Auf einer Bergweide in den Alpen bei Berchtesgaden grast eine Kuhherde.
Klimaentlastung durch nachhaltige Beweidung ist nur eines der Themen, die auf dem Symposium behandelt werden. (Bild: Boule/​Shutterstock)

Klimareporter°: Frau Reinisch, am 25. September veranstaltet die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler anlässlich des 85. Geburtstages von Hartmut Graßl ein Symposium. Als Titel hat Ihre Vereinigung "Von den Alpen bis zum Watt" gewählt. Was hat es damit auf sich?

Maria Reinisch: Der Titel ist ein Bild für die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen und für die wir Antworten finden müssen, die über Disziplinen und Generationen hinweg gefordert sind. 

Dafür hat Professor Hartmut Graßl eine Pionierleistung vollbracht: Er hat das Thema Klimawandel früh und unermüdlich in Wissenschaft, Politik und Medien getragen. Und das zu einer Zeit, in der das noch "karriereschädlich" war.

Sein eigenes Leben spannt den Bogen von den Alpen, wo er als Kind im Berchtesgadener Land auf der Alm Kühe hütete und das Wetter beobachtete, bis nach Hamburg, wo er als Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie Klimaforschung auf Weltniveau betrieb.

Unser Titel "Von den Alpen bis zum Watt" steht aber auch für die Vielfalt unserer Umwelt- und Gesellschaftsthemen überall in Deutschland. Das reicht von der Gebirgsökologie bis zum Küstenschutz, von regionalen Fragen bis zu globalen Antworten. Es geht uns um nachhaltige Lösungen, die uns wieder zusammenbringen, und zwar gesellschaftlich, wirtschaftlich und ökologisch.

Beim Symposium soll es sowohl um die ökologische Krise als auch um den gesellschaftlichen Zusammenhalt gehen. Beides sind sehr große Themen. Sprengt das nicht den Rahmen einer eintägigen Veranstaltung?

Momentan erleben wir oft, wie ökologische und gesellschaftliche Fragen gegeneinander ausgespielt werden. Das schwächt uns und verhindert nachhaltige Lösungen. Beide Themen greifen aber wie Zahnräder ineinander. Man kann das eine nicht ohne das andere lösen.

Wir wollen zeigen: Nachhaltigkeit ist kein Randthema für "die anderen", sondern betrifft jede und jeden unabhängig von Alter, Beruf oder Herkunft.

Unser Symposium ist interdisziplinär angelegt, intergenerationell und bewusst für alle Menschen gedacht. Wir wollen bewegen, inspirieren und Mut machen sich einzubringen.

Mein Wunsch ist, dass wir uns nicht weiter populistisch spalten lassen, sondern gemeinsam Orientierung finden und stärker zusammenstehen.

Das Symposium soll Impulse geben. Und das nicht nur für diesen Tag, sondern für weitere Diskussionen, Projekte, Netzwerke, Initiativen und konkrete Umsetzungen.

Genau dafür steht auch Hartmut Graßl. Seine Arbeit ist wissenschaftlich fundiert, gesellschaftlich relevant und immer mit Blick auf das große Ganze.

Porträtaufnahme von Maria Reinisch.
Bild: Andreas Schoelzel

Maria Reinisch

studierte Betriebs­wirtschafts­lehre und hat zehn Jahre das Marketing eines IT-Start‑ups aufgebaut und geleitet. Mehr als 15 Jahre war sie Top-Managerin für Marketing und Kommunikation bei Siemens. 2018 promovierte sie in der Gehirn­forschung zu Leadership im Kontext von Selbst- und Fremd­perspektive. Seit 2016 ist sie Geschäfts­führerin der Vereinigung Deutscher Wissen­schaftler (VDW). In aktuellen Projekten arbeitet sie etwa mit Kommunen und Universitäten an Lösungen für Wärmewende und Sektor­kopplung.

Sie planen am 25. September auch eine Reihe von Workshops, unter anderem mit Beteiligung von Schülerinnen und Schülern. Warum?

In unseren Workshops geht es um zentrale Fragen: Wie kann nachhaltige Landwirtschaft zu einem Win-win-win für Bauern, Natur und Gesellschaft werden? Wie sichern wir fruchtbare Böden? Wie machen wir Orte klimaresilient? Wie begeistern wir für die Energiewende? Und wie stärken wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt und unser demokratisches Miteinander?

Zukunft wird nur funktionieren, wenn wir sie gemeinsam gestalten, und zwar über Generationen hinweg.

Der Workshop mit Schülerinnen und Schülern ist uns dabei besonders wichtig: Die jungen Menschen werden viel länger mit den Folgen der Klimakrise leben müssen als die Entscheider von heute.

Daher ist es wichtig, dass sie ihre Anliegen für eine nachhaltige Zukunft mit Nachdruck einbringen können und sich dabei mit Wissenschaftlern und Entscheidern von heute vernetzen. Und in ihrem Workshop sollen die Jugendlichen auch voneinander lernen und sich stärken, damit sie erfolgreich mitentscheiden können, etwa über ein Klimaparlament oder mit Wissen zu lebenswichtigen Themen wie Wasser.

Sie sind viel mehr als die "Zukunft von morgen" – sie sind eine gestaltende Kraft von heute. Und wie gut das klappen kann, hat Fridays for Future ja schon gezeigt.

In einem der Programmpunkte geht es um die Verantwortung der Wissenschaft angesichts der aktuellen Herausforderungen. Wie sieht die Position der VDW dazu aus?

Die VDW, die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler, trägt diese Verantwortung seit ihrer Gründung 1959 tief in ihrer DNA. Damals waren es der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker und die Physik-Nobelpreisträger Max Born, Otto Hahn, Werner Heisenberg, Max von Laue und einige andere, die die Nutzung der Atomenergie für militärische Zwecke verhindern wollten.

Das war der Ausgangspunkt, und bis heute gilt: Wir müssen Antworten finden, die mit einem breiten, verantwortlichen Blick auf die Zukunft gerichtet sind.

Der Mensch hat sich in eine noch bedrohlichere Lage gebracht, in der seine weitere Existenz gefährdet ist, ob durch atomare, biologische oder chemische Waffen, Umweltzerstörung oder digitale Fehlentwicklungen.

Heute sind diese Bedrohungen besonders greifbar. Die VDW sieht es als Kernaufgabe, diese Gefahren klar zu benennen und Wege aufzuzeigen, wie wir leben wollen. Und das interdisziplinär, wissenschaftlich fundiert und mit der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

 

Welche Expertinnen und Experten haben eigentlich schon zugesagt?

Wir freuen uns natürlich auf Hartmut Graßl selbst wie auf viele weitere herausragende Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft: etwa auf Mojib Latif, einer der bedeutendsten Klimaforscher unserer Zeit und Präsident der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.

Zugesagt haben auch Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, und Michael Otto, Unternehmer und Stifter, der Nachhaltigkeit zu einem festen Bestandteil seines Wirkens gemacht hat.

Dazu kommen Sebastian Sladek, Geschäftsführer eines der größten Ökostromanbieter in Schönau im Schwarzwald, und Elke Pahl-Weber, die weltweit Projekte für Nachhaltigkeit und Miteinander vorangebracht hat. Teilnehmen werden Laura Marie Edinger-Schons, Hubert Weiger und Daniela Jacob, Direktorin des Climate Service Center Germany – und viele mehr.

Es soll ein Tag voller Erkenntnisse, inspirierender Begegnungen und konkreter Ansätze werden. Und es wird hoffentlich der Startpunkt für viele weitere Initiativen, die von den Alpen bis zum Watt und darüber hinaus wirken.

Logo der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler: Ein dunkelblauer Streifen, in der Mitte blau herausgearbeitet die Buchstaben VDW, links in Weiß auf Blau der volle Name, rechts ebenso das Motto: Verantwortung der Wissenschaft.

Umweltkrise und Demokratie

Hartmut Graßl ist einer der bedeutendsten Klimaforscher unserer Zeit. Zu seinem 85. Geburtstag veranstaltet die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) am 25. September 2025 in Hamburg das interdisziplinäre und intergenerationelle Symposium "Von den Alpen bis zum Watt". Es geht um Themen, die Hartmut Graßl besonders bewegen: Ursachen und Folgen der Klimakrise, Verlust von Biodiversität – und wie eine gerechte sozial-ökologische Transformation gelingen kann. Klimareporter°, zu dessen Herausgeberrat Graßl gehört, ist Medienpartner und begleitet das Symposium mit einer Beitragsserie.