Das ZDF ließ in seinem abendlichen Nachrichtenmagazin einen bekannten Kohlelobbyisten zu Wort kommen. (Bild: Screenshot/ZDF heute journal, 11. Mai 2026)

"Spree in Not: Neue Lösung für Wasserknappheit" – schön konstruktiv, wie es die Öffentlich-Rechtlichen beim Thema Umwelt und Klima gern haben, betitelte das Heute Journal am 11. Mai dieses Jahres seinen letzten Beitrag vor dem Wetter.

Warum die Spree in Not sein soll, moderierte die famose Marietta Slomka auch routiniert an. Experten würden warnen, dem Großraum Berlin drohe in den nächsten Jahren ein gravierender Wassermangel, weil der Braunkohleabbau in der sächsischen Lausitz endet. Wie das eine mit dem anderen zusammenhänge und warum es Streit gebe, davon handle der Beitrag, erklärte Slomka.

Dass es mit der Braunkohle auch im brandenburgischen Teil der Lausitz zu Ende geht – den letzten dortigen Tagebau Welzow-Süd will der Betreiber Leag neuerdings schon 2030 auslaufen lassen – ist von Mainz aus, wo das Heute Journal produziert wird, natürlich nicht so leicht zu erkennen. Aber das nur nebenbei.

Wichtiger ist ja die Frage, was Braunkohle und Wassermangel miteinander zu tun haben. Dazu erklärt der von Thomas Bärsch aus dem ZDF-Studio Dresden redaktionell verantwortete Beitrag im Off-Kommentar: In der Lausitz haben Pumpen jahrzehntelang die "Braunkohlelöcher" vom Grundwasser freigehalten und dieses in die Spree gepumpt.

Mit dem Ende der Braunkohle in ein paar Jahren sei damit Schluss. Je nach Berechnung könnten der Spree dann bis zu 80 Prozent des Wassers fehlen – mit Folgen für den Spreewald oder für die "wasserhungrige" Industrie bei Berlin, warnt der Off-Kommentar.

Schon hier verschweigt der ZDF-Beitrag Entscheidendes. Denn ein großer Teil des Wassers aus den "Löchern" landet gar nicht in der Spree. Seit jeher dienen in der Lausitz die sogenannten Sümpfungswässer gerade auch maßgeblich zur Kühlung der großen Braunkohlekraftwerke. Geschätzt wird aufgrund von Branchenangaben, dass bis zu drei Viertel des dazu verwendeten Wassers über die Kühltürme letztlich in der Atmosphäre landen.

Dass die Spree und der Spreewald – ein Binnendelta des Flusses – von dem Sümpfungswasser etwas abbekommen, ist ein kleiner Nebeneffekt. Der Spreewald entstand nach der letzten Eiszeit und die heutige Kulturlandschaft ab dem sechsten Jahrhundert. Mindestens 1.500 Jahre kam er offenbar gut ohne Braunkohlewasser zurecht.

"Neue" Idee aus drei Jahre alter Studie präsentiert

Über so etwas geht das ZDF locker hinweg. Um sich die Gefährdung der Spree bestätigen zu lassen, wird lieber ein Experte vor die Kamera geholt: Wilfried Uhlmann, laut Einblendung "Hydrogeologe, IWB Privates Institut für Wasser und Boden".

Uhlmann übersetzt die 80 Prozent in ein für Zuschauer fassbares Bild: Falle das Wasser aus den "Löchern" weg, drohe die Spree in einem trockenen Sommer "abschnittsweise" trockenzufallen, warnt er.

Um das zu verhindern, so wiederum der Off-Kommentar, habe Uhlmann "in einer Studie für das Umweltbundesamt" eine alte Idee aufgegriffen.

Das klingt ein wenig danach, als habe Uhlmann die Studie für die renommierte Behörde allein angefertigt. Dem ist nicht so.

Die Studie selbst führt sechs Autoren namentlich auf, darunter auch Uhlmann. Sie trägt den Titel "Wasserwirtschaftliche Folgen des Braunkohleausstiegs in der Lausitz" und wurde bereits vor drei Jahren veröffentlicht, im Juni 2023.

Das Alter der Studie erfahren die ZDF-Zuschauer aber nicht. Im Beitrag wird sogar die grün eingebundene Studie gut sichtbar neben dem Experten abgefilmt und der Eindruck erweckt, das Papier sei gerade frisch aus dem Drucker gekommen.

Tatsächlich aber ist die wasserwirtschaftliche Studie nicht nur alt, sie war auch von Anfang an umstritten. Schon als 2021 der Auftrag vergeben wurde, kritisierten Umweltverbände den tendenziösen Titel. Dieser lege nahe, dass an dem Wassermangel der gesetzlich beschlossene Braunkohleausstieg schuld sei.

Dabei ist es genau andersherum: Der Abbau der Braunkohle zerstörte den Wasserhaushalt der Lausitz für Jahrhunderte und senkte zum Beispiel das Grundwasser auf bis zu 2.000 Quadratkilometern ab, eine Fläche mehr als doppelt so groß wie Berlin. So etwas nennt man Ewigkeitslasten.

Geschäftliche Interessen des Experten bleiben unerwähnt

Auch von diesem Hintergrund erfahren die ZDF-Zuschauer in dem Beitrag nichts und auch nicht, dass Hydrogeologe Uhlmann bereits seit Anfang der 1990er Jahre als Wasser-Gutachter in der Lausitz tätig ist, unter anderem für den dortigen Betreiber der Braunkohletagebaue und ‑kraftwerke, den Lausitzer Energiekonzern Leag, sowie offenbar auch für Vorläufer- und Folgeunternehmen.

In der UBA-Studie verbindet sich Uhlmanns Name mit der Firmen-Abkürzung IWB. Diese steht, ist dort nachzulesen, für "Institut für Wasser und Boden Dr. Uhlmann, Dresden".

Folgt man diversen Firmenportalen, wurde diese "alte" IWB 2024 in eine "neue" IWB umgewandelt, die nunmehr den im ZDF-Beitrag eingeblendeten Zusatz im Titel trägt: "Privates Institut für Wasser und Boden". An dieser IWB, die als GmbH firmiert, soll Geschäftsführer Uhlmann 30 Prozent der Anteile halten.

Dass der Hydrogeologe seit Jahrzehnten und bis heute ein originäres geschäftliches Interesse am Lausitzer Wasser hat, erwähnt das ZDF mit keinem Wort. Auch nicht, dass Uhlmann ins regionale Netzwerk der Leag eingebunden ist. Das wurde bereits in einer Reihe von Veröffentlichungen thematisiert, die allesamt am ZDF vorbeigegangen sein müssen.

So berichtete der vom öffentlichen-rechtlichen Sender sicher als seriöse Quelle eingestufte Spiegel schon 2021 unter der Überschrift "Umweltbundesamt vergibt sensible Studie an Kohleunternehmen": Einige Ingenieurbüros und Gutachter des Konsortiums, das die Studie für das UBA erstellte, seien langjährige Auftragnehmer der Leag.

Auch sitze Uhlmann, war im Magazin damals zu lesen, bei dem einige Jahre zuvor gegründeten "Wassercluster Lausitz" im Vorstand. Unter den Vorstandskollegen im "Wassercluster" seien wiederum Leute, die bei Leag-Tochterunternehmen angestellt sind.

Elbüberleitungs-Vorschlag mehr als zwei Jahrzehnte alt

Dass die Kohlelobby Anfang der 2020er Jahre eine UBA-Studie in der Weise okkupieren konnte, lag auch daran, dass die Leag und die mit ihr verbundenen Gutachter praktisch das Monopol über die nötigen Daten besaßen – und zugleich über deren Interpretation.

Die UBA-Studie gilt deswegen heute als kohlelobbyistisch. Sie ist auch klimawissenschaftlich überholt, weil alte Szenarien verwendet wurden.

Das hindert das ZDF im Mai 2026 aber nicht daran, den alten Vorschlag aus der Studie, um die Lausitzer Wassernot zu lindern, als "neue" Lösung zu präsentieren: die Entnahme von Wasser aus der Elbe und dessen Umleitung in die Lausitzer Braunkohleregion, die sogenannte Elbüberleitung.

Wasserpumpe im Tagebau Welzow-Süd bei Cottbus. (Bild: Friederike Meier)

Von den drei technischen Varianten, die dazu in der Studie skizziert werden, setzt das ZDF die zweite im Beitrag in einer grün-blauen Animation um. 3.000 Liter Elbwasser werden hochgepumpt und fließen dann über einen 30 Kilometer langen Tunnel in einen Zwischenspeicher.

Über die Kosten der Überleitung oder die längst vorhandenen alternativen Lösungen gegen die Lausitzer Wassernot ohne zusätzliches Elbwasser erfahren die ZDF-Zuschauer nichts. Auch streitbare Kritiker der Lösung kommen nicht zu Wort.

Die hätten zum Beispiel erzählen können, wie alt Uhlmanns Idee tatsächlich ist. Bereits in einer 2009 veröffentlichten "Elbwasserstudie" – im Auftrag der Braunkohle-Sanierungsgesellschaft LMBV – ist eine von der Bergakademie Freiberg ausgearbeitete Variante der Elbüberleitung zu entdecken.

Die Variante gleicht denen in der UBA-Studie in Teilen bis aufs Haar. Damals bevorzugte man nur den Bau eines 44 Kilometer langen Tunnels in eine andere Lausitzer Zielregion. Seit fast zwei Jahrzehnten fällt den Bergbau-Ingenieuren nichts Neues ein, was mit alten Tagebauen anzufangen wäre.

Energiekonzern wird aus der Verantwortung genommen 

Wenigstens ist die Elbwasserstudie ehrlicher, was Sinn und Zweck der Überleitung betrifft. Diese dient ausweislich des Gutachtens vor allem zwei Zielen. Zum einen können nur mit dem zusätzlichen Elbwasser die bei der Flutung der Ex-Tagebaue austretenden Schadstoffe, Sulfate und Ammonium vor allem, ausreichend "verdünnt" und so die Wasserqualitätsziele erreicht werden.

Zum anderen lassen sich nur mit dem Elbwasser ausreichende Füllstände in den Tagebaufolgeseen erreichen.

Diese beiden Gründe sind auch heute die beiden wichtigsten für die Wassernot in der Tagebauregion. Mit den Narrativen "trockenfallende Spree" und "wasserdurstige Berliner Industrie" führt das ZDF die Zuschauer ziemlich in die Irre und nimmt zugleich die Leag aus der Verantwortung.

Es ist nämlich ein gravierender Unterschied, ob die Elbüberleitung wegen des Spreewalds und der Wasserversorgung Berlins gebaut wird oder zu Bewältigung der Altlasten noch laufender Leag-Tagebaue.

Im ersten Fall wäre die Überleitung voraussichtlich vor allem von der öffentlichen Hand zu finanzieren – im zweiten vor allem von der Leag.

Den betroffenen Bundesländern Brandenburg und Sachsen ist das völlig klar. Sie standen schon 2023 der UBA-Studie skeptisch gegenüber. Diese sei keine Entscheidungsgrundlage, beschied das Brandenburger Umweltministerium damals.

Auch der im ZDF-Beitrag befragte sächsische Umweltminister Georg-Ludwig von Breitenbuch zeigt sich weiterhin wenig begeistert von der Elbüberleitung. Man müsse diskutieren, was möglich und insgesamt sinnhaft sei, sagte der CDU-Minister. Gebe man dem einen etwas, müsse man dem anderen etwas wegnehmen. Das müsse mit in die Waagschale.

Auch Braunkohle-Länder sehen Überleitung skeptisch

Die Länder haben keine Eile. Sie haben ja – auch auf Wunsch der Leag – einen langgezogenen gesetzlichen Kohleausstieg bis 2038 vereinbart. Wenn nun Tagebaue wie Welzow-Süd eher zugemacht werden sollen, muss der Energiekonzern sehen, wie er damit klarkommt, sagen sich die Länder richtigerweise.

Sollte in Welzow-Süd tatsächlich schon ab 2030 keine Kohle mehr gefördert werden, müsste voraussichtlich ab Mitte der 2030er Jahre die Flutung beginnen, um den Grundwasseranstieg und die Stabilität der Böschungen zu beherrschen. Dann könnte die Leag möglichst kostengünstiges Elbwasser mehr als gut gebrauchen – oder sie müsste die Pumpen länger laufen lassen. 

So oder so steigt aus Sicht der Leag der Zeitdruck, die Politik für eine von der öffentlichen Hand zu bezahlende Lösung einzuspannen. Entsprechend hat der offensichtlich als Vorfeldorganisation des Unternehmens fungierende "Wassercluster" schon Anfang Februar Druck auf die Landesregierungen gemacht und eine eindeutige Positionierung ihres Vorsitzenden Ingolf Arnold ins Netz gestellt.

Arnold schreibt: Gerade erst habe das Kohleunternehmen Leag ein zeitlich vorgezogenes Aus für den Tagebau Welzow-Süd erklärt, und ob die beiden verbliebenen Tagebaue Nochten und Reichwalde tatsächlich bis 2038 betrieben werden, wisse heute keiner verbindlich zu sagen.

Deshalb sei Eile geboten, die Grundsatzentscheidungen zu treffen, wie die Spree ab Mitte der 2030er stabilisiert werden kann, fordert der einstige leitende Geotechniker der Leag. Selbstverständlich spricht er sich für Uhlmanns "alte" Idee aus – Elbüberleitung plus Speicherung. 

Diese kohlelobbyistische Botschaft geht drei Monate später ungefiltert beim ZDF über den Sender. In einem knapp vier Minuten langen Beitrag schafft es das ZDF, praktisch einen Public-Relations-Beitrag für die Leag zu verfassen, ohne den Energiekonzern ein einziges Mal zu erwähnen.

Chapeau, Kollegen, das bekommt nicht jeder hin. 

 

In einer früheren Fassung hatten wir geschrieben, dass bis zu drei Viertel der hochgepumpten Sümpfungswasser über die Kühltürme der Braunkohlekraftwerke in der Atmosphäre landen. Richtig ist, dass bis zu drei Viertel des Kühlwassers – und damit ein maßgeblicher Teil der hochgepumpten Sümpfungswasser – in der Atmosphäre landen. Wir haben das korrigiert.

Eine Leag-Sprecherin hat am 26. Mai in einer Reaktion auf den Beitrag darauf hingewiesen, "dass es die Firma 'Lausitzer Energie AG' nicht gibt. Es gibt die Lausitz Energie Bergbau AG und die Lausitz Energie Kraftwerke AG. Die weiteren Firmen der Leag-Gruppe sind GmbHs. Alle vereinigen sich unter der Dachmarke Leag." Wir haben dies im Text berücksichtigt.