Klimareporter°: Herr Latif, Deutschland und große Teile Europas haben kürzlich eine außergewöhnlich lange und extreme Hitzewelle erlebt. Müssen wir Temperaturen von 40 Grad und mehr inzwischen als das "neue Normal" betrachten?
Mojib Latif: Temperaturen von 40 Grad gab es noch vor einigen Jahrzehnten in Deutschland nicht. Daran sehen wir, dass die globale Erwärmung sehr dynamisch verläuft und vor allem auch Europa betrifft. Klar ist: Extreme Hitzewellen werden in der Zukunft häufiger auftreten und noch intensiver werden.
Welche Rolle spielte der menschengemachte Klimawandel bei dieser konkreten Hitzewelle?
Allein die Tatsache, dass wir in den letzten Jahren neue Allzeit-Rekorde registrieren, spricht schon dafür, dass der menschengemachte Klimawandel hier eine Rolle spielt. Mit Klimamodellen kann man zudem zeigen, dass extreme Hitzewellen wie die jüngste ohne den Anstieg der Treibhausgase in der Atmosphäre kaum möglich wären.
Besonders belastend waren ja nicht nur die Höchsttemperaturen am Tag, sondern auch die tropischen Nächte. Welche gesundheitlichen Folgen erwarten Sie, wenn solche Hitzeperioden häufiger, länger und großräumiger auftreten?
Auch bezüglich der Nachttemperaturen hat es mit 29,4 Grad einen neuen Allzeit-Rekord gegeben. In zahlreichen Wohnungen war es vermutlich noch sehr viel wärmer. Der menschliche Körper stößt bei solchen Temperaturen an seine Grenzen. Das Faktum, dass es viele Hitzetote gab, spricht für sich.
Deutschland gilt als wohlhabendes und technisch gut ausgestattetes Land, ist aber auf extreme Hitze vielfach schlecht vorbereitet. Wo sehen Sie die größten Defizite?
Wir haben die globale Erwärmung nicht ernst genommen und die Infrastruktur nicht an die neuen Umweltbedingungen angepasst, obwohl die Entwicklung vorherzusehen war. Das Resultat: Wir sind in keiner Weise angepasst. So weit hätte es nicht kommen dürfen. Wenn schon die Deutsche Bahn von Bahnreisen abrät, spricht das Bände.
Klimaanpassung ist jetzt das A und O. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Die globale Erwärmung wird weiter voranschreiten, denn die weltweiten Treibhausgasemissionen, auf die es ankommt, sind selbst nach dem Pariser Klimaabkommen 2015 weiter angewachsen.
Mojib Latif
ist Professor für Ozeanzirkulation und Klimadynamik am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar) und an der Universität Kiel, außerdem Präsident der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome und der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.
Die Bundesregierung betont inzwischen häufig die notwendige Anpassung. Besteht die Gefahr, dass Klimaanpassung als Ersatz für konsequenten Klimaschutz missverstanden wird – nach dem Motto: Richten wir uns eben auf drei Grad Erwärmung ein?
Die Gefahr besteht durchaus, obwohl man es seitens der Politik nicht zugeben möchte. Gerade in Zeiten finanzieller Engpässe könnte man die notwendigen Transformationsprozesse auf die lange Bank schieben.
Welche konkreten Entscheidungen müsste die Bundesregierung jetzt treffen, damit die nächste Hitzewelle nicht wieder nur Betroffenheit und kurzfristige Hilfsmaßnahmen auslöst? Wo wären schnelle Fortschritte beim Klimaschutz besonders wichtig – im Verkehr, bei Gebäuden, in der Energiepolitik oder beim Abbau fossiler Subventionen?
Wir müssen uns alle Bereiche schnellstens vornehmen. An erster Stelle muss aber die Gesundheit der Menschen stehen. Deswegen müssen umgehend Maßnahmen zum Hitzeschutz in Krankenhäusern, Seniorenheimen, Schulen und Kindergärten getroffen werden. Die erforderlichen Finanzmittel müssen aus dem Sondervermögen, dem Klima- und Transformationsfonds und dem Abbau umweltschädlicher Subventionen kommen.
Anderes Thema: Deutschland verursacht zwei Prozent der weltweiten Emissionen. Wie begegnen Sie dem Argument, nationale Klimaschutzmaßnahmen seien weitgehend wirkungslos, solange China, die USA, Indien und andere große Emittenten nicht entschlossener handeln?
Das ist eine Frage der globalen Gerechtigkeit. Unser Pro-Kopf-Ausstoß etwa ist viel höher als der vieler anderer Länder.
Dennoch: Deutschland hat mit der Energiewende einen bedeutenden Beitrag zum globalen Klimaschutz geleistet. Wir haben die erneuerbaren Energien bezahlbar gemacht. Aus diesem Grund boomen sie weltweit, und wir können heute die schlimmsten Szenarien ad acta legen.
Die internationale Klimapolitik steckt trotz inzwischen 30 Weltklimakonferenzen in der Krise, während geopolitische Konflikte und neue Investitionen in Öl und Gas zunehmen. Braucht es neben den UN-Gipfeln neue Bündnisse und Instrumente – etwa einen verbindlichen Ausstieg aus fossilen Energien, Klimaclubs großer Emittenten oder stärkere Handelssanktionen gegen klimaschädliche Produktion?
Das Wichtigste ist: Der CO2-Ausstoß muss einen Preis haben. Der europäische Emissionshandel funktioniert, das haben die letzten Jahre gezeigt. Nun muss die Weltpolitik es schaffen, so ein System weltweit zu installieren.
Auf jeden Fall sollten die Länder vorangehen, die ernsthaft Klimaschutz betreiben wollen. Sie müssen sich aber schützen vor Ländern, die nicht mitmachen, und die Einfuhren aus diesen Ländern verteuern.
Herr Latif, Sie warnen seit Jahrzehnten öffentlich vor den Folgen der Erderwärmung. Nun treten viele der damals beschriebenen Entwicklungen sichtbar ein, trotzdem steigen die weltweiten Emissionen weiter. Müssen Sie sich eingestehen, dass Ihr jahrzehntelanges Mahnen letztlich wenig oder gar nichts bewirkt hat – und was lässt Sie dennoch weitermachen?
Es ist schon ernüchternd zu sehen, dass Wissen nicht automatisch zum Handeln führt. Dennoch gab es Fortschritte wie etwa den großen Zuwachs an erneuerbaren Energien weltweit.
Was noch fehlt, ist der politische Wille, die vorhandenen Möglichkeiten auszuschöpfen. Wir haben genügend saubere Energie auf der Welt, wir haben die Technologie, sie zu nutzen, und wir haben auch das Geld für die nötigen Investitionen. Das gibt mir Hoffnung.

Falsch!
Noch einmal, wer hat die erneuerbare Energie bezahlbar gemacht?
Das Schlimme ist, dass wir immer noch in dem Narrativ hängen, wir Deutschen wären maßgeblich an der Energiewende in der Welt (wohlgemerkt) beteiligt gewesen. Es gibt mir die Gelegenheit somit hier einmal Hamlet in seiner aller berühmtesten Szene zu zitieren:
"So macht Bewußtsein Feige aus uns allen;
Der angebornen Farbe der Entschließung
Wird des Gedankens Blässe angekränkelt;
Und Unternehmen, hochgezielt und wertvoll,
Durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt,
Verlieren so der Handlung Namen."
Ich bin zwar optimistisch, dass wir in Deutschland die Energiewende weiterhin betreiben, allein eben ohne Spirit, ohne großen Plan. Man wurschtelt irgendwie weiter und kommt auf langsamer Bahn voran. Vermutlich nur dadurch getrieben, dass auch dem letzten Michel bewusst wird, dass er dauerhaft günstiger mit Regenerativen fährt. Herr Latif sollte statt der Nebelkerze Klimaanpassung zu propagieren eher öffentlich machen, wie für jeden(!) die Investitionskosten von Solaranlage, E-Auto und Wärmepumpe tragbar gemacht werden können. Die Klimaanlagen, weil billig, bauen sich die Deutschen schon wie in ganz Asien und Südamerika ganz allein ein.
Gruß Frank
Richtig!
Deutschland hat mit dem EEG sowohl Windkraftanlagen als auch PV bezahlbar gemacht.
Nicht nur wurde dieses Modell von dutzenden anderen Ländern übernommen und somit die Massenproduktion von WKA und PV-Modulen sowie Wechselrichtern ermöglicht.
Auch hat der Maschinenbausektor in Deutschland entsprechende Fertigungsstraßen entwickelt und diese weltweit - insbesondere nach China - exportiert.
China hatte das ursprünglich in Deutschland entwickelte EEG übernommen.
China hat Fertigungsstraßen von deutschen Maschinenbauern eingekauft, um die Massenproduktion realisieren zu können.
China hatte den Vorteil eines gigantischen Binnenmarktes.
Zu den Emissionsszenarien:
Das Szenario SSP5 (8,5 W/m2; keine Klimaschutzbemühungen) kann aus wissenschaftlicher Sicht als nicht mehr realistisch betrachtet werden. Das gilt ebenfalls für dass Szenario SSP1 (1,9 W/m2), das für das 1,5 Grad Ziel erforderlich gewesen wäre.
Was die Auswirkungen der übrig gebliebenen, realistischen Szenarien angeht empfiehlt sich ein Blick in den aktuellen IPCC-Bericht (Empfehlungen für Entscheidungsträger).
Zitate:
„Das Zeitfenster, in dem eine lebenswerte und nachhaltige Zukunft für alle gesichert werden kann, schließt sich rapide (sehr hohes Vertrauen)."
„Die in diesem Jahrzehnt getroffenen Entscheidungen und durchgeführten Maßnahmen werden sich jetzt und für Tausende von Jahren auswirken (hohes Vertrauen)."
Was Ihre Ausführungen zu den Szenarien betrifft, ist mir nicht klar, was Sie mir damit sagen wollen. Mein Punkt ist, dass man - wahrscheinlich trifft das für alle Menschen zu - die Tendenz hat, Auswirkungen von Nebenwirkungen des eignen Handelns, und dazu gehört die Beeinflussung des Klimas durch das Verbrennen fossiler Treibstoffe, tendenziell kleingeredet werden. Die rosarote Brille sollte dringend abgenommen werden, es geht um weit mehr, als den Verlust von ein paar BiP-Prozenten.
Was ich deutlich machen möchte: Ohne Deutschland hätte China die Dominanz in der Serienfertigung nicht erlangt. Das in Deutschland entwickelte EEG hat gewirkt und wirkt bis heute und der deutsche Maschinenbau hat die Serienfertigung entscheidend vorangebracht, so dass die preisgünstige Produktion von Wafern und Modulen erst möglich wurde.
Was ich mit meinen Ausführungen zu den Szenarien sagen möchte:
Sie schreiben: "Und wir können auch nicht, wie Latif weiter meint, "die schlimmsten Szenarien ad acta legen"."
Dabei sollten Sie erkennen, dass Herr Latif sich dabei auf das schlimmste Emissionsszenario des IPCC (SSP5 ;8,5 W/m2; keine Klimaschutzbemühungen) bezieht, das kürzlich als nicht mehr realistisch eingestuft wurde.
Herr Latif hat also eine wissenschaftlich fundierte Aussage ohne Wertung getätigt.
Für Menschen, die nicht im Wissenschaftsbetrieb tätig sind, ist eine Einordung solcher Aussagen nicht ohne weitere möglich.
Ich she auch an keiner Stelle, dass Herr Latif die Auswirkungen des Klimawandels kleinredet. Im Gegenteil!
Mag sein, dass Latif sich auf das bezieht, was Sie ansprechen, wogegen allerdings der von ihm verwendete Plural spricht. Er redet nicht den Klimawandel an sich klein - abgesehen davon, dass an Sie, dass schon dieser Begriff ein gewisses Verharmlosungspotential enthält -, sondern seine Folgen. In Frankreich und Spanien wird gerade klar, was schon der heutige Stand bedeutet. Die diesen Feuern innewohnende Energie überfordert die Menschheit und es wird noch weit schlimmer werden. Und das sollte man ungeschminkt, deutlich, explizit aussprechen. Gerade als Fachmann. Die regierenden Weitermacher verstehen das bisher nicht. Und ich habe den Eindruck, Sie auch nicht, sonst würden Sie vielleicht auf nationalistische Pride-Bekundungen verzichten.
Genauso wie die Leistung deutscher PV- und Maschinenbau Unternehmen?
Das ist eine ehrliche Bestandsaufnahme und hat aber auch gar nichts mit "nationalistischen Pride-Bekundungen" zu tun.
Deutschland ist Benzinerland - Opel Manta ist seelisch tiefverankerter Kult. Die Einführung von E-Autos und damit ein klitzekleiner Weg für weniger CO2 ist unmittelbarer Kulturkampf. Alles nachvollziehbar, aber bitte, keine Halluzinationen bzgl. unserer RE-Rechtschaffenheit. Die gab es nie. Wie es geht zeigen die Dänen.
Zweitens, warum ist Herr Latif nicht so ehrlich, denn er weiß es, und sagt, dass die Illusion einer Klimaanpassung eben eine solche ist, eine Illusion. Klimatisierte Räume können wir ja noch leichtens ermöglichen, aber der Rest? Wasserwirtschaft, Ernährung für Milliarden?
Ich bitte um Nachsicht, wenn ich aus Verzweiflung hier ein bisserle ruppig auftrumpfe. Dennoch, ohne Zuversicht, aber doch fundiert wie in vielen Beiträgen auf diesem Block, geht gar nix ;-) Herr Latif ist da leider aus meiner Sicht dem Thema Regenerative Energie nicht dienlich.
Gruß Frank
Vollkommen richtig, aber leider viel zu kurz gesprungen. Klimatisierte Innenräume sind für vulnerable Gruppen zwingend notwendig, aber nur ein Teil dessen, was jetzt geleistet werden müsste. Schließlich überlebt man zwar in diesen Innenräumen, aber die Lebensqualität sinkt doch spürbar, wenn jeder Gang ins Freie bei strahlendem Sonnenschein lebensgefährlich wird.
Deshalb ist Klimaanpassung mittels grüner Infrastruktur mindestens genauso wichtig wie die Klimaanlagen. Diese hat zusätzlich den Vorteil, dass sie demokratisch und solidarisch ist, da nicht nur bestimmte Haushalte oder Gruppen davon profitieren.
Leider ist immer noch das Gegenteil davon in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu sehen. In Heidelberg und anderswo werden unter dem Deckmantel der "Entbürokratisierung" Baumschutzsatzungen geschleift. Und der Aufschrei der autofahrensen Wutbürger ist immer noch unüberhörbar, wenn auch nur ein Parkplatz für mehr grün wegfällt.
Deshalb ist es schade, dass auch Herr Latif hier nur den technischen Ansatz zur Klimaanpassung erwähnt.