1. Platz der Altersgruppe im Jugend-creativ-Wettbewerb: "Immer mehr, der Preis steigt" von Tosca-Maribel, 17 Jahre, aus Frankfurt am Main. (Bildrechte: BVR)
 

Klimareporter°: Herr Fuchs, in der Bevölkerung sinkt die Aufmerksamkeit über den Klimawandel. 2019 machten sich noch 51 Prozent der Befragten große Sorgen wegen der Erderwärmung, heute sind es nur noch 33 Prozent. Sind Sie als Polarexperte und aktiver Mahner vor den Folgen der Klimakrise auf verlorenem Posten?

Arved Fuchs: Diese Entwicklung sehe ich mit großer Sorge. Wenn man auf die geringe Rolle schaut, die das Thema derzeit in der Politik spielt, ist das schon frustrierend. Aber ich bin durch meine vielen Expeditionen geprägt. Wenn es da einen Leitsatz gibt, dann lautet er: Never give up, niemals aufgeben. Wenn ich im Sturm auf See bin oder irgendwo auf dem Eis stehe und sage: Ich mache nicht mehr weiter – dann hilft mir das nicht.

Bei mir löst die aktuelle Situation eher die Reaktion aus: Jetzt erst recht. Man darf nicht nachgeben und nicht resignieren. Genau deshalb mache ich Öffentlichkeitsarbeit. Wir versuchen, Menschen virtuell mitzunehmen, auch aufs Schiff in die Arktis, und sie emotional zu erreichen, ohne zu moralisieren.

Das ist das, was wir leisten können und wollen, unabhängig davon, wie die politischen Rahmenbedingungen gerade sind. Es ist umso wichtiger, dieses Thema immer wieder nach vorn zu bringen. Dem Klima ist es egal, ob wir parallel noch andere Krisen zu meistern haben. Die Erderwärmung schreitet voran. Das wissen wir, das ist wissenschaftlich belegt. Nur scheint man sich immer weniger darum zu kümmern. Deshalb muss man umso stärker dagegenhalten. 

Es ist erst wenige Jahre her, da gab es die großen Fridays-for-Future-Demonstrationen, danach den Green Deal der EU und das Klima-Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Heute scheint das alles fast Geschichte zu sein. Was sind die Ursachen für diesen Absturz in der Bedeutung des Themas?

Die Zeit mit Fridays for Future war eine Phase, in der ich aufgeatmet habe. Ich dachte: Endlich sind junge Menschen aufgewacht und artikulieren sich. Sie waren bestens vernetzt und haben tatsächlich etwas bewirkt. Das Thema kam wirklich in der Politik an.

Dann kam leider Corona dazwischen. Das hat sehr viel auseinandergebracht. Der Gedanke ans Klima ist bei jungen Menschen nicht verschwunden, aber er ist stark in den Hintergrund getreten. Wenn ich mir Wahlanalysen anschaue und sehe, dass junge Menschen plötzlich auch die AfD wählen, die den Klimawandel leugnet, dann macht mich das sprachlos.

Wie eine solche Entwicklung in so kurzer Zeit eintreten konnte, ist schwer zu begreifen. Aber es ist nun einmal so. Deshalb müssen wir junge Menschen wieder erreichen und sie auf unterschiedlichen Ebenen einbinden, damit sie sich angesprochen fühlen und die Dringlichkeit des Handelns erkennen.

Arved Fuchs

ist Polarforscher und Buchautor. 1989 erreichte er als erster in einem Jahr Nordpol und Südpol zu Fuß. Mit seinem Expeditions­schiff "Dagmar Aaen" dokumentiert er sichtbare und messbare Folgen der Erderwärmung, besonders in den Polar­regionen. Er initiierte das Jugendcamp "Ice, Climate, Education", das Klima­forschung erfahrbar machte, und ist Schirmherr des 56. inter­nationalen Wettbewerbs "Jugend creativ" zum Thema "Meer entdecken".

Sie haben oft mit jungen Menschen zu tun. Macht Ihnen das Mut?

Ja. Junge Menschen sind spontan und neugierig. Sie sind nicht so eingefahren in ihren Vorstellungen wie viele Erwachsene. Ich bekomme sehr viel Zuspruch von jungen Menschen.

Viele finden es spannend, dass wir mit einem Segelschiff in polare Regionen fahren und dort wissenschaftliche Daten sammeln. Es gibt junge Leute, die mitfahren und danach ein naturwissenschaftliches Studium aufnehmen wollen oder schon dabei sind. Man kann also keineswegs pauschal sagen, junge Menschen seien desinteressiert.

Leider gibt es eine große Zahl, bei der das Thema in den Hintergrund gerückt ist. Aber jeder, den man erreicht, kann in seiner Altersgruppe wieder als Multiplikator wirken. Das ist meine große Hoffnung. So schnell, wie sich die Stimmung seit Fridays for Future verändert hat, kann sie auch wieder umschwenken.

Aber dafür muss man etwas tun. Wir dürfen nicht müde werden, Aufklärungsarbeit und Öffentlichkeitsarbeit zu leisten – auf möglichst vielen Ebenen.

Viele junge Menschen kennen zwar die Fakten zur Klimakrise, fühlen sich aber gelähmt. Wie gelingt es, aus Ohnmachtsgefühlen echte Handlungsenergie zu machen?

Das Thema Angst spielt eine große Rolle. Ich halte immer wieder Vorträge vor Schülerinnen und Schülern. Wenn man dort nur beschreibt, wie schlimm die Situation ist, erreicht man manchmal das Gegenteil: Die Jugendlichen blenden das Thema aus oder verdrängen es, weil sie sich überfordert fühlen. Dann kommt schnell die Frage: Was können wir denn schon machen?

Deshalb muss man immer eine positive Botschaft mitliefern. Ja, wir haben ein Problem. Aber wir können dieses Problem auch lösen. Und das stimmt ja auch. Wir haben die Technologie, wir haben das Wissen, und ich sage auch: Wir haben das Geld.

Was die Bundesregierung derzeit mit ihrem Klima-Rollback macht, halte ich für fahrlässig. Es erzeugt Unsicherheit, auch in der Wirtschaft.

Wer hätte in den 1980er Jahren geglaubt, dass ein Industriestandort wie Deutschland einmal rund 60 Prozent seines Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugt? Man wäre damals ausgelacht worden. Heute gibt es selbst bei vielen Unternehmen, die früher stark auf der fossilen Seite standen, ein großes Interesse daran, erneuerbare Energien weiter voranzutreiben. Das jetzt politisch abzuwürgen, halte ich für falsch.

Woher kommt das Rollback? Die Bundesregierung bremst die erneuerbaren Energien, will Erdgas- und Ölheizungen offenbar länger ermöglichen und das Verbrenner-Aus aufweichen. Was steckt dahinter?

Eine Erklärung liegt vielleicht in den Biografien der Handelnden. Wenn man sich etwa anschaut, wo Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche von der CDU herkommt, dann sieht man ihre Nähe zur fossilen Energiewirtschaft, insbesondere zum Erdgas-Bereich.

Auf einem großen Haufen Konsum-Müll sitzt ein Mensch im Taucheranzug mit einer roten Flagge, von oben strahlt etwas Licht ins Dunkel.
"Der Gipfel" von Jonas, 16 Jahre, aus Langquaid in Niederbayern (4. Platz). Bildrechte: BVR

Ihrem grünen Vorgänger Robert Habeck wurde vorgeworfen, er sei der schlechteste Wirtschaftsminister aller Zeiten gewesen. Heute hat sich dieses Urteil aus meiner Sicht in Teilen revidiert. Vieles, was er angestoßen hat, wird übernommen, und vieles war perspektivisch richtig. Die Kommunikation seines Ministeriums war sicherlich verbesserungswürdig, aber inhaltlich war vieles auf dem richtigen Weg.

Was heute aus dem Wirtschaftsministerium vorgeschlagen und in Gesetze gegossen wird, halte ich für fahrlässig. Den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen weiter nach hinten zu verschieben, wirft uns zurück. Das sagt der Klima-Expertenrat, das sagen viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Außerdem sorgt es für Unsicherheit bei Unternehmen, die den Umbau vorantreiben wollen.

Ist es sinnvoll, junge Menschen immer wieder mit neuen Krisenszenarien zu konfrontieren, etwa mit der aktuellen Nachricht, dass Europa sich schneller als andere Kontinente erwärmt? Oder muss man das anders vermitteln?

Man darf nicht zu abstrakt argumentieren. Wenn man sagt: Europa erwärmt sich besonders schnell, bleibt das für viele Menschen weit weg – nicht nur für Jugendliche, auch für Erwachsene. Man muss konkreter werden.

Nehmen wir die Katastrophe im Ahrtal. Sie wurde durch Extremwetterereignisse ausgelöst, von denen wir wegen des Klimawandels in Zukunft mehr erleben werden. Allein diese regional begrenzte Katastrophe hat enorme Schäden verursacht. Dabei ist die persönliche Tragödie der Menschen noch gar nicht eingepreist. Wenn man solche Zahlen nennt und erklärt, dass rechtzeitige Investitionen in Klimaschutz und Anpassung viele dieser Schäden hätten mindern können, wird das Thema greifbarer.

Neu ist die Erkenntnis über den Klimawandel ja nicht. Sie existiert seit Jahrzehnten. Lange galt aber das Prinzip der drei großen D: deny, delay, do nothing – leugnen, verzögern, nichts tun. Da stehen wir im Moment teilweise wieder, siehe Trump.

Junge Menschen muss man emotional einbinden. Sie müssen begreifen: Wenn wir die richtigen Entscheidungen treffen, dann bekommen wir das Problem in den Griff. Reine Endzeitprophetie hilft nicht. Für Menschen, die ihr Leben noch vor sich haben, ist das furchtbar. 

Sie sind Schirmherr des Wettbewerbs "Jugend creativ", bei der junge Menschen Umwelt- und Klimathemen in gemalte Bilder und Filmeübersetzen. Warum ist dieser Ansatz wichtig?

Ich finde diese Methode hervorragend. Wer ein Bild zu Umwelt und Klima malt, muss sich intensiv mit der Thematik auseinandersetzen – fachlich, aber vor allem auch emotional. In einer digitalen Welt, in der Social Media und viele andere Dinge auf junge Menschen einprasseln, ist das ein wunderbarer analoger Ansatz: sich Zeit nehmen, kreativ werden, ein Thema wirklich durchdringen.

Und: Ein solches Bild bleibt ja nicht nur bei demjenigen, der es gemalt hat. Es wird gezeigt, weitergereicht, diskutiert. Kreativität bedeutet nicht nur, Bilder oder Ideen umzusetzen. Sie kann auch den Blick auf Lösungen öffnen: Was können wir tun, damit es nicht so kommt, wie wir es vielleicht befürchten? Die jungen Menschen von heute sind die Entscheidungsträger von morgen.

Wettbewerb "Jugend creativ"

Der internationale Wettbewerb "Jugend creativ" wird seit mehr als 50 Jahren von Genossenschaftsbanken in Deutschland und fünf weiteren europäischen Ländern ausgerichtet. Ziel ist es, Kinder und Jugendliche über kreative Arbeiten an gesellschaftlich wichtige Themen heranzuführen.

"Schnorchelausflug" von Levi, 8 Jahre, aus Neu-Ulm (1. Platz). Bildrechte: BVR

Der diesjährige Wettbewerb stand unter dem Motto "Meer entdecken". Über 250.000 Beiträge wurden eingereicht, darunter rund 185.000 Bilder, mehr als 400 Kurzfilme und 65.300 Quizlösungen. Die besten Arbeiten wurden im Mai von Bundesjurys in Berlin ausgewählt. Viele Beiträge zeigen das Meer nicht nur als Sehnsuchtsort, sondern thematisieren auch Verschmutzung, Artenverlust und Klimawandel.

Die Erstplatzierten bei der Bildgestaltung treten nun international gegen Arbeiten aus Frankreich, Italien/Südtirol, Österreich, Luxemburg und der Schweiz an. Hier werden die Preisträger am 26. Juni in Berlin geehrt. In der ersten Augustwoche nehmen zudem rund 40 Top-Platzierte aus Deutschland an der Bundespreisträgerakademie teil, wo sie in Workshops mit Kunst- und Filmschaffenden weiterarbeiten.

Können Erwachsene aus den Kunstwerken und Klimareflexionen junger Menschen lernen?

Das hoffe ich sehr. Ich habe einige Bilder gesehen, und sie erzeugen Nachdenklichkeit. Ich hoffe, dass das auf fruchtbaren Boden fällt. Solche Arbeiten können eine Diskussionsgrundlage sein. Man kann darüber reden, vielleicht auch streiten. Genau das kann Kunst bewirken: Sie setzt einen Dialog in Gang. Ich wünsche mir, dass die Bilder generationenübergreifend wirken – bei jungen Erwachsenen, aber auch bei Älteren.

Sie sind seit Jahrzehnten nicht nur als Expeditionsleiter in polaren Regionen unterwegs, sondern auch als Umweltbotschafter. Dass die Klimakrise immer kritischer wird, hat Sie nicht in die Resignation getrieben. Wie schaffen Sie das persönlich?

Ich betrachte mich als sehr privilegierten Menschen. Ich hatte Zugang zu diesen wunderbaren, aber auch gefährlichen Landschaften an Nord- und Südpol, durfte diese Reisen machen und bin immer heil zurückgekommen. Das war nicht nur mein Verdienst, sondern manchmal auch Glück.

Deshalb sehe ich mich ein Stück weit in der Pflicht des Chronisten: darüber zu berichten, was ich gesehen habe, und meinen Teil dazu beizutragen, Lobbyarbeit für die Natur zu leisten. Das lässt mich nicht müde werden. Ich werde das tun, solange ich es leisten kann.

Was waren Ihre jüngsten Erfahrungen auf den Reisen?

Unser Projekt "Ocean Change" läuft inzwischen im elften Jahr. Es geht um Veränderungen der Ozeane. Wir haben daraus ein Citizen-Science-Projekt aufgebaut, das wir über klassische Kanäle, aber auch stark über soziale Medien kommunizieren, weil wir gerade dort junge Menschen erreichen.

Wir arbeiten eng mit wissenschaftlichen Instituten zusammen, unter anderem mit dem Geomar in Kiel und dem Leibniz-Institut für Ostseeforschung in Warnemünde. Wir nehmen Messungen vor, die von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern analysiert werden.

Sie zeigen deutlich: Die Meere werden wärmer. Über eine Dekade lässt sich das bereits erkennen – und für Klimamaßstäbe ist eine Dekade nur ein Wimpernschlag. Man merkt, dass sich die Ozeane verändern, dass Stürme heftiger werden, dass mehr Energie im Wasser und in der Atmosphäre steckt.

Es gibt auch die Befürchtung, dass die Erwärmung Auswirkungen auf das hat, was man umgangssprachlich den Golfstrom nennt – wissenschaftlich genauer: die Atlantische Meridionale Umwälzzirkulation, AMOC. Gerade in Grönland verändert sich die Chemie des Meeres durch den enormen Eintrag von Schmelzwasser aus dem Grönländischen Eisschild. Dadurch wird die Salzkonzentration des Meerwassers verdünnt, das spezifische Gewicht verändert sich und mit ihm viele weitere Parameter.

Das ist alles sehr komplex. Wir versuchen, Transparenz hineinzubringen und Menschen virtuell mit an Bord zu nehmen. Das ist die Idee dieses Citizen-Science-Projekts.

 

Am Donnerstag fahren Sie wieder los. Wohin geht es?

Zunächst über Island nach Grönland, an die Ost- und dann an die Westküste. Danach geht es weiter in die kanadische Arktis.

Wann sind Sie zurück?

Ich selbst werde Mitte September zurück sein. Das Schiff bleibt den Winter über in Kanada, weil das Projekt im nächsten Jahr fortgesetzt wird.