Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Sebastian Sladek, geschäftsführender Vorstand der Elektrizitätswerke Schönau (EWS).
Klimareporter°: Herr Sladek, gegenüber Bundeswirtschaftsministerin Reiche (CDU) zeigt sich die Energiebranche zunehmend ungeduldig: Man warte auf die Ausschreibungen für Gaskraftwerke, das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz und den Industriestrompreis. Auch das Solarpaket von 2024 ist noch nicht von der EU-Kommission genehmigt.
Was erwarten Sie am dringendsten von der Ministerin?
Sebastian Sladek: Dass sie beim Gebäudeenergiegesetz und beim Erneuerbare-Energien-Gesetz endlich konsequent ins Handeln kommt – ergänzt durch eine zügige Klärung des Solarpakets mit der EU-Kommission. Die großen Linien sollten schnell geklärt werden, um Verlässlichkeit, Planungssicherheit und Umsetzung zu ermöglichen.
Beim Gebäudegesetz ist Kontinuität entscheidend. Die Wärmewende braucht stabile Regeln und keine neue Verunsicherung. Die 65‑Prozent-Regel sollte bleiben. Sie ist klimapolitisch notwendig und inzwischen in vielen Planungen und Produkten der Energiebranche einkalkuliert.
Wer hier neue Grundsatzdebatten eröffnet, riskiert Stillstand im Gebäudebereich – und stellt einen zentralen Baustein des Klimaschutzes infrage, was zudem Arbeitsplätze und Investitionen gefährden kann.
Beim Erneuerbare-Energien-Gesetz geht es vor allem um einen geordneten Übergang zu den sogenannten Contracts for Difference. Ein abruptes Umschwenken auf vollkommen neue und komplexe Rahmenbedingungen würde den Markt wahrscheinlich überfordern und könnte den Erneuerbaren-Ausbau stark abschwächen.
Kontraproduktiv wäre auch ein abruptes Ende der festen Vergütung für Dach-Solaranlagen, solange alternative Vermarktungsformen wie eine Direktvermarktung für kleine Photovoltaik-Anlagen nicht deutlich einfacher und praxistauglicher sind.
Zuerst müssen Prozesse vereinfacht, Hürden abgebaut und tragfähige Marktmodelle etabliert werden. Erst danach sollte über weitere Schritte gesprochen werden. Andernfalls bremst man genau den Ausbau, den man eigentlich braucht – und der für Klimaziele, Innovation und ökonomische Impulse zentral ist.
Das Solarpaket von 2024 sollte endlich von der EU-Kommission genehmigt und dann umgesetzt werden. Die Bundesregierung muss die dafür notwendigen Kompromisse eingehen und die Verhandlungen entschlossen und zügig zu Ende bringen. Es wäre ein wichtiges Signal, dass auch diese Regelungen priorisiert werden und nicht auf der Strecke bleiben.
Grundsätzlich halte ich einen stärkeren energiepolitischen Fokus auf Erneuerbare und Flexibilität, Speicher, steuerbare Lasten, Netze, klare Marktanreize und Wettbewerb für nötig. Die Energiewende scheitert nicht an fehlenden Konzepten oder Technologien, sondern an zu zögerlicher und inkonsistenter Umsetzung. Genau hier ist jetzt politische Führung gefragt.
Am wichtigsten wäre mir jedoch, dass Ministerin Reiche die positiven Seiten der Energiewende stärker in den Vordergrund stellt und die konkreten Vorteile für Bürgerinnen und Bürger in unserem Land kommuniziert.
Durch den Ausbau der Erneuerbaren können wir zum Beispiel hohe Summen für fossile Energieimporte einsparen, die häufig autoritäre Regime stützen.
Erneuerbare Energien machen uns unabhängiger und verringern das Erpressungspotenzial. So stärken wir demokratische Strukturen – auch unsere eigenen –, etwa durch regionale Wertschöpfung, neue Arbeitsplätze und zusätzliche Einnahmen für Kommunen.
Im Vergleich zu 2024 stagniert in diesem Jahr der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch bei 56 Prozent. Wichtigste Ursache ist ein erneut schwaches Ergebnis der Windkraft an Land. Kritiker nutzen das, um den Wind-Ausbau an Land generell infrage zu stellen. Wie sehen Sie das?
Zuerst finde ich es wichtig zu betonen, dass ein Erneuerbaren-Anteil von 56 Prozent – und damit der größte Teil im deutschen Stromnetz – ein großer Erfolg ist. Ich kann mich noch an die Zeit erinnern, als den Erneuerbaren maximale Anteile im einstelligen Bereich vorhergesagt wurden. Zum Glück sind diese Zeiten längst vorbei.
Dennoch spüre ich, wie die Kritik an den erneuerbaren Energien, besonders an der Windenergie, zunimmt. Ich finde: Wir müssen die Geschichte der Energiewende neu erzählen.
Es muss den Menschen deutlicher gemacht werden, welchen Nutzen sie von der Energiewende haben. Denn die Erneuerbaren sind eines der effektivsten Instrumente für den Klimaschutz, aber sie können noch viel mehr: Sie machen uns unabhängig von fossilen Energieimporten und den Diktaturen, die die Märkte dominieren.
Erneuerbare Erzeugung schafft Wertschöpfung vor Ort und steigert die Einnahmen der Gemeinden. Ein dezentrales Energiesystem macht uns ebenfalls resilienter gegenüber vieler externer Gefahren. Kurzum: Wir alle profitieren von der Energiewende.
Um den Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen, braucht es auch regulatorische Verbesserungen für die Windenergie. Insbesondere ist zu sichern, dass die Bundesländer genügend Flächen für Windkraft bereitstellen und dass die Flächen dann auch für die Projekte zur Verfügung stehen.
Die Pachten für Wind-Flächen müssen dringend sinken, auch sollen öffentliche Flächeneigentümer bei dem Preisüberbietungswettbewerb aussteigen.
Die Südquote zur Stärkung der Projekte in Süddeutschland muss dringend erhalten werden. Wir haben leider immer noch viel zu wenige Windanlagen in Bayern und Baden-Württemberg.
Autos mit fossilem Verbrennungsmotor dürfen länger verkauft werden. Die EU-Kommission kippte vergangene Woche das sogenannte Verbrenner-Aus für 2035. Ist das eine gute oder schlechte Nachricht für die Autofahrer?
Für niemand ist das eine gute Nachricht, höchstens für Menschen mit einem irrationalen Benzinfetisch. Aber die sollten nicht der Maßstab der Umwelt-, Klima- und Industriepolitik sein.
Der Verbrenner-Kompromiss bringt langfristig keine Entlastung für die europäischen Autobauer und Zulieferfirmen. Autos werden nicht billiger dadurch, im Gegenteil: Wenn die Firmen, statt sich klar auf die technologisch überlegene Elektromobilität zu konzentrieren, weiter Modelle mit Benzintank entwickeln, binden sie mit der zweigleisigen Strategie kostspielige Ressourcen.
Gleichzeitig verspielen sie damit jede Chance, sich an die Spitze der technologischen Entwicklung zu setzen, und die findet nun mal im Segment der Batteriezellen statt. Und sie findet nicht mehr in Europa statt, sondern in Asien.
Auch im Bereich der Unterhaltskosten gewinnen Verbraucher:innen nichts, wenn die Emissionsziele aufgeweicht werden. Fossile Energien werden, so der aktuelle Stand, immer teurer, schon allein durch die CO2-Bepreisung.
Das Bedürfnis der meisten Menschen dürfte sein, möglichst kosteneffizient von A nach B zu kommen. Batterieelektrische Fahrzeuge werden 2035 in diesem Punkt überlegen sein – da hilft alle "Technologieoffenheit" nichts, die physikalischen und ökonomischen Messgrößen bleiben, wie sie sind.
Was mich an der Kehrtwende der EU-Kommission am meisten ärgert, ist das Signal, das hier gesendet wird. Statt einen klaren Kurs in die Zukunft vorzugeben, signalisiert sie, dass sie es mit dem Klimaschutz doch nicht so ernst meint und ihn jederzeit wieder zurücknehmen kann.
Das zerstört Planungssicherheit für die Firmen, die nun ihre Strategie darauf ausrichten dürften, die Emissionsvorgaben wegzulobbyieren, anstatt sie zu erfüllen.
Und im Endeffekt sind Autofahrer:innen einfach Menschen. Unter einer ungebremsten Klimakrise werden wir alle gleichermaßen leiden. Kurzum: Das Aufweichen der Flottengrenzwerte schadet viel mehr, als es nutzt.
Klimapolitik muss zuerst eine Vision vom guten Leben liefern, sagt der Philosoph Jakob Huber. Mit echter demokratischer Teilhabe statt Expertenherrschaft lasse sich die Umweltdebatte wieder vom Kopf auf die Füße stellen. Bürger müssen die Zukunft mitgestalten können, fordert Huber.
Erleben wir derzeit nicht das Gegenteil: dass den Bürgern die demokratische Teilhabe an der Energiewende erschwert wird?
Die Frage ist mir zu passiv formuliert. Zwar ist die Energiewende mal wieder ins Stocken geraten, weil ihre Kritiker:innen und die Lobby der Fossilen an Einfluss gewonnen haben: Das vorläufige Aus fürs Verbrenner-Aus zeigt das genauso wie die viel zu vielen Gaskraftwerke, die gebaut werden sollen. Und sicherlich lädt die Bundesregierung die Bürgerinnen und Bürger nicht gerade zum Mitmachen ein.
Doch all das muss uns ja nicht daran hindern, selbst aktiv zu werden. Auf kommunaler Ebene ist Beteiligung sehr oft möglich und auch gewünscht, etwa bei der kommunalen Wärmeplanung. Und es gibt eine Vielzahl von Bürgerenergiegenossenschaften, die von Ehrenamtlichen getragen werden. Partizipation verbessert die Akzeptanz von Solar- und auch Windparks – und zwar deutlich.
Was wir brauchen, ist ein stärkerer Fokus auf all das, was lokal und regional machbar ist. Und die Energiewende muss handhabbar sein, und das nicht nur für das gut gestellte Bürgertum.
Wenn ich vor Ort daran mitwirken kann, dass das kommunale oder genossenschaftlich getragene Wärmenetz Abwärme aus heimischen Handwerksbetrieben nutzt oder dass dort Restholz aus der Region verwertet wird, und wenn mich das mittelfristig auch günstiger kommt als die Öl- oder Gasheizung, dann kommt die Wärmewende überall im Ort an.
Insofern stimme ich Jakob Huber zu. Wir dürfen die Energiewende nicht zu einem juristisch-politisch-akademischen Konstrukt werden lassen, sie muss wieder praktischer und verständlicher werden.
Und dazu braucht es die Menschen vor Ort: Handwerkerinnen, Landwirte, Försterinnen, Mitarbeitende der Städte und Gemeinden – und eben die lokal Engagierten aus den Vereinen, Genossenschaften und Initiativen.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Donald Trumps Präsidentschaft ist zwar eine Horrorshow, aber sie hält doch immer wieder unterhaltsame Momente bereit.
So hat er es mit seinem Posting über die tragische Ermordung des Regisseurs Rob Reiner und dessen Frau doch tatsächlich geschafft, so bodenlos moralisch verkommen zu sein, dass selbst viele seiner treuesten Anhänger entrüstet sind.
Hinzu kommt, dass sich auch einige seiner vormals ergebenen Parteikollegen von ihm abwenden oder durch ihr eigenes Versagen angezählt sind. Auch ein Interview der Vanity Fair mit seiner Stabschefin Susie Wiles, das diese Woche viel Aufsehen erregt hat, zeichnet das Bild, dass König Donald längst nicht mehr alle Zügel in der Hand hält. Die Auflösungserscheinungen dieser Regierung – und ihres Anführers – werden immer deutlicher.
In ihrem ersten Jahr hat die Regierung Trump schon katastrophale Schäden angerichtet. Die Auflösung der Entwicklungsbehörde USAID, die komplett wahnsinnige Attacke auf die akademische Klimaforschung und das Einreißen des Ostflügels des Weißen Hauses – ein perfekter Symbolismus übrigens – seien hier nur stellvertretend genannt.
Dennoch, wenn es in dieser Shitshow einen kleinen Funken Hoffnung gibt, dann mitanzusehen, dass Faschisten selbst für Faschismus zu blöd sind.
Fragen: Jörg Staude

Die CDU will diesen Stillstand offensichtlich bewusst herbeiführen:
https://www.zfk.de/politik/deutschland/energiegesetze-ticker-versorgungssicherheitsbericht-der-netzagentur-bald-im-kabinett
(Meldung vom 16.12.25)
"Die CDU hat sich auf den Leitantrag ihres Parteitags im Februar 2026 geeinigt. Darin kündigen die Christdemokraten an, sich einer EU-Gebäuderichtlinie (EPBD) verwehren zu wollen. In dem Leitantrag, auf den sich der Parteivorstand geeinigt hat, heißt es wörtlich: "Die Europäische Gebäuderichtlinie ist zu kleinteilig, zu wenig innovationsfreudig und bringt mehr statt weniger Bürokratie für jeden Einzelnen wie gesamtstaatlich. Sie muss grundlegend überarbeitet werden.""