Bürger müssen ihre Zukunft gemeinsam selbst gestalten können, sagt Jakob Huber. (Bild: Peter Riemann/​Wikimedia Commons)

Klimareporter°: Herr Huber, das politische Motto "Yes, we can" ist aus der Mode gekommen, auch beim Thema Klimaschutz. Stattdessen heißt es "Drill, baby, drill". Müssen wir uns damit abfinden, dass andere Themen Vorrang haben, obwohl es sich um eine der wichtigsten Menschheitsfragen handelt?

Jakob Huber: Nein, keinesfalls. Dieser Umschwung ist selbst Teil des Problems. In meiner Forschung zeige ich, dass Demokratie auf der Fähigkeit beruht, sich als gemeinsame Gestalter der Zukunft zu verstehen. Wenn diese Hoffnung verloren geht, verliert die Demokratie ihre Grundlage.

Das Fatale: Hoffnungslosigkeit wird zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Wenn wir beim Klimaschutz resignieren, weil es ohnehin zu spät sei, dann wird es tatsächlich zu spät. 

Wie ist dieser Umschwung zu erklären? Noch vor ein paar Jahren gab hierzulande die Fridays-for-Future-Bewegung den Ton in der öffentlichen Debatte an, und die Grünen galten als kanzleramtsfähig …

Die Klimabewegung hat zwar Aufmerksamkeit geschaffen, aber keine überzeugende Vision einer lebenswerten klimaneutralen Zukunft vermittelt. Stattdessen dominierten Apokalypse-Rhetorik und Verzichtsforderungen. Menschen brauchen aber nicht nur die Warnung vor der Katastrophe, sondern auch eine Vorstellung davon, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

Die Grünen galten als kanzlerfähig, solange sie Hoffnung verkörperten. Diese ist verloren gegangen, auch weil die Ampel-Bundesregierung keine gemeinsame positive Vision für die sozial-ökologische Transformation hatte.

Umwelt und Klima lösen bei vielen inzwischen sogar Aggressionen aus. Besonders ist das in Ostdeutschland zu spüren. Lässt sich das noch umdrehen?

Die Aggressionen sind auch Ausdruck von Hoffnungslosigkeit. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass Klimapolitik "von oben" oktroyiert wird, ohne dass sie sich als Mitgestalter verstehen können, entsteht Widerstand. Das ist ein demokratisches Legitimitätsproblem.

In meiner Forschung arbeite ich daher am Konzept einer "diachronischen Demokratie": Bürger müssen sich als gemeinsame Autoren ihrer Zukunft begreifen können. Wenn Klimapolitik so kommuniziert wird, als würden Experten den anderen vorschreiben, wie sie zu leben haben, untergräbt das genau dieses Selbstverständnis. Umdrehen lässt sich das nur, wenn wir Klimapolitik als gemeinsames demokratisches Projekt neu rahmen – nicht als Zwang, sondern als kollektive Gestaltungsaufgabe.

Aber taugt das Klima-Thema überhaupt, um den Menschen Hoffnung zu vermitteln? Tatsächlich steuert die Welt derzeit ja auf drei Grad Erwärmung zu, was durchaus zu einer Klimakatastrophe führen würde.

Wir dürfen die Augen nicht vor der dramatischen Lage verschließen. Negative Emotionen wie Angst vor der Klimakatastrophe können uns durchaus helfen, überhaupt ins Handeln zu kommen. Aber langfristig reicht das nicht. Wir brauchen Zukunftsvisionen, die Hoffnung machen. Die klimaneutrale Zukunft muss nicht nur als Vermeidung der Katastrophe dargestellt werden, sondern als erstrebenswerte Lebensform positiv vorstellbar sein.

Die zentrale Frage sollte sein, wie wir eigentlich leben wollen. Wünschen wir uns nicht Städte mit sauberer Luft, in denen Kinder gefahrlos spielen können? Wollen wir nicht Arbeit, die sinnvoll ist und zur Lösung echter Probleme beiträgt? Der Drei-Grad-Pfad macht Hoffnung schwer, aber nicht unmöglich. Gerade weil noch vieles offen ist, können unsere Handlungen einen Unterschied machen.

Porträtaufnahme von Jakob Huber.
Bild: Anne Freitag

Jakob Huber

leitet am Institut für Philo­sophie der Freien Universität Berlin die Nachwuchs­forschungs­gruppe "Democratic Hope", die von der "Freigeist-Initiave" der Volks­wagen-Stiftung finanziert wird. Der Philosoph hat in Berlin, London und Oxford studiert und 2017 an der London School of Economics promoviert. Danach forschte und lehrte er an der Universität Frankfurt am Main.

Alle Parteien außer AfD und BSW halten Klimaschutz für wichtig. Wieso verhalten sie sich dabei so defensiv?

Die Parteien haben Angst, Wähler zu verlieren. Diese Abwehrhaltung ist aber kontraproduktiv – sie sendet die Botschaft, dass die Parteien selbst nicht daran glauben. Wenn politische Akteure keine klare Richtung mehr weisen, verlieren Menschen die Orientierung.

Die Parteien bräuchten Mut zu einer positiven Vision – nicht als utopische Blaupause, sondern als demokratisch zu verhandelndes Zukunftsprojekt. Das bedeutet auch Ehrlichkeit über Zielkonflikte, aber mit der klaren Aussage, dass die Kosten des Nicht-Handelns noch viel höher sind.

Wie sollte die Politik das Thema anpacken, damit es bei den Menschen ankommt?

Drei Dinge sind zentral. Erstens brauchen wir positive Visionen statt reiner Verzichtsrhetorik. Wie sieht das gute Leben im Jahr 2045 aus? Das muss konkret vorstellbar werden.

Zweitens braucht es echte demokratische Teilhabe statt Expertenherrschaft. Bürger müssen die Zukunft mitgestalten können.

Und drittens braucht es Mut zur langfristigen Erzählung – Politik muss über Legislaturperioden hinaus denken und eine kohärente Geschichte liefern, wie wir von hier nach dort kommen.

Braucht es charismatische Politiker wie Barack Obama oder früher Willy Brandt, um die Wende zu schaffen? Gibt es in Deutschland jemanden, der das leisten könnte?

Charisma hilft, aber es ist nicht die Lösung. Obamas "Yes, we can" wirkte, weil es Menschen ein Gefühl kollektiver Handlungsfähigkeit gab. Aber Charisma allein reicht nicht – es braucht auch institutionelle Strukturen und eine demokratische Kultur, die Hoffnung trägt. In Deutschland fehlt es aus meiner Sicht aktuell an Personen, die eine solche inspirierende Vision glaubwürdig verkörpern.

Aber das Problem ist tiefer: Unsere politische Kultur ist hoffnungsskeptisch geworden. Wer Visionen formuliert, wird schnell als naiv abgetan.

Was hat der Grünen-Politiker Robert Habeck falsch gemacht, dass er vom Hoffnungsträger zum Buhmann wurde?

Habeck wurde zum Buhmann, weil er zwar als Hoffnungsträger startete, dann aber vor allem als Verwalter von Krisen und Überbringer schlechter Nachrichten wahrgenommen wurde. Das zentrale Problem war, dass die Ampel keine gemeinsame positive Vision hatte. Stattdessen gab es Klein-Klein, Kompromisse, Rückzieher – und ein schlecht kommuniziertes Heizungsgesetz. Habeck hätte eine konsistente Erzählung gebraucht, die auch Rückschläge als Teil eines längeren Weges einordnet – nicht als Scheitern.

Braucht es neue Institutionen neben Bundestag und Bundesrat, um langfristige Themen wie Klima besser behandeln zu können?

Ja, definitiv. Wir brauchen Institutionen, die die zeitliche Dimension demokratischer Selbstbestimmung stärken. Das könnten Zukunftsräte oder Bürgerversammlungen sein, die sich gezielt mit langfristigen Fragen befassen, oder Generationenvertretungen, die zukünftigen Generationen eine Stimme geben.

Wichtig ist: Diese Institutionen dürfen nicht als technokratische Expertengremien missverstanden werden, sondern müssen demokratische Legitimität haben und das Gefühl kollektiver Autorschaft stärken.

 

Herr Huber, wie sieht Ihre positive Vision für ein umwelt- und klimafreundliches Deutschland aus?

Ich bin vorsichtig damit, eine fertige Vision vorzugeben – genau das ist ja Teil des Problems. Aber man kann Elemente skizzieren: Städte, in denen man wieder atmen kann und Kinder eigenständig mobil sind. Eine Industrie, die durch Innovation im Klimaschutz Wettbewerbsvorteile gewinnt, statt nur Kosten zu fürchten. Energieunabhängigkeit, die echte Sicherheit bedeutet. Gute Arbeit in Sektoren, die zukunftsfähig sind.

Entscheidend ist aber, dass solche Visionen demokratisch entwickelt, nicht von Experten oder Politikern vorgegeben werden. Es geht darum, einen Prozess zu schaffen, in dem Bürger gemeinsam aushandeln, wie diese Zukunft konkret aussehen soll. Nur dann entsteht das Gefühl, dass es wirklich unsere Zukunft ist, für die es sich zu kämpfen lohnt.