Für Klima-Fachleute war die Nachricht ein Schock: Indien erwägt laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg, den Ausbau seiner Kohlekraftwerks-Kapazitäten nicht – wie bisher geplant – 2035 zu stoppen, sondern den Boom dieser fossilen Energie zu verlängern – möglicherweise bis 2047.
Der Bericht verweist auf interne Überlegungen im indischen Energieministerium und in der Planungskommission NITI Aayog, wonach zusätzliche Kohleblöcke notwendig sein könnten, um die rasant steigende Stromnachfrage in dem Land zu decken. Zunehmende Industrialisierung, Bevölkerungswachstum und klimabedingte Hitzewellen erhöhten den Energiebedarf stark.
Kohle sei weiterhin als verlässliche "Grundlast-Absicherung" nötig, solange Stromspeicher und für erneuerbare Energien ausgebaute Netze den Bedarf noch nicht stabil tragen könnten.
In Regierungskreisen ist laut Bloomberg sogar von einer möglichen Ausweitung der Gesamtkapazität auf bis zu 420.000 Megawatt die Rede. Das entspräche einem Plus von 87 Prozent gegenüber dem aktuellen Stand. Derzeit sind laut der Forschungsinitiative Climate Action Tracker (CAT) fast 120.000 Megawatt im Bau oder in Vorbereitung.
Der Kohleausbau sollte nach den bisherigen Überlegungen der Regierung bis 2035 beendet werden, um das von Ministerpräsident Narendra Modi ausgegebene Ziel der Klimaneutralität des Landes bis 2070 einhalten zu können.
Indiens Klimapolitik ist "unzureichend"
Kurz nach Veröffentlichung des Berichts folgte in Neu-Delhi eine halbherzige Relativierung. Das Blatt India Today zitierte Regierungsvertreter, die erklärten, Indien habe "keine unmittelbaren Pläne", die Kohlekapazität über 2035 hinaus zu erhöhen. Die Regierung wolle vor einer endgültigen Entscheidung erst beobachten, wie sich die Nachfrage entwickelt und wie schnell erneuerbare Energien ins Netz integriert werden können.
Bloomberg berichtete indes, die Berechnungen zum zukünftigen Energiemarkt seien abgeschlossen und führende Industriemanager des Landes sollten demnächst über die neuen Kraftwerkspläne informiert werden.
Offiziell verweist Indien auf große Fortschritte in der Veränderung der Struktur der Energieversorgung. Mitte des Jahres wurde gemeldet, dass bereits 50 Prozent der installierten Kraftwerkskapazität aus nicht fossilen Quellen stammten, vor allem Solar-, Wind- und Atomkraft. Diese Marke sei fünf Jahre früher als geplant erreicht worden.
Allerdings macht der Anteil am tatsächlich produzierten Strom nur rund ein Viertel aus, da Sonne und Wind, anders als Kohle oder Atom, bekanntermaßen nicht so kontinuierlich liefern.
Der Climate Action Tracker hat Indiens Klimapolitik trotz der rasanten Fortschritte beim Solar- und Windkraft-Ausbau als "unzureichend" eingestuft, um den globalen Temperaturanstieg auf möglichst 1,5 zu begrenzen, wie es der Pariser Klimavertrag vorsieht. Ausschlaggebend dafür sei insbesondere das Fehlen eines verbindlichen Kohleausstiegsdatums sowie ein Ausbaupfad, der das Land "in die falsche Richtung" treiben könnte.
"Indien riskiert große Überkapazitäten", kommentierte CAT-Leiter Niklas Höhne den Bloomberg-Bericht gegenüber Klimareporter°. "Investitionen in Netze und Speicher anstatt in Kohlekraftwerke wären sinnvoller, um Stabilität im Stromnetz zu erreichen."
Auch der Klimaforscher Mojib Latif warnt dringend vor einer Umsetzung der jetzt diskutierten Pläne. Ein solcher Kohleboom könne dazu führen, dass sogar die Drei-Grad-Marke bei der Erwärmung überschritten wird. "Gerade für Indien wären die Folgen dann nicht mehr beherrschbar", sagte der Kieler Experte gegenüber Klimareporter°.
Immer noch niedrige Pro-Kopf-Emissionen
Energie-Fachleute halten eine Ausweitung der Kohleverstromung in Indien aber auch für ökonomisch riskant. Die internationale Denkfabrik Ember wies in einer Untersuchung unlängst auf fallende Kosten für Wind, Sonne und Batteriespeicher hin, die die Kohleverstromung schon ab 2030 zunehmend überflüssig machen könnten.
"Der Bau von Kohlekraftwerken über die hinaus, die bereits fest geplant sind, ist für das Land weder notwendig noch wirtschaftlich", warnte Ember-Analyst Neshwin Rodrigues. Neue Kohlekraftwerke könnten so zu "Stranded Assets" werden: teuer gebaut, aber kaum ausgelastet und wirtschaftlich nicht mehr tragfähig, sobald Speicherkapazitäten und flexibel gesteuerte Erneuerbare die Grundlast ersetzen können.
Zugleich würden Investitionen in Netzausbau, Speicher oder grünen Wasserstoff verzögert – Technologien, die Indien langfristig unabhängiger und sauberer machen könnten, monierte Ember.
Indien nimmt im Weltklima eine Schlüsselrolle ein. Das Land ist nach China und den USA der drittgrößte CO2-Einzelemittent der Welt, sein Pro-Kopf-Ausstoß liegt aber nur bei etwa einem Drittel verglichen mit China oder Europa.
Indien argumentiert, es habe ein Recht auf wirtschaftliches Wachstum und damit zu ausreichendem Energiezugang.
Allerdings ist klar: Jeder zusätzliche fossile Ausbau ist dem globalen Paris-Ziel abträglich. Würden die von Bloomberg gemeldeten Pläne umgesetzt, dürfte Indien beim Neubau von Kohlekraftwerken schon bald sogar China überholen, das CO2-Neutralität für 2060 angekündigt hat.
Indiens Regierungschef spielt dabei eine doppelte Rolle. Modi hat sich in vergangenen Jahren international als Vertreter eines klimasensiblen Südens präsentiert, etwa 2023 auf dem UN-Klimagipfel COP 28 in Dubai. In einer damals viel beachteten Rede betonte er, Indien wolle einen fairen Beitrag zum Klimaschutz leisten, und forderte dafür mehr Klimafinanzierung und Technologietransfers für Entwicklungsländer. Tatsächlich boomen die erneuerbaren Energien seither in dem Land.
Andererseits setzt die Modi-Regierung weiter darauf, das Wirtschaftswachstum durch möglichst viel heimische Kohle und billige Ölimporte abzusichern. Schon vor dem Klimagipfel-Auftritt ließ sie wissen: "Kohle ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil des Energiebedarfs Indiens."
Aufschlussreich war auch der jüngste Besuch von Russlands Präsident Wladimir Putin Anfang Dezember in Neu-Delhi, wo Modi ihn ungeachtet seiner Kriegführung in der Ukraine herzlich und mit großem Aufwand empfing. Putin versprach Indien "ununterbrochene Lieferungen" von Öl, Gas und Kohle. Beide Seiten verständigten sich auf eine neue Wirtschafts- und Energiekooperation bis 2030.
Das Statement von CAT-Koordinator Niklas Höhne haben wir um 13:30 Uhr ergänzt.

Vielleicht passt diese Meldung zum Ausbau der indischen Kohlekraftwerkskapazitäten ja zu der Meldung, dass die EU sich auf ein neues Klimaziel für 2040 geeinigt hat?
https://www.spiegel.de/wissenschaft/eu-einigt-sich-auf-neues-klimaziel-a-8f79c06c-3e7b-4b97-8235-50d77221b5f5
"Während die Staatengemeinschaft die bestehenden Klimaziele auf eigenem Boden erreichen muss, können für das neue Zwischenziel bis zu fünf Prozentpunkte ab 2036 durch Klimazertifikate aus dem Ausland erzielt werden....
Bei der Nutzung von Auslandszertifikaten zur Kompensation befürchten Kritiker, dass wirtschaftlich weniger leistungsstarke Staaten im Globalen Süden ihre nationalen Klimaziele bewusst niedriger ansetzen, um sich Aufstockungen von den Europäern bezahlen zu lassen – oder dass Minderungen doppelt angerechnet werden könnten."