Sarah Pelull
ist Sozial- und Kulturanthropologin und leitet den Bereich "Science to Society" am Institute for Planetary Health Behaviour der Uni Erfurt. Daneben ist sie am Planetary Health Action Survey (PACE) beteiligt. Sie arbeitet im Projekt "Heatcom – Verhaltensdaten für wirksame Hitzeschutzkommunikation".
Klimareporter°: Frau Pelull, bei der Langen Nacht des Klimas nehmen Sie sich eines der vermutlich schwersten Themen vor und fragen: Wie kommen Menschen beim Klimaschutz ins Tun? Zählt da schon, wenn ich zum Beispiel meine CO2-Emissionen beim Fliegen durch einen Preisaufschlag kompensiere?
Sarah Pelull: Ein Anfang ist es – aber einer, der das Problem ins Individuelle schiebt. Der Aufpreis beruhigt das Gewissen, ändert aber nichts an den Regeln des Fliegens.
Diese Verschiebung sehen wir auch in den Daten aus unserem "Planetary Health Action Survey" am Institute for Planetary Health Behaviour der Universität Erfurt. Laut der diesjährigen April-Befragung trauen nur noch rund 16 Prozent dem Staat zu, Klimaschutz umzusetzen – so wenige wie nie seit 2022.
Werden staatliche Programme als unzureichend wahrgenommen, verstärkt das eine ohnehin verbreitete Asymmetrie: Das eigene Handeln erscheint wirksamer als das der Regierung. Passend dazu stimmen 39 Prozent der These zu, Verantwortung liege vor allem beim Einzelnen.
Verhaltenswissenschaftlich unterscheiden wir zwischen Verhalten und Verhältnissen. Der Fokus auf individuelle Lösungen im Klimaschutz hat Systemveränderungen zu lange verzögert.
Neben dem CO2-Fußabdruck entwickelte sich in den letzten Jahren auch die Vorstellung, dass es einen entsprechenden Handabdruck gibt. Der ist umso größer, je mehr sich jemand gesellschaftlich für mehr Klimaschutz einsetzt. Wie sehen Sie diese Idee?
Die Idee gefällt mir, weil sie den Blick weitet. Der Fußabdruck bilanziert, was mein Konsum kostet – eine individuelle Rechnung. Der Handabdruck erfasst, was ich darüber hinaus bewege: im Betrieb, in der Kommune, bei Wahlen. Er zielt auf die Verhältnisse.
Wir messen Handlungsbereitschaft dreifach: Verhalten, Unterstützung von Maßnahmen, politische Beteiligung. Die letzten beiden sind der Handabdruck. Und genau der ist unter Druck: Im November 2025 ging die Bereitschaft zur politischen Beteiligung zurück, das eigene Verhalten blieb stabil. Im April sank sie nicht weiter, erholte sich aber auch nicht.
Der Wunsch nach Klimaschutz ist aber da: 44 Prozent der Befragten möchten, dass die Regierung den Klimaschutz verstärkt. Diese relative Mehrheit braucht Wege, sich bemerkbar zu machen.
Wenn Sie die Möglichkeit hätten, eine Forderung für mehr Klimaschutz unmittelbar geltend umzusetzen – welche wäre das?
Dass es überhaupt wieder Klimapolitik gibt und Klimaschutz Priorität wird. Und dass Maßnahmen so gestaltet sind, dass sie die Akzeptanz der Bevölkerung verdienen: wirksam, fair, einfach, mit Nutzen für Einzelne und alle.
Das Klimageld ist ein gutes Beispiel: Es gibt Geld von Viel- an Wenigverbraucher zurück und damit von Reich an Arm, kommt ohne Bürokratie aus, ist auf dem Konto spürbar und weitere Einnahmen können in den Nahverkehr fließen.
Klimareporter° ist offizieller Medienpartner der Langen Nacht des Klimas am 12. September 2026 in Berlin.
Mit Mut und Ideen gegen die Klimakrise
Wo bleibt die Klimabewegung, fragen manche Medien angesichts grassierender Folgen des Klimawandels mit Hitzewellen, Dürren und hierzulande nicht gekannten menschlichen und ökonomischen Kosten. Was Klima- und Umweltbewegte jetzt tun können – darüber will die Lange Nacht des Klimas 2026 debattieren, Vorschläge und Lösungen entwickeln. Am 12. September 2026 bietet die Kulturfabrik Moabit in Berlin ab 16 Uhr einen Nachmittag und Abend mit Vorträgen, Filmen, Workshops und Aktionsideen, aber auch mit Unterhaltung und Entspannung. Rund 40 spannende Veranstaltungen verwandeln Kino, Theater, Club und Garten der Kulturfabrik in einen Ort für Austausch und Inspiration.

Dass in platten Umfragen sich jeweils Viele fürs Klima'schützen' aussprechen, sagt nur aus, dass man weiss, was gefragt ist, nicht, was man wirklich will. Sobald es konkret wird - etwa die Besteuerung von Kerosin - wird es schon schwierig. Die Schweizer seien noch nie so viel geflogen, wie in den letzten 12 Monaten, obwohl die Ticketpreise gestiegen sind. Wers Geld hat, verzichtet kaum je, wählt dann aber bei der folgenden Wahl womöglich grün. Man ist doch progressiv... Solche Umfragen, manchmal auch hochtrabend Studie genannt, auch nur anzuführen, ist Selbstbetrug.