Philipp Staab hat als Soziologe selbstredend ein gutes Gespür für Begriffe, die die Gesellschaft erklären sollen. Ein Begriff, den er während der Ampelregierung immer wieder hörte, war der von der "ökologischen Klasse". Bei Staab löste er Unbehagen aus.

Was ist damit eigentlich gemeint?, fragte er sich. Und wo war diese Klasse bloß, während die Energiewende so richtig Gegenwind bekam, als sie mit dem Heizungsgesetz in die Haushalte einzog und sich der Wut auf der Straße, in den Gazetten und an den Urnen entlud?

 

Staab, Professor an der Berliner Humboldt-Universität, begab sich auf die Spur der ökologischen Klasse. Ab April 2023 schickte er seine Studierenden in Unternehmen, die für grünen Wandel stehen, also etwa Elektroautos oder Solarmodule fertigen. In Deutschland arbeitet immerhin mehr als ein Fünftel in grünen Berufen.

Staab erwartete eigentlich, "auf die stillen Operateure der grünen Erneuerung zu treffen, die mit politischem Rückenwind ausgestattet nun ihre Eroberung der alten Industriegesellschaft beginnen sollten". Also auf eine Art "ökologische Klasse."

Doch diese fand er nicht vor. Von einer begeisterten Unterstützung jener Gruppe für die Energiewende, so ergaben die 72 Interviews, konnte nicht die Rede sein. Warum war das so?

Staab ist heute überzeugt, dass nicht nur die handwerklichen Fehler beim Heizungsgesetz schuld daran waren. Die Gründe reichen tiefer. Staab spricht von einer "Identitätskrise der spätmodernen Gesellschaft".

Die Zukunft wird nicht mehr besser

Um diese interessante These herum hat er ein Büchlein geschrieben, das in blauem Einband bei Suhrkamp erschienen ist. Im Zentrum jener Identitätskrise stehe die Umweltfrage. Diese habe den politischen Raum spätmoderner Gesellschaften radikal verändert, meint Staab.

Lange versprach die Politik den Bürgerinnen und Bürgern, in Zukunft werde alles besser. Die Wohlstandsgesellschaft verhieß individuelle Autonomie und Selbstbestimmung in zunehmendem Maße. Selbst diejenigen, die letzteres nur bedingt in ihrem Alltag erfuhren, konnten zumindest auf eine Zukunft hoffen, in der sie oder ihre Kinder sich einmal freier entfalten dürfen. 

Das Buch

Philipp Staab: Systemkrise. Legitimations­probleme im grünen Kapitalismus. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 220 Seiten, 18 Euro

Klimawandel und Umweltzerstörung hätten diese Erwartungshaltung aber radikal verändert. An die Stelle einer Aussicht auf Verbesserung trete nun eine "fundamentale Bedrohung". Wie solle man sich bitte noch selbst entfalten, wenn man "an den Traumstränden" bei 35 Grad brutzelt oder in St. Moritz kein Schnee fallen will?

"Wie soll man in einem Brandenburger Kleingarten sein Glück finden, wenn dort die Birken längst verdorrt sind, im Gemüsebeet kaum noch etwas wächst, der Aufstellpool wegen Wasserknappheit nicht mehr befüllt und die Feuerschale wegen Brandgefahr nicht mehr angefacht werden darf?", fragt Staab und stellt fest: Der Spielraum wird enger.

Was das bedeutet, haben die Menschen auf extreme Weise während der Corona-Pandemie erlebt. Nicht mehr "Selbstentfaltung", sondern "Selbsterhaltung" sei das Maß der Dinge. Statt Freiheit gehe es ums Überleben.

Politische Kipppunkte

Das Problem der etablierten Parteien sei, dass sie mit alten Rezepten versuchen würden, bei den Wählerinnen und Wählern zu punkten. Also mit dem Versprechen auf eine bessere Zukunft durch die ökologische Modernisierung.

Das aber rufe bei der Bevölkerung Abwehr hervor, selbst bei so harmlosen Vorschlägen wie dem "Veggieday". Denn im Wissen um die gestohlene Zukunft entstehe der Wunsch, die Gegenwart zu umklammern samt dem alten fossilen Grundgerüst.

"Zwar hat der größte Teil der Menschen Angst vor den Flammen", schreibt Staab. "Aber gegen die politischen Löschversuche regt sich massiver Unmut bis zu dem Punkt, dass die Feuerwehr davongejagt wird."

Was bleibt der Politik? Große Visionen einer Ökomoderne auszugeben, hat jedenfalls wenig verfangen. Aber die "defensive Erstarrung der Lebenswelten und die Verschärfung der Anpassungsprobleme", wie es Staab nennt, würden auch neue Möglichkeiten des politischen Handelns eröffnen.

Sie schaffen sogenannte politische Kipppunkte, die sich zum Negativen wie auch zum Positiven wenden lassen. Diese Hebel seien heute angesichts der Erosion alter Gewissheiten so groß wie lange nicht mehr, die Dinge könnten sehr schnell ins Rutschen geraten.

Nur müsse die Politik für den Fall der Fälle bereits die richtigen Konzepte in der Schublade haben – und diese dann schnell ausspielen, wenn die Gelegenheit günstig ist. Also die "Sehnsüchte der Abwehr und des Ausbruchs" im richtigen Moment kanalisieren. Etwas, das bislang nationalpopulistischen Politikern vom Schlage Trump am besten gelungen ist.

Fragen bleiben

Die Theorie von Staab klingt schlüssig, wohl durchdacht. Aber immer mal wieder tauchen beim Lesen Zweifel auf, ob nicht auch das Gegenteil zutreffen könnte. Ist die grüne Erneuerung tatsächlich "gescheitert", nur weil das Interesse am Klimawandel nachgelassen hat und die Unionsminister der aktuellen Bundesregierung daran arbeiten, die Uhren wieder ein Stück zurück in die fossile Zeit zu drehen?

Oder haben nicht vielmehr der Ausbau und die Entwicklung der erneuerbaren Energien solch eine Fahrt aufgenommen, dass sich ihr niemand mehr entziehen kann? Rund 60 Prozent des Stroms in Deutschland erzeugen bereits Solaranlagen, Windräder und Co, die Solarenergie erlebt einen Boom – und übrigens auch die Wärmepumpe (selbst die Bild ist nach ihrer "Heizungshammer"-Kampagne umgeschwenkt und wirbt für Wärmepumpen).

 

Anders gefragt: Braucht es wirklich erst eine ökologische Klasse, eine laute Massenbewegung, die für die grüne Transformation auf die Straße geht? Oder reicht es nicht vielmehr, wenn Solarmodule und Wärmepumpen, Batteriespeicher und E‑Autos so attraktiv werden, dass sich die Leute allein mit Blick auf ihren Geldbeutel dafür entscheiden?

Zumindest die passive Unterstützung für die Transformation scheint da zu sein. Ob aber die ökologische Modernisierung der richtige Weg ist, um aus der von Staab ausgemachten Systemkrise zu führen, die sich in Klimawandel und Artensterben manifestiert, ist freilich eine andere Frage.

Auch wenn Fragen bleiben, Staabs blaues Büchlein bietet doch einiges zum Nachdenken: Ein Blick in den Maschinenraum unserer Gesellschaft, warum es dort gerade mächtig knirscht und ruckelt und was der Klimawandel damit zu tun hat. Trotz des soziologischen Duktus lesen sich die knapp 200 Seiten angenehm, was auch an Staabs vielen Beispielen und seinem Gespür für Begriffe liegen mag.