Die Wärmewende ist eine Schlüsselaufgabe der Energiewende – und zugleich eine große Herausforderung. Während Strom zunehmend erneuerbar wird, hängt das Heizen in Deutschland noch immer an fossilen Energien. Dabei entscheidet sich genau hier, ob die Klimaziele erreicht werden, Energie langfristig bezahlbar bleibt und eine sichere Versorgung gelingt.
Zugleich ist die Wärmewende komplex: Sie spielt sich nicht auf freien Flächen ab, sondern in – teilweise schon lange – bestehenden Gebäuden, in dicht bebauten Quartieren und gewachsenen Eigentümerstrukturen. Sie lässt sich auch nicht allein zentral steuern, weil sie auf Millionen individueller Entscheidungen beruht.
Genau an diesem Punkt entstehen aber auch neue Lösungen: Wärmegenossenschaften organisieren die Wärmewende von unten. Sie bringen Bürgerinnen und Bürger, Kommunen und Unternehmen zusammen, bündeln Kapital, Verantwortung und Nachfrage – und machen aus einem abstrakten Infrastrukturprojekt ein gemeinsames Vorhaben.
Was Genossenschaften so relevant macht, sind eben nicht nur ihre technischen Lösungen, sondern vor allem ihr Ansatz: Menschen werden zu Mitgestaltern ihrer eigenen Wärmeversorgung. Das schafft Vertrauen, erhöht die Beteiligung – und kann die Wärmewende voranbringen.
Die politischen Leitplanken geben das Gebäudeenergiegesetz sowie das Wärmeplanungsgesetz vor: Kommunen müssen Wärmepläne erstellen und Wege zu einer klimaneutralen Versorgung aufzeigen.
Doch viele Städte und Gemeinden stehen dabei unter Druck. Ihnen fehlt es an Personal, an Erfahrung und oft auch an finanziellen Mitteln. Gleichzeitig sind sie darauf angewiesen, dass möglichst viele Haushalte und Unternehmen bei der Transformation mitziehen.
Die Kraft der Genossenschaften wird unterschätzt
Denn besonders Wärmenetze entfalten ihre Vorteile nur dann, wenn genügend Gebäude und Kund:innen angeschlossen werden. Genau hier zeigt sich wiederum: Ohne Akzeptanz und Beteiligung vor Ort bleiben viele Projekte stecken.
Dafür bieten Wärmegenossenschaften überraschend wirksame Antworten. Sie sind gemeinschaftlich organisierte Zusammenschlüsse, die Wärmenetze planen, finanzieren und betreiben – getragen von Bürgerinnen und Bürgern, Kommunen und lokalen Unternehmen.
Genossenschaften bündeln Kapital, Nachfrage und Entscheidungsprozesse auf lokaler Ebene. Bürgerinnen und Bürger werden nicht nur zu Wärmeabnehmern, sondern zu Mitinvestoren und Mitgestaltern.
Katharina Habersbrunner
ist Vorstandsvorsitzende der Bürgerenergiegenossenschaft BENG eG mit Sitz in München und Vorständin beim Bündnis Bürgerenergie (BBEn) mit langjähriger Erfahrung in Aufbau und Weiterentwicklung von Bürgerenergieprojekten, von Photovoltaik über Windenergie bis zu Speicherlösungen mit Bürgerbeteiligung.
Das schafft Vertrauen und erhöht die Bereitschaft, sich an Wärmenetze anzuschließen. So kann aus individueller Unsicherheit kollektive Handlungsfähigkeit werden. Das eigentliche Potenzial der Genossenschaften liegt so in ihrer Organisationsform und dem jeweiligen Betreibermodell.
Gerade in dichter bebauten Gebieten oder bei geeigneten Großabnehmern können Wärmenetze ein zentraler Baustein für eine klimaneutrale Versorgung sein. Sie ermöglichen es, Energiequellen zu nutzen, die für einzelne Gebäude oft nicht erschließbar wären – etwa Abwärme, Großwärmepumpen oder Geothermie.
Zugleich bieten größer gedachte Lösungen wirtschaftliche Vorteile wie Skaleneffekte, gut planbare Wärmegestehungskosten und die Chance zu einer längerfristigen Preisstabilität.
Richtig umgesetzt, können genossenschaftliche Wärmelösungen sowohl für Kommunen als auch für Verbraucher eine verlässliche und bezahlbare Option sein.
Doch all das funktioniert nur mit einer hohen Anschlussdichte. Und genau die entsteht leichter, wenn Menschen selbst beteiligt sind.
Wärmegenossenschaften entwickeln keine standardisierten Konzepte, sondern schaffen passende Lösungen vor Ort, mit denen sie als lokale Akteure gut vertraut sind.
In ländlichen Regionen entstehen dabei häufig klassische Nahwärmenetze auf Basis von Biomasse oder Großwärmepumpen. In Städten hingegen gewinnen neue Modelle an Bedeutung: Quartierslösungen, gemeinschaftlich organisierte Wärmepumpen oder sogenannte Anergienetze, die mit niedrigen Temperaturen arbeiten und unterschiedliche Wärmequellen kombinieren.
Diese Vielfalt ist entscheidend. Denn die Wärmewende ist immer ortsspezifisch – und braucht maßgeschneiderte Lösungen.
Bereits mehr als 300 Wärme-Genossenschaften
Mehr als 300 Wärmegenossenschaften gibt es inzwischen in Deutschland. Sie sind ein wachsender Teil der Energieinfrastruktur. Schon wenige Beispiele aus der Praxis zeigen dabei die Bandbreite.
So investierte die Energiegenossenschaft Inn-Salzach (Egis) im oberbayerischen Emmerting in den letzten fünf Jahren über 13 Millionen Euro in den Ausbau der Fernwärme. Sie baute ein Leitungsnetz von mehr als elf Kilometern Länge auf und versorgt heute 234 Gebäude mit Wärme.
Diese stammt aus der Abwärme des örtlichen Müllheizkraftwerks und zeigt damit, wie regionale Energiequellen sinnvoll einer verlässlichen und langfristigen Versorgung dienen können.
Gleichzeitig steht Emmerting nicht isoliert, sondern für einen größeren Entwicklungsweg innerhalb der Egis. In Bundorf in Unterfranken wurde bereits ein innovatives Fernwärmesystem umgesetzt, das Photovoltaik, Wärmepumpen und Hackschnitzel miteinander verbindet. Dort wird sichtbar, welches Potenzial in einer stromgeführten Wärmeversorgung steckt, wenn erneuerbarer Strom und Wärmenetz zusammen gedacht werden.
Dieser Ansatz wird nun auch von der Egis im oberbayerischen Amerang in größerem Maßstab weiterentwickelt. So zeigt das Unternehmen, dass Genossenschaften nicht nur einzelne Projekte realisieren, sondern auch mit unterschiedlichen Modelle der Wärmewende zurechtkommen.
Entsprechend ist man bei der Egis überzeugt, dass Wärmeprojekte dann besonders gut gelingen, wenn Kommune, Bürgerinnen und Bürger und Betreiber früh an einem Strang ziehen. Genau darin wird die Stärke genossenschaftlicher Modelle gesehen.
Pascal Lang
ist Vorstandsvorsitzender der Energiegenossenschaft Inn-Salzach (Egis eG) und Geschäftsführer der Egis Verwaltungs GmbH. Er ist Experte für nachhaltige Wärmeversorgung und Bürgerenergieprojekte, besonders für Nah- und Fernwärmenetze sowie kommunale Wärmeplanung.
Ein urbanes Konzept verfolgt die Bremer Genossenschaft ErdWärmeDich. Sie strebt gemeinschaftlich organisierte Anergienetze zur klimaneutralen Wärmeversorgung von Stadtquartieren an.
Diese Netze arbeiten im Unterschied zur klassischen Fernwärme nicht mit hohen Temperaturen, sondern mit einem niedrig temperierten Medium aus Erdwärmesonden. Daraus erzeugen die angeschlossenen Gebäude mithilfe dezentraler Wärmepumpen dann ihre Heizenergie. So entsteht ein sogenanntes "kaltes Netz", das als gemeinsame Energiequelle dient.
Das Besondere an ErdWärmeDich ist die Kombination aus technischer und sozialer Innovation. In dicht bebauten Stadtgebieten, in denen Einzelanlagen oft nicht umsetzbar sind, organisiert die Genossenschaft die Nutzung von Erdwärme gemeinschaftlich – inklusive Bohrungen, Infrastruktur und Finanzierung.
Die Projekte entstehen in Nachbarschaftsclustern, die schrittweise wachsen und miteinander verbunden werden können. Als Genossenschaft gehört die Infrastruktur den Mitgliedern selbst. Bürgerinnen und Bürger beteiligen sich finanziell und entscheiden über die Entwicklung der Projekte.
ErdWärmeDich ist ein Beispiel, wie urbane Wärmewende praktisch funktionieren kann: lokal verankert, gemeinschaftlich getragen und langfristig unabhängig von fossilen Energien.
Das zeigt möglichen Zweiflern auch: Genossenschaften sind in der Lage, komplexe Infrastruktur professionell zu realisieren.
Kommunen werden bei der Energiewende entlastet
Die Kooperation mit Wärmegenossenschaften eröffnet den Kommunen dabei neue Spielräume. Während Städte und Gemeinden die strategische Wärmeplanung übernehmen, können Genossenschaften Projekte konkret umsetzen, Kapital mobilisieren und Bürgerinnen und Bürger einbinden.
Diese Zusammenarbeit kann die Transformation erheblich beschleunigen. Gerade dort, wo Kommune und Genossenschaft ein Wärmeprojekt gemeinsam in einer Projektgesellschaft tragen, wächst häufig auch das Vertrauen in das Vorhaben.
Denn es wird sichtbar, dass nicht allein der wirtschaftliche Betrieb im Vordergrund steht, sondern auch das gemeinsame Ziel, eine langfristig faire und verlässliche Wärmeversorgung zu schaffen – wie beim Projekt von Egis in Amerang.
Darüber hinaus bleiben die zusätzlichen Investitionen in der Region. Planung und Betrieb sichern Arbeitsplätze, und mögliche Gewinne fließen in die Gemeinschaft zurück.
Gleichzeitig entstehen stabile und sozial verträgliche Wärmepreise – sehr wichtig für die Akzeptanz. Auch sind Wärmepreise in solchen Systemen in der Regel weniger direkt von internationalen Gas- oder Ölpreisen abhängig. Neben Klimaschutz ist dieses wirtschaftliche Argument wichtig für soziale Stabilität.
Trotz vieler Vorteile wird das Potenzial von Wärmegenossenschaften nicht ausgeschöpft. Viele Projekte entstehen aus ehrenamtlichem Engagement und stoßen schnell an Grenzen. Planung, Finanzierung und Betrieb erfordern professionelle Strukturen und verlässliche Rahmenbedingungen.
Projekte wie "Heat it!" zeigen dabei, wie sich kommunale Erfahrung und Bürgerenergie-Expertise besser verzahnen lassen. Das Kooperationsprojekt mit dem Klima-Bündnis und dem Bündnis Bürgerenergie konzentriert sich darauf, die Wärmewende in kleineren Kommunen in Deutschland mit Wissenstransfer, Beratung und Qualifizierung zu verwirklichen.
Die Wärmewende ist ein Gemeinschaftsprojekt
Die Wärmewende wird vor Ort entschieden – in Quartieren, Dörfern und Städten. Sie ist nicht nur ein Infrastrukturprojekt, sondern ein gesellschaftlicher Transformationsprozess. Wärmegenossenschaften zeigen, wie sich Klimaschutz, wirtschaftliche Tragfähigkeit und Teilhabe verbinden lassen. Wer Teil der Lösung ist, trägt sie mit.
Die Wärmewende wird zu einem gemeinsamen Projekt – und genau darin liegt ihre größte Chance: Das Ziel ist, nicht nur klimaneutral zu werden, sondern auch resilienter, gerechter und demokratischer.
Damit dieses Potenzial ausgeschöpft werden kann, braucht es klare politische Rahmenbedingungen, verlässliche Förderung und den Zugang zu Flächen und Infrastruktur. Vor allem aber braucht es die Bereitschaft, neue Wege zu gehen.
