Klimareporter°: Herr Stöckel, Umfragen sagen seit Jahren: Eine deutliche Mehrheit der Menschen in Deutschland unterstützt den Klimaschutz. Dazu gehören oftmals 70 bis 80 Prozent der Befragten. Auf diesen Konsens verweisen Klimabewegte gern, um die Akzeptanz ambitionierter Klimapolitik zu untermauern oder einzufordern.

Eine neue Studie mit Daten aus Deutschland, an der Sie mitwirkten, zeigt jedoch: Informationen über den gesellschaftlichen Klima-Konsens erhöhen die Unterstützung für Klimaschutz nur begrenzt. Was genau haben Sie herausgefunden?

 

Florian Stöckel: Als Forschenden begegnete uns ebenfalls oft das Argument, man müsse der Bevölkerung nur sagen, wie viele Menschen dafür sind – dann würde sich die Unterstützung für den Klimaschutz ausweiten.

In unserer Studie gingen wir von der Annahme aus: Manche Menschen sind nicht bereit, den Klimaschutz zu unterstützen, weil sie denken, dass gar nicht so viele Menschen für Klimaschutz sind.

In der Befragung, die wir in Deutschland zusammen mit dem Umfrageinstitut Yougov durchführten, fragten wir die Menschen zunächst, wie groß ihrer Meinung nach die Unterstützung der Bevölkerung für den Klimaschutz ist. 

Mit welchem Ergebnis?

Die Befragten unterschätzen überraschenderweise nicht oder nur wenig, wie groß der Anteil der Befürworter für Klimaschutz in der Bevölkerung ist. In der Regel wissen die Leute gut Bescheid, wo die Bevölkerung insgesamt mit ihren Ansichten beim Klima-Thema steht.

Wir haben dann weiter untersucht: Was passiert, wenn wir Informationen über die mehrheitliche Befürwortung des Klimaschutzes gerade denjenigen Menschen vermitteln, die diese Unterstützung bisher doch deutlich unterschätzen?

Hier ergab sich ein signifikanter Lerneffekt. Und zwar nicht nur zu dem Zeitpunkt, an dem die Information über die mehrheitliche Unterstützung gegeben wurde, sondern auch noch zwei Wochen später.

Die Menschen, die die Unterstützung für den Klimaschutz bisher unterschätzen, lernen also dazu und sagen sich: "Aha, die Unterstützung ist größer, als ich dachte."

Bild: University of Exeter

Florian Stöckel

ist Professor für Politik­wissen­schaft und forscht zu öffentlicher Meinung, politischer Kommu­ni­ka­tion und gesell­schaft­lichen Konflikten in Europa. Er wurde an der University of North Carolina promoviert, arbeitete am Europäischen Hochschul­institut in Florenz und ist heute an der Universität Exeter in Groß­britannien tätig. 2025 erschien sein Buch "The Power of the Crowd" zum Umgang mit Falsch­informationen in sozialen Medien.

Daraus nährt sich die Hoffnung, dass diese Erkenntnis auch eigenes Handeln in puncto Klimaschutz anregt.

Damit wiederum sieht es schwierig aus, zeigen unsere Ergebnisse.

So fragten wir die Menschen, die die Unterstützung für den Klimaschutz bisher unterschätzten, auch danach, ob sie politische Maßnahmen für den Klimaschutz für möglich oder für wahrscheinlicher halten.

Die Befragten, die gelernt haben, dass die Unterstützung für Klimaschutz größer ist, als sie dachten, hielten politische Maßnahmen für den Klimaschutz für machbarer. Zwei Wochen später, bei der zweiten Befragung, war dieser Lerneffekt jedoch wieder verschwunden.

Bezogen auf andere Haltungen – ob es Bereitschaft gibt, mehr öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen oder zu einem Energieversorger zu wechseln, der nur erneuerbare Energiequellen nutzt – haben wir in den Befragungen aber keine Effekte festgestellt.

Ihr Fazit?

Die Menschen unterschätzen die Unterstützung für den Klimaschutz in Deutschland in der Regel nicht. Bei denjenigen, die dies unterschätzen, gibt es Lerneffekte.

Allein mit Informationen darüber, wie viele Menschen hinter dem Klimaschutz stehen, wird man die Unterstützung für den Klimaschutz kaum ausweiten.

Die Leute finden Klimaschutz gut und unterstützenswert, fragen sich dann aber doch, was hat das mit meinem Leben zu tun?

Unsere Studie zeigt nicht, dass es falsch ist, auf die große Unterstützung für den Klimaschutz hinzuweisen, gerade im Dialog mit der Politik. Bei denen, die die Unterstützung unterschätzen, gibt es tatsächlich auch Lerneffekte.

Allerdings: Nur zu lernen, dass viele andere dafür sind, ändert wenig an den eigenen Ansichten oder der eigenen Bereitschaft. Das soll nicht heißen, dass diese Verbindung überhaupt nicht existiert – aber eine Evidenz für diesen Link haben wir in der Befragung von 2.800 Menschen in zwei Wellen nicht gefunden.

Der Verweis auf große Unterstützung ist kein Allheilmittel, das viel verändert. Dazu braucht es zum Beispiel konkrete Strategien, die die Menschen mit ihren Sorgen da abholen, wo sie stehen. Dazu ist gezielte Kommunikation wichtig.

Ihre Studie arbeitet mit Daten aus einer Befragung von 2021. Warum liegt das so weit zurück?

Die Analyse der Daten war aufwendig. Die Veröffentlichung durchlief dann den Peer-Review-Prozess, bei dem unabhängige Experten unsere Studie begutachteten.

Eine schnellere Veröffentlichung wäre besser. Den Peer-Review halte ich aber auch für wichtig. Nicht alle Studien zur Klimakommunikation werden so begutachtet.

Würde man die Untersuchung heute wiederholen, sähen die Ergebnisse – so meine Hypothese – nicht viel anders aus. 

Menschen unterschätzen die Unterstützung für den Klimaschutz in Deutschland in der Regel nicht, sagt Florian Stöckel. (Bild: Eakkachai Eak/​Shutterstock)

Was ist mit der Minderheit, die Klimaschutz so gar nicht unterstützenswert findet?

Es gibt einen harten Kern von Menschen, die den Klimawandel leugnen und für die das ein starker Teil ihrer Identität ist. Diesen Anteil zu messen, ist schwierig. Ich würde ihn auf weniger als 20 Prozent beziffern. Mit Kommunikation ist diese Gruppe kaum zu erreichen.

Nur weil man an den harten Kern nicht herankommt, heißt das aber nicht, dass Kommunikationsstrategien keinen Sinn haben. Denn es gibt viele Menschen on the fence: Die sind unentschlossen und sitzen zwischen den Stühlen.

Sie leugnen den Klimawandel nicht, sind aber auch nicht dafür, sofort viel für den Klimaschutz zu machen. An diese Menschen kann man mit Kommunikation herankommen. 

Zum Klimawandel werden viele Falschinformationen verbreitet. Diese aufzudecken ist oft nicht leicht. Beispielsweise kann Vorsorge die Zahl der Hitzetoten senken, obwohl klimawandelbedingte Hitzewellen zunehmen.

Das ist richtig. Weil das Thema komplex ist, ist es für die Leute gerade auf Social Media, wo schnell gescrollt wird, nicht so einfach herauszufinden, was richtig und was falsch ist.

In dem 2025 erschienenen Buch "The Power of the Crowd" haben wir die Verbreitung von Falschinformationen in sozialen Medien untersucht, auch zum Klima. Da gibt es ganz unterschiedliche Inhalte – etwa Falschinformationen darüber, wie viel CO2 die Anreise der Teilnehmenden zum Klimagipfel in Glasgow 2021 per Flugzeug verursachte.

Solche Falschinformationen werden schnell geglaubt. Es ist für Menschen schwer herauszufinden, was falsch ist und was stimmt.

Wir untersuchten weiter, ob es einen Unterschied macht, wenn andere diese Falschinformationen korrigieren, zum Beispiel mit einem Kommentar. Zunächst fanden wir heraus: Kommentare werden tatsächlich gelesen und helfen, falsche Informationen zu erkennen.

Für viele spielt es auch eine Rolle, ob die Falschinformation korrigiert wird. Das spricht erneut dafür, dass die meisten in ihren Ansichten nicht so festgelegt sind, abgesehen von den harten Leugnern. Da ist Bewegung möglich.

Es gibt natürlich auch Menschen, die falsche Kommentare schreiben. Kommentare, die falsche Informationen beinhalten, können in die Irre führen, gerade weil es schwierig ist zu erkennen, was falsch und richtig ist.

Entscheidend ist am Ende digitale Medienkompetenz, und zwar nicht nur für Junge, sondern auch für Ältere.

 

Es wäre also nicht zielführend, sich aus sozialen Medien zurückzuziehen und dem "harten Kern" das Feld zu überlassen?

Es geht darum, in den sozialen Medien einfach präsent zu sein und ein Gegengewicht zu schaffen. Für die Nutzerinnen und Nutzer darf es nicht so wahnsinnig schwierig sein herauszufinden, was stimmt und was nicht.

Wenn Menschen im Netz selbst herausfinden wollen, was stimmt, brauchen sie auch Zugriff auf gesicherte Informationen. Deswegen ist es wichtig, dass es engagierte Menschen, Faktenchecker und Organisationen gibt, die richtige Informationen bereitstellen.

Ist also die gute Botschaft: Die Leute sind an der Wahrheit interessiert?

Ja, die Mehrheit der Leute ist an der Wahrheit interessiert. Wir haben dazu auch tatsächlich eine Umfrage gemacht. Danach wollen drei Viertel der Menschen lieber korrigierte Falschinformationen, als dass gar nichts bei der Falschinformation steht. Das Interesse an der Wahrheit ist bei den allermeisten Menschen da.