Deutschland ist beim Klimaschutz eines der ehrgeizigsten Länder weltweit, zumindest auf dem Papier. In knapp 20 Jahren, 2045, soll die Bundesrepublik klimaneutral sein, also unter dem Strich keine Treibhausgase mehr ausstoßen. Doch wie realistisch ist dieses Ziel noch?

Der "Klimawende-Ausblick 2025", zweiter Band einer sozialwissenschaftlichen Studienreihe zur ökologischen Transformation, kommt hier zu einem ernüchternden Befund: Nach heutigem Stand erscheint das Erreichen der Klimaneutralität bis 2045 "wenig plausibel". 

 

Technisch ist der Umbau zur Klimaneutralität in den zwei Jahrzehnten, vor allem bei Verkehr, Gebäuden und Industrie, zwar sehr ambitioniert, aber zu schaffen. Das hat eine Reihe Untersuchungen gezeigt. Die neue Untersuchung, die von dem Hamburger Transformationsforscher Stefan Aykut geleitet wurde, analysiert jedoch nicht nur Technik oder Emissionspfade, sondern auch die gesellschaftlichen Voraussetzungen der Klimawende.

Das zentrale Ergebnis: Klimaneutralität erfordert zugleich einen tiefgreifenden Wandel in anderen Feldern – vor allem in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Genau hier aber hapert es zunehmend. "Wir haben uns gefragt: Die Technologien sind doch da – warum verläuft die Dekarbonisierung so schleppend?", sagte Aykut bei der Vorstellung der Studie auf einer Tagung des Deutschen Klima-Konsortiums Ende Januar in Berlin.

Im Vergleich zu ihrem ersten Klimawende-Ausblick, der 2024 erschien, stellt das Forschungsteam von der Universität Hamburg eine nachlassende Dynamik beim Klimaschutz fest. Zurzeit unterstützt demnach kein einziger der untersuchten gesellschaftlichen "Treiber" die Klimawende umfassend.

Klimaschutz scheint soziale Sicherheit zu bedrohen

Zwar gebe es weiterhin Entwicklungen, die positiv wirkten. Etwa Fortschritte beim Klimaschutz in vielen Kommunen. Oder die inzwischen angestrengten Klimaklagen vor dem Bundesverfassungsgericht, mit denen überprüft werden soll, ob die Politik der Bundesregierung den eigenen Vorgaben entspricht.

Aykut und Co stellten jedoch fest: Diese Impulse reichen bei Weitem nicht aus, um Kurs auf das 2045er Ziel zu halten. Wichtige Treiber blieben deutlich hinter dem Erforderlichen zurück, so die deutsche Klimapolitik im europäischen Rahmen, die globalen Klimavorgaben – siehe die zähen UN‑Gipfel –, oder der Bereich des Konsums, wo es zwar einzelne klimafreundliche Trends gibt, ansonsten aber nicht nachhaltige Entwicklungen dominieren. 

Volksentscheid für mehr Klimaschutz: Was 2023 in Berlin an mangelnder Sozialkompetenz scheiterte, klappte zwei Jahre später in Hamburg. (Bild: Klimaneustart Berlin)

Besonders kritisch sieht die Studie die politische Entwicklung. Zwar bestehen zentrale Regelwerke wie das Klimaschutzgesetz des Bundes – in dem die Netto-Null 2045 verankert ist –, der Green Deal der EU oder das Paris-Abkommen fort. Nur: Die Umsetzungslücken wachsen.

Immer häufiger würden bereits beschlossene Ziele infrage gestellt. Stichworte: Abschaffung des Heizungsgesetzes, Aufweichung des Verbrennerverbots, Verschiebung des zweiten EU-Emissionshandels. Das untergrabe die Planungs- und Investitionssicherheit für Kommunen, Unternehmen und Verbraucher:innen. 

Hinzu kommt ein spürbarer gesellschaftlicher Gegenwind. Die Studie spricht offen von einem "anti-ökologischen Backlash", der sich etwa in Konflikten um das Gebäudeenergiegesetz oder bei den Bauernprotesten gezeigt habe.

Klimaschutz werde zunehmend als Bedrohung sozialer Sicherheiten wahrgenommen – ein Gefühl, das politisch aufgegriffen und verstärkt werde, am stärksten von der AfD, teils aber auch von den anderen Parteien.

Wachstumsabhängigkeit wird zum großen Problem

Aykut betonte, dass solche Dynamiken nicht einfach Ausdruck mangelnden Problembewusstseins seien, sondern auch auf reale Verteilungsfragen verweisen.

Der Hamburger Soziologieprofessor warnte davor, die Klimapolitik drohe dadurch an gesellschaftlicher Resonanz zu verlieren. Klimaschutz gerate zunehmend in einen Rechtfertigungsmodus, statt als langfristiges Gemeinschaftsprojekt verstanden zu werden. 

Auch im Wirtschaftsbereich sieht die Forschungsgruppe große Bremsklötze. Wirtschaftswachstum erfülle weiterhin eine zentrale legitimierende Funktion in der Demokratie, während soziale Ungleichheiten zunähmen. Beides erschwere tiefgreifende Strukturveränderungen.

Menschen halten ein Banner mit der Aufschrift: Schweinerei - Agrarwende jetzt.
Die Zivilgesellschaft dringt mit klimapolitischen Forderungen kaum noch durch – teilweise selbst verschuldet. (Bild: Leonie Vogelsang)

Beim konkreten Handeln der Unternehmen gibt es laut der Analyse gegenläufige Entwicklungen. In einigen Branchen schreite die Transformation voran, in anderen dominierten Verzögerung und Abwehr.

In der Zivilgesellschaft wiederum hat die Mobilisierungskraft des Klimathemas stark abgenommen, verglichen vor allem mit der Hoch-Zeit der Fridays-for-Future-Bewegung in den Jahren 2018 bis 2020. Die Studie stellt zwar fest, dass die früheren Mobilisierungswellen "kulturell" nachwirkten, der öffentliche Druck der Zivilgesellschaft auf Politik und Wirtschaft habe jedoch klar abgenommen.

Auf der Berliner Tagung machten Teilnehmer jedoch deutlich, dass gut gemachte Öffentlichkeitskampagnen durchaus weiter auf Resonanz treffen können. Beispiel: der Hamburger Klima-Volksentscheid vom Oktober 2025. Hier wurde das Teilnahme-Quorum deutlich übertroffen, und eine Mehrheit sprach sich für ein Vorziehen des Zieljahres für die Klimaneutralität in dem Stadtstaat von 2045 auf 2040 aus.

Klimaschutz in einer Phase der Verteidigung

Aykut und sein Team malen deswegen die Zukunft des Klimaschutzes hierzulande auch keineswegs schwarz in schwarz. Zwar wachse die Gefahr von zunehmenden Spannungen zwischen anspruchsvollen Klimazielen, wachsenden Umsetzungslücken und sozialen Schieflagen, warnen sie. Diese Konflikte seien aber durch kluge politische Entscheidungen lösbar.

Es böten sich sogar neue Chancen, da die grundsätzliche Zustimmung zum Klimaschutz in der Bevölkerung laut Umfragen weiterhin hoch sei und die Energiewende sich zunehmend mit Themen wie einer Steigerung der Energiesicherheit verbinden lasse. Ein Stichwort: Unabhängigkeit von russischen und US-amerikanischen Flüssigerdgas-Importen.

Für die kommenden Jahre erwarten die Hamburger Wissenschaftler:innen zunächst eine Phase der Verteidigung: Bestehende Ziele, Gesetze und Institutionen müssten gegen Rückbau-Versuche abgesichert werden.

Parallel gelte es, neue gesellschaftliche Allianzen vorzubereiten – etwa rund um die kommunale Wärmewende und den Umbau der Verkehrsinfrastruktur für mehr Lebensqualität in den Quartieren. Aykut formuliert es so: Die Klimawende ist nicht gescheitert, aber ihre Plausibilität hängt davon ab, ob es gelingt, sie erneut als gemeinsames gesellschaftliches Projekt zu verankern.

 

Das Projekt "Klimawende-Ausblick" soll in den nächsten Jahren fortgeführt und thematisch erweitert werden. Der Geschäftsführer des Klima-Konsortiums, Tilman Santarius, betonte die Bedeutung dieser Forschungsarbeit als Ergänzung zu den existierenden Reports und Szenarien, die vor allem technisch machbare Maßnahmen und Einsparpotenziale ausweisen.

"Der Hamburger Klimawende-Ausblick füllt eine unverzichtbare Lücke, weil er eine fundierte sozialwissenschaftliche Analyse der gesellschaftlichen Herausforderung bei der Umsetzung von Klimapolitik liefert", sagte der Berliner Soziologieprofessor. Von dieser Art Forschung brauche es mehr, "wenn die gegenwärtige Umsetzungskrise verstanden und schließlich überwunden werden soll".

Das Klima-Konsortium ist der Dachverband der deutschen Klima- und Klimafolgenforschung.