"Hier geht es nicht darum, unseren Planeten zu retten – es geht darum, uns selbst zu retten. Die Wildnis wird sich wieder erholen – mit oder ohne uns", erklärt die sofort erkennbare sanfte Stimme David Attenboroughs in seinem Dokumentarfilm "Mein Leben auf unserem Planeten".
Genau genommen sagt Attenborough in dem Film: "This is not about saving our planet, it is about saving ourselves. With or without us, the wild will rebuilt." Denn Attenborough, dessen entspannende Stimme und markant britischer Akzent schon fast als Synonym für den perfekten Naturdoku-Abend stehen, ist Engländer.
Geboren wird David Attenborough vor 100 Jahren, am 8. Mai 1926, in London. In Leicester, einer Stadt im Zentrum Englands, wächst er gemeinsam mit seinen zwei Brüdern und zwei aus Nazideutschland geflohenen jüdischen Mädchen auf.
Schon als Kind begeistert sich der junge David für Naturgeschichte und sammelt Fossilien, Insekten und getrocknete Seepferdchen. Das Interesse bleibt. Er studiert Naturwissenschaften an der Universität Cambridge. Nach dem Abschluss arbeitet Attenborough in einem Verlag für wissenschaftliche Kinderbücher – was ihn jedoch zu langweilen beginnt.
Vater der Naturdokumentation
Auch aus diesem Grund bewirbt sich Attenborough für eine Radioproduzenten-Ausbildung bei der BBC. Die erste Sendung, in der der zukünftige Pionier des Naturfilms auftritt, trägt den Titel "Zoo Quest". Attenborough und sein Team dokumentieren darin, wie Tiere in freier Wildbahn für den Londoner Zoo eingefangen werden.
Der große Durchbruch gelingt Attenborough erst im Alter mit der Großproduktion "Life on Earth". Drei Jahre lang besucht er dafür mit einem Team aus Kameraleuten und Forscher:innen 100 Orte in der ganzen Welt, um über 600 verschiedene Arten zu beobachten – darunter die friedlichen Berggorillas Ruandas und der Quastenflosser, ein als "lebendes Fossil" bekannter Fisch. Bis heute setzt die Serie Maßstäbe für Qualität im Naturfilm.
Es folgen Dutzende Dokumentationen mit bombastischen Aufnahmen von Walen, Geparden und Eisbären, unter anderem "Blue Planet" und "Frozen Planet".
Doch es sind die Aufnahmen des letzten Besuchs von Attenboroughs Team bei der Schildkröte "Lonesome George" auf Galapagos, die die größte Bekanntheit erlangen. "Er ist etwa 80 Jahre alt und wird schon etwas knarzig in den Gelenken – genau wie ich", kommentiert der damals 86-jährige Attenborough das Zusammentreffen.
Zwei Wochen später stirbt George – und da er der letzte seiner Art ist, stirbt bei seinem Tod auch die Pinta-Riesenschildkröte aus. "Er lenkt die Aufmerksamkeit der Welt auf die Verletzlichkeit der Umwelt", so Attenborough.
Sir Attenborough und der Klimawandel
Vielleicht sind es Erfahrungen wie diese, die Attenborough dazu treiben, sich mehr für den Schutz der Umwelt einzusetzen. Denn lange Zeit hat er zu dem Thema geschwiegen. Erst mit seinem Dokumentarfilm "The Truth about Climate Change" ändert sich der Tonfall.
Von da an folgen zahlreiche Werke, die die Klimakatastrophe und ihre Folgen für Pflanzen und Tiere in allen ihren Facetten deutlich machen. So handelt "Blue Planet II", eines der meistgesehenen Werke im britischen Fernsehen, von der Plastikverschmutzung der Ozeane.
"Wir sind von der Natur abhängig für jeden Bissen Nahrung, den wir zu uns nehmen, und für jeden Atemzug", beschreibt Attenborough einmal das Verhältnis des Menschen zur Umwelt.
Und so rücken seine neueren Dokumentarfilme die Auswirkungen menschlichen Handelns, die Zerstörung von Lebensräumen und das Risiko des Artensterbens stärker in den Mittelpunkt. "Planet Earth III" behandelt die planetaren Grenzen unserer Erde, und die einstündige Dokumentation "Climate Change: The Facts" spiegelt die Entwicklung der Klimawissenschaften selbst wider.
Doch sein Engagement für den Umweltschutz endet nicht bei Dokumentarfilmen. Im Jahr 2021 spricht Attenborough vor dem UN‑Sicherheitsrat. "Der Klimawandel ist die größte Gefahr für die Sicherheit, mit der Menschen in der modernen Zeit je konfrontiert waren", sagt Attenborough bei einer Online-Sitzung des Rates.
Und auch auf der 26. UN-Klimakonferenz in Glasgow spricht Attenborough über die Bedrohungen durch den Klimawandel.
Was hat es gebracht?
Doch welchen Einfluss hatte die Arbeit von Attenborough, nach dem mittlerweile 50 verschiedene Arten, darunter die fleischfressende Pflanze Nepenthes attenboroughii und der Attenborough-Langschnabeligel, benannt sind, wirklich auf den Klimaschutz?
Scheinbar eine große. Denn laut einer Umfrage des britischen Thinktanks Climate Outreach ist David Attenborough die Stimme zum Klimawandel, der fast jeder bereit ist zuzuhören. Mehr als 95 Prozent der Befragten kennen ihn. Und laut der Untersuchung genießt er das Vertrauen von Menschen aus dem gesamten politischen Spektrum – von "progressiven Aktivisten" bis zu "konservativen Stammwählern".
Hinzu kommt, dass "das Genre des Dokumentarfilms über verschiedene Disziplinen hinweg zunehmend als wirkungsvolles Instrument anerkannt ist, um soziale und wissenschaftliche Themen zu vermitteln und eine informierte öffentliche Debatte zu fördern", wie die Autoren einer Studie der Suan Sunandha Rajabhat University in Bangkok erklären.
Ihre Untersuchungen ergaben, dass zumindest emotional und visuell ansprechende Naturdokumentationen – zu denen man auch Attenboroughs Dokumentationen zählen könnte – nicht nur das Interesse für Klimafragen steigern, sondern auch zu Verhaltensänderungen anregen. Weitere Studien zum Thema belegen dies.
Doch damit eine Klimadokumentation die Zuschauer:innen zum Handeln motiviert, muss sie auch lokal relevante Inhalte präsentieren, wie die Studien zeigen. Eine wunderschöne Doku über die Weiten des Meeres und die schockierenden Gefahren des drohenden Golfstrom‑Kollapses allein würde noch nicht unbedingt zum Handeln anregen.
Doch auch hier scheint sich Attenborough, der Großvater der Naturdokumentation, wieder am Puls der Zeit zu bewegen. Denn pünktlich zu seinem 100. Geburtstag wendet er sich in der neuen BBC-Dokumentation "Wildes London – mit Sir David Attenborough" ebendiesen regionalen Themen zu und zeigt, wie die Tiere in seiner Heimatstadt sich mit Geschick an die vom Menschen geschaffenen Welten anpassen.
Queen Elizabeth schlug ihn wegen seiner Verdienste für den Naturschutz gleich zweimal zum Ritter – 1985 und 2022 – und beschrieb seine Leistungen mit den Worten: "Ihre Fähigkeit, die Schönheit und Verletzlichkeit der Natur zu vermitteln, bleibt unübertroffen." Das scheint David Attenborough verdient zu haben.
