Entwarnung bei der Hitze? Nicht von der Klimaforschung. Das macht der aktuelle Bericht "Indicators of Global Climate Change" (IGCC) klar. Den legte diese Woche ein internationales Team vor.

Eigentlich befassen sich mit der Zukunft des Klimas die regelmäßigen Sachstandsberichte des Weltklimarates. Die erscheinen allerdings nur alle fünf bis zehn Jahre. Aus Sicht der Forscher ist das viel zu selten, um mit dem Tempo der Erderwärmung Schritt zu halten. Deshalb legen sie seit 2023 einmal jährlich einen aktuellen Klima-Bericht vor.

 

Der neue IGCC-Bericht lässt keine Zweifel offen: Das Weltklima erwärmt sich nicht nur weiter, sondern auch immer schneller. Pro Jahr steigt die globale Durchschnittstemperatur nicht mehr – wie noch im letzten Weltklimabericht beschrieben – um 0,19 Grad Celsius, sondern um 0,27 Grad.

Auch nach den längerfristigen Maßstäben der Klimaforscher wird um 2030 die 1,5-Grad-Grenze dauerhaft überschritten sein. In zwölf Jahren kommt sogar die 1,7-Grad-Grenze in Sicht.

Über Land, wo die Menschen leben, kann das Temperaturplus dabei bis zu drei Grad betragen. Damit steigen gerade auch in Europa Häufigkeit, Dauer und Intensität von Hitzeperioden, die durch den Klimawandel verstärkt werden.

Stabile Hochdrucklagen ohne nächtliche Abkühlung gelten für die Menschen als besonders gefährlich, stellen ein hohes Risiko für gefährdete Gruppen dar und belasten Gesundheitswesen, Pflege, soziale Einrichtungen und kritische Infrastruktur.

Deutschland nicht auf anhaltende Extremhitze vorbereitet

Genau vor dieser Entwicklung warnen diese Woche auch mehr als 150 zivilgesellschaftliche Organisationen. In einem extremen Hitzedom-Szenario hält das Bündnis in Deutschland Zehntausende Todesfälle innerhalb weniger Tage für möglich. Darauf sei das Land derzeit nicht vorbereitet, kritisieren die Organisationen und rufen dazu auf, den gesundheitsbezogenen Hitzeschutz in Deutschland konsequent und flächendeckend umzusetzen.

Auch aus Sicht von Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) macht die Hitze unter den Wetterextremen vielen Menschen am meisten zu schaffen. Seit 2018 gebe es immer mehr Tage mit Temperaturen über 30 Grad, erklärte Schneider anlässlich des bundesweiten Hitzeaktionstages am Donnerstag.

Alles im Griff? Am Hitzeaktionstag maß der Umweltminister mit einer Wärmebildkamera die Temperatur in einem Stadtquartier-Modell. (Bild: Christoph Soeder/BMUKN)

Für den Minister läuft der Schutz vor Hitze auch auf eine soziale Frage hinaus. "Wer keinen Garten oder Pool hat und in aufgeheizten Wohnungen in zubetonierten Stadtvierteln lebt, kann sich eben schlecht gegen Hitze schützen", erklärte er. Insofern sei es wichtig, dass alle Menschen Zugang zu Parks und kühlen öffentlichen Räumen haben.

Bei konkreten Anti-Hitze-Maßnahmen verwies der Umweltminister vor allem auf das Programm für natürlichen Klimaschutz. Bäume, Moore und Auen speicherten Wasser und sorgten für Abkühlung, erläuterte Schneider. Auch Hitzeaktionspläne sind für den Minister ein zentrales Instrument.

In einem Forschungsvorhaben lässt das Umweltministerium gerade die mögliche Ausgestaltung eines nationalen Hitzeaktionsplans erkunden. Für den Hitzeschutz sind in Deutschland derzeit noch vor allem die Länder und Kommunen zuständig. Landkreisen und Städten biete sein Haus Unterstützung in Form finanzieller Förderung und Expertise an, versicherte Minister Schneider.

Fördergelder für Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen ausgeschöpft

Was den natürlichen Klimaschutz gerade in urbanen Räumen betrifft, hatte die Deutsche Umwelthilfe (DUH) in dieser Woche bei der Vorlage ihres dritten Hitzechecks die Neubau-Politik mit ihrer massiven Flächenversiegelung scharf kritisiert. Besonders alarmiert zeigte sich die Umweltorganisation auch davon, dass in den untersuchten 195 größten Städten Deutschlands in den vergangenen sieben Jahren nahezu eine Million Bäume verschwunden sind.

Setze sich dieser Trend fort, müssten in wenigen Jahren viele in menschenfeindlichen Betonwüsten leben, warnte DUH-Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz. Die Umwelthilfe fordert verbindliche Vorgaben für Entsiegelung, für mehr Stadtgrün und damit mehr Schatten bei jeder Sanierung, jedem Straßenumbau und jedem Bauprojekt.

Luftaufnahme einer mittelgroßen deutschen Stadt im Sommer.
Hitzewellen sind die größte klimabedingte Belastung für die Gesundheit, allerdings bleiben Hitzeopfer weitgehend unsichtbar. (Bild: Alexandr Konkov/​Shutterstock)

Die Bundestagsabgeordnete Julia Schneider von den Grünen macht ihrerseits darauf aufmerksam, dass bei zwei zentralen Anti-Hitze-Förderprogrammen des Umweltministeriums – "Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen" sowie "Maßnahmen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels" – die Mittel in diesem Jahr bereits erschöpft sind und keine neuen Vorhaben mehr finanziert werden.

Der Vorschlag ihrer Fraktion, im Sondervermögen ausdrücklich die Schaffung von blau-grüner Infrastruktur aufzunehmen, sei abgelehnt worden, kritisiert die Grünen-Politikerin. "Wer bei der Klimaanpassung spart, verschärft damit nicht nur die Folgen der Klimakrise, sondern auch die soziale Ungleichheit", betonte sie.

In Bundestags-Anträgen fordern die Grünen jetzt, die Förderrichtlinie zur "Klimaanpassung in sozialen Einrichtungen" aufzustocken, um eine hohe Anzahl an Anträgen bewilligen zu können. Noch in diesem Jahr solle zudem eine Fördermöglichkeit geschaffen werden, die auch die Umsetzung kommunaler Maßnahmen finanziert.

Auch soll nach dem Willen der Grünen die Unterstützung durch "Beauftragte für Klimaanpassung in der Sozialwirtschaft" sowie die im Klimaschutzprogramm 2026 ursprünglich eingeplante Förderung zur klimagerechten Sanierung sozialer Infrastruktur eingeführt und finanziell ausreichend ausgestattet werden.

Neue Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation

Bezüglich der finanziellen Ausstattung der beiden Fördertöpfe sowie auch von Baumpflanzprogrammen verwies der Bundesumweltminister am Donnerstag auf die laufenden Verhandlungen zum Bundeshaushalt 2027. Schneider räumte ein, dass es in den Kommunen Probleme bei der Kofinanzierung solcher Maßnahmen gebe, etwa wegen der zurückgehenden Steuereinnahmen.

Sein Ziel sei es, so Schneider, die Mittel für die Klimaanpassung im sozialen Bereich hoch zu halten, genaue Zahlen könne er aber nicht nennen.

Eine gute Nachricht, jedenfalls was Leitlinien betrifft, gab es am Donnerstag auch von der Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie stellte in Berlin einen neuen Leitfaden für Hitzeaktionspläne zum Schutz der Gesundheit vor.

Neu an dem Leitfaden ist laut WHO, dass Erfahrungen aus 20 Jahren Hitzeschutz-Umsetzung nunmehr zusammengefasst sind. Das Papier stelle dabei nicht nur auf Maßnahmen ab, die die Menschen selbst zu ihrem Schutz treffen können, sondern schaue auch danach, welche Verantwortung die staatlichen Stellen haben.

 

Der neue, evidenzbasierte Leitfaden der UN-Organisation gebe den Behörden einen klaren Fahrplan an die Hand, um Vorsorgesysteme aufzubauen, die Leben retten, betonte Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa, am Donnerstag. 

Hoffentlich nimmt auch der Klimawandel Rücksicht auf den Fahrplan und legt nicht noch weiter an Geschwindigkeit zu. Bislang jedenfalls hat die Hitze die Nase vorn.

Anzeige