Nicht der Klimawandel als solcher, sondern seine wirtschaftliche Folgen sind das eigentliche Problem, das die Welt bewegt. Niedrigwasser stoppt die Binnenschiffe, Hitze senkt die Arbeitsproduktivität in den Büros, Extremwetter belastet die Bilanzen der Versicherungskonzerne und Starkregen verhagelt den Landwirten ihre Ernten.
Doch braucht es wirklich die Ökonomie als profanes Vehikel, um Betroffenheit zu wecken und Klimaanpassungen voranzutreiben? Genügt es nicht, wenn beispielsweise das wohl wichtigste Lebensmittel, nämlich unser Trinkwasser, in weiten Teilen der Europäischen Union knapp wird, und der Regenwald in Südamerika nicht mehr so viel Wasser speichert wie einst, als Feuer ihm kaum etwas anhaben konnte?
Anders als beispielsweise CO2 findet H2O in den europäischen finanziellen Regelwerken für Nachhaltigkeit oder im Emissionshandel keine entsprechende Berücksichtigung. In einschlägigen "grünen" Initiativen der Finanzindustrie wie der Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) werden blaue Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen wie "Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen" immerhin angesprochen.
Nun verschwindet Wasser nicht einfach, es wechselt nur Zustand und Ort. Der Mangel an Wasser – wie auch der Überfluss in Form von Starkregen oder Überflutungen – tritt immer lokal auf. Für Finanzinvestoren ist das ein Problem, benötigen sie doch hinreichend große Märkte für lukrative Geschäfte.
Lokal bedroht, global versichert
Die großen Märkte gibt es für Naturkatastrophen wie Erdbeben, Wirbelstürme oder Tsunamis. Zwar verheeren diese letztlich auch "nur" lokal oder regional ganze Landschaften, werden aber national oder international versichert.
Mit der Emission von Katastrophenanleihen, im Branchenjargon "Cat Bonds" von englisch catastrophe bonds, geben Versicherungsgesellschaften und Rückversicherer solche außergewöhnlichen Risiken an den globalen Kapitalmarkt weiter. Versicherer sparen dadurch teures Eigenkapital ein. Investoren versprechen sich überdurchschnittliche Renditen.
Seine Lokalität macht den Rohstoff Wasser für die Finanzakteure trotz seiner existenziellen Bedeutung schwerer greifbar. Nicht einmal einen "richtigen" Preis – der maßgebliche Indikator für Knappheiten in der liberalen und neoklassischen Wirtschaftswissenschaft – gibt es für Wasser. Im heißen, trockenen Italien kostet der Kubikmeter Trinkwasser laut Water News Europe 40 Cent – im wasserreichen Deutschland 4,67 Euro.
Im Regelfall haben öffentliche und private Wasserwerke zudem ein lokales Monopol. Interessanter sind dagegen Wassernutzungsrechte, jedenfalls für Getränkekonzerne wie Red Bull, Mineralwasserabfüller wie Nestlé oder Großbrauereien wie Inbev. Wassernutzungsrechte können auch landwirtschaftliche Flächen kostbar machen. Die Lokalität wird lediglich aufgehoben bei Flüssen, die mehrere Länder durchqueren. Ein Politikum.
Grundsätzlich attraktiv als Geldanlage sind beispielsweise neue Pipelines, durch die Trinkwasser über weite Distanzen fließt. Eine Infrastruktur, die allerdings in vielen Ländern längst vorhanden ist. Zwar will der US-Bundesstaat Colorado laut Medienberichten nun eine über 200 Kilometer lange Pipeline bauen. Diese und andere Projekte sind jedoch lediglich für Kreditgeber wie Banken sowie Finanzinvestoren interessant, die ihr Kapital direkt anlegen wollen.
Finanzdienstleister auf Tauchstation
Außer bei Krediten und Direktinvestitionen gehen Finanzdienstleister beim Thema Wasser jedoch lieber auf Tauchstation. Auch grüne wie die GLS Bank tun dies.
Gerade mal ein knappes Dutzend blauer Fonds und börsengehandelter Indexfonds (ETF) – typische Produkte, die Banken und Sparkassen Kleinanlegern und Sparern gerne empfehlen – listet die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem Hintergrundartikel auf. Der "S&P Global Water Index", den die US-Ratingagentur Standard & Poor's erstellt, umfasst immerhin einhundert Aktiengesellschaften.
Portale wie Finanzen.net empfehlen die zehn "besten" Wasser-Aktien. Die Aktiengesellschaften, deren Wertpapiere privaten Anlegern empfohlen werden, beschäftigen sich mit Wasseraufbereitung und Abwassertechnologie, verkaufen Trinkwasser in Flaschen, Bewässerungssysteme an Bauern oder Toiletten an Häuslebauer.
In der Realwirtschaft bietet Wasser also ein buntes, unübersichtliches Potpourri an. Dabei ist zu bedenken, dass Unternehmen, die in irgendeiner Form (gute) Geschäfte mit Wasser machen, kaum auf Menschen angewiesen sein dürften, die ihr sauer Erspartes nachhaltig anlegen möchten.
Bislang bleibt das "blaue Gold" für Kleinsparer und Anleger bestenfalls ein Nischenprodukt. Welches immerhin Begierden wecken kann. Finanzen.net schreibt: "Denn eine Investition ins blaue Gold ist nicht nur aus ökologischer Sicht sehr wertvoll, sondern kann auch im Hinblick auf die Rendite besonders chancenreich sein."
Grüne Geldanleger mögen sich bei Bedarf aus den doch eher konventionellen, oft nur "wasser-nahen" Unternehmen das für sie passende Angebot heraussuchen. Ein Tipp zum Einstieg: Das Magazin Ecoreporter bewertet sieben nachhaltige Wasser-Fonds und ein Dutzend Wasser-Aktien (hinter einer Bezahlschranke).
Hingegen hat Ökoworld seinen Klassiker "Water for Life" aus dem Programm genommen.
Alles in allem ist Wasser kein großes Thema im Grün-Geld-Kosmos. Was zugleich Entwicklungen in der Realwirtschaft widerspiegelt. Business as usual, Geschäfte wie gewohnt also.
