Klimacamp bei Leipzig 2019: Gewerkschafts- und Betriebsrats-Mitglieder des nahen Kohletagebaus versuchen mit den Aktivisten ins Gespräch zu kommen. (Foto: Annika Keilen)

In jeder Gemeinschaft existieren unterschiedliche Ansichten – und damit unvermeidlich auch Reibungen und Konflikte. Die entscheidende Frage lautet: Wie können solche Differenzen so in Kontakt treten, dass sie produktiv wirken? Warum verlaufen manche Auseinandersetzungen kreativ und klärend, während andere destruktiv, spaltend oder schlicht ermüdend sind?

Ein wesentlicher Faktor ist die Ebene, auf der Kommunikation stattfindet: Wenn Menschen primär über ein Thema sprechen, ist es leicht, sich in Debatten zu verlieren – häufig verbunden mit stereotypen Zuschreibungen wie "die Klimaleugner" und "die Radikalen". 

Die typischen Drama-Dynamiken werden mit Rollen wie Ankläger, Verteidiger oder Opfer befeuert. Solche Muster entziehen Gesprächen aber ihre konstruktive Energie und verschieben den Fokus von Lösungen hin zu Abgrenzung.

Wenn Menschen dagegen als Menschen miteinander sprechen, lassen sich selbst gravierende Unterschiede in Überzeugungen oder Weltbildern konstruktiv ins Gespräch bringen. Die Reibung wird fruchtbar, auch ohne Konsens.

Voraussetzung ist dafür jedoch eine ehrlich wertschätzende Neugier am anderen und Bereitschaft, sich einander zu öffnen. Beides sind Qualitäten, die in vielen Arenen des gesellschaftlichen Diskurses nicht vorausgesetzt werden können.

Auch im Nachhaltigkeits- und Klimadiskurs scheinen sich der Wissensstand und die Grundüberzeugungen und Bewertungen vieler Menschen erheblich zu unterscheiden. Häufig vernetzen oder treffen sich Menschen zudem bevorzugt mit Gleichgesinnten. Das verstärkt gesellschaftliche Segregation sowie Polarisierung und trägt damit auch zu schärferen Formen öffentlicher Konfrontation bei.

Es gehört zu den bedrückenden Paradoxien unserer Zeit, dass Bemühungen um Nachhaltigkeit – und damit auch um das gesellschaftliche Gemeinwohl – oft mit einer mehr oder weniger subtilen Zukunftsangst verbunden sind, die gesellschaftliche und diskursive Spaltungen sogar eher noch befördert.

Wie eine konstruktive Konfliktkultur entstehen kann

Aus dieser Dynamik heraus entsteht ein wachsender Bedarf an methodischen Ansätzen, die Verschiedenheiten nicht als Störung, sondern als Ressource begreifen, damit Menschen unterschiedlichster Hintergründe gemeinsam ins konkrete Wirken kommen können.

Neben diversen methodischen Details beim Vorgehen, darunter eine günstige Balance von Kleingruppen und Plenumssituationen, von Input- und Verarbeitungsphasen oder eine Abwechslung von Phasen für Diskurs, Bewegung, Fühlen und persönliche Reflexion, haben sich dabei für mich drei Grundprinzipien für eine konstruktive Konfliktkultur herauskristallisiert. 

Thomas Bruhn

ist Physiker und leitet die trans­disziplinäre Forschungs­gruppe "Trans­formative Räume und Denkweisen" am RIFS Forschungs­institut für Nachhaltigkeit in Potsdam. Er ist Experte für kollektives Lernen und Co-Kreativität, auch im Rahmen der UN-Klima­konferenzen, und ausgebildeter Moderator für verschiedene Gruppen­formate sowie psycho­dynamische Führung und Beratung. Zuvor forschte er zu Halbleiter-Nano­materialien in Berlin, Rom und Marseille. Er ist Vorstands­mitglied der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und Mitglied der Vereinigung Deutscher Wissen­schaftler (VDW).

Beziehung geht vor Inhalt: Unabhängig vom Thema gilt es, zu Beginn einer Begegnung etwa ein Drittel der Zeit dem gegenseitigen Kennenlernen zu widmen. Ziel ist es, eine Kommunikationskultur zu etablieren, die von Respekt, Offenheit und einem Mindestmaß an Vertrauen geprägt ist.

Erst auf dieser Basis lassen sich strittige Fragen sachlich und kreativ verhandeln. Beziehungsaufbau ist dabei keine "weiche Vorübung", sondern eine strategische Investition in die spätere Diskussionsqualität.

Es geht um Verständigung statt Einigung. Ziel einer Zusammenkunft ist nicht, Konsens zu erzwingen, sondern Verständigung zu ermöglichen. Jede Person soll für sich prüfen können, welche Erkenntnisse und Handlungsoptionen sie aus dem Gespräch ableitet.

Konsensdruck führt oft dazu, dass abweichende Meinungen als Bedrohung wahrgenommen werden – und stereotype Konfliktrollen entstehen. Ein offenes, ergebnisoffenes Gespräch hingegen erlaubt differenziertes Lernen und macht Unterschiede sichtbar, ohne sie sofort auflösen zu müssen.

Schließlich steht Eigenverantwortung statt Vorgaben im Vordergrund. Das letzte Drittel einer Sitzung ist gezielt zu nutzen, damit alle Teilnehmenden eigenverantwortlich reflektieren können, welche Konsequenzen sie jeweils aus dem Besprochenen ziehen – und welche nächsten Schritte daraus erwachsen.

Dieses Prinzip des Empowerments bedeutet, dass Verantwortung bewusst bei den Einzelnen verbleibt und Begegnungen nicht darauf abzielen, zentrale Vorgaben zu machen oder "große Pläne" zu entwickeln.

Diese Eigenverantwortung schafft Handlungsspielraum, Motivation und kreative Vielfalt in den Lösungen. Sie setzt allerdings Vertrauen voraus – das Vertrauen, dass Menschen aus denselben Informationen unterschiedliche, aber jeweils verantwortliche Wege ableiten können, auch wenn diese nicht meinen eigenen Vorstellungen entsprechen.

Genau darin liegt die demokratische Stärke einer pluralen Gesellschaft.

 

Dieser Ansatz ist nicht nur pragmatisch, sondern Ausdruck eines demokratischen und humanistischen Grundverständnisses: Freiheit bedeutet, Andersartigkeit auszuhalten, ohne sie zwanghaft angleichen zu wollen.

Gerade im Nachhaltigkeitsdiskurs, wo Handlungsdruck und Dringlichkeit hoch sind, ist es eine besondere Herausforderung, dieses Vertrauen zu bewahren und entgegen aller wahrgenommenen Polarisierung bewusst zu wagen und zu kultivieren. 

Immer wieder erlebe ich, dass Menschen geradezu überrascht darüber sind, wie viel Vertrauen in diese Eigenverantwortung möglich ist, wenn man einander mit den unterschiedlichen Lebensrealitäten als Menschen kennen und wertschätzen gelernt hat. Das jeweilige Gegenüber entpuppt sich beidseits als viel weniger "radikal", als der möglicherweise dramatisch verzerrte, öffentliche Diskurs zuvor suggerierte.

"Echte Menschen" sind dann mit anderen "echten Menschen" zu genau der konstruktiven Reibung und gegenseitigen Unterstützung fähig, die Veränderungsprozesse voranbringen. Räume zu schaffen, in denen diese Art von Beziehungskultur entstehen kann, erscheint mir daher eine ganz zentrale Aufgabe für alle, denen eine konstruktive Transformationsdynamik am Herzen liegt.

Logo der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler: Ein dunkelblauer Streifen, in der Mitte blau herausgearbeitet die Buchstaben VDW, links in Weiß auf Blau der volle Name, rechts ebenso das Motto: Verantwortung der Wissenschaft.

Umweltkrise und Demokratie

Hartmut Graßl ist einer der bedeutendsten Klimaforscher unserer Zeit. Zu seinem 85. Geburtstag veranstaltet die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) am 25. September 2025 in Hamburg das interdisziplinäre und intergenerationelle Symposium "Von den Alpen bis zum Watt". Es geht um Themen, die Hartmut Graßl besonders bewegen: Ursachen und Folgen der Klimakrise, Verlust von Biodiversität – und wie eine gerechte sozial-ökologische Transformation gelingen kann. Klimareporter°, zu dessen Herausgeberrat Graßl gehört, ist Medienpartner und begleitet das Symposium mit einer Beitragsserie.