Carolin Dähling. (Bild: Green Planet Energy eG)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Carolin Dähling von der Energiegenossenschaft Green Planet Energy, wo sie den Bereich Politik und Kommunikation leitet.

Klimareporter°: Frau Dähling, mit dem Entwurf für das neue Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) holt die Regierungskoalition – nach dem Netzpaket und den Eckpunkten zum Gebäude-Klimaschutz – zum dritten Schlag gegen die Erneuerbaren aus. Wen trifft es denn jetzt?

Carolin Dähling: Am härtesten trifft es private Solaranlagen. Ab 2027 soll es für neue Photovoltaik-Dachanlagen unter 25 Kilowatt gar keine Einspeisevergütung mehr geben. Stattdessen ist eine Pflicht zur Direktvermarktung geplant, obwohl dafür die Voraussetzungen fehlen oder sich dies für die Anlagenbetreiber schlicht nicht rechnet.

Dazu kommen höhere Smart-Meter-Kosten sowie eine Drosselung der Einspeiseleistung. Das macht den Einbau für viele Hauseigentümer:innen bald unwirtschaftlich, trifft den Mittelstand und das Handwerk hart – und das gerade in einem Bereich, der bei der Bevölkerung den größten Rückhalt hat.

Dabei ist längst klar, dass die große Mehrheit der Eigenheimbesitzer:innen die Streichung der Einspeisevergütung ablehnt. Das gilt auch für die meisten Unions-Wähler:innen.

Das Wirtschaftsministerium redet von Kosteneffizienz, aber der Effekt für den Staatshaushalt wäre minimal, der Schaden für Arbeitsplätze und Unternehmen aber enorm. Der Solarausbau im privaten Segment geht schon jetzt zurück – mit diesen Plänen droht ein Vollstopp.

Manche Anlagen rechnen sich zwar auch ohne Förderung, aber was wird aus Mieterstrom-Modellen oder mit Familien, die nicht gleichzeitig in Batteriespeicher, Wärmepumpe und E‑Auto investieren können?

Auch bei Photovoltaik sind Reformen und die Weiterentwicklung der Förderung sinnvoll, dafür muss aber zuerst die Grundlage geschaffen werden: flächendeckende Smart Meter, eine faire Direktvermarktung und ein stabiler Strommarkt.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gibt es immerhin im EEG-Entwurf: Die Ausschreibungsmengen für die erneuerbaren Energien bleiben bis 2032 planbar und steigen bei Solar-Freiflächen sogar an. Nach wie vor will die Bundesregierung den Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch bis 2030 auf 80 Prozent hochschrauben.

Das passt nur eben überhaupt nicht mit den neuen Hürden und Blockaden zusammen. 

Beim Gebäude-Klimaschutz will die Koalition die Vorschrift streichen, in neuen Heizungen 65 Prozent erneuerbare Energien einzusetzen. Dafür sollen künftig Quoten für grünes Gas und grünes Öl gelten. Was halten Sie von den dazu von CDU, CSU und SPD vorgelegten Eckpunkten?

Das kommende Gebäudemodernisierungsgesetz wird den Trend zur Wärmepumpe nicht stoppen. Aber es sorgt für viele vermeidbare Fehlinvestitionen in Gasheizungen, die schon bald sehr teuer werden und über Jahrzehnte hinweg CO2 ausstoßen.

Betroffen sind Eigentümer:innen, die sich vom Signal vermeintlicher Wahlfreiheit täuschen lassen – und vor allem Mieter:innen. Denn Vermieter:innen werden kaum noch Anreize haben, auf klimafreundliches Heizen umzusteigen. Sie können die Mehrkosten für fossiles Heizen mit teuren Beimischungen einfach über die Betriebskostenabrechnung auf die Mieter:innen abwälzen.

Statt den Aufbruch in die klimafreundliche Zukunft fortzusetzen, suggeriert die Bundesregierung, man könne einfach weitermachen mit Öl und Gas – nur etwas teurer und mit einem grünen Etikett versehen.

Dabei hatten sich Verbraucher:innen, Handwerksbetriebe und Kommunen längst auf den Umbau eingestellt. Wärmepumpen boomen, die Förderprogramme werden gut angenommen, und die Wohnungswirtschaft ist bereit für den Wandel.

Jetzt aber werden sogar neue Ölheizungen wieder möglich. Das bremst die Modernisierung und schwächt unsere Wettbewerbsfähigkeit.

Auch rechtlich ist dieser Kurswechsel fragwürdig, denn er unterläuft die EU-Gebäuderichtlinie und das Klimaschutz-Verschlechterungsverbot im Verfassungsrecht.

Die Koalition wirft damit nicht nur ihre Klimaziele über Bord, sondern fällt sogar hinter das unter der großen Koalition 2020 beschlossene Gebäudeenergiegesetz zurück. Selbst uralte Kessel dürfen jetzt über 30 Jahre hinaus weiterlaufen, wenn ein bisschen Biomethan oder Wasserstoff beigemischt wird – ungeachtet von Herkunft, Wirkung oder Verfügbarkeit.

Das Ergebnis werden steigende Emissionen und eine noch größere Klimaschutzlücke im Gebäudesektor sein.

Positiv an den Eckpunkten ist immerhin, dass die Förderung für den Heizungsumstieg bis mindestens 2029 weitergehen soll. Das ist für viele Menschen entscheidend, um die Kosten einer Wärmepumpe zu stemmen. Jetzt braucht es stabile Förderbedingungen und eine gerechtere Förderlogik, damit auch Haushalte mit geringerem Einkommen investieren. 

Trotz des Rückschritts bleibe ich zuversichtlich. Der Markt zeigt längst, wohin die Reise geht. Wärmepumpen sind physikalische Wundermaschinen – sie vervielfachen die eingesetzte Energie und arbeiten deutlich effizienter als jede Technologie, die Energie durch Verbrennung gewinnt und dabei große Verluste hinnehmen muss.

Mein Appell an alle Eigentümer:innen ist daher: Folgen Sie nicht diesem fossilen Irrweg, sondern dem Markt und der Vernunft. Schon heute lässt sich mit Wärmepumpen bares Geld sparen.

Wer künftig neue Gas- und Ölheizungen einbaut, soll laut den Eckpunkten ab 2029 einen Anteil von zehn Prozent an klimafreundlichen Brennstoffen einsetzen, nach Stand der Dinge wird das vor allem Biomethan sein. Die Biogasbranche sieht darin neue Chancen für ihren erneuerbaren Energieträger. Wie berechtigt ist das?

Erneuerbares Gas spielt eine wichtige Rolle für die Wärmewende. Viele Haushalte sind noch auf Gasheizungen angewiesen. Deshalb bieten wir bei Green Planet Energy ein Gasprodukt mit einem hohen Anteil an erneuerbaren Gasen an, vor allem mit Biogas, das fossiles Erdgas Schritt für Schritt ersetzt und so einen messbaren Beitrag zur Energiewende leistet.

Gleichzeitig ist klar: So ein Produkt ist keine Dauerlösung und auch nicht deutschlandweit sinnvoll. Die verfügbaren Mengen an hochwertigem Biomethan sind begrenzt und entsprechend wertvoll. Für alle, die die Möglichkeit haben, ist der Umstieg auf eine Wärmepumpe oder Fernwärme die bessere Wahl.

Für die Biomethan-Branche kann die geplante Grüngas-Quote langfristig zwar neue Vermarktungschancen eröffnen. Viele bestehende Biomasse-Anlagen sind jedoch auf die Stromerzeugung ausgelegt. Investitionen in Technik und Gasnetzanbindung wären notwendig, die vielerorts gar nicht möglich sind.

Gleichzeitig gerät die Nachhaltigkeit der Gasproduktion unter Druck: Wenn der Markt stark wächst, könnten Produzenten vermehrt auf günstigere, weniger umweltschonende Einsatzstoffe setzen, um preislich mithalten zu können.

Der Wettbewerb um Biomethan wird sich dadurch weiter verschärfen, denn auch Industrie und andere Sektoren sind auf erneuerbare Gase angewiesen. Wird die Quote jedoch so ausgestaltet, dass sie den Einbau zahlreicher neuer Gasheizungen begünstigt, droht sie das eigentliche Ziel zu verfehlen: Statt Klimaschutz voranzubringen, würde sie zusätzliche Engpässe bei erneuerbarem Gas schaffen, das dann in anderen Bereichen zur Dekarbonisierung fehlt.

Zugleich ist die angekündigte "Bio-Treppe" viel zu spät und zu niedrig angesetzt, um die Klimawirkung der gestrichenen 65-Prozent-Regel zu ersetzen. Bis 2029 muss sich im Bestand erst einmal gar nichts ändern. Und dann sind lediglich zehn Prozent Grüngasquote für neu installierte Heizungen geplant.

Kurz gesagt, Grüngas und grünes Öl sind keine echte Lösung, sie sind viel zu knapp und extrem teuer. Wer sich heute für eine fossile Heizung entscheidet, zahlt morgen doppelt – mit steigenden CO2-Kosten, hohen Beimischpreisen und einem sinkenden Immobilienwert.

Das sogenannte Netzpaket von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) haben Sie als "Frontalangriff auf die Energiewende" bezeichnet. Befürworter des Gesetzespakets verweisen aber darauf, dass die erneuerbaren Energien schon an die 60 Prozent des Strombedarfs abdecken und damit auch Verantwortung übernehmen müssen, dass die Netze nicht überlastet werden und die Netzentgelte nicht zu sehr steigen. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?

Wir lehnen das Netzpaket in der jetzigen Form ab, weil es den Ausbau der Erneuerbaren in vielen Regionen massiv ausbremsen würde. Auf unsere Initiative hat sich eine breite Allianz aus mehr als 20 Hamburger Energieunternehmen an die CDU gewandt und eine sofortige Abkehr von den Plänen des Bundeswirtschaftsministeriums gefordert.

Die Grunddiagnose ist ja richtig: Es gibt ein echtes Problem mit den Netzen. Wir müssen Ökostrom effizienter nutzen, statt ihn teuer abzuregeln.

Die Frage ist, was daraus folgt. Geht es nach Wirtschaftsministerin Reiche, ist in Netzgebieten mit einer Redispatch-Quote von über drei Prozent – also Regionen, in denen mehr als drei Prozent der jährlichen Ökostromproduktion wegen Netzüberlastung abgeschaltet werden müssen – künftig wohl gar kein Neubau von Erneuerbaren-Anlagen mehr möglich.

Denn Betreiber sollen dort umfangreich und für die Dauer von zehn Jahren auf Entschädigungszahlungen verzichten müssen, um einen Netzanschluss zu bekommen. Das würde vor allem den Ausbau im Norden, im Osten und in Bayern drastisch einschränken. Allein schon dieser "Redispatch-Vorbehalt" macht Projekte unwirtschaftlich.

Kritisch zu sehen ist außerdem, dass die knapp 900 Verteilnetzbetreiber noch mehr Macht erhalten sollen. Sie können Kapazitäten für Großprojekte wie Rechenzentren oder Elektrolyseure reservieren – Wind- und Solaranlagen müssen sich dann hinten anstellen.

Sogar schon genehmigte Erneuerbaren-Projekte verlieren so Planbarkeit und Finanzierbarkeit. Ohne klare gesetzliche Leitplanken entscheiden dann Netzbetreiber über politische Ziele. Die EEG-Ausbaupfade dürfen nicht auf diese Weise heimlich sabotiert werden.

Bei dieser Kritik bleiben wir aber nicht stehen. In einem offenen Brief an Katherina Reiche haben wir im Bündnis für smarte Netze Lösungen aufgezeigt. Es braucht einen flächendeckenden Smart-Meter-Rollout und ein Fachgremium im Wirtschaftsministerium für digitale Steuerung statt reiner Mangelverwaltung.

Intelligentes Netzmanagement ist das Mittel der Wahl, nicht die Verweigerung. Wer echte Kosteneffizienz will, muss fossile Kraftwerke stoppen, den Erneuerbaren-Ausbau beschleunigen, die Sektorenkopplung vorantreiben und Netzbetreiber stärker in die Verantwortung nehmen. Denn bei der Digitalisierung der Netze sind sie viel zu langsam vorangekommen.

Wegen unzureichend ausgebauter Netze ausgerechnet die Erneuerbaren zu bremsen, löst nicht die eigentlichen Probleme. Das verzögert nur den notwendigen Ausbau. Den hat die Bundesregierung auf dem Papier ja weiterhin zum Ziel erklärt.

 

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

In dieser Woche wurde ein RWE‑Strategiepapier bekannt, das wirklich uns alle alarmieren muss: Die Bundesregierung hat den Konzern gezielt um eine Einschätzung zu Ausschreibungen für Erdgaskraftwerke gebeten.

In dem Papier werden Batteriespeicher benachteiligt und Gaskraftwerke massiv bevorzugt. Genau davor hat Green Planet Energy gewarnt – und genau deshalb hatten wir Beschwerde gegen die jetzige Kraftwerksstrategie eingelegt.

Jetzt zeigt sich, wie Großkonzerne wie RWE ihre fossilen Interessen durchsetzen – gegen innovative Erneuerbaren-Lösungen und auf Kosten der Bürger:innen. Das ist ganz klar wettbewerbsverzerrend.

Die Folgen wären dramatisch: längere fossile Abhängigkeit und Machtkonzentration bei wenigen Giganten.

Bundeskartellamt und Bundesnetzagentur warnen seit Jahren vor der Machtkonzentration bei wenigen Energiekonzernen. Wir brauchen stattdessen offene Verfahren für alle Technologien, von Batteriespeichern über Pumpspeicher bis zu nachhaltiger Biomasse. Wie offenkundig diese Regierung fossile Konzerninteressen bedient und ihre Ideen bei RWE und Co abschreibt, ist erschreckend.

Fragen: Jörg Staude