Eine kleine Demonstration beim Klimagipfel 2015 in Paris – kurz bevor das Abkommen beschlossen wurde, in dem auch das 1,5-Grad-Ziel steht. (Bild: Susanne Schwarz)

Der jüngste Klimareport des UN-Umweltprogramms Unep überbrachte die schlechte Nachricht: Die Menschheit wird die 1,5-Grad-Grenze, die sie sich 2015 im Pariser Klimaabkommen gesetzt hat, schon in den nächsten Jahren reißen. Zu lange wurde verhandelt, vertagt und verwässert, während die Emissionen, abgesehen von Wirtschaftskrisen, weiter stiegen.

Nun bleibt selbst im optimistischsten Unep-Szenario zunächst nur eine Begrenzung auf 1,8 Grad. Andere Pfade führen sogar deutlich über zwei Grad hinaus, die zweite "Haltelinie" aus dem Vertrag.

Ist Paris damit gescheitert? Wer das behauptet, macht es sich zu einfach – und liefert den Klimaschutz-Bremsern, die ohnehin keinen Sinn im CO2-Sparen sehen, eine gefährliche Ausrede. Die 1,5 Grad sind keine Klippe, hinter der jede Anstrengung sinnlos wird.

Aber es ist eine Warnlinie. Mit jedem zusätzlichen Zehntelgrad nehmen Hitzewellen, Dürren, Starkregen, Ernteverluste und der Anstieg des Meeresspiegels weiter zu. Und mit jedem Jahr über dieser Marke wächst die Gefahr, dass Eisschilde, der Amazonas-Regenwald oder große Meeresströmungen irreversible Kipppunkte erreichen.

Technische Zaubermittel wird es nicht geben

Was bereits 1,4 Grad globale Erwärmung bedeuten, war in Europa in diesem Sommer zu besichtigen: Rekordhitze, Dürre, Waldbrände, extrem niedrige Flusspegel, Kraftwerke unter Druck – und Zehntausende zusätzliche Todesfälle während der Hitzewellen.

Die Vorstellung, man könne sich an zwei oder gar drei Grad anpassen, ist verantwortungslos. Anpassung ist unverzichtbar, hat aber Grenzen. Ein vertrockneter Amazonas-Regenwald oder eine unbewohnbar gewordene Insel sind endgültig verloren.

Der Unep-Bericht zeichnet deshalb einen Notfall-Pfad: Überschreiten der 1,5 Grad, die Maximaltemperatur möglichst niedrig halten und danach wieder unter die Paris-Schwelle zurückkehren.

Das verlangt zuerst einen schnellen Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas, globalen Waldschutz und umweltfreundliche Landwirtschaft.

Anschließend muss der Atmosphäre mehr CO2 entzogen werden, als noch hineingelangt. Aufforstung, Humusaufbau oder technische Filter können helfen. Doch sie sind keine Zaubermittel.

Sie brauchen Fläche, Energie und Geld, bergen ökologische Risiken und dürften die Temperatur selbst bei optimistischem Ausbau in diesem Jahrhundert nur um wenige Zehntelgrad senken. Wer auf spätere CO2-Entnahme setzt, um heute weiter fossile Energien zu verbrennen, wettet mit der Zukunft.

Die Energiewende ist nicht aufzuhalten

Trotzdem ist Resignation fehl am Platz. Es gibt starke Gegensignale zur politischen Mutlosigkeit. Die klimafreundliche globale Energiewende ist trotz Trump und Co näher, als viel glauben. Erneuerbare Energien sind heute in vielen Regionen bereits günstiger als fossile.

In China übertrifft der Zuwachs von Wind- und Solarenergie bereits das Wachstum der gesamten Energienachfrage. Das Land könnte seinen Emissionsgipfel erreicht haben. Auch Stromspeicher und Elektromobilität entwickeln sich schneller, als noch vor wenigen Jahren erwartet.

Selbst in den USA dürften die Emissionen trotz Donald Trumps fossiler Rolle rückwärts weiter sinken – nur leider langsamer.

Die Energiewende hängt also nicht mehr allein vom guten Willen der Regierungen ab, der oftmals zu schwach ist. Technik und Märkte treiben sie voran.

 

Doch natürlich: Ein Selbstläufer ist das noch nicht. Weiterhin verzerren fossile Subventionen und politische Rückwärts-Wenden den Wettbewerb. Gerade Deutschland und Europa dürfen nicht aus Angst vor Populisten den Green Deal schleifen. Wer Zukunftsindustrien abbremst, schützt nicht Wohlstand und Arbeitsplätze, sondern riskiert beides.

Die Chance, unter 1,5 Grad zu bleiben, ist vertan. Die Chance, die Überschreitung kurz zu halten, besteht noch. Dafür braucht es, wie UN-Generalsekretär António Guterres mit einem Wortspiel sagt, nun auch beim politischen Ehrgeiz einen "Overshoot" wie beim 1,5-Grad-Limit. Das sollten wir uns gönnen.

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