Digitalisierung und deren weitere Durchsetzung in der Gesellschaft wird schon seit Jahren und weithin als uneingeschränkt positiv bewertet. Ja, in Deutschland wird sogar von einem großen Nachholbedarf gegenüber stärker durch elektronische Daten bestimmten Ländern, etwa in Skandinavien oder im Baltikum, gesprochen. Generell wird angenommen, stärkere Digitalisierung spare uns allen Zeit und führe zu mehr Effizienz.
Schauen wir statt auf Dienstleister, Unternehmen oder Verwaltungen, die heftig digitalisieren und offensichtlich davon Vorteile haben, auf die Lebenswirklichkeit und den Alltag. Wem spart Digitalisierung Zeit, wem ist sie nützlich? Diese Perspektive zeigt große Belastungen statt Entlastung, und das in zunehmendem Maß.
Wer im Alltag Digitalisierung nutzt, darf Adressen, Passwörter und Bestätigungscodes eingeben, als Autor Buchmanuskripte selbst kontrollieren – es gab mal Lektoren – oder den verschlungenen Wegen einer App folgen, um einen Luftreiniger zu installieren.
Während mancherorts offenbar Zeit gespart wird, wird Arbeit auf die Nutzenden verlagert, die früher Dienstleistung von Dritten war. Wir erbringen immer mehr Leistungen für andere, deren Gebrauch wir nicht selbst bestimmen.
Es entstehen Organisationsformen von Daten, die uns Nutzende determinieren, indem von Providern und Netzgestaltern vorgegeben wird, was wir zu tun haben. Wir installieren Apps, mit vielen persönlichen Angaben über uns, die nach Updates die schöne Eigenart haben, neue Informationen oder ein neues Passwort anzufordern, und häufig ungefragt Einstellungen, die wir vorgenommen haben, ändern.
Warum sehen wir nicht, dass ab einem bestimmten Niveau von Digitalisierung uns Bürgerinnen und Bürgern nicht nur Zeit gestohlen wird, sondern auch starke Abhängigkeiten entstehen und wir damit fremdbestimmt werden? Warum ist Kritik an der Digitalisierung des Alltags eher selten?
Digitalisierung versprach mehr Autonomie
Dabei gab es ja ursprünglich enorme Möglichkeiten: Digitaler Austausch von Daten und von Texten, Diskussionen in Videokonferenzen, das will heute niemand mehr missen.
Inzwischen haben wir aber ein Level erreicht, wo ganz neu gedacht werden muss. Digitalisierung versprach uns Autonomie – wir würden unabhängiger werden. Im Gegenteil wird uns inzwischen mehr Arbeit aufgebürdet, immer mehr wird uns digital vorgegeben, was wir zu tun haben, wenn wir den Alltag noch bewältigen wollen. Die Abhängigkeit steigt.
Helmut Holzapfel
leitet das Zentrum für Mobilitätskultur in Kassel. Der Bauingenieur, Stadtplaner und Verkehrswissenschaftler ist emeritierter Professor an der Uni Kassel, aber dort noch Lehrbeauftragter. Sein Fachbuch "Urbanismus und Verkehr" erschien 2025 in überarbeiteter Neuauflage und hat die Stadt der kurzen Wege zum Thema.
Einst gab es Werkzeuge im Haushalt, auf die wir uns im Allgemeinen verlassen konnten. Vom Staubsauger bis zum Plattenspieler war ein Produkt gebrauchsfähig und auf Lebenszeit verlässlich, wenn wir gut ausgewählt hatten. Heute verbinden wir es mit dem W‑Lan (wenn es klappt) und regelmäßig kommt ein Update, das das Produkt angeblich besser macht.
War das Produkt nicht ausgereift, als es uns geliefert wurde? Die Software, die es begleitet, ist in der Tat erstaunlich oft hingestümpert, jüngst bekam ich sogar Dank von einem Programmierer für einen Fehlerhinweis in der von ihm erstellten App.
Aber wichtiger: Die Updates binden uns nicht nur an den Hersteller, sondern auch an den regelmäßigen Kontakt mit unserem Heimcomputer oder Smartphone, die fleißig ihre Existenz dem Netz signalisieren. Damit sind wir offen für den Empfang von Datenschrott aller Art.
Wird wirklich noch Zeit gespart? Wie oft fallen Verbindungen mit dem W‑Lan aus, wie oft treten bei Updates Fehlfunktionen auf? Merken wir nicht, dass wir mehr sinnlose Stunden vor Bildschirmen verbringen, um unsere Netzwerke im Gang zu halten, als in den viel diskutierten Autostaus?
Abgelenkt von künstlicher "Sofortigkeit"
Womöglich kritisiert das niemand, weil wir keine Zeit mehr haben, diese Kritik zu formulieren. Steve Bannon, einst enger Berater von Donald Trump, sagt es ja: "Flood the zone with shit", grob also "Scheiß die Menschen voll mit Dreck" und sie werden nicht meckern.
Es ist schlimmer, als wir es bisher verstanden haben, und teilweise schon zu spät. Selbst die Beschäftigten der Computerkonzerne selbst – so eine aktuelle Studie der University of California in Berkeley – zweifeln mittlerweile an der Zeiteinsparung.
Bei uns Nutzenden kommen weitere Verluste dazu. Wenn wir am Bildschirm versuchen, unsere Netzwerke in Gang zu halten, werden wir bedrängt von Sofortnachrichten und Werbung, während die tatsächlich wichtigen Nachrichten unterzugehen drohen. Statt konzentriert zu arbeiten, werden wir abgelenkt von einer künstlichen Sofortigkeit, die vorgibt, Dringlichkeit zu sein.
Denn fast alle digitalen Verbindungen, die wir aufbauen, werden uns nicht umsonst, sondern mit der Absicht zur Verfügung gestellt, uns quasi "zwischendurch" zu beeinflussen, zum Kauf von Produkten, Dienstleistungen oder gar in politischer Hinsicht. Wer noch dazu die Erlaubnis zum Senden von Push-Nachrichten gibt, hat regelmäßig die Freude an ins Bild springenden sinnlosen Infos.
Diese Infos sind für uns fast nie wirklich dringlich. Sie spielen sich in den Vordergrund unseres Bewusstseins durch das Vorspiegeln kurzer Fristen, notwendiger Daten oder die Forderung nach schneller Reaktion, transportiert durch eine Wichtigkeit suggerierende Sprache.
Mehr Möglichkeiten, mehr Abhängigkeit
Das verschlimmert sich nun weiter durch die sich als "Intelligenz" bezeichnende Hochleistungssoftware aktueller Großcomputer, die Netzwerke zunehmend verseucht und uns automatisch mit Infos zuknallt, die Fremde uns ins Gehirn transferieren wollen. Und die dabei immer besser wird, denn jede Reaktion von uns in Apps und Netz wird registriert und erzeugt ein Image über uns in dem KI-Computer der Anbieter: Man kennt uns und versucht, an Bedürfnisse von uns anzuknüpfen.
Dazu kommt, dass der Transport der Daten ein immenses Maß an Energie erfordert, ganz zu schweigen vom Strom- und Wasserverbrauch der Speicher auf den Großservern der Provider. In den USA erzeugt das Kritik in der Demokratischen Partei und bei der betroffenen Bevölkerung an der Entwicklung.
Aber hilft uns die weiterentwickelte Elektronik nicht doch in vielen Fällen? Wenn sie besser auf Nutzende eingestellt ist, kann sie doch auch hilfreich sein, ob wir nun Adressen suchen oder die Öffnungszeiten der Kneipe im Viertel eben mal checken wollen.
Doch mehr Lebenskomfort macht uns gleichzeitig abhängig. Die Wege in der Stadt zeigt uns eine App (die natürlich auch registriert, wer hier was fragt), und immer weniger Menschen schaffen es, sich in einer fremden Stadt ohne digitale Navigation zu orientieren. Kartenlesen wird verlernt. Der Wissenschaftler Richard Sennett sieht uns in einer uns abstumpfenden "Stupefying Smart City" gefangen.
Die bestmöglichen Kompromisse wählen
"Gefangen" ist hier das Schlüsselwort. Wir können, einmal im Gewirr der Apps organisiert und registriert, nicht mehr heraus. Nicht nur das günstige Produkt, das wir neulich im Angebot sahen, auch die Adresse unserer neuen Bekannten finden wir ohne App nicht wieder, und den Weg zu ihr kennt nur noch das Netz. Der Luftreiniger fängt ohne W‑Lan-Verbindung gar nicht erst an zu arbeiten.
Unsere intensive Smartphone-Nutzung wird in der letzten Zeit zunehmend hinterfragt und als kultureller Suchtfaktor thematisiert. Der erfolgreiche Romanautor Sebastian Fitzek etwa stellt eine krank machende Abhängigkeit von der Digitalisierung fest und nennt das Smartphone einen "absoluten Zeitkiller". Das wäre einen eigenen Beitrag wert, hier können wir jedoch festhalten: Die weitere Digitalisierung heißt für uns alle den Zwang, ein solches Gerät zu besitzen und zu benutzen.
Längst haben die Betreiber der Netze von Amazon bis Elon Musk verstanden, dass ihre von Einschränkungen durch Gesetze weitgehend freie Verfügbarkeit über Netzinfrastruktur sie zu unlegitimierten Herrschern macht. Wir sind ihre Sklavenarbeiter geworden. Eine Art demokratisierter Neuorganisation der Netze ist nicht in Sicht, die Profiteure sind mittlerweile fast unangreifbar.
Also ganz abschalten? Die Nicht-Reversibilität der digitalen Ausweitung – die unsere Abhängigkeit verstärkt – wird uns so richtig bewusst, wenn wir das vorhaben.
Was also tun? Die bestmöglichen Kompromisse wählen: Kaufen wir wenn möglich keine Produkte mehr, die sich nur über W‑Lan betreiben lassen. Verzichten wir auf überflüssige Qualitäten, die ständigen Kontakt mit dem Hersteller erfordern. Schalten wir Nachrichten ab, die uns Dringlichkeit suggerieren und uns ständig stören.
Akzeptieren wir keine neuen Apps, die uns Lebensmittelmärkte und elektronische Händler auf unser Telefon spielen wollen, um uns regelmäßig auszuspähen. Fordern wir Regelungen im Netz, die unsere Determination begrenzen. Kritisieren wir die Klima- und Umweltschäden durch Großserver.
Reduzieren wir Abhängigkeiten, behalten wir die Übersicht über die Produkte in unserem Heimnetz, und nutzen wir unsere Zeit statt für digitale Kontakte zu "Influencern" für analoge Gespräche oder nur für uns.
Und: Hören wir auf zu glauben, mehr Digitalisierung spare uns Zeit.
