisung klagen, gehört die Chemieindustrie. Darüber zu berichten, ist fürs Fernsehen nicht ganz einfach. Das vertrackte Klimagas ist unsichtbar, CO2-Preise sind nackte Zahlen – zu bebildern gibt es wenig.

Was macht da die Heute-Redaktion des ZDF? Sie stellt Stephan Müller, Energy Commercial Manager beim Kölner Chemieunternehmen Ineos, vor die Kamera und sendet am 23. Oktober dieses Jahres in der 19-Uhr-Ausgabe einen einzigen Satz von ihm.

Der Satz lautet: "Der CO2-Zertifikatehandel, der nur in Europa besteht und in keiner anderen Region der Welt, muss ausgesetzt werden, damit es nicht zu weiteren Anlagenschließungen in der Chemie kommt." Und damit allen klar ist, was geschlossen wird, ist hinter dem Energiekaufmann das übliche Anlagengewirr zu sehen.

Ineos in Köln gehört dem gleichnamigen Mischkonzern mit Sitz in London. Am Standort in der Domstadt produzieren rund 2.500 Beschäftigte chemische Zwischenprodukte. Diese werden von anderen Chemiefirmen weiterverarbeitet, vor allem wohl im Konzern selbst.

Die öffentlich-rechtliche Redaktion war nicht zufällig bei Ineos. Zwei Tage vor der Heute-Sendung hatte sich Ineos über Mehrkosten bei Energie, Strom und CO2-Abgaben in Deutschland beschwert. Allein die CO2-Kosten seien auf "schockierende" 100 Millionen Euro pro Jahr gestiegen, teilte das Unternehmen mit.

"Schock"-Nachrichten, die mit Klimaschutz zu tun haben, locken einige Redaktionen magnetisch an. Also kam der Ineos-Experte schnell auf Sendung.

CO2-Kosten fallen bisher vor allem in Europa an

Leider sendete das ZDF die Aussage von Müller ohne Einordnung und Prüfung des Tatsachengehalts. Modern gesagt: ohne Faktencheck.

Denn faktisch gesehen stimmt die Behauptung, den CO2-Zertifikatehandel gebe es "nur in Europa", so nicht. Weltweit gibt es inzwischen 38 solcher Handelssysteme. Die bepreisen derzeit knapp ein Viertel der globalen Treibhausgas-Emissionen. Das betrifft kostenseitig etwa ein Drittel der Weltbevölkerung und 60 Prozent der globalen Bruttowertschöpfung, nachzulesen im Status Report 2025 der International Carbon Action Partnership (ICAP).

Damit konfrontiert, verweist Ineos in Köln auf die im letztjährigen Statusbericht der ICAP analysierten regionalen Wirkungen der globalen CO2-Bepreisung. Für 2023 und 2024 kommt der ICAP-Report zum Ergebnis, das in den beiden Jahren jeweils etwa 87 Prozent der weltweiten Kosten für CO2-Zertifikate in Europa bezahlt worden seien.

Daraus schlussfolgert Ineos: Es zeige sich deutlich, dass es nur in Europa eine "nennenswerte" Bepreisung von CO2-Emissionen gebe.

Faktentechnisch bleibt festzuhalten, dass eine nur "nennenswerte Bepreisung" etwas anderes ist als die "Nur in Europa"-Behauptung des Ineos-Experten im ZDF.

Fachleute halten den europäischen 87-Prozent-Kostenanteil für plausibel, eher etwas hoch. "Neuere Daten der Weltbank legen einen Anteil von rund 80 Prozent nahe", erklärt Luisa Keßler von Bellona. Die norwegische Umweltstiftung befasst sich in Deutschland mit dem Thema Klima und Industrie.

Andere Weltregionen ziehen bei der CO2-Bepreisung nach

Für Keßler stellt der hohe Anteil Europas aber auch eine Momentaufnahme dar. Europa sei ein Vorreiter bei der Emissionsbepreisung und erwirke damit – ebenso wie mit der Einführung des Grenzausgleichsmechanismus CBAM –, dass andere Weltregionen nachzögen. Der Anteil Europas an der weltweiten CO2-Bepreisung werde über die Jahre weiter sinken, betont die Nachhaltigkeits- und Politikwissenschaftlerin.

Keßler kritisiert auch, dass die Chemiebranche aus dem bestehenden Ungleichgewicht den Schluss zieht, die Bepreisung abschaffen zu wollen. Denn die tatsächliche Situation werde sich mit zunehmender CO2-Bepreisung schrittweise angleichen, erklärt die Bellona-Expertin.

Wie kommt Ineos nun konkret für seinen Standort Köln auf Zusatzkosten durch die CO2-Bepreisung von 100 Millionen Euro?

Auf Nachfrage rechnet das Unternehmen dies für 2025 vor: Insgesamt emittiere der Standort in diesem Jahr etwa 2,4 Millionen Tonnen CO2. Davon würden 1,475 Millionen Tonnen durch die CO2-Zertifikate abgedeckt, die der energieintensiven Industrie im EU-Emissionshandel kostenlos zugeteilt werden, teilt Ineos mit.

Tatsächlich erhält auch 20 Jahre nach dem Start des Emissionshandels die deutsche Chemieindustrie den Löwenanteil der für die Produktion nötigen Zertifikate gratis. Dieser Anteil lag laut der Deutschen Emissionshandelsstelle 2024 bei 96,6 Prozent und 2023 sogar bei 122,5 Prozent.

Kostenlos zugeteilte Zertifikate werden auch verkauft

Unternehmen können tatsächlich mehr Zertifikate erhalten, als sie eigentlich benötigen. Das passiert zum Beispiel, wenn die für die Zuteilung maßgebliche Konjunktur sich schlechter entwickelt als erwartet. Unternehmen können auch die Auslastung ihrer Anlagen so steuern, dass kostenlos zugeteilte Zertifikate "übrig" bleiben.

Was geschieht mit denen? Experten meinen, "übrige" Zertifikate würden oft meistbietend verkauft.

Ineos räumt selbst auch ein, dass gelegentlich Verkäufe stattgefunden haben. Dies geschehe jedoch nicht zur Gewinnerzielung, sondern ausschließlich im Rahmen einer strategischen Steuerung, ähnlich wie bei der Strom- oder Rohstoffbeschaffung, betont das Unternehmen.

"Strategisch" kann hier zum Beispiel bedeuten: Ineos muss auch für die Emissionen aus eigenen Kraftwerken CO2-Zertifikate vorweisen. Die aber gibt es größtenteils nicht kostenlos, sondern sie müssen an der Börse gekauft werden. Da kann es hilfreich sein, die kostenlosen zu verkaufen, wenn der Zertifikatepreis hoch ist, und mit den Einnahmen dann Energie-Zertifikate in Zeiten zu kaufen, wenn ihr Preis niedrig ist.

Welche Kostenvorteile Ineos mit der "strategischen Steuerung" erzielen kann, bleibt im Dunkeln. Das Unternehmen spielt seinerseits den Wert der freien Zuteilung generell herunter. So bezögen sich die von der Emissionshandelsstelle angegebenen 96,6 Prozent für die freie Zuteilung auf den Branchenschnitt aller Chemieanlagen im Emissionshandelssystem, erklärt das Unternehmen.

Dieser Schnitt sei nur bedingt auf einzelne Unternehmen übertragbar, so Ineos weiter. Chemie bestehe nicht nur aus klassischen Produktionsanlagen, sondern häufig aus integrierten Verbundstandorten, die auch Wärmeerzeugung, Reststoffverwertung in Industrie-Kraftwerken und Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen sowie andere Infrastrukturen umfassten.

Zugrunde gelegter Zertifikatepreis erscheint überhöht

Gemeint ist damit: Manche Chemie-Unternehmen haben viel eigenes "Kraftwerk" im Portfolio, andere weniger. Unternehmen mit viel eigener Energieerzeugung, zu denen sich Ineos offenbar rechnet, müssen sich mehr Emissionsrechte am Markt beschaffen. Das kostet.

Ineos selbst gibt an, das Unternehmen müsse 2025 energetisch bedingte Emissionen von 925.000 Tonnen CO2 abdecken, umgerechnet sind das fast 40 Prozent der gesamten Emissionen am Standort Köln. Allein diese, vereinfacht gesagt, Energie-Zertifikate hätten Ineos rund 80 Millionen Euro gekostet, also vier Fünftel der 100 Millionen.

Das Unternehmen veranschlagt dabei für den 80-Millionen-Anteil für 2025 einen durchschnittlichen Zertifikate-Preis von 90 Euro je Tonne, teilt es auf Nachfrage mit.

Faktisch bewegte sich in diesem Jahr der Zertifikatepreis an der Börse aber in einem Korridor von 65 bis etwa 80 Euro, lag also teilweise um mehr als ein Viertel niedriger, als Ineos offiziell kalkuliert.

Hingewiesen auf diese Diskrepanz, verweist Ineos nur auf bisherige Höchststände des Zertifikatepreises 2023 mit über 100 Euro sowie 2025 mit knapp 85 Euro. Die geplante Reduzierung des Emissionsvolumens und die Ausweitung des Emissionshandels auf Sektoren wie Schifffahrt werde die Preise weiter anheben, betont das Unternehmen. Auch würden Prognosen mögliche Steigerungen auf bis zu 200 Euro und teilweise darüber hinaus sehen.

Unklare Weitergabe von CO2-Kosten an Kunden 

Dass der Preis in Zukunft ansteigen mag, erklärt aber nicht, warum Ineos für dieses Jahr offiziell mit 90 Euro bei den Kosten rechnet. Experten jedenfalls halten das für überhöht.

Der europäische Emissionshandel ist aus Sicht von Ineos zwar der größte, aber nicht der einzige Treiber der CO2-Kosten in Deutschland. Zu den 80 Millionen Euro aus dem EU-Emissionshandel rechnet das Unternehmen noch weitere 20 Millionen hinzu, die aus dem nationalen Emissionshandel nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz resultieren.

Hier gilt 2025 ein Festpreis von 55 Euro pro Tonne CO2. Das haben die sogenannten In-Verkehr-Bringer von fossilen Brennstoffen wie Erdgas, Heizöl und Benzin zu zahlen.

Praktisch schlagen die meisten Unternehmen diese CO2-Kosten aber auf den Produktpreis auf und reichen die Kosten an die Verbraucher oder Endkunden weiter.

Ineos sieht für sich diese Möglichkeit nicht. Seine Begründung: Die Produkte des Unternehmens würden auf internationalen Märkten gehandelt, und die außereuropäischen Kosten für die Produktion von Basischemikalien enthielten keine CO2-Kosten und seien entsprechend niedriger als in Europa und Deutschland. Daher sei es nicht möglich, alle Kostenbestandteile an die Kunden weiterzugeben, behauptet das Unternehmen.

Ob das so stimmt, lässt sich kaum nachprüfen. In der Praxis versuchen die Unternehmen zudem nicht nur, die Kosten aus dem nationalen, sondern auch die aus dem europäischen Emissionshandel weiterzugeben. Da wird nicht nach Herkunft unterschieden.

Auch gibt es für einen Großkonzern der Petrochemie wie Ineos mit einem weltweiten Jahresumsatz von 55 bis über 60 Milliarden US-Dollar vielfältige Möglichkeiten, einzelne Standorte über konzerninterne Preise besser oder schlechter zu stellen. Das nachzuprüfen, ist noch schwerer möglich.

 

Wie alldem auch sei: Die Kosten der CO2-Bepreisung mögen für die deutsche Chemieindustrie, besonders wenn sie energieintensiv ist, derzeit noch höher sein als anderswo in der Welt, aber mit offenbar sinkender Tendenz. Wie stark diese Belastung aber tatsächlich ist und ob sie einen Generalangriff der Branche auf den europäischen Emissionshandel rechtfertigt, bleibt unklar und letztlich in der Definitionsmacht der betreffenden Unternehmen und der Branche selbst.

Vielleicht setzt das ZDF auf das Problem mal ein Rechercheteam an – oder sieht künftig wenigstens davon ab, offenkundig nicht den Tatsachen entsprechende Aussagen auf Kosten des Klimaschutzes zu senden.