Der Pariser Klimavertrag verlangt eine Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad. Inzwischen ist klar, dass das nicht ausreicht. (Bild: Fred Dott/​BMUB)

Die Welt steuert auf eine neue Phase der Klimakrise zu. Der Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur über das vorindustrielle Niveau wird die Marke von 1,5 Grad wahrscheinlich schon in den nächsten Jahren überschreiten.

Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer Bericht des UN-Umweltprogramms Unep. Selbst im günstigsten der untersuchten Szenarien steigt die Temperatur zunächst auf 1,8 Grad, in den meisten auf mehr als zwei Grad. 

Damit wird die im Pariser Klimavertrag von 2015 vereinbarte 1,5-Grad-Grenze nicht mehr einzuhalten sein. Unep erklärt das Ziel dennoch nicht für endgültig verloren. Die beste verbliebene Möglichkeit sei ein Pfad des "Überschreitens, des Gipfels und des Rückgangs".

Das hieße: Die Temperatur steigt zeitweilig über 1,5 Grad, erreicht möglichst bald ihren Höchststand und wird danach durch "negative" CO2-Emissionen wieder gesenkt – der Atmosphäre wird dann mehr Kohlendioxid entzogen, als noch ausgestoßen wird.

"Wir müssen die Überschreitung so gering und kurz wie möglich halten – begrenzen, wie hoch die Temperaturen steigen und wie lange sie über 1,5 Grad bleiben", sagte dazu UN-Generalsekretär António Guterres. Er fordert anlässlich des Unep-Reports einen beschleunigten Ausstieg aus fossilen Energien, eine "Revolution der erneuerbaren Energien", eine drastische Senkung der Methanemissionen und einen besseren Schutz für Böden, Wälder und Ozeane.

Extremhitze in Europa schon bei 1,4 Grad

Hinter der scheinbar technischen Debatte über einige Zehntelgrade steht eine Erkenntnis der Klimaforschung: 1,5 Grad sind zwar keine magische Marke, an der das Weltklima mit einem Schlag zusammenbricht. Doch nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass große Teile des Erdsystems unumkehrbare Kipppunkte überschreiten.

Zudem verschärft jedes zusätzliche Zehntelgrad Extremwetterereignisse, den Meeresspiegelanstieg und den Verlust von Ökosystemen.

Im Jahr 2024 überschritt erstmals ein einzelnes Kalenderjahr die 1,5-Grad-Schwelle. Für das Pariser Ziel zählt jedoch die über einen längeren Zeitraum gemittelte Erwärmung – derzeit etwa 1,4 Grad.

Was 1,4 Grad in der Praxis bedeuten, hat Europa in diesem Sommer erlebt. Der Kontinent wurde von mehreren außergewöhnlich starken Hitzewellen, anhaltender Dürre und großflächigen Waldbränden getroffen.

Für Westeuropa war die Periode Juni und Juli laut EU-Klimadienst Copernicus die heißeste seit Beginn der entsprechenden Messreihe. Die Durchschnittstemperatur lag bei 21,6 Grad und damit 2,8 Grad über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020.

Die Trockenheit verschärfte sich im Juli und August. An Flüssen wie Donau, Loire, Po und Rhein wurden außergewöhnlich niedrige, teils rekordtiefe Wasserstände gemessen. Schifffahrt, Kraftwerke, Landwirtschaft und Flussökosysteme gerieten unter Druck. Hinzu kamen marine Hitzewellen mit Rekordtemperaturen vor Europas Atlantikküste und im westlichen Mittelmeer.

Nach vorläufigen und noch unvollständigen Erhebungen wurden während der Hitzewellen in Europa Zehntausende zusätzliche Todesfälle registriert. Zudem ließ die Hitze Ernten schrumpfen und beeinträchtigte die Infrastruktur. Vielerorts fehlten Schattenplätze, Kühlmöglichkeiten und wirksame Warnsysteme.

Mögliche Klima-Kipppunkte

"Auf der ganzen Welt zeigen extreme Hitzewellen schon jetzt, dass die Folgen des Klimawandels schneller eintreten, härter zuschlagen und länger anhalten – mit mehr Todesopfern und tieferen Verwerfungen", sagte Unep-Chefin Inger Andersen. Es gebe "keine guten Ergebnisse, wenn wir über 1,5 Grad bleiben". Deshalb müsse die Staatengemeinschaft jetzt bei Klimaschutz und Anpassung nachlegen und dafür sorgen, dass die Überschreitung möglichst gering und kurz ausfalle.

Klimabedingt werden Katastrophen zunehmen, wie die Flut 2024 im spanischen Valencia. (Bild: Danil Rudenko/​Shutterstock)

Oberhalb von 1,5 Grad nehmen laut dem Report die Probleme für die Gesundheit der Menschen, die Ernährungssicherheit, die Wasserversorgung, die Natur und die Infrastruktur weiter zu. Ohne wirksame Anpassung könne die weltweite Nahrungsmittelproduktion bis 2050 um bis zu 14 Prozent niedriger liegen.

Bei einer Erwärmung von bis zu drei Grad könnten die Gletscher bis 2100 mehr als ein Viertel ihrer Masse verlieren und dadurch den Meeresspiegel zusätzlich um neun bis 13 Zentimeter erhöhen. Hinzu kommen das Schmelzen der großen Eisschilde und die wärmebedingte Ausdehnung des Meerwassers. Gefährdet sind besonders kleine Inselstaaten und flache Küstenregionen.

Als mögliche Klima-Kipppunkte nennt das Unep die Destabilisierung der großen Eisschilde Grönlands und der Antarktis, das Absterben des Amazonas-Regenwalds und eine starke Störung der Atlantischen Umwälzströmung, die das Klima Europas bisher wesentlich mitprägt und vergleichsweise mild macht. Wichtig hierbei: Das Risiko hängt auch davon ab, wie lange die Erde oberhalb von 1,5 Grad bleibt.

Letzte Warmzeit vor 120.000 Jahren ermöglicht Vergleiche

Einen Eindruck davon, was eine dauerhaft um etwa 1,5 Grad wärmere Welt langfristig bedeuten kann, liefert die Erdgeschichte. In der letzten Warmzeit, dem Eem vor etwa 129.000 bis 116.000 Jahren, lag die globale Temperatur zeitweise schätzungsweise 0,5 bis 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau der Neuzeit. Der globale Meeresspiegel stand damals wahrscheinlich fünf bis zehn Meter höher als heute. Das zeigt, dass die Eisschilde Grönlands und der Antarktis deutlich weniger Eis enthielten.

Der Vergleich bedeutet nicht, dass die Meere bei 1,5 Grad Erwärmung in diesem Jahrhundert schon um mehrere Meter steigen – Eisschilde reagieren über Jahrhunderte bis Jahrtausende. Er zeigt aber, welches neue Gleichgewicht sich im Klimasystem langfristig bei anhaltend höheren Temperaturen einstellen kann.

Nach Berechnungen des Weltklimarats IPCC könnte eine länger anhaltende Erwärmung um 1,5 Grad über einen Zeitraum von 2000 Jahren einen globalen Meeresspiegelanstieg von etwa zwei bis drei Metern nach sich ziehen, bei zwei Grad wären es etwa zwei bis sechs Meter.

Anders als frühere Warmzeiten wird die heutige Entwicklung durch vom Menschen freigesetzte Treibhausgase angetrieben – in erdgeschichtlich extrem hohem Tempo. Gesellschaften und Ökosysteme haben kaum Zeit, sich anzupassen.

Das Unep setzt deshalb auf drastische Emissionsminderungen, Anpassung und die spätere Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Methoden wie Aufforstung, Humusaufbau in den Böden und technische Verfahren sollen langfristig mehr CO2 binden, als ausgestoßen wird (siehe Kasten). Sie dürfen laut Unep aber nicht den weiteren Verbrauch von Kohle, Öl und Gas rechtfertigen.

CO2 aus der Atmosphäre holen, aber wie?

Um die Erdtemperatur nach einer Überschreitung des 1,5-Grad-Limits wieder zu senken, muss der Atmosphäre CO2 entzogen und dauerhaft gespeichert werden.

Natürliche Methoden hierfür sind Aufforstung, Wiederaufforstung, besserer Waldschutz und der Aufbau von Humus in Böden. Sie können zugleich Artenvielfalt und Wasserrückhalt fördern. Ihr Potenzial ist jedoch begrenzt: Wälder benötigen Fläche, können mit dem Nahrungsmittelanbau konkurrieren und den gespeicherten Kohlenstoff durch Brände, Dürre oder Abholzung wieder freisetzen.

Die Wiedervernässung von Mooren verhindert vor allem weitere Treibhausgasemissionen.

Bei Bioenergie mit CO2-Abscheidung soll Biomasse verbrannt und das freigesetzte CO2 unterirdisch gespeichert werden. Problematisch sind hier der Flächen- und Wasserbedarf.

Bei Direct Air Capture filtern technische Anlagen CO2 direkt aus der Luft und speichern es geologisch, das ist bisher aber teuer und energieintensiv.

Weitere Ansätze sind Pflanzenkohle und beschleunigte Gesteinsverwitterung.

Das Unep betont: Selbst ein optimistischer Ausbau dürfte die Erwärmung bis 2100 nur um wenige Zehntel Grad senken. CO2-Entnahme kann schnelle Emissionsminderung deshalb nur ergänzen, nicht ersetzen.

Selbst bei einem optimistischen Ausbau dürfte die CO2-Entnahme die Temperatur in diesem Jahrhundert nur um wenige Zehntel Grad senken. Glaubwürdig ist sie aus Unep-Sicht nur, wenn die Erwärmung deutlich unter zwei Grad bleibt und zuvor sämtliche vermeidbaren Emissionen gestoppt werden.

Parallel müsse die Anpassung verstärkt werden – von hitzetauglichen Städten über widerstandsfähige Strom- und Wassernetze bis zu einer Landwirtschaft, die mit höheren Temperaturen und Dürren zurechtkommt. Anpassung sei kein Ersatz für Emissionssenkung: Schwacher Klimaschutz treibe Schäden und Anpassungskosten hoch.

Und selbst wenn die Temperatur bis zum Jahrhundertende wieder unter 1,5 Grad sinkt, lässt sich die frühere Welt laut Unep nicht vollständig zurückholen. Ausgestorbene Arten kehren nicht zurück, verlorene Gletscher bauen sich nur über sehr lange Zeiträume neu auf, und der Meeresspiegel bleibt über Jahrhunderte erhöht.

Der in dem Report gezeichnete Kurs ist damit kein Freibrief für eine Aufweichung des bisherigen Klimaziels, sondern ein Notfallpfad.

 

"Besser CO2 jetzt vermeiden"

Die Technologien zur nachträglichen Entfernung von Kohlendioxid aus der Luft sind unsicher oder sehr teuer, sagt der Klimaforscher Niklas Höhne. Die vorhandene CO2-freie Technik sei vielfach schon heute günstiger und in jedem Fall zu bevorzugen.

Klimareporter°: Herr Höhne, sind die 1,5 Grad noch realistisch?

Niklas Höhne: Der Unep-Bericht zeigt klar, dass die Weltgemeinschaft wegen des zu langsamen Klimaschutzes die globale Temperaturerhöhung nicht dauerhaft unter 1,5 Grad halten kann.

Nun gilt es zu gewährleisten, dass diese Überschreitung so niedrig und so kurz wie irgend möglich bleibt, um das Schlimmste zu verhindern. Wenn wir das rechtlich bindende 1,5-Grad-Limit ernst nehmen, müssen die Emissionen von jedem neuen Verbrenner, von jeder neuen Gasheizung und von jeder neuen fossilen Industrieanlage irgendwann wieder aufwändig und teuer aus der Atmosphäre entfernt werden.

Da wäre es doch geboten, gleich heute die CO2-freie und schon in vielen Fällen wirtschaftliche Alternative zu wählen, nämlich Elektroautos, Wärmepumpen und CO2-freie Prozesse in der Industrie. 

Bild: Rixa Schwarz

Niklas Höhne

ist Klima­forscher, Mit­begründer des New Climate Institute in Köln und Professor an der Universität Wageningen in den Nieder­landen. Er verfolgt die UN-Klima­verhandlungen seit dem ersten Klima­gipfel 1995 in Berlin, der COP 1.

Was ist zu tun?

Der erste Schritt wäre, den Anstieg der globalen Treibhausgasemissionen zu stoppen. Hier gibt es gute Anzeichen, dass das vielleicht schon dieses Jahr geschehen wird. Wegen der Revolution der erneuerbaren Energien und Stromspeichern sinken Emissionen in Industrieländern, und auch in China scheint das Maximum erreicht zu sein.

Ein zweiter Schritt ist der komplette Ausstieg aus fossilen Energien. Erst wenn kein CO2 mehr emittiert wird, hört die globale Temperatur auf zu steigen. Mit der Erneuerbaren-Revolution ist dies nun zum ersten Mal auch realistisch. Der Konflikt im Nahen Osten wird einen weiteren Impuls weg von fossilen Energien geben.

Ist die CO2-Entnahme aus der Atmosphäre im großen Stil überhaupt zu leisten, um wieder auf 1,5 Grad herunterzukommen?

Hier sehe ich die größten Lücken, denn verfügbare Technologien sind entweder unsicher – CO2 aufnehmender Wald kann zum Beispiel auch abbrennen und das CO2 wieder freigeben – oder sehr teuer. In vielen Fällen ist es billiger, CO2 heute schon zu vermeiden, statt es wieder aus der Atmosphäre zu entfernen.

Interview: Joachim Wille

Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Kein Grund aufzugeben

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