Im passenden Ambiente einer vorbildhaften Bundesbaustelle wurde das SRU-Gutachten übergeben. (Bild: Jörg Staude)

Der Begriff Resilienz macht derzeit Karriere. Damit ist nicht allein die Vorsorge gemeint, damit Deutschland über genügend fossile oder – besser – erneuerbare Energien verfügt.

Die Resilienz erobert jetzt weitere Gebiete, zum Beispiel das Bauen. Der Bau- und Gebäudebereich verursacht in Deutschland etwa die Hälfte aller Abfälle, ein Drittel des Rohstoffkonsums sowie ein Drittel der Treibhausgasemissionen – zugleich aber werden Rohstoffe teurer, wird der Deponieraum knapper und Klimaschutz dringlicher.

Mit dieser konträren Lagebeschreibung begann Christina Dornack jüngst die Vorstellung des neuen Gutachtens des Sachverständigenrats für Umweltfragen (SRU) zur Zukunft des Bauens.

Diese beeinflusse nicht nur Klima- und Ressourcenschutz, sondern auch die Resilienz und damit die Unabhängigkeit, betonte Dornack, SRU-Mitglied und Direktorin des Instituts für Abfall- und Kreislaufwirtschaft an der TU Dresden.

Als Lösung gegen die existierende Einweg-Bauwirtschaft plädiert das SRU-Gutachten für zirkuläres Bauen. Die derzeitige Logik, dass gebaut, genutzt, abgebrochen und entsorgt wird, sei zu durchbrechen, sagte Dornack bei der Präsentation. Das sei in Zeiten wie heute "unglaublich wichtig".

Für den SRU befindet sich das resiliente Rohstofflager der Zukunft direkt vor unserer Nase: 80 Prozent der Gebäude, die 2050 noch genutzt werden, stünden heute schon da, so Dornack.

Sein Gutachten präsentierte der SRU, der die Bundesregierung berät, Mitte April im passenden Baustellen-Ambiente der Dreispitzpassage, einem inzwischen entkernten Rohbau gegenüber dem Berliner Friedrichstadtpalast.

Kreislauf-Bauen beginnt bei der Gebäudeplanung

Lange Zeit stand die Dreispitzpassage leer. Nun krempelt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben das einstige Geschäfts- und Wohngebäude um und schafft dort auf 2.500 Quadratmetern vor allem Wohnraum. Das Dach bekommt eine Solaranlage, Regenwasser wird aufgefangen und der Innenhof in eine grüne Oase verwandelt.

Abrissmaterialien werden dabei möglichst wiederverwertet. Ganze Bauteile wie eine gläserne Rundkuppel finden einen neuen Standort.

Der Baukreislauf beginnt für Christina Dornack schon bei der Planung von Gebäuden. Die müsse das Ende – die Wiederverwertung – schon im Blick haben. Dazu müssten die Bauprodukte langlebig sein, schadstofffrei und emissionsarm, reparaturfreundlich und leicht rückbaubar und auch einen hohen Anteil sogenannter Sekundärbaustoffe aufweisen, verlangt das Gutachten.

Viele der Kreislauf-Maßnahmen würden sich dabei ökonomisch rechnen, würden die Kosten über den gesamten Lebenszyklus betrachtet, erläuterte SRU-Mitglied Claudia Kemfert. "Werden Wartung und Rückbau einberechnet, spart man am Ende je nach Gebäudetyp 22 bis 30 Prozent der Kosten", bilanzierte die Energieökonomin. 

Primärstoffsteuer und "CO2-Schattenpreise": Empfehlungen des Umweltrates für mehr "Kreislaufgerechtigkeit" im Bau- und Gebäudebereich. (Bild: SRU)
 

Damit sich Wiederverwendung und Recycling lohnen, braucht es für den SRU klare Anreize wie etwa eine verpflichtende Lebenszyklus-Analyse, eine Primärbaustoffsteuer und steuerliche Vorteile für Sekundärbauprodukte.

Auch eine wirksamere CO2-Bepreisung von Bauprodukten kann sekundäre oder kreislaufgerechte Bauprodukte attraktiver machen, heißt es im Gutachten. Kemfert schlägt hier vor, die sogenannten grauen Emissionen von Baustoffen zu bepreisen, zum Beispiel durch einen sogenannten "CO2-Schattenpreis" in der öffentlichen Beschaffung.

"Konventionelle Bauprodukte sind oft nur deshalb günstiger, weil ihre Umweltkosten nicht eingepreist werden", so Kemfert weiter. Das zirkuläre Bauen ermöglicht für sie auch neue Geschäftsmodelle und eröffnet Chancen für innovative Firmen und die lokale Wertschöpfung.

"Die Politik sollte nun aktiv die Weichen stellen für zirkuläres Bauen", forderte Christina Dornack. "Um in die Breite zu kommen, braucht es gezielte politische Unterstützung: verlässliche Standards, wirtschaftliche Anreize, bessere digitale Dokumentation fachliche Qualifizierung und klare rechtliche Regeln."

Umweltminister will Sekundärbaustoffe besserstellen

Die öffentliche Hand sollte dabei bei der Vergabe ihrer Bauvorhaben Vorreiter sein. Öffentliche Ausschreibungen sollten Recyclingprodukte bevorzugen müssen, erwartet die Ingenieurin.

Im rohen Ambiente der Dreispitzpassage übergab der SRU sein Baukreislauf-Gutachten dann an die zuständigen Bundesminister Verena Hubertz (Bauen) und Carsten Schneider (Umwelt, beide SPD).

Vorstellung des Gutachtens mit Bauministerin Verena Hubertz, Umweltminister Carsten Schneider (2. u. 3. v. l.) und den SRU-Mitgliedern Claudia Kemfert, Christina Dornack und Claudia Hornberg (v. l.). (Bild: Laurin Schmid/​UBA/​SRU)

Auch Schneider hat das mit der Resilienz schon verinnerlicht. Die Kreislaufwirtschaft sei ein zentraler Teil einer resilienten, unabhängigen und nachhaltigen Wirtschaft. Deutschland sei erpressbar und das müsse sich ändern, betonte der Umweltminister bei der Übergabe.

Auch für ihn sind die Gebäude von heute nicht mehr der Abfall von morgen, sondern eine Art Rohstofflager. Wiederverwendete Baustoffe könnten zum neuen Standard werden, meinte er.

Im Moment allerdings kreist der bauliche Kreislauf eher auf der Stelle. So steckt der aktuelle Entwurf für das Aktionsprogramm zur nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie weiter in laufenden Beratungen der Bundesregierung fest, wie das Umweltministerium auf Nachfrage bestätigte.

Streit soll es dabei geben um die – auch vom SRU geforderte – Bevorzugung von Sekundärrohstoffen durch die Bundesbehörden. Das Bundeswirtschaftsministerium soll gegen mehr Regulierung in der öffentlichen Beschaffung sein. So sei zum Beispiel ungeklärt, ob künftig auch im Straßenbau Sekundärrohstoffe bevorzugt werden sollen.

Der Bundesumweltminister gab sich in der Dreispitzpassage zu seinem Aktionsprogramm kämpferisch. Er sei "sehr hartnäckig" dabei, es so kräftig wie möglich zu machen. Sein Ziel sei es, dass bei der Beschaffung der öffentlichen Hand Sekundärrohstoffe Priorität vor allen anderen haben, sicherte Schneider zu. Diesen Konsens wolle er in der Bundesregierung erreichen und daran arbeite er. Vorher werde er das Aktionsprogramm nicht ins Kabinett zur Beschlussfassung geben.

Mal sehen, wie resilient sich in dieser Debatte der Umweltminister darin erweist, die lineare Logik wenigstens ansatzweise zu durchbrechen.

 

Bauen und Umwelt – Fakten aus dem Gutachten

  • Jährlich fließen etwa 38 Prozent oder 500 Millionen Tonnen des deutschen Rohstoffkonsums in Baumaßnahmen für Gebäude und Infrastruktur.
  • Direkt oder indirekt werden 75 Prozent der nicht metallischen Mineralien, 14 Prozent der Metalle und sieben Prozent der fossilen Rohstoffe im Bau- und Gebäudebereich eingesetzt.
  • 30 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland entstehen bei Herstellung, Errichtung, Modernisierung, Nutzung und Betrieb von Wohn- und Nichtwohngebäuden, darunter acht Prozent bei der inländischen Produktion von Baustoffen.
  • Täglich werden 51 Hektar Fläche für Siedlungs- und Verkehrszwecke neu in Anspruch genommen, zuzüglich 3,9 Hektar für den Rohstoffabbau, das entspricht zusammen etwa 75 Fußballfeldern pro Tag.
  • Bis 2010 entstand in Form von Infrastrukturen wie Straßen und Brücken, Gebäuden und langlebigen Konsumgütern bereits ein Rohstoffdepot von geschätzt 52 Milliarden Tonnen. Allein in Gebäuden sind – Stand 2022 – mittlerweile fast 21 Milliarden Tonnen Beton, Kalksandstein, Ziegel und nachwachsende Rohstoffe gebunden.
  • Mehr als die Hälfte des Abfallaufkommens entsteht im Bau- und Gebäudebereich. 2022 waren es 342 Millionen Tonnen ohne Sekundärabfälle, davon 216 Millionen Tonnen Bau- und Abbruch-Abfälle.
  • Etwa ein Drittel des Abfallauskommens wird als Recyclingbaustoff wieder eingesetzt, jedoch nicht unbedingt auf gleichwertigem Qualitätsniveau wie ursprünglich. Knapp zwei Drittel gehen in die sonstige Verwertung, zum Beispiel in die Verfüllung von Abgrabungen, elf Prozent müssen beseitigt werden.
  • In die Produktion von 564 Millionen Tonnen Gesteinskörnungen flossen 2022 rund 75 Millionen Tonnen Recyclingbaustoffe – ein Anteil von 13 Prozent. Den größten Anteil machte dabei die Verwertung im Straßen- und Erdbau aus. Lediglich 14,5 Millionen Tonnen wurden in der hochwertigen Asphalt- und Betonherstellung eingesetzt. 

Redaktioneller Hinweis: SRU-Mitglied Claudia Kemfert gehört dem Herausgeberrat von Klimareporter° an.

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