Zweieinhalb Tage im April trafen sich unter dem Titel "Medien : Extraktivismus" über 100 Studierende, zivilgesellschaftlich Aktive und Forschende in Bochum und untersuchten gemeinsam Konflikte um das Thema Extraktivismus. Auch mithilfe kreativer Methoden wie Waterscaping, Collagen und Mapping ging es bei der diesjährigen "Spring School Media Climate Justice" um lokale wie globale Extraktionspraktiken "über" wie "unter Tage" im Ruhrgebiet oder anderenorts.
Extraktivismus wird verstanden als ein System der Ausbeutung der Erde durch die Förderung von Rohstoffen. Extraktive Praktiken – landläufig auch Raubbau genannt – lassen Landschaften keine Möglichkeiten zur Regeneration und bringen soziale Verwerfungen und Konflikte bis hin zu Menschenrechtsverletzungen mit sich.
Durch die Rohstoffgewinnung in Bergwerken und Tagebauen einschließlich der zugehörigen Infrastruktur zählt der Extraktivismus zu den weltweit stärksten Treibern für die Umgestaltung der Erde. Das macht ihn wesentlich verantwortlich für die Klimakatastrophe, aber auch für ökologische Herausforderungen der Energiewende.
Gestern Steinkohle, heute Datenzentren
Der erste Abend der Spring School startete mit einer Einführung ins Thema. So referierten Frederike Lange vom Deutschen Bergbaumuseum zu Spätfolgen des Steinkohleabbaus im Ruhrgebiet, die Bochumer Künstlerin Julia Nitzschke zu Queerness im historischen Bergbau zwischen Ruhrgebiet und Oberschlesien sowie die Kulturwissenschaftlerin und Filmemacherin Marietta Kesting zu künstlerischen Perspektiven auf Extraktivismus.
Die anschließende, vom Medienwissenschaftler Oliver Leistert moderierte Diskussion blickte auf Schäden, die etwa Datenzentren verursachen, sowie darauf, wie sich die lokale Bevölkerung schon heute gegen sie wehrt.
Am zweiten Tag ging es weiter mit Workshops zum Fluss Emscher mit Natalie Pielok, zu Film und Klimakatastrophe mit Matthias Grotkopp und Maike Reinerth, zu Waterscaping mit Rémi Willemin und Alisa Kronberger sowie zu Infrastrukturen des Extraktivismus mit Petra Löffler, Marlene Helling und Jakob Claus.
Vielfach wurde deutlich, dass Extraktivismus Ewigkeitskosten mit sich bringt. Auch im Ruhrgebiet sind dafür immer noch aufwändige Lösungen erforderlich, etwa die Entsorgung toxischer Förderreste oder das auf Dauer angelegte Abpumpen von Wasser aus ehemaligen Steinkohlegruben.
KI-Ausbau provoziert weltweit Konflikte
Das Thema Extraktivismus verlangt nicht nur einen historischen Rückblick, es steht auch in einem hochaktuellen Rahmen. Der enorme Verbrauch von Wasser und Energie durch jene Datenzentren, die die Grundlage künstlicher Intelligenz bilden, sowie die umkämpften Mineralien, die zur Herstellung der benötigten Rechenchips notwendig sind, machen KI zu einem der am schnellsten wachsenden Ressourcenverbraucher weltweit.
Wasser – ohnehin ein besonderes Thema der Spring School – ist ebenfalls eine umkämpfte Ressource. Die Kühlung von Datenzentren verbraucht Unmengen an Wasser, das dann für Communitys – beispielsweise in Mexiko – nicht mehr ausreichend zur Verfügung steht.
Julia Bee
ist Professorin für Medienwissenschaft mit Schwerpunkt Gender und Diversität an der Ruhr-Universität Bochum und Mitglied im Arbeitskreis Media Climate Justice.
So provozieren Digitalkonzerne wie Meta durch den Bau und Betrieb von Daten- und Serverzentren Landnutzungskonflikte. An vielen Orten der Welt entstehen durch den Infrastrukturausbau der großen IT-Riesen Konflikte, wie eine Studie von Dylan Murphy und Patrick Brodie am Beispiel Irland dokumentiert.
Oft werden diese Konflikte in Regionen verlagert, in denen sich die Bevölkerung vermeintlich schlecht wehren kann, wie Imeh Ituen und Lisa Tatu Hey in einem Beitrag zu Umweltrassismus in Bezug auf Industrieanlagen erläutern. Von den "Mineraliensandwiches", wie der Historiker Michael Klipphahn-Kagge die Smartphones nennt, profitieren vor allem jene, die sich vor extraktiven Strukturen schützen können oder von ihnen profitieren.
Auch in der Nähe von Hamm in Nordrhein-Westfalen soll bald ein neues Datenzentrum entstehen. Microsoft und Amazon investieren dort neben Blackrock. Die lokalen Parteien freuen sich über Arbeitsplätze und angeblich sichere Datenzentren, da diese in Deutschland stehen.
Digitale Medien sind alles andere als immateriell
Hier verschränken sich Diskurse um Datensouveränität mit neuen extraktiven Vorhaben.
Nicht nur lässt sich Datenraub als eine Form der Extraktion beschreiben, wie es Ulises Mejias und Nick Couldry tun – umgekehrt sind heute auch große Datenbestände notwendig, um Öl, Kohle und Gasvorkommen aufzuspüren.
Unternehmen wie Schlumberger sind auf die unterirdische Suche nach Ressourcen spezialisiert. Die dabei produzierten Daten wurden mit äußerst extraktiven Methoden erzeugt, bei denen etwa Sprengungen vorgenommen werden, wie Gerko Egert argumentiert.
Ein weiterer Fokus der Spring School lag auf den Entwicklungen im Bereich künstliche Intelligenz, die in Zukunft die Extraktionsfolgen massiv verschärfen werden. So ging es in den Beiträgen nicht nur um fossile Brennstoffe, die das Ruhrgebiet noch heute prägen, sondern auch um Mineralien und seltene Erden für digitale Technologien.
Die School zeigte, dass Medien eine materielle Grundlage haben, die soziale und ökologische Folgen hat – auch wenn durch Begriffe wie Cloud oder Interfacedesign der Eindruck erweckt wird, digitale Technologien seien rein immateriell.
Den "weißen Blick" überwinden
Für kritische Zugänge zu Extraktivismus spielen postkoloniale und feministische Perspektiven auf Mining, Arbeit und Ressourcen eine wichtige Rolle. Sie ordnen die Ausbeutung in Muster ein, die das globale und innergesellschaftliche Gefälle verstärken.
Sogenannte Opferzonen (sacrifice zones) sind Gebiete, die weltweit für Bergbauprojekte oder Müllentsorgung "geopfert" werden – mitsamt Ökosystemen und lokaler Bevölkerung.
Gerko Egert
ist Performance- und Medienwissenschaftler und arbeitet er als Akademischer Rat an der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2024 ist er Mitveranstalter der Spring School "Media Climate Justice". 2025 erschien von ihm "Performancekunst und die Politik des Handelns".
Bewohner:innen klagen etwa über Vergiftungen in Boden, Luft und Wasser und die Zerstörung der Tier- und Pflanzenwelt. Besonders indigene Gruppen und black communities sind überproportional betroffen.
Neben dem wissenschaftlichen Input ging es bei der Spring School auch um die künstlerische Auseinandersetzung, so in diesem Jahr mit der Lecture Performance von Azadeh Ganjeh zu Gold-Extraktivismus und den damit verbundenen sozialen Konflikten sowie politischen (Online-)Protesten im Iran.
Eine Fotoausstellung von Sara Bahadori in der Quartiershalle Bochum sensibilisierte für Ausschlüsse und Marginalisierungen innerhalb der Klimabewegung. In einem von Bahadori geleiteten Workshop zum sogenannten "weißen Blick" auf das Klima wurde das Thema kritisch und reflexiv vertieft.
An der Spring School besuchten rund 100 Teilnehmer:innen Workshops zu Wasser, KI und Bergbaugeschichte sowie einen dekolonialen Stadtrundgang in Bochum mit Marie Sprenger und Florian Trompke.
Am letzten Tag entwickelten Lehrende und Studierende in einem Workshop zu klimagerechter Lehre Inhalte und Methoden für ein zukünftiges hochschulübergreifendes Curriculum in den Kultur- und Medienwissenschaften.
Die dritte Spring School des Arbeitskreises Media Climate Justice wurde organisiert von Julia Bee, Gerko Egert, Alisa Kronberger und Julia Reinermann und unter anderem durch die Förderung des Sonderforschungsbereichs Medien in der Kooperation der Universität Siegen und der Ruhr-Universität Bochum realisiert. Die Spring School arbeitet mit Künstler:innen, Wissenschaftler:innen und Journalist:innen sowie engagierter Zivilgesellschaft rund um das Konfliktthema Klimakatastrophe. Ziel der Spring Schools zu Medien und Klima ist es, Klimathemen stärker in der Medienwissenschaft und der Gesellschaft zu verankern.
