Wenn die Wälder ringsum verdorren, Felder weggeschwemmt werden oder ein Sturm das eigene Zuhause verwüstet, dann erleben Menschen nicht nur einen materiellen Verlust. Sie erleben Solastalgie – ein Gefühl der Entwurzelung, der Verlorenheit, eine Form existenzieller Trauer über die Veränderung und Zerstörung der eigenen Heimat.
Anders als die Nostalgie, die sich auf die Vergangenheit richtet, beschreibt Solastalgie das Leiden an den gegenwärtigen und erwartbaren Veränderungen der vertrauten Umgebung.
Die medizinische Fachzeitschrift The Lancet zählt Solastalgie seit 2015 zu den psychischen Auswirkungen des Klimawandels. Solastalgie ist eng verknüpft mit Depressionen, Angststörungen oder Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS).
Ein wachsender Fundus an Forschungsliteratur belegt die psychischen Folgen der Klimakrise, unter denen besonders junge Menschen und verletzliche Gruppen leiden.
In einer internationalen Umfrage im Jahr 2021 gaben mehr als die Hälfte von 10.000 Befragten im Alter von 16 bis 25 Jahren an, sich angesichts des Klimawandels ängstlich, hilflos oder schuldig zu fühlen. Drei Viertel beschrieben ihre Zukunft als "beängstigend".
Auch die emotionale Belastung von Klimawissenschaftler:innen oder Menschen, die Naturkatastrophen selbst erlebt haben, ist gut belegt.
Bislang jedoch fehlten systematische Daten über jene, die täglich über die Klimakrise berichten: Journalist:innen. Keine Arbeit beschäftigte sich bislang mit den psychologischen Gefahren für Klimajournalist:innen, schreiben die Autor:innen einer neuen Studie, mit der sie versuchen wollen, diese Lücke zu füllen.
Berichterstattung bedroht Interessen von Staaten und Unternehmen
Das kanadisch-britische Forschungsteam um den Neuropsychiater Anthony Feinstein verschickte dafür einen umfangreichen Fragebogen an 552 Journalist:innen, die über den Klimawandel berichten. 268 von ihnen aus 89 Ländern, also fast die Hälfte, nahmen teil.
Rund 60 Prozent der Befragten gaben an, Symptome psychischer Belastung zu verspüren. Knapp die Hälfte litt an moderaten bis starken Angstgefühlen, über 40 Prozent an depressiven Symptomen. Bei mehr als einem Fünftel deuteten die Antworten auf eine mögliche PTBS hin.
Besonders stark betroffen waren jene, die sich aufgrund ihrer Arbeit bedroht sahen. 39 der teilnehmenden Journalist:innen berichteten von körperlichen Bedrohungen, 71 von Online-Drohungen und digitaler Belästigung.
Die psychische Belastung resultiere daher nicht nur aus der Klimakrise selbst, schreiben die Forschenden: "Regierungen und mächtige Unternehmen greifen zu Mord, Verhaftungen, Übergriffen, Drohungen, Schikanen und strategischen Klagen gegen die Beteiligung der Öffentlichkeit, wenn sie glauben, dass ihre wirtschaftlichen Interessen bedroht sind."
Zahlen der Unesco belegen, dass Umwelt- und Klimaberichterstattung in vielen Regionen mit erheblichen Gefahren verbunden ist. Zwischen 2009 und 2023 wurden weltweit 750 Umwelt- und Klimajournalist:innen Opfer körperlicher Gewalt – in jedem zweiten Fall waren staatliche Akteure beteiligt.
Außerdem wurden in diesem Zeitraum 44 Umweltjournalist:innen ermordet, doch nur in fünf Fällen kam es zu einer Verurteilung. Die Angriffe haben in den vergangenen Jahren weiter zugenommen.
Wissenschaftler:innen sehen Medienhäuser in der Pflicht
Trotz dieser Risiken fühlen sich viele Journalist:innen von ihren Arbeitgeber:innen alleingelassen. Knapp 63 Prozent der Befragten gaben an, dass Medienhäuser ihre mentale Gesundheit unzureichend berücksichtigen. Dabei zeigten Erfahrungen aus der Corona-Pandemie, dass Journalist:innen mit Zugang zu professioneller Beratung oder Therapie deutlich seltener an Depressionen und Angststörungen litten.
Besonders ausgeprägt waren die Symptome bei denjenigen, die selbst Verluste durch den Klimawandel erlitten hatten – sei es das eigene Zuhause oder Angehörige und Freund:innen. Jede fünfte befragte Person hatte mindestens einen solchen Verlust erlebt.
Immerhin glauben über 70 Prozent, dass ihre Berichterstattung die öffentliche Debatte beeinflusst. Doch mehr als 60 Prozent fühlen sich bei dem Gedanken an ihre Arbeit zugleich hilflos.
Die Studie leistet einen wichtigen Beitrag, um die Herausforderungen des relativ jungen Berufsbildes Klimajournalismus besser zu verstehen. Zwar existieren einzelne Studien zu Extremereignissen – etwa eine Untersuchung von 2019, die zeigte, dass 20 Prozent der lokalen Journalist:innen nach dem Hurrikan Harvey unter PTBS litten und 40 Prozent unter Depressionen. Doch bislang gab es keinen Versuch, Klimajournalismus in dieser Breite zu erfassen.
Anthony Feinstein und Kolleg:innen sehen ihre Arbeit nur als ersten Schritt. "Interviews mit Klimajournalisten könnten eindrucksvolle persönliche Erfahrungsberichte liefern", schreiben sie in der Studie. Dies könne die Statistiken ergänzen und in einen realen Kontext stellen.
Zudem müsse untersucht werden, welche Faktoren psychische Belastungen verstärken oder abfedern können – etwa Zugang zu Beratung, das Gefühl von Selbstwirksamkeit oder institutionelle Unterstützung.
Die Schlussfolgerungen aus der Studie seien jedoch klar: "Der Ball liegt nun eindeutig bei den Nachrichtenorganisationen, die eine moralische Verantwortung haben, sich um ihre Journalisten zu kümmern."

@Redaktion:
Wer kümmert sich eigentlich um die psychische Gesundheit der Klimareporter-Redakteure?