Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.
Klimareporter°: Herr Graßl, die Energiepreiskrise ist zurück, abgesehen vom Strompreis. Die Bundesregierung will mit einem neuen Tankrabatt sowie einem Spritpreisdeckel gegensteuern. Wozu raten Sie?
Hartmut Graßl: Die nach 2022 erneut rekordverdächtigen Preise für Energie aus den fossilen Energieträgern Erdöl und Erdgas sind erstens die Folge einer falschen Außenpolitik des amerikanischen Präsidenten. Er hat selbstherrlich einen Krieg begonnen – so wie vor über vier Jahren der Präsident der Russischen Föderation, der ebenfalls selbstherrlich das Völkerrecht brechend die Ukraine überfiel und dadurch eine Energiepreiskrise auslöste.
Zweitens ist die gegenwärtige heftige Debatte um den Spritpreis – und wegen der geringeren Zahl der Betroffenen etwas gedämpfter um den Heizölpreis – auch deswegen so bedeutend, weil viele Bürger über Jahre den Falschmeldungen der fossilen Lobby geglaubt haben. Die physikalisch und preislich überlegenen Techniken wie Wärmepumpe und Elektroautos wurden bewusst schlechtgeredet.
Das hat den Hochlauf der preiswerten und von Lieferungen aus Risikogebieten unabhängigen erneuerbaren Energien Sonne und Wind gebremst. Unsere Abhängigkeit von fossiler Energie ist im Verkehrssektor und beim Heizen von Gebäuden viel zu langsam gesunken.
Denjenigen, die seit Jahren teure Verbrennerautos kaufen und sogar jetzt noch bei den im Autoleben insgesamt günstigeren E‑Autos zögern oder den vergleichsweise preiswerten und in Städten oft mindestens gleich schnellen ÖPNV verschmähen, sollte nur dann finanziell geholfen werden, wenn sie nachweislich Geringverdiener sind.
Mein Vorschlag: Auszahlung des Klimageldes in Anlehnung an das Verfahren in der Schweiz. Dort werden zwei Drittel der Abgabe von 120 Schweizer Franken pro Tonne CO2 an alle Bürger unabhängig von ihren individuellen Emissionen zurückgegeben. Wer wenig emittiert, wird dadurch stark entlastet und umgekehrt.
Der CO2-Preis für große Emittenten in der EU liegt zurzeit bei etwa 75 Euro und der deutsche CO2-Preis für die anderen Emittenten bei 55 bis 65 Euro. Das Klimageld läge damit in einer Größenordnung der anderen zurzeit diskutierten Maßnahmen, wäre zielgenauer und langfristig wirksam.
Deutschland passt sich zunehmend an Hitze, Starkregen und andere Folgen der Erderwärmung an. Doch aus der Wissenschaft kommt Kritik: Viele Maßnahmen kämen zu spät, reichten nicht aus oder seien schlecht koordiniert. Könnte es hier helfen, eine neue Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung ins Grundgesetz aufzunehmen?
Die Anpassung an den jetzt auch für Normalbürger klar erkennbaren Klimawandel ist eine Weiterentwicklung der schon immer vorhandenen Anpassung an die Variabilität des Wetters, also die seltenen Extreme der Temperatur, des Niederschlags und des Wasserstands.
So enthielt zum Beispiel die Urkunde zur Zugehörigkeit der Kallbrunnalm zum Grabenlehen in Ramsau bei Berchtesgaden aus dem Jahr 1386 – ich wohnte bis 1951 auf diesem Bergbauernhof – eine Regelung für eine Fluchtweide in Tallagen bei hohen Neuschneefällen im Almsommer. Eine solche Flucht des Viehs war zum letzten Mal im Juli 1954 notwendig bei annähernd zwei Metern Neuschnee auf 1.450 Metern Meereshöhe.
Gegenwärtig ist allerdings – bei neuen Extremen der Hitze und des Starkregens aufgrund der globalen Erwärmung – eine stärkere Anpassung notwendig, weil sich auch das Klimamittel und damit die Wetterextreme in bisher unbekannte Rekorde verschoben haben und weiter verschieben werden.
Der Umfang der notwendigen Anpassungsmaßnahmen ist jetzt auch von der globalen Klimaschutzpolitik abhängig. Weil diese bisher nur sehr langsam vorankommt, müssen die Anpassungsleistungen immer höher werden und sie kommen noch stärker zu spät.
Das Völkerrecht hat mit dem Pariser Klimaabkommen von 2015, das eine maximal tolerierbare Erwärmung von zwei Grad Celsius im globalen Mittel festlegt, eine ausreichende Basis, wird aber von vielen Ländern nicht ernst genug genommen. Damit sind für alle Länder implizit auch Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel angesprochen.
Dass in Deutschland eine grundgesetzliche Verpflichtung zu Anpassungsmaßnahmen bei einer klimapolitisch keineswegs ehrgeizigen Regierung überhaupt eine Chance hat, ist sehr unwahrscheinlich. Wir kommen um eine verstärkte Klimapolitik entsprechend dem Paris-Abkommen nicht herum, wenn wir Anpassungen unserer Infrastruktur überhaupt noch schaffen wollen.
Energiesparsame KI kann den Bedarf an neuen Rechenzentren dämpfen, aber wegen des Rebound-Effekts nicht ganz kompensieren, erklärt der KI-Forscher Wolfgang Maaß im Interview über den problematischen Boom der künstlichen Intelligenz. Hat KI eigentlich die Klimaforschung vorangebracht?
Da ich wenig über die Effizienzmaßnahmen bei KI-Rechenzentren weiß, beschränke ich mich auf die mögliche Verbesserung der Wettervorhersage durch sogenannte künstliche Intelligenz.
Letztere beschreibt ja oft nur das Zusammenspiel verschiedener meteorologischer Variablen in einer globalen Zeitreihe aus den Beobachtungen der Wetterdienste in der Atmosphäre, an Bodenstationen und durch Satelliten.
Hilfreich ist dabei eine vom Deutschen Wetterdienst DWD am 6. September veröffentlichte Betrachtung der Stärken und Schwächen der Wettervorhersagen mit dem gegenwärtigen sehr präzisen numerischen Vorhersagemodell des Deutschen Wetterdienstes sowie mit dem drei Tage zuvor von Google vorgestellten KI-Modell Weathernext 3, das ebenfalls jede Stunde eine Vorhersage schafft.
Auch nutzt es direkt weitere Beobachtungen und damit Informationen, die in klassischen Analysesystemen erst verarbeitet werden müssen.
Laut dem DWD-Autor Nico Bauer ist diese Fähigkeit des Weathernext‑3-Modells besonders beim Niederschlag interessant, weil die aus Radar- und Satellitenbeobachtungen ableitbaren Niederschlagsverteilungen und die Intensität des Niederschlags meist wesentlich näher an den tatsächlichen Niederschlägen liegen als die globale Analyse eines numerischen Wettervorhersagemodells. Das führt zu Vorteilen in der Geschwindigkeit der Berechnungen und der damit verbundenen Häufigkeit neuer Vorhersagen.
Bei neuartigen klimatischen Bedingungen und Extremwetter wie Starkregen oder rasch intensivierten Stürmen und Gewittern fehlt im KI-Modell jedoch teilweise die hohe Vorhersagegüte, also gerade dann, wenn gesellschaftlich besonders bedeutsames Wetter droht.
Weiterhin kann das KI-Modell zwar für einzelne meteorologische Variablen plausible Werte berechnen, die aber insgesamt physikalisch nicht vollständig konsistent sind. Diese Inkonsistenz kann mit zunehmender Vorhersagezeit anwachsen. Dadurch kann die Vorhersage eines KI-Modells, das bei kurzer Vorhersagezeit trotz physikalischer Inkonsistenz noch eine höhere Güte aufweist, mit zunehmender Vorhersagezeit eine schlechtere Vorhersage liefern.
"KI-Wettermodelle sind insgesamt ein großer Fortschritt – doch gerade bei unbekannten Wetterregimen, seltenen Extremereignissen und sich rasch veränderten klimatischen Bedingungen wird sich zeigen, wie robust sie wirklich sind", urteilt Bauer und schlussfolgert: "Somit ist das wahrscheinlichste Zukunftsszenario nicht die vollständige Ablösung numerischer Wettervorhersagemodelle, sondern ein hybrides System aus KI- und numerischen Wettervorhersagemodellen, welches die Vorhersagegüte voraussichtlich insgesamt steigern wird."
Die AfD Sachsen-Anhalt plant laut ihrem Wahlprogramm die Gründung eines "Instituts für Klimapolitikfolgen". Es soll die Folgen der Klimapolitik der letzten Jahre "wissenschaftlich aufarbeiten", etwa was die Wirkungen der Windkraft auf Mensch und Natur betrifft. Nun gibt es ja schon Klimaskeptiker, seit die Wissenschaft die Folgen einer unaufhaltsam steigenden Konzentration von Treibhausgasen aufzeigt. Wie sind Ihre Erfahrungen im Umgang mit Klimaleugnern?
Die AfD hat sich beim Thema "Klimaänderungen durch den Menschen" mit ihrer Leugnung unseres Einflusses auf die offensichtliche globale Erwärmung der Erdoberfläche in eine schwierige Lage manövriert. Mit jedem neuen Rekord bei Wetterextremen auf allen Kontinenten und im Ozean werden ihre Erklärungsversuche à la "diese Wetterkapriolen gab es schon immer" lächerlicher.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Parteioberen nicht schon intern über eine Lösung nachdenken. Sollte das wirklich nicht der Fall sein, dann zweifle ich noch stärker an ihrem Realitatssinn und sie könnten demnächst bei Teilen ihrer Wähler eine Bauchlandung erleben.
Beim nächsten Wechsel der führenden Funktionäre wäre Gelegenheit für ein Umschwenken, denn die gegenwärtigen verlören dabei wohl ihr Gesicht. Das in Sachsen-Anhalt von der Partei geplante Institut für Klimapolitikfolgen zeigt jedoch, dass in diesem Bundesland der Realitätssinn die Pläne noch nicht erreicht hat.
Klimawandelskeptiker reagieren noch auf Argumente, Klimawandelleugner nicht mehr. Für Letztere bin ich Teil einer Verschwörung. Ich hoffe, dass es die Skeptiker in der AfD noch gibt und diese sich nicht alles bieten lassen.
Und was war Ihre Überraschung der Woche?
Eine der bedrohlichsten Veränderungen auf unserem Planeten ist der Meeresspiegelanstieg. Zum ersten Mal haben jetzt Wissenschaftler eine etwa 50-jährige Beobachtungsreihe der veränderten Geometrie der beiden großen Inlandeisgebiete in Grönland und der Antarktis zusammengestellt. Dazu haben sie die von Nasa und Esa in den nahen Weltraum gebrachten Satellitensensoren überlappend ausgewertet.
Seit 1972 für den grönländischen Eisschild und seit 1979 für den antarktischen zeigen Inès Otosaka und ihr Team in ihrer Studie in Nature Scientific Data, dass die Eisschilde von 1979 bis 2023 zusammen etwa 11.300 Milliarden Tonnen Eis verloren haben, wobei die Hauptursache für den Verlust die Beschleunigung der Gletscher ist, also ihr schnelleres "Rutschen" in Richtung Meer, nicht das Schmelzen an der Oberfläche.
Insgesamt stieg der globale mittlere Meeresspiegel durch beide Eisschilde seit Beginn der Satellitenbeobachtungen um 30 bis 33 Millimeter, was etwa ein Viertel des gesamten Anstiegs ist, der ja auch wesentlich durch die Ausdehnung des Meerwassers bei Erwärmung und den Schwund der Gebirgsgletscher verursacht wird.
Wegen der Beschleunigung des Eisverlustes in den letzten beiden Jahrzehnten ist der Eisschildbeitrag zu einem Hauptgrund für die Bedrohung der meisten Küstenregionen geworden, insbesondere – wegen der dadurch leicht umverteilten Erdanziehungskraft – in den niedrigen geografischen Breiten.
Fragen: Jörg Staude

Wie weit sich die Argumentation der Klimaskeptiker und -heuchler schon in die Politik und unsere Gesellschaft gefressen hat, zeigt gerade eindrücklich wieder der neue, grüne Autopate in Stuttgart namens Özdemir. Im Schulterschluss mit der bayerischen BMW-Marionette Söder und dem niedersächsischen VW-Pendant macht sich jetzt einer der prominentesten und einflussreichsten Pseudo-Grünen in unserer autoirren Republik für ein Ende des Verbrenner-Aus und diverse Rechentricks zugunsten der Auto-Mafia stark, die den Verkehr noch auf Jahrzehnte zum Klimakiller machen werden.
Das ist nicht verwunderlich nach dem Wahlkampf dieses grünen Zerrbildes Özdemir, wo schon klar gesagt und plakatiert wurde, dass die Wirtschaft vor dem Klima geschützt werden muss. Trotzdem war bei Umweltverbänden und der grünen Blase die Freude groß, als Özdemir wider erwarten den Erbsenzähler Hagel, der noch nicht einmal den Klimawandel einem Grundschüler erklären kann, besiegen konnte. Ich befürchte, meine Vermutung wird sich mit jedem Tag mehr bestätigen, dass die grüne Mogelpackung in BW am Ende nichts weiter als CDU-Politik mit grünem Anstrich ist. Aber am Ende will wahrscheinlich genau das eine Mehrheit unserer Mitbürger*innen, eine moderne Form des Ablasshandels, wo man sein Kreuz bei einer grünen Wirtschafts-Marionette macht, um dann mit gutem Gewissen seinen Privatpanzer ohne Geschwindigkeitsbegrenzung auf der Autobahn zu fahren. So geht mit wehenden Fahnen unsere Demokratie und Zukunft zu Grunde.
Die CO2-Besteuerung wird gerade ad absurdum geführt, aber das scheint Grassl nicht wahrzunehmen. Und zu KI fällt ihm bloss ein, dass sie die Wettervorhersagemodelle verbessert. Was da gerade an ökologischer Schadensmaximierung auf uns zurollt, ist ihm keine Rede wert.
Die feine Unterscheidung zwischen Klima(wandel)skeptikern und -leugnern wirkt angesichts einer Regierung, die den Klimawandel und seine Ursachen zwar nicht bestreitet, aber wissentlich einiges tut, das ihn verstärkt, obwohl die AfD bisher Opposition ist, scheint mir eher irrelevant.
Hm, nur wenn man das so lesen will. Ich lese es durchaus anders.
"Und zu KI fällt ihm bloss ein, dass sie die Wettervorhersagemodelle verbessert."
Kann man kritisieren, aber er sagt vorher, dass und warum er sich auf die Beantwortung der Frage beschränkt. Dass ein KI-Experte wie Santarius so etwas beantworten muss, ist klar, aber hat er ja auch (letzte Woche an dieser Stelle).