Die Nahrungsmittelproduktion ist in einem Teufelskreis gefangen: Bei steigenden Temperaturen brechen in Europa mehr Dürren aus. Das gefährdet die Produktion von Weizen und Gerste, Obst und Gemüse – es gibt Ernteausfälle, die Lebensmittelpreise steigen. Gleichzeitig verursacht die Nahrungsmittelindustrie durch Ackermaschinen, Düngerverarbeitung sowie Kühlung und Transport von Lebensmitteln weltweit rund ein Drittel aller Treibhausgase.
Während die Folgen des Klimawandels die Nahrungsmittelproduktion also stark beeinträchtigen, treibt die Art, wie Nahrungsmittel konsumiert und produziert werden, den Klimawandel massiv an. Wie lässt sich dieser Teufelskreis aufhalten?
Die EAT-Lancet-Kommission, ein Zusammenschluss internationaler Spitzenforscherinnen und ‑forscher unter Leitung von Johan Rockström vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), schlägt eine Ernährungsumstellung vor: die "Planetary Health Diet" – zu Deutsch etwa: Ernährung für einen gesunden Planeten.
Laut der Kommission könnte der planetenfreundliche Speiseplan zudem rund 15 Millionen vorzeitige Todesfälle durch falsche Ernährung bei Erwachsenen verhindern. Denn derzeit leiden mehr als 2,5 Milliarden Menschen weltweit an Fehlernährung. 800 Millionen sind unterernährt. Zudem sind global etwa zwei Milliarden Erwachsene übergewichtig oder fettleibig.
"Diese Ernährungsgewohnheiten können Leben retten, Emissionen drastisch verringern, den Verlust der Biodiversität bremsen und zu mehr Gerechtigkeit beitragen", sagt Rockström.
Das Einfache, das schwer zu machen ist
Die "Planetary Health Diet" ähnelt dabei einem klassischen, überwiegend pflanzlichen Ernährungsplan: täglich fünf Portionen Obst und Gemüse, drei Portionen Vollkornprodukte, eine Portion Nüsse, eine Portion Hülsenfrüchte wie Erbsen oder Linsen, eine Portion Milchprodukte. Dazu eine tägliche Portion tierisches Protein aus Eiern, Fisch und Fleisch – wobei vor allem rotes Fleisch nur etwa einmal pro Woche auf den Teller kommt.
Doch so simpel die Idee der "Planetary Health Diet" ist, so schwer gestaltet sich die Umsetzung. Denn aktuell ist fast die ganze Weltbevölkerung weit von dieser Idealvorstellung entfernt: Bis zu 7,5-mal mehr Kartoffeln, Süßkartoffeln oder Maniok landen täglich auf den Tellern als empfohlen.
Nordamerikaner verzehren sogar fast das 6,5-Fache der empfohlenen Menge an rotem Fleisch. In Südasien isst man hingegen nur etwa die Hälfte der empfohlenen Menge. "Die weltweiten Ernährungsgewohnheiten müssen sich grundlegend ändern", schlussfolgert Walter Willett von der Harvard University, Kovorsitzender der EAT-Lancet-Kommission.
Entsprechend würde sich die weltweite Landwirtschaft grundlegend verändern. Welche Folgen eine solche Agrartransformation hätte, zeigt eine neue Studie in der Fachzeitschrift Nature.
Dort verglich ein internationales Forschungsteam zwei Zukunftsszenarien für das Jahr 2050: ein Business-as-usual-Szenario, in dem alles weitergeht wie bisher, und ein Transformationsszenario, in welchem die Planetary Health Diet die Norm ist und sich außerdem die Lebensmittelverschwendung halbiert.
Es zeigte sich, dass im Transformationsszenario weltweit durchschnittlich halb so viel Fleisch produziert würde wie im Weiter-so-Szenario. Auch würde ein Drittel weniger Milchprodukte hergestellt. Der landwirtschaftliche Tierbestand würde um etwa 80 Prozent schrumpfen, wobei sich rund die Hälfte des Rückgangs auf die Fleisch- und 20 Prozent auf die Milchproduktion zurückführen ließen. Gleichzeitig würde die Produktion von Gemüse, Obst, Nüssen und Hülsenfrüchten um ein Viertel zunehmen.
Umstellung muss erschwinglich sein
Diese Trends würden zuvor genutzte Agrarflächen wieder freigeben, da Weideland für Tiere mehr Fläche einnimmt als Weizen-, Obst- oder Gemüseanbau. "Über alle von uns verwendeten Modelle hinweg könnte eine Transformation verglichen mit dem Business-as-usual-Szenario die weltweite landwirtschaftliche Flächennutzung bis 2050 um neun Prozent verringern", sagte Hauptautor Matt Gibson von der Cornell University.
Dies hätte weitreichende Auswirkungen. So würden die Netto-CO2-Emissionen aus agrarisch bedingten Landnutzungsänderungen im Transformationsszenario bis 2050 um drei Viertel sinken. Die direkten Methan- und Lachgasemissionen aus der landwirtschaftlichen Produktion würden um ein Drittel zurückgehen.
Zudem würden die Preise der Fleisch- und Milchprodukte fallen. Rotes Fleisch könnte ein Drittel billiger werden, Milcherzeugnisse circa 20 Prozent. "Unsere Studie zeigt, dass die Fortsetzung des derzeitigen Kurses die teurere Option ist", sagte Studien-Mitautor Hermann Lotze-Campen vom PIK.
"Die Chancen für Umwelt und Gesundheit sind enorm. Gleichzeitig erfordert der Umgang mit den strukturellen Herausforderungen im Agrarsektor eine kohärente Ernährungs- und Agrarpolitik sowie einen Dialog, der alle relevanten Akteure einschließt", betonte PIK-Forscherin Felicitas Beier, ebenfalls Koautorin.
Eine der größten Herausforderungen ist jedoch die prekäre Wirtschaftslage in vielen Staaten. Dies zeigte eine 2022 im Fachmagazin Foods publizierte Studie. Sie untersuchte für 147 Länder, wie das Bruttoinlandsprodukt und Abweichungen von der Planetary Health Diet zusammenhängen.
Es zeigte sich, dass in den ärmsten Ländern vorwiegend billige, stärkehaltige Grundnahrungsmittel wie Mais, grobes Getreide und stärkehaltiges Gemüse wie Kartoffeln, Maniok oder Süßkartoffeln verzehrt werden. Steigt der allgemeine Wohlstand, wird die Ernährung vielseitiger: Erst wird mehr Weizen und Reis konsumiert, dann landen mehr Obst, Gemüse und tierische Produkte auf den Tellern.
In einkommensschwachen Ländern muss eine Umstellung auf die Planetary Health Diet entsprechend erschwinglich sein, damit Menschen sie sich überhaupt leisten können.
Die EAT-Lancet-Kommission betont, dass eine Transformation Unterstützungsmaßnahmen wie Subventionen für Obst und Gemüse in Kombination mit Abgaben auf ungesunde Lebensmittel erfordert. Zudem sollten internationale Organisationen Mittel für Hilfsprogramme bereitstellen, um Entwicklungsländer bei den ambitionierten Ernährungszielen zu unterstützen, fordern die Forschenden.
