Klimareporter°: Frau Musitz, Herr Daum, Sie haben kürzlich in einem Artikel für das Wirtschafts- und Politikmagazin Jacobin die These vertreten, dass China ein "Elektrostaat" ist – und damit ein für andere Staaten potenziell attraktives Vorbild. Warum?
Timo Daum: Wir haben uns damit beschäftigt, wie hoch der Stromanteil am Energieverbrauch verschiedener Staaten ist. In Norwegen beträgt er bereits fast 50 Prozent: Strom macht die Hälfte des Endenergieverbrauchs aus. Deutschland liegt bei knapp über 20 Prozent, die USA ebenfalls.
Klar, in Deutschland ist der Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung deutlich höher – letztes Jahr lag er bei knapp 60 Prozent. Doch diese Zahl lenkt von der Frage ab, welche Rolle Elektrizität in der Wirtschaft insgesamt spielt. In den USA ebenso wie in Deutschland stagniert der Strom-Anteil schon seit Jahren, während er in China innerhalb kurzer Zeit auf 30 Prozent gestiegen ist.
Der Stromanteil am Endenergieverbrauch ist eine wichtige Kennzahl. Sie verweist auf eine mögliche Zukunft, in der sich Wohlstand besser mit den planetaren Grenzen vereinbaren lässt.
Natürlich sind im Grunde alle Staaten noch erdölabhängig, auch China – der Verbrauch fossiler Energien ist dort enorm hoch. Entscheidend ist aber die Richtung. In China gibt es eine klare Strategie, die Elektrifizierung des Energiesystems rasch voranzutreiben.
Elektrifizierung ist ein Schlüssel der Energiewende und damit zentral für die Klimaneutralität – aber auch eine elektrifizierte Wirtschaft braucht enorme Mengen an Rohstoffen und Energie. Ist ein "Elektrostaat" wirklich ein Vorbild oder sollten Suffizienz und Reduktion im Vordergrund stehen?
Lia Musitz: Durch die Klimakrise wird unser Planet für Menschen und viele andere Lebewesen schwerer bewohnbar. Daraus ergeben sich viele Fragen. Wo wollen wir überhaupt hin? Was wäre angesichts der Klimakrise ein gutes Leben – und welche Gesellschafts- und Ordnungssysteme können das ermöglichen? Uns stört, dass selbst Klimabewegte und Linke diese grundlegenden Systemfragen nur selten stellen. Stattdessen erscheint Konsumreduktion auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene häufig als einzige Lösung.
Lia Musitz
ist Sinologin und freie Studienautorin. Sie arbeitet unter anderem für die Hans-Böckler-Stiftung, die Arbeiterkammer Wien und das EU-Parlament zu Chinas politischer Ökonomie und Transformation.
Studien zeigen zwar immer wieder, dass eine Mehrheit der Menschen weltweit Klimamaßnahmen unterstützt. Entscheidend ist aber, ob diese als gerecht wahrgenommen werden. Also ob jene zehn Prozent der Bevölkerung, die mit Abstand am meisten Emissionen in die Luft blasen, auch entsprechend zur Lösung beitragen – und ob Umverteilung dafür sorgt, dass besonders stark vom Klimawandel betroffene Menschen nicht weiter verarmen.
Konsumkritik ist wichtig, aber Degrowth-Debatten greifen oft zu kurz und blenden soziale Fragen aus. Teilweise werden dadurch sogar Gruppen ausgeschlossen, die ohnehin schon marginalisiert sind – das gilt auf lokaler oder europäischer Ebene, aber auch global.
Timo Daum: In vielen Teilen der ökologischen und linken Bewegungen gibt es eine große Skepsis gegenüber technologischen Lösungen. Das ist berechtigt. Doch manchmal werden dabei sehr unterschiedliche Technologien über einen Kamm geschoren – etwa wenn Elektroautos und Autos mit Verbrennungsmotor gleichermaßen als Problem gelten.
Ähnliches gilt für die Messgrößen, zum Beispiel wenn mit dem Energieverbrauch pro Kopf argumentiert wird. Solche Durchschnitts-Kennzahlen können hilfreich sein, aber auch wichtige Unterschiede verdecken. Verwendet man sie zu pauschal, verliert man analytische Werkzeuge, mit denen sich Fragen globaler Gerechtigkeit überhaupt erst formulieren lassen.
Zum ersten Mal in der modernen Geschichte stagnieren oder sinken Chinas CO2-Emissionen seit fast zwei Jahren – und das, obwohl der Energiebedarf deutlich ansteigt. Laut dem Klimaportal Carbon Brief liegt das daran, dass das rasante Wachstum der Produktion von Energie aus erneuerbaren Quellen das Wachstum des Gesamtenergieverbrauchs mittlerweile übertrifft.
Eine Perspektive wäre, innerhalb eines Korridors zu bleiben: unterhalb der planetaren Grenzen, aber gleichzeitig oberhalb eines sozialen Minimums. In Teilen der Umweltbewegung und der Linken im globalen Norden gerät dieser zweite Aspekt oft aus dem Blick – gerade, wenn wir über globale Entwicklungsmodelle sprechen. Wir glauben, dass eine weitgehende Elektrifizierung von Industrie und Alltag helfen kann, diesen Korridor zu halten.
Halten Sie bestimmte Elemente des politisch-ökonomischen Modells Chinas für förderlich bei der Energiewende?
Musitz: Das Beispiel China zeigt, dass die Transformation zu erneuerbaren Energien auch ökonomische Dynamik entfalten kann. Dort arbeiten inzwischen etwa doppelt so viele Menschen im Erneuerbaren-Bereich wie im Kohlesektor. Außerdem ist Wirtschaftswachstum in China ein wichtiger Treiber für den Ausbau erneuerbarer Energien. Das relativiert das häufig vorgebrachte Argument, Klimamaßnahmen würden der Gesamtwirtschaft schaden.
Gleichzeitig stellt sich eine normative Frage. Die chinesische Regierung verfolgt einen vergleichsweise klaren Plan und eine Zielperspektive – etwas, das in Europa oft fehlt. Hier mangelt es häufig am politischen Willen, entsprechende Maßnahmen konsequent umzusetzen. Das berührt letztlich eine Systemfrage: Welches Modell kann den Klimawandel bewältigen und zugleich soziale Sicherungssysteme schaffen, die die Transformation für mehr Menschen tragfähig machen?
Es ist nicht so, dass China diese Fragen gelöst hat. Aber wir brauchen unbedingt eine stärkere politische Zielsetzung. Staatliche Planung kann dabei eine wichtige Rolle spielen. China ist zwar keine Planwirtschaft im klassischen Sinn, aber staatliche Planung hat dort weiterhin großes Gewicht. Das zeigt sich auch am jetzt veröffentlichten neuen Fünfjahresplan. Die Effizienz dieser öffentlichen Planung widerspricht der verbreiteten Annahme, dass Innovation nur dann entsteht, wenn vor allem Privatunternehmen geschützt und gefördert werden.
Wirtschaftspolitische Debatten in Europa sind stark von liberalen Lehren geprägt, nach denen der Markt stets eine größere Rolle als der Staat spielen soll. Auch wenn es selbst in liberalen Kreisen wieder mehr Offenheit für industriepolitische Instrumente gibt: Forderungen nach mehr staatlicher Planung werden etwa mit Verweis auf das Scheitern sozialistischer Staaten im 20. Jahrhundert abgelehnt.
Musitz: Sobald man Elemente aus einem anderen System aufgreifen möchte, die offensichtlich gut funktionieren, wird man schnell in eine politische Schublade gesteckt. Planung wird bei uns oft negativ bewertet, sodass es kaum Raum gibt, sie differenziert zu diskutieren. Dabei zeigen auch internationale Vertreter der Innovationsökonomie wie Bengt-Åke Lundvall, dass Innovation selten spontan entsteht und der Staat meist eine zentrale Rolle spielt.
Studien etwa zur KI zeigen auch, dass die öffentlichen Ausgaben der USA und Chinas nicht so weit auseinanderliegen. China pumpt nicht deutlich mehr staatliche Mittel in Zukunftstechnologien als die USA. Bei den privaten Investitionen ist es aber ganz anders: In den USA wird etwa zwölfmal so viel privates Kapital in KI investiert wie in China, und trotzdem sind die Ergebnisse ähnlich. Das wirft eine grundlegende Frage auf: Wie effizient sind unsere Innovationssysteme im Vergleich zu einem System, in dem staatliche Planung eine größere Rolle spielt?
Dabei funktioniert Chinas Planung nicht einfach als Befehlssystem, dem alle folgen müssen, sondern eher als politischer Prozess. Auf zentralstaatlicher Ebene wird ein Plan erarbeitet, der relativ konkret festlegt, wer für welche Ziele verantwortlich ist und wann sie erreicht werden sollen. Gleichzeitig sind diese Ziele oft nur indikativ, etwa zur Produktion von Photovoltaikmodulen – es geht also um Orientierung, nicht um verbindliche Vorgaben. Gerade diese Prozesshaftigkeit ermöglicht es, viele Akteure einzubeziehen.
Obwohl China gesellschaftliche Partizipation nicht durch ein demokratisches Wahlsystem garantiert, setzt es bei der Erfüllung seiner Pläne auf Integration von Interessen und Umsetzungskapazitäten verschiedener sozialer Gruppen. So zeigt etwa der Ergebnisbericht zum Weltbank-geförderten Aufbau eines Emissionshandelssystems die frühzeitige Einbindung staatlicher und privater Akteure in die Projektentwicklung.
Dieses Planungsmoment sollte man ernst nehmen. Natürlich geht es nicht darum, autoritäre Herrschaft zu übernehmen. Aber wir sollten darüber nachdenken, wie ein öffentliches Planungssystem aussehen könnte, das möglichst viele Akteure frühzeitig einbindet.
Daum: Sowjetische Arbeiterräte oder Chinas Einparteienherrschaft sind keine Modelle, die man auf Europa übertragen könnte und sollte. Doch hier entwickelt sich aktuell vieles in die falsche Richtung. Die Demokratien des Westens, also die EU und die USA, stützen sich im Moment stark auf fossile Strukturen und Neoimperialismus, auf Faschisierung und geschlossene Grenzen.
In den USA, teilweise auch in der EU und in Deutschland erleben wir ein fossiles Rollback. Der "grüne Kapitalismus" wirft langsamer als gedacht Profite ab – etwa bei E‑Autos. Selbst Cem Özdemir von den Grünen, künftiger Ministerpräsident Baden-Württembergs, spricht nun davon, das EU-Verbrennerverbot aufzuweichen. Die starke Konkurrenz aus China spielt in diesen Debatten eine große Rolle.
Daum: Das klingt ein bisschen so, als wäre China schuld daran, dass der Westen seine Vision eines grünen Kapitalismus nicht erfolgreich umsetzen konnte. Das sehe ich nicht so. Mein Problem mit dieser Argumentation ist vor allem, dass sie die Entwicklungen in China und im globalen Süden weitgehend ausblendet.
Timo Daum
ist Physiker, Hochschullehrer und Sachbuchautor. Er lehrt Politikwissenschaften an der Universität Wien und forscht am Wissenschaftszentrum Berlin.
China produziert nicht Solaranlagen, Windräder und Elektroautos, um dem europäischen Green Deal eins auszuwischen, sondern in erster Linie aus nationalen politischen Erwägungen wie Energiesouveränität, Umwelt- und Emissionsschutz, Aufbau einer heimischen Industrie – und erst danach auch als Export-Option.
Die USA setzen aus wirtschaftlichen Interessen weiter auf fossile Energien – trotz der enormen ökologischen Schäden. Europa befindet sich in einer Zwischenlage.
Im Moment wirkt es allerdings so, als könnten die USA viele ihrer geopolitischen Hebel durchsetzen. Ein Beispiel sind die steigenden europäischen LNG-Importe aus den USA. Mein Eindruck ist, dass europäische Souveränität in energiepolitischen und damit auch klima- und umweltpolitischen Fragen wieder abnimmt.
Musitz: Viele Länder des globalen Südens sind hier mutiger. Sie bauen Wind- und Solarenergie mit chinesischen Technologien aus und machen sich dadurch unabhängiger von fossilen Energiebeziehungen. Das führt auch zu geopolitischen Verschiebungen. China gewinnt im globalen Süden an Einfluss, weil es mit der Bereitstellung erneuerbarer Technologien mehr energetische Souveränität ermöglicht.
Europa hingegen macht sich weiter abhängig von fossiler Energie und treibt damit seine Strompreise nach oben. Das ist nicht nur klimapolitisch problematisch, sondern untergräbt auch die Wettbewerbsfähigkeit. Die USA setzen zwar rhetorisch und politisch stark auf fossile Energien – Stichwort "Drill, baby, drill" –, aber gleichzeitig bauen sie massiv Wind- und Solarenergie aus, schlicht weil dies inzwischen die günstigsten Technologien zur Stromerzeugung sind.
Auch große KI-Unternehmen in den USA lobbyieren für den Ausbau dieser Infrastruktur, denn die Kosten von KI hängen stark von den Stromkosten ab und erneuerbare Energien liefern den günstigsten Strom. Vor diesem Hintergrund wäre es für Europa sinnvoller, günstige grüne Technologien wie Solarmodule massiv zu importieren und damit schneller eine Infrastruktur für erneuerbare Energien aufzubauen.
Chinas Klima- und Umweltpolitik
China ist der größte Treibhausgasemittent der Welt, treibt aber auch den Ausbau der erneuerbaren Energien am schnellsten voran. Die Volksrepublik ist bei vielen "grünen" Technologien führend – und hat eine Schlüsselrolle bei der Weiterverarbeitung von Rohstoffen wie Kobalt und Lithium. Während China in der internationalen Klimapolitik eine prominente Position innehat, kommt es im Land immer wieder zu Protesten gegen Umweltverschmutzung. Die Serie wirft ein Auge auf Akteure und Debatten, Gesetze und Industrien in China.

Was heisst hier denn 'selbst'? Das einzig Grüne an Özdemir ist die Farbe seiner Partei, das ist doch nichts Neues.
Dieses selektive Weglassen passt leider ins gewohnte Bild bei Klimareporter.
Totschweigen ist eben auch eine Form von Framing.
https://klimareporter.de/strom/renaissance-mit-wenig-strahlkraft
Übrigens sieht der Ausbau pro Kopf der Bevölkerung schon wieder etwas anders aus.
https://monde-diplomatique.de/artikel/!6167037
Der Artikel endet:
"Eine 70-jährige, noch in Armut geborene Rentnerin, die sich seit 20 Jahren mit Gesang und Fächertanz beschäftigt [= sich ihrer Rente erfreut], gehört heute zu den letzten Vertreterinnen einer Welt, die verschwindet – und mit ihr die Versprechen der Revolution von 1949. Es sei denn, China baute nun endlich auch seinen Sozialstaat auf, nachdem es Anfang der 1980er Jahre die Kräfte des Marktes entfesselt hätte, um die Wirtschaft anzukurbeln. Das sagt uns ein Soziologe, der sich auf Mao Zedong beruft. Namentlich zitiert werden will er lieber nicht. Präsident Xi Jinping hingegen erklärt regelmäßig, dass man bei den Sozialleistungen bloß nicht zu großzügig sein dürfe, 'damit die Menschen nicht faul werden'. Andernfalls werde es nicht gelingen, das Land von der Geißel der Involution [= zunehmender Wettbewerb ohne sozialen Fortschritt] zu befreien."