Schleppender Netzausbau, zähe Genehmigungsverfahren, Flächenkonflikte und ein unsteter politischer Rahmen – die Liste der Hürden für den Ausbau der Erneuerbaren hierzulande ist lang. Viele dieser Stolpersteine haben eines gemein: Sie hängen direkt oder indirekt mit der großen Grundsatzfrage der Energiewende zusammen – der gesellschaftlichen Akzeptanz.
Fehlende Akzeptanz könne nicht nur einzelne Projekte ausbremsen, erklärt die Umweltpsychologin Petra Schweizer-Ries, Professorin für Nachhaltigkeit an der Hochschule Bochum. "Die gesellschaftliche Stimmung spiegelt sich auch in der überregionalen Politik wider."
Ob die 10‑H-Regel in Bayern, das geplante Windkraft-Moratorium in Brandenburg oder Kommunen, die Windkraftprojekte mit allen ihnen verfügbaren Mitteln blockieren – all das sind nicht zuletzt politische Antworten auf eine gesellschaftliche Stimmung.
Schon die Sorge vor lokalem Widerstand habe zeitweise zur Erdkabelpflicht geführt – einer teuren und zeitaufwendigen Schleife beim Netzausbau.
Natürlich sei das keine Einbahnstraße, so Schweizer-Ries. Mediale und politische Kampagnen beeinflussten ihrerseits die Meinungsbildung der Bevölkerung. Noch stünden die Deutschen dem Ausbau der Erneuerbaren mehrheitlich positiv gegenüber. Gleichzeitig zeichne sich ein gesellschaftliches Rollback ab.
Zahlen belegen Diskrepanz zwischen Zustimmung und Protest
Tatsächlich zeigen Umfragen bislang stabile Zustimmungswerte zur Energiewende. Eine Ausnahme bildet eine Erhebung des Allensbach-Instituts für die BMW Foundation von vor einigen Monaten. Dort wird die Unterstützung für erneuerbare Energien allerdings mit dem Atomausstieg verknüpft – eine Kombination, die nur noch eine relative Mehrheit von 43 zu 37 Prozent befürwortet.
Wird dagegen explizit nach dem Ausbau erneuerbarer Energien gefragt, liegen die Werte deutlich höher. Laut einer Forsa-Umfrage von 2024 im Auftrag der Deutschen Bundesstiftung Umwelt sprechen sich 76 Prozent für mehr Solarenergie und 70 Prozent für mehr Windkraft aus.
Ein Jahr später unterstützten in einer Yougov-Erhebung für die Agentur für Erneuerbare Energien 81 Prozent den weiteren Ausbau. Nur sechs Prozent stuften ihn als "überhaupt nicht wichtig" ein. Auch eine aktuelle KfW-Befragung bestätigt das Bild: 83 Prozent der Haushalte stehen hinter der Energiewende.
Und trotzdem trügt der Eindruck, den viele aus der Branche teilen, nicht: Der Widerstand gegen erneuerbare Energien, insbesondere Windkraft an Land, nimmt zu.
Zwar sind belastbare und vor allem aktuelle Zahlen rar, aber einige Indikatoren zeichnen dennoch ein deutliches Bild. Laut dem Verein "Mehr Demokratie" gab es zwischen 2017 und 2023 jährlich drei bis acht Bürgerbegehren mit dem Ziel, Windkraftprojekte zu stoppen. 2024 stieg diese Zahl auf 23, im vergangenen Jahr auf 38.
Ein ähnlicher Trend zeigt sich in der öffentlichen Datenbank zu Bürgerbegehren der Bergischen Universität Wuppertal.
Der Verein Europäische Energiewende Community beobachtet bereits seit 2000 eine Zunahme von Anti-Windkraft-Bürgerinitiativen, die sich ab 2012 enorm beschleunigte. 2015 erreichte die Zahl ein Plateau und ging in den Jahren danach wieder etwas zurück.
Nach Bereinigung um inaktive Gruppen und Doppelungen zählte der Verein für das Jahr 2021 rund 290 Initiativen. Fünf Jahre später dürfte sich die Zahl jedoch wieder früheren Spitzenwerten angenähert haben.
Eine Studie im Forschungsprojekt "Hemm den Wind" der Fernuni Hagen zeigte 2024 diesen Trend auch für Klageverfahren. Das Team um Politikwissenschaftlerin Annette Elisabeth Töller fand heraus, dass Klagen von Naturschutzverbänden gegen Windenergie kontinuierlich zugenommen haben – von 27 Verfahren zwischen 2013 und 2016 auf 63 zwischen 2017 und 2020.
Transparenz reicht nicht
Was steckt hinter der vermeintlichen Diskrepanz? Wer nach Erklärungen sucht, stolpert unvermeidlich über das Akronym Nimby – not in my backyard. Dahinter steht die Annahme, Menschen unterstützten erneuerbare Energien nur so lange, wie sie nicht unmittelbar selbst betroffen seien.
Eine These, die laut Petra Schweizer-Ries in den empirischen Daten so pauschal keine Bestätigung findet. Akzeptanz, so die Umweltpsychologin, stehe und falle vielmehr mit der konkreten Ausgestaltung eines Projekts. Entscheidend sei weniger die bloße Transparenz oder die lokale Wertschöpfung als die Bereitschaft der Projektträger, Menschen vor Ort frühzeitig in Planung und Entscheidungen einzubeziehen.
Günstige Bürgerstromtarife, freiwillige Kommunalabgaben oder eine gut gestaltete Informationswebsite seien zwar sinnvoll, würden aber wenig helfen, wenn sich Menschen übergangen fühlten. "Transparenz ist die niedrigste Form der Beteiligung", sagt Schweizer-Ries.
Bei einem so emotionalen Thema wie der Veränderung der eigenen Heimat wollten Menschen nicht nur informiert, sondern ernsthaft eingebunden werden.
Das musste auch der baden-württembergische Energieversorger EnBW erfahren. Bei einem Windprojekt bei Gardelegen in Sachsen-Anhalt führten Proteste zu einem Bürgerentscheid – und schließlich zum Aus des Vorhabens.
Rückblickend sei damals vor allem auf frühe Informationsarbeit gesetzt worden, während man "regionale Besonderheiten wie Naturschutz und kulturelle Wertschätzung" unterschätzt habe, erklärt Michael Soukup, EnBW-Teamleiter für Windkraft-Projektentwicklung.
Aus solchen Erfahrungen habe sein Unternehmen gelernt, Beteiligung früher und verbindlicher anzugehen. Dennoch stünden Partizipation und wirtschaftliche Tragfähigkeit in einem Spannungsfeld zueinander. Es würden heute frühzeitig rote Linien definiert, innerhalb derer es Spielraum für Anpassungen gebe, ohne die Wirtschaftlichkeit zu gefährden.
Im Zweifelsfall müsse man sich dann eine Alternative suchen, so Soukup. "Ein technisch perfektes, aber sozial nicht tragfähiges Projekt ist für uns langfristig wirtschaftlich genauso wenig tragbar."
Weniger Beteiligung gefährdet Akzeptanz
Anstatt Beteiligungsmöglichkeiten auszubauen, seien diese in den letzten Jahren jedoch politisch immer mehr eingeschränkt worden, kritisiert Rebekka Blessenohl, Referentin für erneuerbare Energien und Naturschutz beim Umweltverband Nabu. Gleichzeitig gebe es zahlreiche andere Baustellen, die den Ausbau der Erneuerbaren ausbremsen.
Eine Beschleunigung über die Einschränkung zivilgesellschaftlicher Beteiligung und naturschutzrechtlicher Prüfungen sei daher der falsche Weg.
Auch der Nabu klagt gegen Windkraftprojekte. Zwischen 2010 und 2019 waren es 45 Verfahren – das entspricht rund 0,5 Prozent der Genehmigungsanträge in dem Zeitraum. Von einem großen Blockierer, als den Naturschutzverbände häufig dargestellt würden, könne daher keine Rede sein, sagt Blessenohl. "Wir klagen wirklich nur, wenn alle anderen Beteiligungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind."
In den sogenannten Beschleunigungsgebieten gebe es aber keine Umweltverträglichkeitsprüfung mehr. Auch die zivilgesellschaftlichen Beteiligungsmöglichkeiten würden dort in der Regel entfallen.
Gleichzeitig würden in Politik und Wirtschaft Stimmen lauter, die das Verbandsklagerecht beschneiden oder rundweg abschaffen wollen. Damit, so Blessenohl, werde nicht nur an einem Grundprinzip der Demokratie gesägt, sondern auch die gesellschaftliche Akzeptanz weiter beschädigt.
Dabei habe der Nabu mit zahlreichen Betreibern sehr gute Erfahrungen gemacht. Viele seien auf Umweltverbände und Bürger vor Ort zugegangen und hätten sie von Beginn an eingebunden. So ließen sich Konflikte vermeiden.
Zur Wahrheit gehört aber: Auch wenn ein Projekt alles richtig macht, einen Rundumschutz gegen Protest gibt es nicht.
Wenn der Bürgermeister blockiert
Besonders schwierig wird es, wenn der Gegenwind aus der Kommunalpolitik selbst kommt, weiß Marcel Schwalbach, Vorstandsmitglied der Energiegenossenschaft Ilmtal im Weimarer Land, zu berichten. Seit acht Jahren plant die Genossenschaft mit regionalen, genossenschaftlichen Partnern einen Bürgerwindpark bei Großschwabhausen.
Die thüringische Landesenergieagentur Thega zeichnete das Projekt im vergangenen Jahr sogar für die "angestrebte hohe Beteiligung von Bürgern" aus.
"Unser Ziel ist es, gemeinsam mit den Gemeinden und den Menschen vor Ort ein gutes Projekt für die Region umzusetzen", sagt Schwalbach. Bürgerstromtarife, Gewinnbeteiligungen für lokale Vereine und Stiftungen sowie Teilhabemöglichkeiten an dem Projekt und den Genossenschaften – all das könne einen echten Mehrwert für die Region schaffen.
"Tragfähige Lösungen entstehen nur im Austausch."
Trotzdem stoße das Projekt auf erheblichen Widerstand, vor allem vonseiten des Bürgermeisters. "Unsere Anfragen, das Projekt dem Gemeinderat vorzustellen oder Bürgerformate zu organisieren, wurden immer wieder abgeblockt", berichtet Schwalbach.
"Die Gemeinde hat sogar verhindert, dass wir einen Raum bekommen, sodass wir in der Vergangenheit auf die Nachbargemeinden ausweichen mussten."
Inzwischen hat sich auch eine Bürgerinitiative gegen das Vorhaben gegründet. Mit ihr gebe es immerhin Kontakt. "Das sind keine schlimmen Gespräche", so Schwalbach. Viele Menschen hätten Angst vor Veränderung oder konkrete Fragen zur Umsetzung. Fragen, die sich gemeinsam klären ließen.
Über fast alle Punkte, wie die Anzahl der Windräder, deren genaue Standorte und weitere Details, habe die Energiegenossenschaft immer Gesprächsbereitschaft gezeigt. Leider verhindere die Gemeinde diesen Austausch, wodurch sich bereits Fehlinformationen zum Projekt festsetzten.
Zuletzt versuchte die Gemeinde das Projekt über eine Veränderungssperre im Bebauungsplan zu blockieren. Diese lief zwar Ende des Jahres aus, aber "all das verzögert das Projekt, treibt die Kosten in die Höhe und senkt die voraussichtliche Gewinnmarge – damit bleibt am Ende auch weniger Geld für die Menschen vor Ort übrig."
Dennoch, die Windräder werden kommen, sagt Schwalbach. "Ob unser Atem als ehrenamtliche Genossenschaft reicht, wird sich zeigen. Aber wenn nicht wir, dann macht es ein externer Investor mit mehr Ressourcen und weniger Beteiligung."
Gesellschaftliche Verzerrung trifft auf mediale Verzerrung
Rebekka Blessenohl sieht in der Debatte auch die Politik in der Pflicht. Behörden könnten ebenfalls Beteiligungsformate initiieren. Natürlich fehle es auch dort an Kapazitäten, aber die könnten geschaffen werden.
Genauso ließen sich, argumentiert Petra Schweizer-Ries, viele der Konflikte mit einer inklusiven Regionalplanung vermeiden. Windvorranggebiete könnten stärker auf Gemeinden ausgerichtet werden, die bereits offen für Windenergie sind. Je mehr erfolgreiche Beispiele es gebe, desto stärker werde die gesellschaftliche Skepsis abnehmen.
Bei der Debatte dürfe es nicht darum gehen, Akzeptanz durch Kommunikationsstrategien zu erzwingen. Vielmehr gehe es um die "Suche nach tragfähigen, akzeptablen Lösungen – und die entstehen nur im Austausch", so Schweizer-Ries.
Die Frage nach der Diskrepanz zwischen hohen Umfragewerten und wachsendem Protest ist damit aber noch nicht vollständig beantwortet.
Natürlich gebe es auch jene, erklärt Schweizer-Ries, die sich fundamental gegen Windkraft stellen und häufig auch überregional aktiv seien. "Die reisen von Veranstaltung zu Veranstaltung und erzeugen so den Eindruck eines breiten lokalen Protests."
Auch EnBW beobachtet, dass Proteste nicht unbedingt häufiger, aber sichtbarer und besser organisiert auftreten. Eine überproportional hohe Protestbereitschaft von Windkraftgegnern belegt zudem eine aktuelle Umfrage der Fachagentur Wind und Solar.
Die Protestbereitschaft unter Windkraftgegnern liegt demnach bei etwa zwei Dritteln, während die große Gruppe der Unterstützer nur zu rund einem Drittel bereit ist, aktiv zu werden. Dadurch würden "kritische Positionen überproportional sichtbar", heißt es in der Erhebung.
Zusätzlich zu dieser gesellschaftlichen Verzerrung gebe es eine mediale Verzerrung, sagt Umweltpsychologin Schweizer-Ries. Besonders konfliktbeladene Projekte seien für die Berichterstattung attraktiv. Bei 3.300 Windrädern, die vergangenes Jahr genehmigt wurden, könne davon ausgegangen werden, dass es in den allermeisten Fällen gut lief.
Gerade solche "Good News" seien jedoch für die gesellschaftliche Stimmung enorm wichtig. Erneuerbare Energien hätten, wenn sie gut umgesetzt würden, ein enormes Potenzial auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Studien zeigten immer wieder: Gemeinden mit erfolgreichen Windprojekten vor Ort seien deutlich aufgeschlossener gegenüber der Energiewende.
Schweizer-Ries: "Die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz steht deshalb tatsächlich am Anfang und am Ende der Energiewende."
