Anfang Juli 2026 traf Portugal eine Hitzewelle, die nach Einschätzung der Meteorologen zu den intensivsten der jüngeren Landesgeschichte zählte. Ein stationäres Hochdruckgebiet blockierte feuchte Meeresluft und ließ stattdessen sehr heiße, trockene Luft aus Nordafrika ins Land strömen. Vielerorts kletterten die Temperaturen über 40 Grad, nachts kühlte es kaum ab.

Die Regierung rief für das gesamte Land eine Alarmstufe wegen erhöhter Waldbrandgefahr aus. Lissabon musste daraufhin mehrere Park- und Waldflächen schließen, darunter den Monsanto-Park, der zugleich Teil des städtischen Netzes offiziell ausgewiesener "Klimarefugien" ist. Dies sind Orte, an denen sich die Bevölkerung bei Hitze eigentlich abkühlen soll.

 

Ausgerechnet während der heißesten Tage blieben diese Parks mehrere Tage gesperrt, bis die Stadtverwaltung sie nach dem Ende der Alarmstufe wieder öffnete.

Der Fall wurde in Lissabon breit diskutiert – und wirft ein Schlaglicht auf ein grundsätzliches Problem. Portugal hat mehr Erfahrung mit Hitze als die meisten europäischen Länder. Ob diese Erfahrung aber koordiniert genutzt wird, ist eine andere Frage.

"Seit der Hitzewelle von 2003 hat sich viel getan"

Der Juli 2026 ist längst kein Ausreißer mehr, er reiht sich in eine längerfristige Entwicklung ein. Der portugiesische Wetterdienst Ipma registriert seit Jahren spürbar mehr Hitzewellen-Tage als noch vor zwei Jahrzehnten, auch außerhalb des Sommers.

Zur Einordnung nutzt das Ipma einen speziellen Indikator, den Heat Wave Duration Index. Er definiert eine Hitzewelle strenger als die allgemeine Definition der Weltorganisation für Meteorologie, über mehrere aufeinanderfolgende Tage mit deutlicher Abweichung vom langjährigen Referenzmittel. Portugal misst also genauer, als es müsste, sagt Ipma-Klimatologin Vanda Pires.

Als historischer Maßstab dient häufig die Hitzewelle des Jahres 2003, die europaweit als eine der schwersten gilt und in Portugal mehrere Tausend zusätzliche Todesfälle verursachte. "Damals waren wir darauf nicht vorbereitet, es gab in Krankenhäusern nicht einmal ausreichende Kühlmöglichkeiten", erinnert sich der frühere Ipma-Chef Miguel Miranda. Seither habe sich viel verändert.

Dennoch hinterlässt auch dieser Sommer Spuren in der Sterblichkeitsstatistik. Die Gesundheitsbehörde registrierte für die Julihitze eine deutliche Übersterblichkeit im dreistelligen Bereich, vor allem bei Menschen über 70 Jahren – ein Muster, das sich europaweit wiederholte und die Weltgesundheitsorganisation WHO zu einem Appell an alle europäischen Staaten veranlasste, ihre Präventionspläne zu verbessern.

Umweltplanungsbehörde aufgelöst 

Wie ein Land mit einer solchen wiederkehrenden Belastung umgeht, zeigt sich zuerst in seiner Dateninfrastruktur. Das Ipma hat seine Frühwarnsysteme ausgebaut und die Kommunikation mit Gesundheitsbehörden und Zivilschutz enger geknüpft, erklärt Vanda Pires.

Ein zentrales neues Werkzeug ist die Plattform Dataclima, die beobachtete und modellierte Klimadaten für ganz Portugal frei zugänglich bündelt und deutlich feinere Unterschiede sichtbar macht als einzelne Wetterstationen, etwa zwischen Stadtvierteln oder Tälern. Die Daten zeigen, wo Hitze am stärksten zunimmt, und fließen direkt in kommunale Anpassungspläne ein. 

Wie schwierig sich Wissen in funktionierende Praxis übersetzen lässt, zeigt der Streit um die Klimarefugien in aller Deutlichkeit. Lissabon verfügt über ein Netz behördlich ausgewiesener Rückzugsorte bei Hitze: Gärten, Parks, Grünflächen und Kultureinrichtungen. Als die Regierung die landesweite Alarmstufe ausrief, musste die Stadtverwaltung etliche dieser Flächen sperren, wie eben den Monsanto-Park.

Lissabon mit dem Aquädukt und dem Monsanto-Park im Vordergrund. (Bild: Miguel Silva Rodrigues/​Wikimedia Commons)

Der Grund: Sie sind rechtlich als Waldgebiete klassifiziert, und für diese gilt während einer nationalen Alarmstufe ein Zutrittsverbot, unabhängig davon, dass sie zugleich als Hitzeschutzräume gelistet waren.

Bürgermeister Carlos Moedas verwies öffentlich auf die verbleibenden Refugien, etwa Bibliotheken und Museen. Der Widerspruch war freilich schon länger bekannt, ein Stadtteil hatte bereits vor einem Jahr auf das Problem hingewiesen. 

Für die Stadtplanerin Andresa Lêdo Marques, die an der Universität Lissabon zu städtischer Klimapolitik forscht, ist der Fall exemplarisch: Klimaanpassung sei immer auch eine Frage von Governance, also davon, wie unterschiedliche Politikbereiche aufeinander abgestimmt werden. Zwei für sich genommen sinnvolle Regelwerke, Hitzeschutz und Waldbrandprävention, könnten in Konflikt geraten, wenn sie nicht zusammengedacht werden, sagt sie im Gespräch.

Die Schließung der Refugien ist nicht die einzige Entscheidung, die in diesem Jahr in Lissabon Fragen aufwirft. Im Juni beschloss die Stadtverwaltung, ihr Amt für ökologische Planung und grüne Infrastruktur nach mehr als drei Jahrzehnten aufzulösen – mit der Begründung, Zuständigkeiten überlappten sich mit anderen Organisationseinheiten. Die Behörde war unter anderem für die fachliche Bewertung von Bauprojekten zuständig, mit Blick auf Bodenversiegelung und Vorbeugung gegen Extremwetterfolgen.

Bei Marques nähren solche Einschnitte eine zentrale Sorge: Lissabon verfüge zwar über Wissen, Planungsinstrumente und jahrzehntelange Erfahrung mit grüner Infrastruktur. Offen bleibe jedoch, wie institutionelle Kontinuität zwischen Planung, Umsetzung und langfristiger Pflege gewährleistet werden könne, wenn genau jene Stellen wegfallen, die die Kontinuität bisher tragen.

Grünflächen schaffen heißt öffentlichen Raum umverteilen

Dabei hat diese Kontinuität in Lissabon durchaus Tradition. Die Stadt war 2020 Grüne Hauptstadt Europas und hat seither Instrumente wie einen Klimaaktionsplan sowie eigene Hitzeinsel-Studien entwickelt.

Schon der Flächennutzungsplan von 2012 verankerte eine mikroklimatische Regulierung und schuf ein Netz grüner Korridore, dessen konzeptioneller Ursprung auf den Landschaftsarchitekten Gonçalo Ribeiro Telles zurückgeht. Ausgerechnet der Monsanto-Grünkorridor wurde über Jahrzehnte geplant.

Lissabons Hitzekarten zeigen zudem ein klares Muster, das sich mit der Stadtform deckt. Am stärksten belastet sind dicht bebaute, stark versiegelte Viertel mit wenig Vegetation, während große Grünflächen wie Monsanto deutlich kühler bleiben. Das Problem: Ausgerechnet die dichtesten Viertel bieten am wenigsten Platz für neue grüne Infrastruktur.

Mehr Schatten zu schaffen bedeutet deshalb fast zwangsläufig, öffentlichen Raum neu zu verteilen, etwa Parkplätze zugunsten von Baumbeeten zurückzubauen, wie es Städte wie Paris oder Barcelona bereits erprobt haben.

Bei der Frage, was von den bisherigen Maßnahmen tatsächlich messbar wirkt, mahnt Stadtplanerin Marques zur Vorsicht. Es sei wissenschaftlich gut belegt, dass ausgewachsene Bäume und große Grünflächen Hitzebelastung senken. Ob aber ein einzelnes neues Pflanzprogramm bereits zu einer messbaren Temperatursenkung geführt habe, lasse sich ohne systematisches Vorher-Nachher-Monitoring nicht seriös behaupten. Ein Hinweis, der auch für andere Städte mit ähnlichen Programmen gelten dürfte.

Schatten als eigene Infrastrukturkategorie

Was können Städte wie Berlin, Paris oder Amsterdam von einem Land lernen, das selbst regelmäßig an seine Grenzen stößt? Eine Antwort lautet: Anpassung an extreme Hitze muss auf nationaler Ebene lange vor den eigentlichen Ereignissen beginnen, durch das Zusammenspiel von Wissenschaft, Wettervorhersage, Risikokommunikation und institutioneller Koordination. Investitionen in gute Klimadaten, funktionierende Frühwarnsysteme und naturbasierte Lösungen gehörten zu den wirksamsten Wegen, Städte widerstandsfähiger zu machen, sagt Klimatologin Pires.

Was die Stadtplanung angeht, sieht Andresa Lêdo Marques, die ihre Promotion zum Teil in Deutschland absolvierte, die Situation durchaus differenziert. Viele nordeuropäische Städte integrierten Hitzeforschung längst in ihre Planungsinstrumente, Lissabon sei nicht per se voraus. Sein eigentlicher Vorteil seien praktische Erfahrungen.

Übertragbar seien vor allem einfache Prinzipien passiver Kühlung, etwa Rollläden, die tagsüber Sonneneinstrahlung abhalten, kombiniert mit Nachtlüftung, sobald die Außentemperatur sinkt. Auf städtischer Ebene gilt Schatten zunehmend als eigene Infrastrukturkategorie, ergänzt um leicht zugängliches Trinkwasser aus öffentlichen Brunnen.

 

Für die kommenden Jahre zeichnen sich in Lissabon mehrere Prioritäten ab: ein durchgehendes Schattennetz entlang alltäglicher Wege, der Schutz alter Bäume, klimaangepasste Artenwahl sowie besser vernetzte ökologische Korridore in dichten Stadtteilen. Entscheidend ist nach übereinstimmender Einschätzung beider Expertinnen, dass das Netz der Klimarefugien gerade dann funktioniert, wenn Extrembedingungen tatsächlich eintreten.

Dass Lissabons Klimarefugien in der Juli-Hitzewelle hinter verschlossenen Toren lagen, während landesweit die Übersterblichkeit stieg, war kein spektakuläres Systemversagen. Es war eher ein gut dokumentiertes Beispiel dafür, wie es um Portugals Klimaanpassung steht. Wissen, Daten und Instrumente sind vorhanden. Ob sie koordiniert und über politische Zyklen hinweg konsequent eingesetzt werden, bleibt die offene Frage.