Noch wichtiger als materielle Beteiligung ist das grundlegende Gefühl, Gehör zu finden, sagt Petra Schweizer-Ries. (Bild: Energieagentur Rheinland-Pfalz)

Klimareporter°: Frau Schweizer-Ries, Umfrage um Umfrage belegt: Eine große Mehrheit – meist um die 80 Prozent – steht hinter dem Ausbau der erneuerbaren Energien. Dennoch gibt es gegen viele Projekte massiven Widerstand. Woher kommt diese vermeintliche Diskrepanz?

Petra Schweizer-Ries: Die Stimmung in Deutschland ist – noch – sehr positiv gegenüber erneuerbaren Energien. Solarenergie ist etwas beliebter als Windenergie, doch auch hinter dieser steht ein Großteil der Bevölkerung. 

Windräder sind in der Landschaft zunächst ungewohnt und werden als störend empfunden. In Freiburg, meiner Heimatstadt, konnten sich die Menschen lange nicht mit der Idee anfreunden, dass Windräder die Charakteristik des Schwarzwalds verändern könnten. Inzwischen sind die drei Windkraftanlagen, die von der Stadt auf den Bergen wahrzunehmen sind, beinahe zu einem Symbol für Freiburg geworden.

Wir leben in einer ständigen Veränderung, einem fortwährenden Wandel. Das sehen auch viele Menschen ein. Das Problem ist oft nicht die Veränderung an sich. Es ist die Frage, ob wir uns als Teil dieser Veränderung und als Mitgestaltende begreifen.

Leider zeichnet sich gegenwärtig ein gesellschaftliches Rollback ab.

Ein Schlagwort taucht in diesem Zusammenhang immer wieder auf: "Not in my backyard" oder kurz Nimby. Die Idee: Menschen sind nur so lange für den Ausbau der Erneuerbaren, bis sie selbst davon betroffen sind.

Die Nimby-These findet so pauschal in unserer Forschung keine Bestätigung. Sie ist eine starke Pauschalisierung. Wir – und auch andere Forschungsgruppen – haben dazu intensiv gearbeitet, und es zeigt sich: Es kommt sehr stark auf das jeweilige Projekt an.

Das Schlüsselwort lautet Partizipation. Wenn Menschen vor Ort frühzeitig in Entscheidungsprozesse eingebunden werden und tatsächlich mitentscheiden können, ist die Akzeptanz deutlich höher.

Dafür reichen jedoch keine einzelnen Massenveranstaltungen aus. Es braucht echte Dialogformate mit Entscheidungsträgern, Umweltverbänden und der Zivilgesellschaft. Wo soll die Windkraftanlage stehen? Welche Höhe soll sie haben? Und wie können die Mehreinnahmen der Allgemeinheit zugutekommen?

Und doch gibt es Projekte, die vieles richtig machen und dennoch jahrelang gegen massive Proteste ankämpfen müssen. Wer protestiert dort eigentlich?

In unserer Forschung sehen wir in vielen Kommunen einen Anteil von etwa zehn bis zwanzig Prozent, die beispielsweise gegen eine Windkraftanlage sind. Von diesen ist wiederum nur ein Bruchteil – meist weniger als fünf Prozent – tatsächlich bereit, dagegen zu protestieren.

Auf der anderen Seite stehen in vielen Kommunen 70 bis 80 Prozent dem Projekt positiv gegenüber, und ein relevanter Teil – etwa zehn Prozent – setzt sich auch öffentlich dafür ein. Das reicht nach unseren theoretischen Modellen aus, um eine wirkliche Veränderung zu ermöglichen. 

Bild: IZES

Petra Schweizer-Ries

ist Professorin für Nachhaltigkeit an der Hochschule Bochum und Professorin für Umwelt­psychologie an der Universität des Saarlandes. Sie lehrt Human­geografie an der Ruhr-Universität Bochum und forscht am Institut für Zukunfts­energie- und Stoff­strom­systeme (IZES) in Saarbrücken zum gesellschaftlichen Wandel. Im Bioökonomie­rat NRW bringt sie ihre Erfahrung mit Partizipation, Kommunikation und Regierungs­führung ein.

Es gibt aber eben auch orchestrierten Widerstand – also regelrechte Anti-Windkraft-Touristen, die gezielt zu Veranstaltungen reisen und dort gegen den Aufbau von Windkraftanlagen sprechen. In Regionen, in denen diese Szene gut vernetzt ist, spielt das durchaus eine Rolle.

Ist diese vermeintliche Diskrepanz zwischen hoher Zustimmung und Protest womöglich auch einer medialen Verzerrung geschuldet?

Das ist sicherlich ein Teil der Wahrheit. Negative Schlagzeilen sind für viele Medien attraktiver und erzeugen ein gewisses Ungleichgewicht in der Berichterstattung.

Meines Wissens gibt es allerdings keine öffentlich zugänglichen Daten darüber, wie viele Projekte tatsächlich durch Proteste verzögert oder verhindert werden. Bei mehreren tausend Projekten pro Jahr dürfte es sich jedoch nur um einen Bruchteil handeln.

Es gibt also eigentlich sehr viele "Good News", die aber weniger Aufmerksamkeit bekommen. Dabei zeigt die Forschung immer wieder, wie wichtig positive Nachrichten sowohl für den gesellschaftlichen Zusammenhalt als auch für die psychische Gesundheit der Einzelnen sind.

Achtet denn die Branche zunehmend auf Öffentlichkeitsbeteiligung?

Bundesweit belastbare empirische Daten dazu gibt es nicht. Mein Eindruck ist jedoch, dass viele Betreiber und Projektierer eine intensive Öffentlichkeitsbeteiligung nach wie vor scheuen.

Zum einen erscheint sie vielen zu aufwendig, zum anderen gibt es die Sorge, durch frühe Kommunikation "schlafende Hunde zu wecken".

Das halte ich für einen Fehlschluss. Wirklich aufwendig wird ein Projekt dann, wenn sich breiter Protest formiert und ein bereits fertig geplantes Vorhaben durch Klagen massiv verzögert oder gar gestoppt wird.

Ab einem gewissen Punkt ist der Zug dann abgefahren. Wenn eine Gemeinde erst dann eingebunden wird, wenn ein Projekt im Wesentlichen fertig geplant ist, ist echte Mitbestimmung kaum noch möglich. Und das kommt verständlicherweise nicht gut an.

Bei den meisten Projekten gibt es mittlerweile viele Informationsangebote. Sie sagen aber, Transparenz reicht nicht aus?

Natürlich ist Transparenz wichtig, aber sie ist die unterste Stufe der Beteiligung. Wirkliche Partizipation beginnt dort, wo Menschen tatsächlich mitentscheiden können. Ist das der Fall, sind sie auch eher bereit, die vielen positiven Aspekte erneuerbarer Energien wertzuschätzen.

"Es geht nicht um ein Schema nach dem Motto: 'Wie schaffe ich möglichst schnell Akzeptanz?' Sondern um die Suche nach tragfähigen, akzeptablen Lösungen – und die entstehen nur im Austausch."

Zunächst geht es jedoch um das grundlegende Gefühl, gesehen zu werden, nicht übergangen zu werden. Erst danach rücken weitere Argumente in den Vordergrund: lokale Wertschöpfung, günstigere Strompreise, Energiesicherheit und so weiter. Das hat dann auch das Potenzial, Nachbarkommunen für Erneuerbaren-Projekte zu öffnen.

Es geht dabei nicht um ein Schema nach dem Motto: "Wie schaffe ich möglichst schnell Akzeptanz?" Sondern um die Suche nach tragfähigen, akzeptablen Lösungen – und die entstehen nur im Austausch.

Das bedeutet auch, dass Projektierende bereit sein sollten, ein Projekt anzupassen. Am Ende stärkt das nicht nur das Projekt, sondern auch die Gemeinschaft, die Demokratie und den Rückhalt für die Energiewende insgesamt.

Trotzdem geht der Ausbau der Erneuerbaren in Deutschland angesichts der Klimakrise zu langsam voran. Wie lässt sich das zusammenbringen?

Hier spielt auch die überregionale Planung eine wichtige Rolle. Windvorranggebiete könnten auch stärker danach ausgerichtet werden, wo Gemeinden bereits offen für Windkraft sind. Je mehr positive Beispiele es gibt, desto stärker schrumpft die grundsätzliche Skepsis gegenüber dieser Veränderung.

Grundsätzlich sind solche Vorranggebiete – vor allem, wenn sie selbst unter Beteiligung der Öffentlichkeit entstehen – ein sinnvoller Ansatz. So lassen sich Konflikte frühzeitig vermeiden, und diese Flächen können später immer noch erweitert werden. Ein ungeplanter Wildwuchs von Windkraftanlagen hingegen verunsichert viele Menschen.

 

Sie sprachen zu Beginn von einem Rollback. Lässt sich dieses mit einer partizipativen Praxis aufhalten?

Politik und Gesellschaft stehen hier in einer komplexen Wechselbeziehung. Gesellschaftliche Unzufriedenheit wird politisch aufgegriffen und genutzt – das kann sich in strengeren kommunalen Vorgaben zeigen, aber auch auf Landes- oder Bundesebene.

Mediale und politische Kampagnen bleiben gleichzeitig nicht ohne Wirkung auf die Gesellschaft. Narrative greifen und können Widerstand erst entfachen.

Das alles geht natürlich auch andersherum. Positivbeispiele können Menschen überzeugen und zu einer stärkeren Gemeinschaft führen. Erneuerbare haben da, wenn es gut gemacht wird, ein enormes Potenzial.

Wir sehen zum Beispiel, dass Gemeinden, in deren Nähe Windräder stehen, ihnen deutlich aufgeschlossener gegenüber sind. Die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz steht deshalb tatsächlich am Anfang und am Ende der Energiewende.