Mitte Juni begann der Monsunregen – ungewöhnlich früh und ungewöhnlich heftig. Im Juli traten die ersten Flüsse über ihre Ufer. Im August erreichte die Flut ihren Höhepunkt und aus einer Krise wurde eine der größten klimabedingten Katastrophen der modernen Geschichte.
Ein hagerer, hochgewachsener Mann mit strahlend weißem Bart steht mitten in der pakistanischen Metropole Karatschi auf einer Bühne. In schnellen, abgehackten Worten berichtet der pakistanische Bauer Abdul Khaliq Leghari, wie die Flut ihm damals alles geraubt hat.
Es ist ein Schicksal, das in Pakistan viele teilen.
Etwa hundert Menschen lauschen ihm an diesem schwülen Apriltag bei der "Farmers Assembly of Climate Justice". Leghari ist einer von 39 Bäuer:innen, die sich nach der Flut von 2022 organisiert haben. Unter dem Motto "Polluters have to pay" fordern sie "Gerechtigkeit, Rechenschaft und Entschädigung".
Extremwetter werde von Betroffenen oft als Schicksal oder als von Gott gesandt verstanden, sagt Karin Zennig, Südasien-Expertin der Menschenrechtsorganisation Medico international.
Aber sobald das Gespräch auf Ideen wie Klimagerechtigkeit kommt, verändere sich dieses Verständnis. "Was menschengemacht ist, kann auch von Menschen verändert werden", meint Zennig. "Genau daraus erwächst politische Handlungsfähigkeit."
Pakistan ist eines der am stärksten betroffenen Länder der Welt – ein Land mit rund 260 Millionen Menschen, verantwortlich für etwa 0,3 Prozent der historischen Treibhausgasemissionen. In Rankings wie dem Klima-Risiko-Index der deutschen NGO Germanwatch steht es regelmäßig auf den vorderen Plätzen.
Die Untergangschronik
Die Bilder der Flut gingen vor vier Jahren um die Welt. Fast 2.000 Menschen starben an den direkten Folgen, Millionen mussten fliehen. Hunderttausende Häuser und Schulen wurden zerstört. Auf Teilen der nahezu zwei Millionen Hektar überfluteten Ackerfläche stand noch ein Jahr später das Wasser knöcheltief.
Die Wiederaufbauarbeiten dauerten bis heute an, sagt die Journalistin Afia Salam. Die Flut von 2022, so beschreibt sie es, ist nur die "Spitze des Eisberges – ein Symptom einer immer weiter eskalierenden Krise". Internationale Hilfen, die nicht einmal ausreichten, um das Nötigste wieder aufzubauen, seien ein Pflaster auf eine offene Wunde. Zumal einige der versprochenen internationalen Finanzhilfen am Ende gar nicht eintrafen.
Eine Rückschau auf die "Krisen-Symptome" der letzten Jahre lesen sich wie eine Untergangs-Chronik.
2010 verwüsteten Überschwemmungen in Pakistan ein Gebiet von der Größe Italiens, rund 20 Millionen Menschen waren betroffen.
2011 trafen Starkniederschläge den Südosten des Landes: Hunderte Tote, Hunderttausende auf der Flucht.
2015 erfasste eine Hitzewelle die Provinz Sindh im Süden Pakistans. In Karatschi und weiteren Städten wurden tagelang Temperaturen von bis zu 49 Grad Celsius gemessen – fast 2.000 Menschen starben.
Immer wieder kam es in den letzten Jahren kurzfristig zu Bedingungen, die akut lebensbedrohlich sind. In der Klimaforschung spreche man von der sogenannten Feuchtkugeltemperatur, erklärt Tanvir Ahmad von der britischen Universität Exeter. Diese ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit und beschreibt, wie effektiv der menschliche Körper sich durch Schwitzen noch abkühlen kann.
"Eine Feuchtkugeltemperatur von 35 Grad – etwa bei 45 Grad Lufttemperatur und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit – gilt als Grenzwert, ab dem selbst gesunde Menschen innerhalb weniger Stunden überhitzen", so der Klimaforscher.
Es sei davon auszugehen, dass solche Extrembedingungen im Zuge des Klimawandels häufiger auftreten und länger anhalten.
Die Polykrise
In den letzten Jahren wurde selbst die 50-Grad-Marke immer wieder überschritten. Extreme Hitze habe es in Pakistan auch früher gegeben, sagt Ahmad, der im Norden des Landes aufgewachsen ist. Heute träten Hitzewellen jedoch fast alle zwei Jahre auf. Und es seien nicht nur die Extreme. Das Wetter sei unberechenbar geworden.
Die Hitze könne ganz plötzlich einsetzen und auf eine lange Trockenphase auf einmal extremer Starkregen folgen.
In der Forschung spreche man seit einigen Jahren von einer Polykrise, in der Klimawandel auf strukturelle gesellschaftliche Probleme treffe – Überbevölkerung in den Großstädten und unkontrollierte Urbanisierung, gravierende Defizite bei Luft- und Wasserqualität, politisches Missmanagement und eine Bevölkerung, von der knapp die Hälfte unterhalb der Armutsgrenze lebe, so Ahmad.
Zum Beispiel sei die hohe Übersterblichkeit während der letzten großen Hitzewelle von 2024 in Karatschi nur zum Teil durch den Klimawandel erklärbar. Statt 30 bis 40 Leichen pro Tag zählte damals der Ambulanzdienst Edhi Foundation täglich über 140 Leichen, die er zu bergen hatte.
Generell sind Opferzahlen in Pakistan mit Vorsicht zu betrachten. Nur etwa fünf Prozent der Todesfälle werden offiziell erfasst. Private Institutionen wie die Edhi-Stiftung decken selbst in Großstädten wie Karatschi nur kleine Gebiete ab. Auf dem Land werden Verstorbene ohnehin meist informell im Familienkreis beigesetzt.
Laut Klimaforscher Ahmad verliert der Begriff "Extremereignis" in Pakistan zunehmend an Schärfe. "Hochwasser und Hitzewellen sind mittlerweile so häufig, dass wir von einer neuen Normalität sprechen müssen."
Die Grenzen der Klimaanpassung
Am Kopfende eines langen Konferenztischs in Islamabad sitzt Fauzia Bilqis Malik. Sie berät als Leiterin des Pakistan-Büros der Weltnaturschutzunion IUCN die Regierung zu Umweltfragen und Klimaanpassung. An die letzten Sturzfluten, die im vergangenen Jahr Teile der Hauptstadt unweit des kleinen IUCN-Bürogebäudes unter Wasser setzten, kann sie sich gut erinnern.
Seit Jahren sei es dasselbe Spiel, sagt sie. "Wir versuchen uns nach einem Extremereignis auf das nächste vorzubereiten, aber das nächste übertrifft wieder alles, was wir bisher kannten."
Nach dem Hochwasser von 2022 hätte es politisch ein Umdenken gegeben, sagt Malik. Zumindest auf dem Papier. 2023 beschloss die Regierung den ersten Klimaanpassungsplan für Pakistan. "Es gibt Fortschritte, aber es fehlt an Ressourcen." Aufforstungsprogramme, häufig von lokalen Gemeinschaften getragen, seien eine wichtige Strategie, um Böden zu stabilisieren und lokale Temperaturen zu senken.
Gleichzeitig habe der Staat 450 Schutzgebiete ausgewiesen, um Abholzung einzudämmen. Doch nur für etwa zehn davon gebe es tatsächlich Mittel, um den Schutz auch durchzusetzen. "Es gibt viele Pläne und Ideen, aber in der Umsetzung passiert zu wenig."
Es falle ihr nicht leicht, das auszusprechen, sagt Malik, aber für einige Regionen gebe es auch möglicherweise keine wirksame Anpassung mehr. "Die einzige wirkliche Lösung wäre, die Emissionen jetzt zu beenden."
Diese bittere Aussicht findet sich auch in der Klimaanpassungsstrategie: "Sollten sich die aktuellen Trends fortsetzen, könnten weite Teile des Landes unbewohnbar werden."
Die menschliche Klimanische
Der britische Klimaforscher Tim Lenton hat gemeinsam mit Kolleg:innen den Begriff der "menschlichen Klimanische" geprägt. In der Biologie beschreibt eine ökologische Nische die Umweltbedingungen, in denen eine Art überleben kann. Lenton zufolge verschiebt der Klimawandel immer größere Regionen aus dieser Nische des Homo sapiens heraus.
Das bedeute nicht zwingend vollständige Unbewohnbarkeit, sagt Lenton, der ebenfalls in Exeter forscht. Aber das Leben außerhalb der Nische sei nur noch eingeschränkt möglich. "Gebiete, die das 'heiße Ende' der Nische verlassen, lassen höchstens noch geringe Bevölkerungsdichten zu, und tödliche Temperaturextreme werden häufiger."
Bei einer Erwärmung um drei Grad bis Ende des Jahrhunderts, wie sie bei Fortschreibung gegenwärtiger Politik laut UN zu erwarten ist, liegen weite Teile Indiens und Pakistans außerhalb der Nische. Bei 1,5 Grad – die aber schon fast erreicht sind – ist das Gebiet um das Sechsfache kleiner.
"Teile von Sindh im Südosten Pakistans, einschließlich der Millionenstadt Hyderabad, verlassen diese Grenze allerdings selbst dann", so Lenton.
Für reiche Bevölkerungsgruppen, die sich leisten könnten, ihr Zuhause zu kühlen und Wasser wie Nahrungsmittel zu importieren, sei eine Anpassung grundsätzlich möglich. Aber das gelte nicht für den Großteil der Menschen vor Ort.
"Wir können nicht nur auf Regierungen setzen"
Auch wegen dieser Ungerechtigkeit steht Abdul Khaliq Leghari auf der Bühne in Karatschi. Der Landwirt richtet sich an zwei deutsche Unternehmen, RWE und Heidelberg Materials. Seine Familie und viele andere in Pakistan würden unter den Folgen der Emissionen leiden, die sie selbst nicht verursacht hätten – sondern fossile Unternehmen wie die beiden aus Europa.
Unterstützt von mehreren Nichtregierungsorganisationen haben die 39 Bäuer:innen gegen die Konzerne im Dezember Klage eingereicht. Sie fordern Schadenersatz für ihre Ernteausfälle. Ein Versuch, Verantwortung juristisch zu erzwingen.
Auch die Journalistin Afia Salam ist an diesem Tag vor Ort. Sie moderiert ein Panel zwischen Bauern, NGO-Vertreter:innen und Fachleuten. Auch Minister waren eingeladen, haben allerdings kurz zuvor ihre Teilnahme abgesagt.
Wer sich in Pakistan mit der Klimakrise beschäftige, wisse, wie düster die Aussichten seien, sagt Salam. Hoffnung schöpfe sie aus Basisbewegungen wie jener der Bäuer:innen. "Wir können nicht nur auf Regierungen setzen. Und die internationale Klimadiplomatie ist, wie 30 weitgehend ergebnislose Klimagipfel zeigen, gescheitert." Nun aber entstünden zunehmend Bewegungen von Arbeitern, Bauern und jungen Menschen, die begreifen, was geschieht – und ihren Zorn auf die Straße tragen.
"Ich nähere mich den 70", sagt sie. "Ob ich Hoffnung habe oder nicht, spielt keine Rolle. Aber solange junge Menschen noch Hoffnung haben, gibt es eine Chance."
Die Veranstaltung endet mit einer Demonstration. Eine kleine Menschentraube schiebt sich durch die Straßen Karatschis, vorbei an Menschen, die im Straßenstaub liegen, am Rand des glühenden Asphalts. Abdul Khaliq Leghari und die anderen Bäuer:innen werden später noch den Heimweg antreten. Mehrere Stunden Zugfahrt durch flache, ausgetrocknete Landschaft.
Ihre Felder liegen in der Nähe einiger der heißesten Städte Pakistans, wie Jacobabad, Dadu oder Larkana. Wie lange das Leben dort noch möglich sein wird, kann niemand mit Sicherheit sagen. Alle drei Städte liegen in dem Gebiet, das selbst bei einer Erderwärmung von 1,5 Grad aus der Klimanische gedrängt wird.
Ein trauriger Rekord unterstreicht, wie schwer das Leben dort heute schon ist. 50,4 Grad Celsius wurden im Juni letzten Jahres in Jacobabad gemessen – kurz nach Mitternacht.

Dass Pakistan de facto eine Militärdiktatur ist, die sich neben Atombomben eine zivile Regierung leistet, gehört auch ins Bild.