Deutschlands Gebäude verfehlen seit Jahren ihre Klimaziele. Der Sektor liegt bei den Vorgaben zur Klimaneutralität deutlich zurück – und das, obwohl die Millionen an Häusern, Fabriken und weiteren Bauwerken zusammen fast ein Drittel der Treibhausgasemissionen Deutschlands verursachen.

Auch aus diesem Grund wird schon seit 2010 angestrebt, jährlich zwei Prozent der Bauwerke in Deutschland energetisch zu sanieren. Dahinter stand die Erwartung: Dank wärmegedämmter Fassaden, Dächer und Fenster müsste weniger geheizt werden – folglich sinken Heizaufwand und Emissionen.

 

Die Sanierungsrate liegt jedoch weit hinter diesem Ziel zurück. Aktuell sanieren Eigentümer:innen pro Jahr lediglich rund 0,7 Prozent der Gebäude energetisch.

Deshalb fordern Fachleute und Verbände die Bundesregierung seit Jahren auf, die Förderung deutlich auszuweiten. Allerdings ist die Wärmedämmung, vor allem bei älteren Bauwerken, kompliziert und teuer. Zudem sind einige der eingesetzten Dämmmaterialien umstritten.

Ein neues Gutachten für die Stiftung Klimaneutralität könnte diesen Druck verringern. Demnach ließen sich die Emissionsziele für Gebäude auch dann erreichen, wenn die Sanierungsquote bei etwa einem Prozent liegt. Im besten Fall ließen sich sogar Kosten sparen.

"Wir haben geprüft, was passiert, wenn die energetische Sanierungsrate in Zukunft nicht weiter ansteigt, sondern auf dem heutigen Niveau bleibt", erklärt Marco Wünsch vom Analyse- und Beratungsunternehmen Prognos, das an der Untersuchung beteiligt war.

Dabei gingen die Forscher:innen allerdings von einer einprozentigen Sanierungsquote aus statt von 0,7 Prozent. Die Ergebnisse verglichen sie mit einem Szenario, in dem die Rate bis 2045 auf 1,7 Prozent steigt.

Heizungstausch ist der Schlüssel 

"Durch weniger Sanierung haben wir weniger Investitionsbedarf im Gebäudesektor. Das heißt, erstmal sinken dort die Kosten. Das führt aber auch zu weniger Energieeffizienz in den Gebäuden – das heißt, der Endenergiebedarf steigt in diesem Fall", erläutert Wünsch.

Das bedeutet: Zwar muss im Ein-Prozent-Szenario mehr geheizt werden, die zusätzlichen Heizkosten bleiben aber unter den Kosten, die entstehen, wenn die Sanierungsquote auf 1,7 Prozent erhöht wird.

Langfristig gleichen sich die Mehrkosten für Energieerzeugung und die Einsparungen bei der Wärmedämmung nahezu aus: Bis 2030 würde Deutschland im Ein-Prozent-Szenario insgesamt circa 200 Millionen Euro weniger ausgeben, bis 2045 wären es dann 100 Millionen Einsparung – de facto ein Nullsummenspiel.

Ein eingerüstetes Wohnhaus
Auf den Gebäudesektor entfallen etwa 30 Prozent der CO2-Emissionen Deutschlands. Derzeit liegt die Sanierungsquote bei weniger als einem Prozent. (Bild: Eva Mahnke)

Und das, obwohl im Ein-Prozent-Szenario bis 2045 etwa ein Drittel weniger Wohnfläche energetisch saniert würde – offenbar ist ein Heizungstausch am Ende effizienter als Wärmedämmung.

Natürlich bedeutet Heizungstausch auch für das Gutachten: Die elektrische Wärmewende kommt. Beide Szenarien bauen weiterhin auf einer Beheizungsstruktur auf, in der sich zentrale und dezentrale Heizungssysteme ergänzen. "Wir stellen also in beiden auf Wärmenetze und auf die zentrale Wärmepumpe um", sagt Wünsch.

Doch da Deutschland weiterhin auf Klimaneutralität im Energiesystem zusteuert, werde sich gleichzeitig "die Umstellung der Wärmeversorgung zunehmend auf Fernwärme, Strom und Umweltwärme verschieben".

Bis 2030 steigt der Energieverbrauch der Gebäude um rund ein Prozent und beruht noch überwiegend auf fossilen Energieträgern. Bis 2045 läge der Mehrverbrauch bei nicht sanierten Bauwerken bei etwa vier Prozent, dann jedoch aus erneuerbaren Quellen.

Damit wäre ab 2045 sowohl das Ein-Prozent- als auch das 1,7-Prozent-Szenario klimaneutral. Es würde nicht mehr die Nutzung fossiler Energieträger steigen, sondern die Nutzung von Solarthermie, Fernwärme, dezentralen Wärmepumpen und Biomasse. Bis dahin würden durch die geringere Sanierung insgesamt rund 22 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent mehr ausgestoßen – etwa so viel, wie die Stadt Hamburg im Jahr emittiert.

Schritt zur sozialen Wärmewende?

Ein weiterer Effekt: Der Fokus könnte gezielt auf die selektive Wärmedämmung der sogenannten Worst Performing Buildings gelegt werden. "Das sind solche, die in dezentralen Versorgungsgebieten liegen und aus energetischen Gründen noch nicht effizient mit Wärmepumpen versorgt werden können", erläutern die Prognos-Autor:innen.

"Die energetische Sanierung muss den Heizungstausch zwar flankieren, aber der Heizungstausch ist der Schlüssel der Wärmewende", wird betont.

Diese Verlagerung von Energieverbrauch aus dem Gebäudesektor in den Stromsektor eröffnet laut der Untersuchung auch einen sozial gerechteren Transformationspfad.

"Denn während individuelle Sanierungskosten einzelne Haushalte gerade in angespannten Wohnungsmärkten oder mit geringen Einkommen schnell überfordern können, verteilen sich die Mehrkosten im Stromsystem auf viele Stromverbraucher", erklärt Thomas Losse-Müller, Direktor der Stiftung Klimaneutralität, den sozialen Vorteil.

Wenn also Wärmepumpen stärker in den Fokus rücken, fällt die individuelle Belastung dadurch erheblich geringer aus. Zudem können Investitionen im Energiesystem deutlich besser organisiert und finanziert werden als die Effizienzmaßnahmen an Gebäuden, die häufig von Privatpersonen koordiniert und gestemmt werden müssen.

Besonders Haushalte mit niedrigerem Einkommen würden dadurch entlastet. "Denn aktuell werden die Fördermittel für die energetische Sanierung im Wesentlichen von den oberen 20 Prozent der Einkommensgruppen genutzt", so Losse-Müller. "Die untere Hälfte aller Einkommen nimmt hingegen vielleicht gerade mal zehn Prozent der Fördermittel."

Das könnte die Akzeptanz der Wärmewende deutlich erhöhen – und somit ein wichtiger Schritt in Richtung Klimaneutralität im Gebäudesektor sein.