Klar, Klimawandel-Leugner lassen sich durch so eine Hitzewelle nicht aus der Fassung bringen. Motto: Gab's doch schon immer. In den sozialen Medien findet man auch in diesen Tagen noch Beiträge, die mit Bild-Schlagzeilen seit den 1950er Jahren – "Ganz Deutschland ein Brutofen", "Rekord-Hitze", "Jetzt wird das Wetter lebensgefährlich" – nachzuweisen versuchen, es gebe gar keine zugespitzte Klimakrise. 

Leider ist es so: So etwas Komplexes wie der menschengemachte Klimawandel passt nicht in eine Bild-Headline. Weder intensive Schnee- und Frostphasen noch eine einzige Hitzewelle taugen allein als Beleg dagegen oder dafür.

 

Trotzdem muss jeder, der nicht völlig verblendet ist, die Fakten anerkennen. Die sind dramatisch. In den 1950er Jahren gab es in Deutschland im Schnitt drei heiße Tage im Jahr, also Tage, an denen die 30-Grad-Grenze geknackt wird. In den letzten zehn Jahren dagegen waren es bereits elf.

Und bei einer globalen Erwärmung um 2,6 Grad, auf die wir derzeit bis 2100 zusteuern, würde sich der Wert schon bis 2050 nochmals verdoppeln. In Großstädten im warmen Südwesten Deutschlands, etwa Stuttgart, müsste man dann sogar mit bis zu 70 Hitzetagen im Jahr rechnen. Das wären mehr als zwei Monate Leben im Glutofen. Fast den ganzen Sommer lang.

Der Deutsche Wetterdienst sagte voraus, dass die aktuelle Hitzewelle "historisch" wird. Tatsächlich wurde schon am Freitag der bisherige Allzeit-Rekord von 41,2 Grad aus dem Juli 2019 um ein weiteres Zehntelgrad übertroffen, nur um am Samstag mit 41,5 und Sonntag mit 41,7 Grad nochmals getoppt zu werden.

Der Klimawandel bewirkt, dass Wetterlagen wie jetzt statischer werden, weniger schnell wechseln als früher. Das internationale Forschungsteam World Weather Attribution hat in einer Schnellanalyse festgestellt, dass eine solche Hitzewelle in Westeuropa in einem Klima, wie es noch vor 50 Jahren herrschte, in diesen Ausmaßen nicht möglich gewesen wäre. Das Temperaturniveau hätte damals bei dieser Wetterkonstellation um 3,5 Grad niedriger gelegen.

Wollen die Spitzen von Politik und Wirtschaft als Klimaleugner dastehen? 

Alle spüren es in diesen Tagen wieder oder bekommen zumindest eine Ahnung davon, wie stark der abstrakte "Klimawandel" das Leben verändert. Zumindest alle, die nicht den ganzen Tag in klimatisierten Räumen oder Limousinen verbringen können.

Erinnerungen an die extremen Hitze- und Trockenjahre 2018 bis 2020 werden wach. Man kann das alltagsphilosophisch zu packen versuchen, indem man fragt: "Beginnen wir den Sommer zu hassen?", wie es die FAZ jüngst getan hat.

Tatsächlich dürfte sich unser Verhältnis zu der bisher immer herbeigesehnten Jahreszeit verändern. Das Freiheitsgefühl, das Leben auch außerhalb von vier Wänden genießen zu können, vertrocknet bei 35 Grad aufwärts. Wer möchte da noch joggen, auf dem Balkon chillen, im Park ein Buch lesen?

In anderen Ländern, etwa am Mittelmeer, hat der Sommer als liebste Jahreszeit schon abgedankt, weil er statt mit Glücksgefühlen mit Wassermangel, Algenplagen und Waldbränden daherkommt. Der Frühling, so die Mutmaßung, wird künftig unsere Lieblingsjahreszeit sein.

 

Nur leider, mit solcher Philosophie ist es nicht getan. Man weiß, dass in Hitzesommern europaweit zigtausende Menschen, vor allem ältere und gesundheitlich angeschlagene, vorzeitig sterben. Viele Untersuchungen zeigen, wie stark der Klimawandel in vielen Ländern etwa durch Hitzewellen und Trockenheit die Wirtschaftsleistung und inzwischen auch die Einkommen schmälert.

Das müsste für unsere Politiker:innen und Wirtschaftsbosse doch Grund genug sein, die von ihnen in den Keller gefahrenen Themen Energiewende und Klimaanpassung wieder mit ins Zentrum zu stellen. Denn sie wollen doch wohl nicht als Klimaleugner dastehen. Oder? 

Der Beitrag wurde um 16:30 Uhr aktualisiert (neuer Hitzerekord).

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