Die Entscheidung der USA und Israels, einen Vollkrieg gegen den Iran zu beginnen, hat zur "Schließung" der Straße von Hormus geführt. Das geht auf die Reaktion des militärisch weit weniger potent aufgestellten Kriegsgegners zurück und auf dessen Seitwärts-Eskalation: Der Iran eröffnet eine Energiekriegs-Front.

Als Reaktion war das zu erwarten – wie schon im Ukraine-Krieg. Da haben die europäischen Staaten auch diese Energie-Front gegen den militärischen Angreifer Russland eröffnet. Also muss dieses Vorgehen des Iran als Option im Kalkül der USA vorab bedacht worden sein.

 

Mit der "Schließung" der Straße von Hormus sind Angebotsmengen in Höhe von 20 Prozent des weltweiten Ölverbrauchs blockiert und ebenso 20 Prozent der weltweiten Lieferungen von Flüssigerdgas (LNG).

Oman – neben Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten der dritte LNG-Exporteur im Nahen Osten – betreibt seine Gas-Exportterminals am Arabischen Meer und nutzt die Straße von Hormus daher nicht.

Bei den Öllieferungen wirkt entlastend, dass Saudi-Arabien die East–West Pipeline gebaut hat, die seine Ölfelder mit dem Roten Meer verbindet. Auch Katar ist daran angeschlossen. Zudem sind mit der Schließung der Meerenge auch sämtliche Ölexporte des Iran blockiert.

Für viele Länder sind die beiden fossilen Energieträger Erdöl und Erdgas von zentraler wirtschaftlicher Bedeutung. Der Wegfall der Lieferungen durch das bekannte Nadelöhr der Seeschifffahrt führt naturgemäß zu Preisanstiegen an den globalen Spotmärkten für Rohöl und Ölprodukte sowie für LNG und belastet die Importländer.

Belastungen für USA deutlich geringer als für Europa

Das ist die Energiekriegsseite im aktuellen Konflikt im Nahen Osten. Die Belastungen stellen sich aber regional deutlich asymmetrisch dar. Das gilt besonders für LNG. Für den auslösenden Akteur – die USA, den Bundesgenossen Europas – sind die Folgen der blockierten Flüssigerdgas-Lieferungen deutlich geringer als für die Europäer, speziell für Deutschland.

In Deutschland hat dieser Effekt, zumal in Vorwahlzeiten, zu aufgeregten Diskussionen in Nabelschaumanier geführt. Die strategisch-intentionale Dimension des Energiekriegs blieb ob der Dominanz einer schon obsessiv zu nennenden Befassung mit der medial ansprechenden und weniger abstrakten Gewalt-Seite des Krieges ausgeblendet.

Durch die Straße von Hormus gingen bisher auch 20 Prozent der weltweiten Lieferungen von Flüssigerdgas (LNG). (Bild: Wojciech Wrzesień/​Shutterstock)

Derzeit wird von der Annahme ausgegangen, dass diese Blockade-Situation auf Dauer bestehen wird. "Auf Dauer" kann dabei Unterschiedliches bedeuten. 

Es kann gemeint sein: So lange, wie der Krieg dauert.

Auch dieser Krieg, den der US-Präsident zunächst als "Combat Operations" bezeichnete, läuft – wie zuvor schon der Krieg Russlands gegen die Ukraine – offenkundig anders als in der Vorbereitung gedacht.

Nunmehr ist mit einem lang dauernden schweren militärischen Konflikt in der Region zu rechnen, der viele Menschenleben kosten und die Region weiter destabilisieren wird.

Dass der Krieg länger andauert, ist wahrscheinlich, dass aber die Blockade der Straße von Hormus selbst in einem solchen Kontext von Dauer sein wird, ist hingegen eher unwahrscheinlich.

Erstens nehmen eben auch Irans Ölexporte ihren Weg durch die Straße von Hormus, eine vollständige Blockade auf Dauer würde somit dem Land eine wichtige Einnahmequelle entziehen.

Zweitens ist es unwahrscheinlich, dass das US-Militär tatenlos zusehen und der iranischen Marine eine Dauerblockade der Straße erlauben würde.

Drittens ist China stark von dem Öl vom Golf abhängig und könnte durchaus seine Marine entsenden. Oder der Iran agiert selektiv und lässt Tankschiffe mit Ziel China passieren – dann würde die Schließung faktisch aufrechterhalten. Diese Option gilt auch für Tanker mit eigenem, iranischem Öl.

Nicht wie bei einer Straßensperre

Diese Einschätzungen sind allerdings sehr abhängig von der Art und Weise der "Schließung" der Straße von Hormus.

Sofern es so ist, dass die iranische Marine patrouilliert und es wie bei einer Straßensperre funktioniert – das heißt, die einen lässt man passieren und andere nicht –, wäre die iranische Marine sehr exponiert und also verletzlich. In dem Fall wäre sie Ziel massiver und überlegener Angriffe und alsbald gezwungen, die Blockade aufzugeben und die Straße wieder zu öffnen.

Die USA haben ihr Ziel einer vollständigen Vernichtung der (Groß-)Schiffe der iranischen Marine bekannt gegeben und scheinen darin auch schon weit vorangekommen zu sein.

So aber funktioniert die "Schließung" im Grunde nicht, sondern läuft faktisch immateriell ab. Entscheidend ist die pure Drohung des Iran und die Wirkung auf die Versicherbarkeit von Schiffen.

Fällt die Versicherbarkeit aus, gibt es einen Verkehr durch die Straße von Hormus nur, wenn interessierte Staaten mit Versicherungsschutz einspringen.

Für die Drohung bedarf es aber keiner (Groß-)Schiffe – die Verfügbarkeit von Drohnen, zur See oder zur Luft, genügt.

Hochrisiko-Strategie für Deutschland 

Unabhängig davon, ob eine "Schließung" der Straße von Hormus auf Dauer unwahrscheinlich oder zumindest zweifelhaft erscheint oder nicht: Es lohnt sich, die möglichen Auswirkungen auf den globalen Gasmarkt zu bedenken, sollte die Schließung doch über einen längeren Zeitraum andauern.

Wie erwähnt, passieren rund 20 Prozent der weltweiten LNG-Lieferungen die Straße von Hormus und stammen aus Katar und den Emiraten.

Bild: Wuppertal Institut

Jochen Luhmann

studierte Mathematik, Volks­wirtschafts­lehre und Philosophie und promovierte in Gebäude­energie­ökonomie. Er war zehn Jahre als Chef­ökonom eines Ingenieur­unternehmens und 20 Jahre am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie tätig. Er ist im Beirat der Vereinigung Deutscher Wissen­schaftler und dort Mitglied der Studien­gruppe Europäische Sicherheit und Frieden.

Den Preiseffekt einer Blockade dieser LNG-Menge auf Dauer hat der britische Gasmarktexperte Mike Fulwood mithilfe von Modellen abgeschätzt, die am Oxford Institute for Energy Studies (OIES) entwickelt wurden. Die betrachtete Periode einer Sperrung ist ein volles Jahr.

Das Ergebnis lautet: Die LNG-Lieferungen aus dem Nahen Osten würden brutto jährlich um etwa 110 Milliarden Kubikmeter sinken. Durch höhere Mengen, die aus Australien und Nordamerika kommen, würde dies teilweise kompensiert.

Real ergäbe sich ein Rückgang beim LNG-Angebot von 86 Milliarden Kubikmetern. Das sind etwa 15 Prozent des globalen LNG-Angebots im Jahr 2024. 

Die größten Rückgänge an LNG-Importen würden dabei Europa, China, Südasien sowie Japan, Südkorea und Taiwan treffen. Obwohl 80 Prozent der aktuellen LNG-Lieferungen aus Katar und den Emiraten nach Asien gehen, würde Europa mengenmäßig überproportional betroffen sein, da Europa LNG an die asiatischen Märkte verlieren würde.

Die USA wären der große Gewinner, da sie als Pipeline-Gas-Selbstversorger von den höheren LNG-Weltmarktpreisen abgekoppelt sind.

In der Untersuchung unterstellt Mike Fulwood auch ein besonderes risikoreiches Verhalten, das den Preiseffekt dämpfen kann. Danach könnte Rückgang der Nachfrage in Import-Ländern größer ausfallen als der Rückgang der LNG-Importe.

Grund ist, dass sowohl China als auch Europa die Marktlage nutzen werden, um ihre Speicherkapazitäten zu reduzieren beziehungsweise nicht voll wiederaufzufüllen. Sie setzen darauf, dass die LNG-Lieferungen aus dem Nahen Osten in den Folgejahren wieder eintreffen, um die Speicher aufzufüllen.

Für Deutschland wäre das eine Hochrisiko-Strategie, wegen seiner starken Speicher-Leerung im letzten Winter. Als ebenfalls problematisch erweist sich in diesem Zusammenhang nun die EU-Politik, auch die LNG-Lieferungen Russlands zu ächten. Das wurde ohne Erwartung der Möglichkeit des Ausbruchs eines erneuten Kriegs gegen den Iran konzipiert und beschlossen.

Preisschock könnte vergleichbar mit 2022 sein

Was die Preise betrifft, so dürfte der Schock durch den Ausfall von LNG aus dem Nahen Osten ähnlich hoch ausfallen wie der Preisschock im Jahr 2022, als der Westen auf den Einmarsch Russlands in die Ukraine mit Energiesanktionen reagierte.

Die Spot- und Hubpreise in Europa und Asien näherten sich damals der Marke von 30 US-Dollar pro Millionen BTU (British thermal units). Verglichen mit den bisherigen Zwölf-Monats-Termin-Preisen frei Niederlande von etwa 13 bis 14 US-Dollar ist das eine Verdopplung der LNG-Preise.

Die Wiederholung eines Gaspreisschocks in der Größenordnung von 2022 würde gravierende Folgen in Europa und Asien haben.

In Europa könnten im exzessiv liberalisierten Strommarkt die Gaspreise in vielen Mitgliedsstaaten noch voll auf die Strompreise durchschlagen. Das Stromsystem der EU ist gemäß dem Merit-Order-Prinzip so konzipiert, dass das letzte Kraftwerk, das zur Deckung des Gesamtbedarfs benötigt wird, den Strompreis in einer Periode festlegt.

In etlichen Ländern handelt es sich dabei noch oft um ein Kraftwerk, das mit Erdgas betrieben wird. Das passiert auch dann, wenn ein Großteil des Stroms aus günstigeren erneuerbaren Energien erzeugt wird.

Die Vorstellung, Europa würde von krisenbedingten Preisausschlägen bei Erdgas in dem Maße unberührt bleiben, wie es sich von fossilen Energieträgern bereits verabschiedet hat und auf erneuerbare Quellen umgestiegen ist, trägt deswegen nicht so einfach.

EU-Länder streiten über Strommarktgestaltung

Das Thema ist auf EU-Ebene angekommen. Regierungen von sieben EU-Mitgliedsstaaten warnten in einem Brief an Energiekommissar Dan Jørgensen vom 5. März vor einer Änderung des Systems der Strompreisbildung, wie sie Spanien und Portugal im Gefolge der Krise nach 2022 beschlossen hatten.

Diese "iberische Ausnahme" – eine Sonderregelung, die im Frühjahr 2022 von der EU erlaubt wurde – führte einen Gaspreisdeckel ein. Der vom Gaspreis maßgeblich bestimmte Strompreis sank durch diese Deckelung deutlich.

Dagegen argumentieren die sieben Länder, das würde zu einem weniger effizienten Mechanismus und letztlich zu höheren Strompreisen führen. Es "würde zudem die Markt- und Regulierungsunsicherheit erhöhen, was Investitionen und der europäischen Wettbewerbsfähigkeit schadet", heißt es in dem Brief.

Das Schreiben wurde von den Energieministern Dänemarks, Finnlands, Lettlands, Luxemburgs, der Niederlande, Portugals und Schwedens unterzeichnet. Das sind überwiegend wohlhabende EU-Mitglieder.

Schweden und Finnland weisen die niedrigsten Strompreise in der EU auf. Beide Länder erzeugen mehr als 90 Prozent ihres Stroms aus CO2-armen Quellen.

 

Diese sieben Länder betonen weiter, die Abhängigkeit der EU von teurem, importiertem Gas sei die Hauptursache für die hohen Preise und nicht die Struktur des Strommarktes. Entsprechend wird gefordert, den Ausbau der Erneuerbaren zu beschleunigen, um die preisbestimmende Rolle von Gas im Strommix zurückzufahren. Verlangt wird zudem, die Kunden verstärkt dazu anzuregen, Elektrizität in Zeiten niedriger Preise zu verbrauchen.

Diese Positionierung birgt Konfliktpotenzial, denn das auf Erneuerbare bauende Alternativ-Konzept der sieben Mitgliedsstaaten ist nicht kurzfristig realisierbar. Andere Regierungen – wie die Italiens – wollen die CO2-Kosten von den Stromrechnungen von Gaskraftwerken streichen. Das ist ein Eingriff, der das Preissystem seinerseits grundlegend verändern würde.

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