Geht es um Hitze am Arbeitsplatz, greifen Medien gern zum berühmten Dachdecker, der bei 40 Grad und mehr schwer körperlich tätig ist und nicht nur Hitze, sondern auch UV-Strahlung aushalten muss.
In der Baubranche ist das Problemfeld Extremwetter und Klimawandel schon lange angekommen. Geraten wird zum Verschatten mit Kopfbedeckung plus Nackenschutz, Sonnensegeln oder Wetterschutzzelten, zu UV-Schutzcreme und vermehrten Trinkpausen.
Natürlich habe es auch früher immer Hitzetage gegeben – allerdings keine mit so extremen Spitzentemperaturen und in der Häufigkeit wie jetzt, meint Frank Werner. Für den Leiter der Prävention bei der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft (BG BAU) sind die derzeitigen Auswirkungen des Klimawandels erst der Anfang kommender Veränderungen, wie er am Mittwoch in Berlin bei der Vorstellung des Gesundheitsreports 2025 der Techniker Krankenkasse (TK) betont.
Unter der Überschrift "Macht das Wetter krank?" versucht der Report den Einfluss des Klimawandels auf die Arbeitswelt zu beleuchten.
Dazu gehört eine Umfrage unter rund eintausend Beschäftigten verschiedener Branchen. Deren Ergebnis: 60 Prozent der Befragten sagen, sie spürten an ihrem Arbeitsplatz Folgen des Klimawandels und das beeinflusse ihre Gesundheit bereits. Nur 21 Prozent sehen das wiederum nicht so.
Schwere Arbeit draußen birgt die größten Risiken
Besonders gefährdend ist dabei – das Dachdecker-Beispiel zeigt es – die Kombination von Arbeit im Freien und schwerer Arbeit.
Beschäftigte, die überwiegend draußen arbeiten, beispielsweise im Baugewerbe oder in der Landwirtschaft, fühlten laut dem Report mit einem Anteil von 77 Prozent der Befragten deutlich mehr Auswirkungen des Klimawandels als solche, die drinnen tätig sind (50 Prozent).
Gleiches gilt für die Befragten, die schwer körperlich tätig sind, im Vergleich zu den Berufstätigen, die überwiegend am Schreibtisch sitzen wie etwa in der Verwaltung (75 zu 39 Prozent).
Als gesundheitliches Problem Nummer eins schälten sich bei der Befragung allerdings die psychischen Folgen von Hitze und Klimawandel heraus. In diesem Punkt habe ihn der Report tatsächlich überrascht, gesteht der Vorstandschef der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, am Mittwoch. "Der Klimawandel ist ein Gesundheitsrisiko, vor dem die Arbeitswelt nicht die Augen verschließen darf", betont der TK-Chef entsprechend.
Die psychischen Probleme äußerten sich dabei laut dem Report vielfältig. Das können depressive Symptome sein, eine geringere Leistungsfähigkeit, höhere Fehlzeiten oder auch die Belastung infolge von Technologiesprüngen, die zum Beispiel eine Umstellung auf ganz andere, klimaneutrale Verfahren in den Betrieben mit sich bringt.
Arbeitgeber sehen weniger Dringlichkeit
Dies kann jahrzehntelange Erfahrungen und Kenntnisse der Leute entwerten und Zweifel mit sich bringen, ob man kommenden Anforderungen gewachsen ist. "Es werden neue Maschinen angeschafft, von denen die Leute nicht mehr wissen, ob sie daran wie zuvor jeden Handgriff beherrschen oder ob sie im schlimmsten Fall als Beschäftigte nicht mehr gebraucht werden", erläutert Fabian Krapf vom Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung, das die Befragung durchführte.
Für die Arbeitgeber sind die Folgen des Klimawandels übrigens weniger dringlich als für die Beschäftigten. Bei den ebenfalls befragten Unternehmen sehen nur 40 Prozent Auswirkungen auf die Gesundheit ihrer Beschäftigten.
Zur Abhilfe haben die Arbeitgeber auch eher "weiche" Maßnahmen im Blick. Mehr als 40 Prozent der befragten Unternehmen bevorzugen, Bewusstsein für ein nachhaltiges Verhalten zu schaffen. Erst dann kommen bauliche Maßnahmen zur Klima-Anpassung dran.
Hier gebe es Nachholbedarf, stellt Fabian Krapf fest. Er rät zu einer offenen Kommunikation über den Stellenwert des Klimawandels im Unternehmen. Auch erwarteten die Beschäftigten mehr Unterstützung etwa durch Hitze- und Notfallpläne sowie flexible Arbeitszeitregelungen.
Für TK-Chef Baas stehen die Unternehmen hier auch noch vor einem Lernprozess. Auch wenn rund die Hälfte der Beschäftigten davon spreche, psychische Probleme mit der Hitze und Sorgen um den Klimawandel zu haben, werde dieser Zusammenhang oft nicht so direkt sichtbar, sagt Baas. Den meisten Arbeitgebern sei noch nicht bewusst, dass es hier ein Potenzial für Erkrankungen gebe, das erst mittel- und langfristig seine Wirkung entfaltet.
Im Zuge des Reports hatte die Krankenkasse auch Krankschreibungsdaten ihrer sechs Millionen Versicherten analysiert, vor allem dahingehend, ob Hitzetage zu deutlich mehr Krankmeldungen führen.
Wie schon bei Analysen in der Klimaforschung, wie viel zusätzliche Hitzetote eine steigende Temperaturbelastung mit sich bringt, ergab auch die Sichtung von Millionen Krankheitsdaten keinen unmittelbaren Zusammenhang von Hitze und Krankheit.
Als harten Fakt erbrachte die TK-Analyse, dass nach einem Hitzetag eine Reihe von Diagnosen mehr als doppelt so häufig zu Arbeitsunfähigkeit führt, als das saisonal zu erwarten wäre. Dazu gehören zum Beispiel Krankschreibungen mit Borreliose (typischerweise nach Zeckenbiss), mit Kreislaufproblemen, niedrigem Blutdruck, Sonnenbrand, Insektenstichen und bestimmten Wundinfektionen.
Die Diagnose "Schäden durch Hitze und Sonnenlicht", mit der vorrangig Hitzschlag und Sonnenstich erfasst werden, führt dabei im Umfeld von Hitzetagen sogar rund siebenmal häufiger als erwartet zu Arbeitsunfähigkeit.
Wirklich hitzebedingte Krankschreibungen machen aber nach wie vor nur einen Bruchteil des gesamten Krankenstandes aus, stellten die TK-Analysten letztlich fest. Insofern lassen sich auch über Krankmeldungen die Folgen von Hitzetagen nicht direkt abbilden.
Gesundheitsreport 2025
- Für den neuen Gesundheitsreport wertete die Techniker Krankenkasse (TK) Krankschreibungen der rund sechs Millionen bei ihr versicherten Erwerbspersonen aus. Zusätzlich wurden im Januar 2025 bundesweit 992 Beschäftigte sowie 351 Arbeitgeber befragt.
- Drei von vier Beschäftigten im Außenbereich gaben am häufigsten an, am Arbeitsplatz vom Klimawandel betroffen zu sein, bei Beschäftigten im Innenbereich ist es jeder zweite. Wer schwer körperlich arbeitet, sieht sich häufiger betroffen (75 Prozent der Befragten) als diejenigen, die keiner körperlichen Arbeit nachgehen (39 Prozent).
- Gegenüber den Beschäftigten sehen die Arbeitgeber den Klimawandel deutlich weniger als Gesundheitsrisiko: Nur 40 Prozent erkennen Folgen für Arbeitsplätze und Gesundheit ihrer Beschäftigten. 61 Prozent gehen von eher geringen oder gar keinen Folgen aus.
- Die Folgen des Klimawandels für Gesundheit am Arbeitsplatz macht jeder zweite Beschäftigte an erhöhter Luftschadstoffbelastung oder dem Arbeiten in der Hitze fest. Für 47 Prozent ist die veränderte UV-Strahlung eine weitere Ursache.
- Die Folgen des Klimawandels spüren Beschäftigte an ihrem Arbeitsplatz am häufigsten durch psychische (49 Prozent) und körperliche Erkrankungen (45 Prozent). 43 Prozent berichten von einer geringen Leistungsfähigkeit und Produktivität, 42 Prozent von höheren Fehlzeiten und 41 Prozent von einem höheren Unfallrisiko.
- Für gesundes Arbeiten wünscht sich mehr als ein Drittel der Beschäftigten, dass ihr Arbeitgeber für nachhaltiges Verhalten sensibilisiert sowie bauliche Anpassungen vornimmt, etwa die Klimatisierung von Büroräumen (35 Prozent). Jeweils ein Viertel spricht sich für flexiblere Arbeitszeiten, für Hitzeaktionspläne, Notfallpläne für Extremwetter und lockerere Bekleidungsregeln aus.
- Um Beschäftigte zu schützen, gaben 42 Prozent der befragten Arbeitgeber an, Bewusstsein für nachhaltiges Verhalten zu schaffen. Weitere Angebote sind bauliche Anpassungen (36 Prozent), flexible Arbeitszeiten (20 Prozent) oder ein Hitzeaktionsplan (17 Prozent).
- Hohe Kosten sind mit 41 Prozent der häufigste Grund, warum Unternehmen bisher keine Maßnahmen zum Klima- und Gesundheitsschutz ergreifen, dann folgen bürokratischer sowie organisatorischer Aufwand (28 und 27 Prozent), fehlende gesetzliche Vorgaben (25 Prozent) und technische Voraussetzungen (24 Prozent) sowie fehlendes Wissen zur Umsetzung (23 Prozent).
