Es gibt Städte, die wachsen. Städte, die schrumpfen. Städte, in denen im Sommer die Hitze zwischen den Häusern steht. Und solche, in denen die größte Herausforderung noch immer der Heizbedarf im Winter ist. So unterschiedlich die Herausforderungen der Städte sind, so differenziert muss auch über die Lösungen nachgedacht werden.
In diesem Sinne hat eine neue, umfassende Literaturstudie im Fachjournal Environmental Research Letters europäische Städte unter die Lupe genommen. Forschende aus Finnland, Deutschland und weiteren europäischen Ländern haben mehr als 1.600 wissenschaftliche Fallstudien zu Klimaschutz und Klimaanpassung ausgewertet. Sie kommen zu dem Schluss: Europäische Städte können in wenige Typen eingeteilt werden, für die sich unterschiedliche Handlungsempfehlungen ableiten lassen.
Mithilfe eines Clustering-Verfahrens ordnen die Wissenschaftler:innen 1.263 Städte anhand von Merkmalen wie Bevölkerungsentwicklung, Altersstruktur, wirtschaftliche Stärke, Siedlungsdichte und dem Bedarf an Heizung und Kühlung in vier Stadttypen ein: schrumpfenden Industriestädte, schnell wachsende Städte, etablierte Städte und Metropolen.
Die eingängige Logik: Was für Barcelona sinnvoll ist, muss in Leipzig noch lange nicht funktionieren. Eine schrumpfende Stadt in Südengland könnte dagegen für eine Kommune mit ähnlichen Merkmalen in Osteuropa das passendere Vorbild sein als die boomende Nachbarstadt.
Metropolen haben die höchsten Pro-Kopf-Emissionen
So müssten sich schrumpfende Städte – vor allem in Osteuropa und entlang der Atlantikküste – auf naturbasierte Lösungen und die Sanierung der Infrastruktur konzentrieren, schreiben die Autor:innen. Das würde den größten Beitrag zum Klima- und Hochwasserschutz leisten.
Die schnell wachsenden Städte – überwiegend in Süd- und Südosteuropa – seien hingegen bereits heute stark von Hitze betroffen und verfügten über weniger städtisches Grün, um die Hitzebelastung zu mildern, erläuterte Leitautorin Mira Kopp vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Dort müssten laut Studie vor allem Investitionen in den Hitzeschutz und die Wasserversorgung Priorität haben.
Etablierte Städte – Städte in Mittel- und Westeuropa auf einem hohen wirtschaftlichen Niveau, die nur noch sehr langsam wachsen – müssten ihren Fokus hingegen auf Gebäudesanierung, Grünflächen und die Verkehrswende legen.
Bleiben noch die großen Metropolen. Diese Städte würden laut den Autor:innen am stärksten von einer konsequenten Elektrifizierung und einem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs profitieren sowie von Investitionen in Frühwarnsysteme vor allem für Hitzeextreme.
Die Stadttypen unterscheiden sich zudem darin, wie viel und in welchen Sektoren sie Treibhausgasemissionen verursachen. Metropolen weisen laut der Untersuchung zum Beispiel hohe Pro-Kopf-Emissionen auf, und das vor allem im Energie-, Verkehrs- und Gebäudesektor.
Auch etablierte und schrumpfende Städte fallen in vielen Fällen durch hohe Pro-Kopf-Emissionen auf. Wobei etablierte Städte in der Regel eine verstreute Bebauung haben, wodurch sich Verkehrs- und Gebäudeemissionen schwerer senken lassen.
Wachsende Städte haben hingegen die niedrigsten Pro-Kopf-Emissionen und sind gleichzeitig meist stärker von Extremereignissen betroffen.
Insbesondere wohlhabende Städte trügen eine große Verantwortung dafür, Emissionen zu reduzieren und damit das Klima zu schützen, so PIK-Forscherin Mira Kopp. "Hier braucht es kreative Ansätze und eine rege Beteiligung der Gesellschaft, um den Umstieg auf umweltfreundliche Verkehrsmittel und die Gebäudesanierung im Bestand voranzutreiben."
Ein Aufruf zu Stadtnetzwerken
Beim Durchsehen der mehr als 1.600 Fallstudien fiel den Forschenden noch etwas anderes auf: Die wissenschaftliche Aufmerksamkeit ist sehr ungleich verteilt.
Besonders über Universitätsstädte gebe es viel Forschung, diese seien aber nicht unbedingt repräsentativ für ihren Stadttyp. Zu schrumpfenden Städten in Osteuropa und wachsenden Städten in Südeuropa werde hingegen vergleichsweise wenig geforscht.
Gerade dort fehlen aber häufig Ressourcen und Personal, um eigene Strategien zu entwickeln. Eben für diese Städte kann wissenschaftliche Orientierung deshalb von großer Bedeutung sein.
Doch obwohl es keine Universallösungen gebe, könnten Städte durchaus von anderen Städten des gleichen Typs lernen, so die Forscher:innen. Schrumpfende Städte in Osteuropa könnten etwa von norwegischen Städten lernen und von der besseren Studienlage dort profitieren.
Die Typologie könne Städten dabei helfen, andere Kommunen mit ähnlichen Merkmalen zu finden, schreiben die Autor:innen. Der neue Ansatz könnte Stadtnetzwerke dazu inspirieren, Arbeitsgruppen zu bilden, die "über den Wissensaustausch und einseitiges Mentoring hinausgehen".
Das Modell ließe sich auch auf Städte außerhalb Europas ausdehnen. Bisher habe sie sich allerdings, so die internationale Forschungsgruppe, auf europäische Städte konzentriert.
Auch Berlin könne aus der Studie noch etwas lernen, ergänzte Koautor und PIK-Forscher Felix Creutzig. Die Stadt werde mit den derzeitigen Maßnahmen nicht einmal ihre moderaten Klimaziele für 2030 erreichen. "Es fehlt vor allem im Verkehrsbereich an angemessenen Politikinstrumenten."
Eine Herausforderung, die die deutsche Hauptstadt mit anderen europäischen Metropolen teilt.
