"Auto, Umwelt und Verkehr: Umsteuern, bevor es zu spät ist." Die Überschrift klingt nach einem Workshop von Fridays for Future. Tatsächlich ist es der Titel mehrerer Schriften der IG Metall vom Anfang der 1990er Jahre.

Zu der Zeit setzte sich die Gewerkschaft für weniger Autoverkehr in Ballungsräumen, für ein größeres Angebot im öffentlichen Nahverkehr sowie ein Tempolimit ein. Auch wenn die IG‑Metall-Schriften nicht massenhaft Verbreitung fanden, so zeigen sie die Sensibilisierung der Gewerkschaft für Umwelt- und Klimathemen – und das schon vor 30 Jahren.

 

Auch heute beschäftigen sich die beiden großen Industriegewerkschaften – die IG Metall und die IG Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) viel mit Klimapolitik. Dabei geraten sie immer wieder in den Fokus der öffentlichen Klima-Diskussion: Entweder gelten sie als mögliche Vorreiter von Klima- und Umweltpolitik, die sich besonders für die soziale Frage einsetzen – oder als Bremser. Was steckt dahinter?

Was damals wie heute gilt: Die gewerkschaftliche Sicht auf Umwelt- und Klimapolitik ist maßgeblich von der Frage geprägt, wie sich der Umbau zu einer grünen Wirtschaft auf die Arbeitsplätze auswirkt. Denn klar ist: Orientiert sich die Industrie konsequent an der 1,5-Grad-Grenze, werden sich ganze Branchen – und die darin verankerten Arbeitsplätze – verändern und bisweilen ganz wegfallen. Zuletzt war das beim Kohleausstieg zu beobachten.

Nicht verwunderlich ist es deshalb, dass es immer wieder harte Auseinandersetzungen um klimapolitische Maßnahmen gab, wie beispielsweise zwischen Klimaaktivist:innen und Mitgliedern der IGBCE am Hambacher Forst.

Industrie gilt als Garant für gut bezahlte Arbeit

Die politische Entscheidung zum Zeitpunkt des Ausstiegs aus der Kohleverstromung wurde getroffen. Nun stehen unter anderem die Transformation der Stahl-, Automobil- sowie der Chemie- und Pharmaindustrie im Fokus. Aus Klima- und Umweltperspektive zählen sie mit zu den kritischsten Branchen Deutschlands: Sie verursachen hohe Emissionen oder stellen klimaschädliche Produkte her, etwa den Verbrennungsmotor.

Diese Diskussion erschüttert viele Menschen, gerade in einem Land wie Deutschland, dessen Industrie für viele immer noch der große Stolz ist und als Garant für sichere und gut bezahlte Arbeitsplätze gilt. 

Einige Monteurinnen und Monteure gehen auf einem Fahrweg in Richtung eines Windparks.
Beim gewerkschaftlichen Organisationsgrad in der Erneuerbaren-Branche ist noch viel Luft nach oben. (Bild: Visoot Uthairam/​Shutterstock)

Zum einen löst sie Existenzängste bei den Beschäftigten aus. Zum anderen identifizieren sich die Beschäftigten oft stark mit ihrer Arbeit. Ein Verlust des Arbeitsplatzes bedeutet auch, einen Teil der eigenen Identität zu verlieren.

Da ist es kein Wunder, dass die AfD mit dem gezielten Schüren von Ängsten vor Deindustrialisierung – angeblich ausgelöst durch die "grünen Spinner" – besonders viel Zulauf erhält, vor allem in den Regionen, die vom Strukturwandel betroffen sind. Analysen zu den tatsächlichen Gründen der Veränderungen werden dabei ignoriert.

Während populistische Parteien schnell Schuldige benennen, ist die Realität viel komplexer. Tatsächlich sind die Ursachen für den aktuellen Wandel auch viel in weltwirtschaftlichen und geopolitischen Entwicklungen zu suchen.

Und dennoch: Die anstehenden Veränderungen bedeuten eine reale Bedrohung für viele Beschäftigte. Die neu entstehenden Jobs, die die Transformation verspricht, helfen nicht in jedem Fall weiter. Nicht immer passen die Anforderungen der neuen Arbeitsplätze zu den Qualifikationen der Beschäftigten, deren Jobs verschwinden.

Nicht immer sind die neuen Jobs so gut bezahlt wie die alten. Nicht immer entstehen neue Arbeitsplätze genau dort und zu dem Zeitpunkt, wenn die alten verloren gehen. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist real – und nicht durch Optimismus und Klimaneutralität zu beschönigen.

Konstruktiven Dialog aufs Gemeinsame fokussieren 

Gewerkschaften stehen mittendrin in dieser Gemengelage. Sie haben auf der einen Seite das offizielle Mandat, die Interessen der Arbeitnehmer:innen ihrer Branchen zu vertreten.

Eine der zentralen Forderungen der Industriegewerkschaften lautet deswegen, energieintensive Unternehmen beim Strompreis zu entlasten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das unternehmerische Interesse von Wettbewerbsfähigkeit und das Interesse von Beschäftigten und Gewerkschaften, bestehende Arbeitsplätze zu erhalten, gehen hier Hand in Hand.

Bild: NELA

Tanja Brumbauer

ist Gründerin und Partnerin des Next Economy Lab (Nela). Der gemein­nützige Verein begleitet Gewerk­schaften, Kommunen und Unter­nehmen auf dem Weg zu einer nach­haltigeren Wirtschaft. Brumbauers Arbeits­schwer­punkte sind nachhaltiges und zukunfts­fähiges Arbeiten sowie trans­formative berufliche Bildung.

Aus der Perspektive energieintensiver Industrien ist ebenfalls nachvollziehbar, dass Industriegewerkschaften immer wieder auch umstrittene Technologien als zentrale Lösungen ins Gespräch bringen – wie den Hochlauf von Wasserstoff unabhängig davon, ob die Energiequelle grün ist oder nicht, sowie die CO2-Abscheidung und ‑Speicherung (CCS). 

Die Kritiker:innen aus Klima- und Umweltbewegung bemängeln, dass dadurch strukturelle Anpassungen der Industriebranchen verzögert werden und es so weniger Anreiz gibt, Energie zu sparen. Deshalb werden Industriegewerkschaften oft als Bremser gesehen, die ökologische Ziele beiseitestellen, wenn es um ihre eigenen Interessen geht.

Sie vorschnell in diese Ecke zu stellen, ist jedoch nicht zielführend. Es gilt, in einem konstruktiven Dialog über Lösungen zu bleiben, die sowohl soziale als auch ökologische Ziele ernst nehmen. Insbesondere in einer Zeit, in der unsere Demokratie in Gefahr ist, Zehntausende von Arbeitsplätzen verloren gehen und wir einen Rückschlag in Sachen Klimapolitik erleben.

Wir müssen uns auf das Gemeinsame fokussieren! Wir alle wollen in einer friedlichen demokratischen Gesellschaft leben, in der wir, aber auch zukünftige Generationen, ein sicheres Leben führen können.

Gewerkschaften stehen dabei als Organisationen klar zu den Pariser Klimazielen und vertreten auch die Interessen von Arbeitnehmenden in der Zukunft. Und dass die Erhaltung der Lebensgrundlagen in deren Sinne ist, ist unbestreitbar.

Rückzüge in Klimapolitik sorgen für Verunsicherung

Von einem klaren Kurs in diese Richtung sind wir allerdings weit entfernt. Ganz im Gegenteil: Sei es das Klimageld, das Verbrenner-Aus oder das Streichen von Subventionen für die Energiewende – die Ankündigungen wie die Rückzüge in der Klimapolitik verunsichern Beschäftigte und Unternehmen. Diese brauchen aber Planungssicherheit. Aktuell haben diejenigen einen Nachteil, die sich auf den Wandel eingestellt haben.

Genau darum brauchen wir ein breites sozial-ökologisches Bündnis, das sich für einen ökologischen Umbau der Wirtschaft und Arbeitswelt einsetzt, der in der Fläche friedlich und sozial verträglich ist. Gewerkschaften sind hier neben Wohlfahrts- und Umweltverbänden sowie der Zivilgesellschaft ein zentraler Partner.

Ein gutes Vorbild kann die Blue-Green Alliance aus den USA sein, die zur ersten Amtszeit von Präsident Donald Trump entstanden ist. Ihr Ziel: sichere Arbeitsplätze und Umweltschutz zu vereinen und eine saubere, wohlhabende und gerechte Wirtschaft zu schaffen, die von der Verknüpfung von Arbeitsrechten und Umweltschutz profitiert.

In Deutschland kann hier auf die vielfältige Bündnisarbeit aus den vergangenen Jahren aufgebaut werden – der Zusammenschluss von Verdi und Fridays for Future in "Wir fahren zusammen", das Bündnis sozialverträgliche Mobilitätswende oder die vielen verschiedenen Initiativen auf regionaler Ebene.

 

Dieser begonnene Vertrauensaufbau zwischen den verschiedenen Parteien muss weitergehen. Wir müssen verstehen, was die jeweils andere Seite bewegt, was Angst bereitet und was uns vor Herausforderungen stellt. Wir müssen uns auf das gemeinsame langfristige Ziel besinnen.

Und wir müssen hart daran arbeiten, politische Strategien zu finden, die wir alle tragen können. Es braucht eine breite Unterstützung für die sozial-ökologische Wende – auch aus Reihen der Gewerkschaften.

Dafür braucht es starke Gewerkschaften mit vielen Mitgliedern, insbesondere in den grünen Branchen – dafür kann auch die Umweltbewegung lobbyieren. Denn nur mit einem starken Bündnis können wir die Transformation sozial gerecht gestalten.