Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung.
Klimareporter°: Herr Knie, anlässlich des Hitzeaktionstags letzte Woche gab es viel Kritik an der staatlichen Hitzevorsorge. So sind in den letzten Jahren rund eine Million Stadtbäume verschwunden. Für kommunale Klimaanpassung gibt es derzeit auch keine neuen Haushaltsmittel des Bundes. Müssen sich die Leute dann am Ende vor allem auf die Nachbarschaftshilfe verlassen?
Andreas Knie: Wir haben hier tatsächliches ein Staatsversagen. Wir brauchen in den nächsten Jahren deutlich mehr Bäume, um die Aufenthaltsmöglichkeit in den Städten abzusichern.
Aber es gibt dazu keine Ideen, keinen Plan, keine Zuständigkeiten. Die Stadt ist kein Wald, hier dominiert die funktionale Zurichtung des Raumes mit leitungsgebundenen Infrastrukturen wie Strom, Wasser, Gas, Telekommunikation und vor allen Dingen Straßen. Bäume gibt es quasi nur, wenn der Kämmerer gute Laune hat.
Selbst wenn es – wie seit Oktober 2025 in Berlin – einen gesetzlichen Anspruch auf mehr Bäume gibt, setzt der Staat es nicht durch und kapituliert vor den Sachzwängen: Kein Parkplatz wird für einen Baum geopfert, keine Leitung wird wegen Bäumen nicht verlegt.
Hier braucht es wirklich die Zivilgesellschaft. Mehr Bäume sind kein Ziel staatlicher Handlungsprogramme.
Laut einer Studie kann gezielte Nachverdichtung in verkehrlich gut angebundenen Stadtvierteln Autofahrten und CO2-Emissionen reduzieren. Zugleich drohen dabei aber Grünflächen in Städten verloren zu gehen. Wie sollten Städte diesen Zielkonflikt lösen?
Diese Studie basiert vorwiegend auf Daten von amerikanischen Städten. Die europäische Stadt ist anders. Hier haben wir bereits seit zehn Jahren einen abnehmenden Pkw‑Verkehr. Fortschrittliche Städte nutzen diesen Trend und begrenzen die Flächen für den Autoverkehr zugunsten von mehr Raum für Fußgänger und Radfahrende.
In Berlin hat das Auto noch einen Anteil an den täglichen Wegen von 22 Prozent und braucht dafür aber knapp 80 Prozent der Verkehrsfläche. Man hätte also jede Menge Effizienzreserven, die Beweglichkeit der Menschen sogar noch zu verbessern – wir müssten uns nur von eingefahrenen Routinen und Denkschablonen befreien.
Wir wären besser unterwegs mit weniger Autos und hätten dann noch mehr Platz für Grün. Es gibt also gar keinen Nutzungskonflikt zwischen einer guten Erreichbarkeit und einer grünen Umgebung.
Eine global gerechte Entwicklung ist möglich – mit steigenden Einkommen für die Mehrheit der Menschheit, weniger Arbeitszeit, stark ausgebauter Bildung und Gesundheitsversorgung, einem Ende der fossilen Energien und einer bei rund 1,8 Grad gestoppten Erderwärmung. Das ist die Kernbotschaft im "Global Justice Report", den ein Thinktank jetzt auf einer Konferenz in Paris vorgelegt hat. Glauben Sie an eine solche Vision?
Wir haben alles noch in der Hand. Unter welchen Bedingungen wir in 30 oder 50 Jahren leben, hängt von den Entscheidungen ab, die wir jetzt treffen.
Das Klimaurteil des Bundesverfassungsgerichts von 2021 hat uns klar die Richtung gezeigt. Entweder schaffen wir es, Maßnahmen gegen die Erwärmung der Erde heute in Freiheit zu beschließen und umzusetzen oder wir werden in wenigen Jahren gezwungen sein, mit Zwang und Gewalt die Bewegungsfreiheit so einzuschränken, dass ein Überleben noch möglich wird.
Aber wie gesagt: Wir haben alles in unserer Hand und es sollte doch gelingen können. Die Erfolgsformel ist: Gemeinwohl geht vor Eigennutz. Dies ist allerdings im Zeitalter des mobilen Internets nur noch sehr mühsam einzuklagen.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Der Tankrabatt läuft aus. Wer hätte das gedacht? Wir haben jetzt 1,6 Milliarden Euro im wahrsten Sinne verschleudert, an Menschen mit viel Einkommen, die weite Wege mit dicken Autos fahren, um Macht und Einfluss zu sichern und dies auch noch wirkungsvoll der Allgemeinheit zu demonstrieren. Dieses völlig aus der Zeit gefallene Tun wird vom Staat auch noch belohnt!
Und weiter gehts mit der Entfernungspauschale! Je höher das Einkommen, je größer das Auto, umso mehr Steuergelder spendiert der Staat für Verkehrsformen, die wir nicht mehr brauchen.
Staatliches Handeln wird im Verkehr primär von populistischen Motiven gesteuert, den Autofahrern möglichst jeden Wunsch von den Augen abzulesen, in der Hoffnung, damit Wählerstimmen zu bekommen.
Aber es wird nicht mehr funktionieren. Bei der Autogesellschaft läuft schon der Abspann: weniger Fahrleistung, weniger Wege, weniger private Neuverkäufe.
Fragen: Jörg Staude
