Bild: Felix Noak/​ECDF

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Tilman Santarius, Geschäftsführer des Deutschen Klima-Konsortiums.

Klimareporter°: Herr Santarius, wie würden Sie den Zustand des Weltklimas Mitte 2026 beschreiben: als beherrschbare Krise oder bereits als Übergang in eine neue, gefährlichere Klimarealität?

Tilman Santarius: Nach wie vor gilt leider der Satz: Wir leben in einer erdgeschichtlichen Warmzeit und legen – mit dem menschengemachten Klimawandel – weitere Briketts aufs Feuer. Die vergangene Dekade lag im Schnitt rund 1,3 Grad über dem vorindustriellen Niveau, im einzelnen Jahr 2024 haben wir bereits die 1,5-Grad-Grenze überschritten, aber die globalen Emissionen steigen weiter an.

Ob daraus eine dauerhaft gefährlichere Realität oder eine noch beherrschbare Krise wird, entscheidet sich an den politischen Weichenstellungen der nächsten Jahre. Die weltpolitische Lage dafür ist derzeit denkbar ungünstig.

Aber zugleich wird Klimaschutz in vielen Branchen und Konsumbereichen zunehmend zum Wettbewerbsvorteil. Zudem gewinnen Narrative an Boden, die die Energiesouveränität und die Bedeutung von klimafreundlichen Technologien für die Wettbewerbsfähigkeit betonen. Und viele Länder im globalen Süden investieren aufgrund der hohen Ölpreise derzeit massiv in den Sprung ins erneuerbare Zeitalter.

Die globale Erwärmung schreitet weiter voran, während die internationale Klimapolitik nur langsam reagiert. Wo verläuft derzeit die größte Lücke: bei den politischen Zielen, bei ihrer praktischen Umsetzung oder bei der gesellschaftlichen Bereitschaft zur Veränderung?

Am wenigsten fehlt es an Zielen. Deutschland hat sich ambitionierte Marken gesetzt – 65 Prozent Minderung bis 2030, Klimaneutralität 2045.

Und auch die gesellschaftliche Bereitschaft ist robuster, als der Diskurs suggeriert: Die Mehrheit der Menschen ist laut Umfragen besorgt und wünscht sich mehr Klimaschutz, nicht weniger.

Diese hohe Bereitschaft besteht sehr stabil und kann offenbar auch von populistischen Akteuren nicht kaputtgeredet werden, die Klimaschutz zum Kulturkampf stilisieren. Das gilt übrigens ebenfalls für konservative Wählerschaften: Auch die Mehrheit von CDU- und sogar AfD-Wähler:innen wünscht sich von ihrer Partei mehr Klimaschutz!

Die eigentliche Lücke klafft in der Umsetzung – zwischen dem, was beschlossen ist, und dem, was tatsächlich gebaut, verlegt und installiert wird. Das gilt für viele Länder und leider auch für Deutschland: Das aktuelle Klimaschutzprogramm der Regierung schließt diese Lücke nicht, und bestehende Ziele und Instrumente werden infrage gestellt und teils sogar aktiv rückgebaut. Dieser Backlash stimmt mich sorgenvoll. 

Tilman Santarius

ist seit 2024 Geschäftsführer des Deutschen Klima-Konsortiums, das zentrale Einrichtungen der deutschen Klima- und Klimafolgenforschung vertritt. Er hat Soziologie, Ethnologie und Volkswirtschaftslehre studiert und war Professor für sozial-ökologische Transformation am Einstein Center Digital Future. Zuvor arbeitete er unter anderem am Wuppertal Institut, leitete den Bereich internationale Klima- und Energiepolitik der Heinrich-Böll-Stiftung und forschte an der TU Berlin sowie am Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Zu seinen Schwerpunkten gehören Klimapolitik und Klimagerechtigkeit, Postwachstum, Rebound-Effekte sowie die sozial-ökologischen Folgen der Digitalisierung.

Ist das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 mit der gegenwärtigen Politik noch realistisch erreichbar – und woran ließe sich in den nächsten zwei oder drei Jahren erkennen, dass der Kurs tatsächlich stimmt?

Technisch wäre eine Treibhausgasneutralität bis 2045 locker erreichbar – und das bei enormen Co-Benefits für Gesundheit, Lebensqualität und Wettbewerbsfähigkeit.

Aber der von der Bundesregierung eingesetzte Expertenrat für Klimafragen geht davon aus, dass selbst bei vollständiger Umsetzung des Klimaschutzprogramms Deutschland seine Ziele ab 2030 zunehmend verfehlen wird.

Ich bin wenig optimistisch, dass in dieser Legislaturperiode in den Problemsektoren Gebäude und Verkehr die Emissionskurven nach unten gebogen werden. Aber das hat auch die Ampel-Koalition davor nicht hinbekommen. Derzeit geht es darum, den weiteren Backlash aufzuhalten.

Zugleich findet in zahlreichen Kommunen aber weiterhin aktiver Klimaschutz statt. Grüne Technologien setzen sich in vielen Branchen aus Kostengründen durch. Und mit KI-Technologien könnten nachhaltige Formen der Mobilität wie Sharing oder On‑demand-ÖPNV im ländlichen Raum bald Fahrt aufnehmen.

Sie haben darauf hingewiesen, dass angesichts des schwachen Klimaschutzprogramms nun einzelne Gesetze über den klimapolitischen Kurs entscheiden. Bei welchen Vorhaben droht der größte Rückschritt – und wo sehen Sie Chancen auf eine wirksame Nachsteuerung?

Wenn der Rahmen schwach ist, entscheidet das Kleingedruckte. Den größten Rückschritt fürchte ich dort, wo hart erkämpfte Instrumente wieder aufgeweicht werden: im Gebäudebereich, wo letzte Woche das Heizungsgesetz unter dem Deckmantel der Entlastung entkernt wurde, und bei der geplanten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, aber auch beim Netzpaket. Diese Gesetzesvorhaben könnten den Ausbau der Erneuerbaren und die Elektrifizierung verlangsamen.

Auf EU-Ebene wurde die Einführung des Emissionshandels für Gebäude und Verkehr nach hinten verschoben und der bestehende Emissionshandel für die Industrie jüngst so reformiert, dass die Lenkungswirkung des CO2-Preises gedämpft wird. Und die Diskussion über eine Verzögerung oder gar das "Aus des Verbrenner-Aus" glimmt leider immer wieder auf.

Große Chancen sehe ich in der sozialen Flankierung: Ein CO2-Preis, dessen Einnahmen für den Klima- und Transformationsfonds oder für eine Senkung des Strompreises verwendet werden, wäre kein Rückschritt, sondern der Hebel, um die Akzeptanz zu erhöhen.

Und die Gerichte bilden mittlerweile ein sehr hilfreiches Korrektiv: Das Bundesverwaltungsgericht hat die Regierung Anfang des Jahres erneut zum Nachbessern verpflichtet. Noch funktioniert unsere gewaltengeteilte Demokratie zum Glück sehr gut.

Klimaschutz wird zunehmend als Belastung für Wirtschaft, Haushalte und Wettbewerbsfähigkeit dargestellt. Sie argumentieren dagegen, dass Klimapolitik Beschäftigung und wirtschaftliche Modernisierung antreiben kann. Warum gelingt es bislang so schlecht, das politisch glaubwürdig zu vermitteln?

Grundsätzlich besteht die Herausforderung darin, dass die Kosten konkret und sofort spürbar sind, während der Nutzen in der Zukunft liegt.

Die neue Heizung, das neue Auto, der höhere Spritpreis – das trifft Menschen hier und heute im Portemonnaie. Die eingesparten Importkosten für Öl und Gas, die neuen Jobs in der Wärmepumpen- oder Netzbranche, die stabileren Energiepreise von morgen – die füllen den Geldbeutel erst künftig auf. Auch die Verbesserungen in der Gesundheit und Lebensqualität erfahren wir zeitverzögert.

Ich denke aber, dass sich der Wind in der öffentlichen Diskussion bald drehen könnte. Der Krieg zwischen Israel, USA und Iran und die Schließung der Straße von Hormus haben einmal mehr gezeigt, dass der Ausbau von Erneuerbaren und eine rasche Elektrifizierung auch aus wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Gründen hohe Priorität haben sollten.

Seit letztem Jahr sind Wärmepumpen die am häufigsten verbaute Heizungsart in Deutschland. Und im vergangenen Monat haben auch hierzulande erstmals Stromer alle anderen Antriebsarten bei den Zulassungszahlen von Pkw überholt. Das zeigt: Viele Menschen wissen es einfach besser als manche Entscheider:innen in der Politik.

Ein Schwerpunkt Ihrer wissenschaftlichen Arbeit war der Zusammenhang zwischen CO2-Ausstoß und sozialer Ungleichheit. Kann eine Klimapolitik erfolgreich sein, die hohe Vermögen, besonders emissionsintensive Lebensstile und die Verteilungsfrage weitgehend ausklammert?

Die Emissionen sind extrem ungleich verteilt. Das reichste Prozent verbraucht sein rechnerisches Jahresbudget an CO2 in wenigen Tagen. Zugleich fehlt es insbesondere einkommensschwachen Haushalten an Mitteln zur Umstellung auf klimafreundliche Technologien und Praktiken und zur Anpassung an die bereits heute spürbaren Folgen des Klimawandels.

Daher ist es keine ideologische, sondern eine praktische Feststellung, dass Klimapolitik nicht erfolgreich sein kann, wenn sie die zunehmende soziale Polarisierung außer Acht lässt. Eine Politik, die besonders emissionsintensive Lebensstile – den SUV, den Kurzstreckenflug, das schlecht gedämmte Zweithaus – schont und stattdessen die Mehrheit belastet, verliert auf längere Sicht zudem ihre Legitimation.

Im aktuellen Klimaschutzprogramm finden sich zu wenig Instrumente, die eine progressive Verteilungswirkung entfalten. Klimagerechtigkeit ist aber nicht das Sahnehäubchen einer erfolgreichen Klimapolitik, sondern ihre Voraussetzung.

Wer oben ansetzt, wo die meisten Emissionen anfallen, kann unten entlasten – und gewinnt beides: Wirkung und Zustimmung.

Sie haben sich mit Rebound-Effekten und der Postwachstumsdebatte beschäftigt. Reichen erneuerbare Energien, Elektroautos, Wärmepumpen und effizientere Technik aus – oder muss eine ernsthafte Klimapolitik auch über weniger Ressourcenverbrauch, kleinere Wohnflächen, weniger Verkehr und Grenzen des Wachstums sprechen?

Effizienz und Erneuerbare sind die Grundlage, aber sie reichen allein nicht. Das ist die Kernbotschaft der Rebound-Forschung, mit der ich mich über ein Jahrzehnt in mehreren Büchern und zahlreichen Artikeln beschäftigt habe. Denn Effizienzgewinne werden regelmäßig wieder aufgezehrt, weil das Eingesparte in mehr Nachfrage gesteckt wird.

Deshalb kommt eine ernsthafte Klimapolitik um das Thema Suffizienz nicht herum – um die Frage, wie wir den absoluten Ressourcenverbrauch senken. Das bedeutet zum Beispiel: kleinere Wohnflächen pro Kopf, weniger motorisierter Individualverkehr und vor allem mehr Sharing, Wiederverwendung, Lebensdauerverlängerung von Produkten und Recycling.

In Zeiten von Wachstumsraten von nur noch rund einem Prozent – die damit bereits unter der Inflationsrate liegen – ist das übrigens kein Verzichtsprogramm, sondern eine Autonomiesteigerung: Es sichert ein gutes Leben durch sinkende Abhängigkeiten von teuren Dienstleistungen und ständigem Neukauf.

Der Weltklimarat IPCC hat die Wichtigkeit von nachfrageorientierten Strategien in seinem letzten Bericht hervorgehoben. Es wird Zeit, dass die Politik nachzieht und dafür die Rahmenbedingungen verbessert.

Künstliche Intelligenz, Rechenzentren und digitale Anwendungen treiben den Strom- und Ressourcenbedarf stark nach oben, können aber zugleich Effizienzgewinne ermöglichen. Ist die Digitalisierung momentan eher Teil der Klimalösung oder ein Brandbeschleuniger?

Im Moment ist die Digitalisierung eindeutig ein Brandbeschleuniger. Zum einen, weil sie in der Produktion, aber auch im Konsum, vor allem effizienzsteigernd wirkt und es zu Rebound-Effekten kommt, die Wachstum und Nachfrage steigern. Zum anderen aber, weil die Rechenleistungen für KI den Strom-, Wasser- und Rohstoffbedarf gerade enorm hochtreiben.

Vor einem Jahrzehnt waren, abgesehen von Amazon, die großen Tech-Konzerne vorbildlich darin, sich ehrgeizige Klimastrategien zu geben und die Strombedarfe ihrer Rechenzentren aus erneuerbaren Energien zu decken. Heute aber wird wild hinzugebaut, um den KI-Wettlauf zu gewinnen, und viele der neuen Rechenzentren setzen auf Strom aus fossilen Quellen, teils sogar mit eigenen Kraftwerken unmittelbar in Fracking-Gebieten.

Zugleich ist auf der Seite der Anwendungen völlig unabsehbar, wozu künstliche Intelligenz künftig alles eingesetzt werden wird. Nur eines ist offenkundig: Derzeit dient sie nicht in erster Linie einer sozial-ökologischen Transformation.

Was kann da getan werden?

In unserem Report "Digital Reset" haben wir konkrete Leitplanken vorgeschlagen: verbindliche Standards für Tech-Anbieter sowie Strategien und Maßnahmen, die digitale Technologien systematisch in den Dienst von Gemeinwohl und Nachhaltigkeit stellen.

Ohne eine solche Strategie wird der Raubbau am Planeten weitergehen und die Umverteilung des Vermögens vom größten Teil der Menschheit zu einigen sehr wenigen dramatisch potenziert werden, wie diverse wissenschaftliche Studien über die Verteilungswirkung einer unregulierten Digitalisierung belegen.

Hier muss noch sehr viel Arbeit geleistet werden. Die Elemente einer gemeinwohlorientierten Technik- und Digitalpolitik zu identifizieren und die Notwendigkeit umfassender Reformen in die breite Diskussion zu tragen ist heute ein so unbestelltes Feld, wie es für die Klimapolitik vor vier Jahrzehnten war.

Sie bewegen sich seit vielen Jahren zwischen Wissenschaft, Umweltverbänden und Politikberatung. Wie hat sich Ihr persönlicher Blick auf die Klimakrise verändert: Sind Sie heute ungeduldiger, pessimistischer oder vielleicht pragmatischer als zu Beginn Ihrer beruflichen Laufbahn am Wuppertal Institut?

Ungeduldiger ja, pessimistischer nein.

Als ich am Wuppertal Institut anfing, dachte ich, es brauche vor allem die besseren Argumente und Daten – dann ließe die Politik sich schon bewegen.

Das hat über zwei, drei Jahrzehnte auch ganz gut funktioniert. Die Klimaforschung und die Klimabewegung haben enorm viel erreicht: Es gibt ein breites geteiltes Wissen über die Herausforderungen und Lösungsansätze in der Politik wie der Bevölkerung, und von der globalen bis zur kommunalen Ebene wurden klare Ziele verankert und vielfältige Instrumente eingeführt.

Gemessen an den wissenschaftlich erforderlichen Reduktionspfaden reicht das zwar noch nicht aus. Aber das darf eigentlich nicht verwundern. Denn der überbordende Metabolismus der modernen Industriegesellschaften ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit und er erfordert eine große Transformation unserer Produktions- und Konsumweisen, die mehrere Jahrzehnte andauern wird.

Aber?

Was mich beunruhigt: Obwohl wir allerorten erleben, dass Klimaschutz funktioniert und die Lebensqualität verbessert, wird der Kampf seit einigen Jahren eher schwieriger als leichter.

Das fossile Finanzkapital hat sich mit der Tech-Branche und mit populistischen und rechtsextremen Kräften zu einer unheilvollen Allianz zusammengeschlossen, die demokratische Institutionen und Prinzipien infrage stellt.

Um im Klimaschutz weiterzukommen, muss deshalb die Verteidigung und Stärkung der Demokratie ins Zentrum rücken. Ob die sozial-ökologische Transformation gelingt, ist keine technische Frage mehr, sondern eine Frage von diskursiver Deutungshoheit und von Macht.

Die Mehrheit der Menschen ist längst dafür, in Deutschland wie weltweit. In Zeiten von Desinformation und multiplen Krisen fehlt aber derzeit die Kraft zur Bildung einer politischen Mehrheit und zur Durchsetzung.

 

Professor Santarius, Sie sind jüngst dem Herausgeberrat von Klimareporter° beigetreten. Was erwarten Sie von einem unabhängigen Klimajournalismus – und wo sollte ein Medium wie Klimareporter° stärker oder genauer hinsehen und Debatten anstoßen?

Auch der Klimajournalismus sollte den Horizont erweitern und die Bedrohungen der Demokratie durch Populismus und Nationalismus sowie die gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen durch digitale Technologien und künstliche Intelligenz eng mit der Klimafrage verknüpft analysieren.

Genauer hinsehen sollte ein Medium wie Klimareporter° auch bei der Verteilungsfrage – wer trägt die Kosten, wer streicht die Profite ein? Und bei der Suffizienz- und Wachstumsdebatte, die im politischen Betrieb nach einigen Jahren der vorsichtigen Akzeptanz leider wieder ins Tabu zurückgefallen ist.

Ansonsten gilt für den Klimajournalismus weiterhin die Erkenntnis: Alarmismus verschafft zwar Reichweite, weckt aber Ohnmachtsgefühle.

Natürlich muss Journalismus auch über die zunehmenden Gefahren des Klimawandels berichten. Aber dies kann immer mit Geschichten des Gelingens aus der Nachbarschaft, der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft verbunden werden – die wir neben all den schlechten Nachrichten tagtäglich zum Glück ja auch erleben.

Fragen: Joachim Wille

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