Noch einmal ein Versuch, die weltweite Plastikkrise endlich in den Griff zu bekommen: Am heutigen Dienstag beginnt in Genf unter UN-Dach das Nachsitzen zur fünften Verhandlungsrunde zum "Global Plastics Treaty".
Eigentlich war der Abschluss des Weltplastikvertrags für Ende 2024 angepeilt worden. Doch das klappte nicht. Die Verhandlungen im November im südkoreanischen Busan scheiterten – vor allem an einer Blockade durch Länder mit großer Öl- und Petrochemie-Industrie.
Nun also der Versuch, doch noch ein "Paris-Abkommen der Kunststoffe" zu beschließen, analog zum Weltklimavertrag.
Die Zeit drängt. Die damalige norwegische Entwicklungsministerin Anne Beathe Tvinnereim hatte bereits vor dem Treffen in Busan vor einem drohenden Kollaps gewarnt: Die Welt werde in zehn Jahren "nicht mehr in der Lage sein", die Menge an Plastikmüll zu bewältigen, sagte sie. Fachleute erwarten tatsächlich eine Verdopplung der Produktionsmengen bis 2040.
Ein Vertrag müsse die Plastikverschmutzung während des gesamten Lebenszyklus der Produkte berücksichtigen, mit einem klaren Schwerpunkt auf einer Absenkung der Produktion, so Tvinnereim. Genau das entpuppte sich als ein Hauptstreitpunkt bei den Verhandlungen, die bereits 2022 von der UN-Umweltversammlung Unea gestartet worden waren.
Konzerne bei den Treffen stark vertreten
Während eine "High Ambition Coalition" aus mehr als 60 Staaten – darunter Deutschland und die EU, Kenia, Norwegen, Peru und Ruanda – verbindliche globale Produktionsobergrenzen ab 2040, ein Verbot giftiger Additive und einen Hilfsfonds für ärmere Länder fordert, beharrten Öl- und Gasproduzenten wie Saudi-Arabien, Russland oder Iran auf Einstimmigkeit bei Beschlüssen und blockierten so mögliche Limits bei der Plastikproduktion.
Indien, China und zahlreiche Entwicklungsländer wiederum sehen das Recycling der Kunststoff-Abfälle als zentrale Maßnahme. Der indische Umweltminister Bhupender Yadav erklärte, der künftige Vertrag solle sich "ausschließlich auf die Plastikverschmutzung" konzentrieren und nicht die Entwicklungschancen der ärmeren Staaten beeinträchtigen.
Zwischen diesen Positionen einen Kompromiss zu finden, war in den bisherigen Verhandlungsrunden schwierig und dürfte es auch Genf sein – zumal der Druck der Lobbygruppen groß ist.
Hunderte Vertreter großer Petrochemie- und Kunststoffkonzerne verfolgen die UN-Konferenzen. Sie drängen auf freiwillige Initiativen statt verbindlicher Regulierung und argumentieren, Produktionslimits lähmten Innovationen. Kritiker sprechen von gezielter "Unterwanderung" durch Lobbyakteure, die bei den Treffen stark vertreten waren – teilweise in höherer Zahl als Umweltfachleute oder Regierungsdelegationen.
Schon heute 1,5 Billionen Dollar jährliche Schäden
Die drei zentralen Fragen, die in Genf gelöst werden müssen, lauten: Soll der Vertrag verbindliche Obergrenzen für die Primärplastikproduktion festlegen? Welche Chemikalien und Additive werden verboten? Welche Plastikprodukte gelten als vermeidbar?
Außerdem wird es darum gehen, einen Finanzierungsmechanismus aufzusetzen, der Entwicklungsländer bei der Lösung der Plastikkrise unterstützt, die vor allem dort mangels Entsorgungskapazitäten und Recycling Gesundheits- und Umweltschäden auslöst.
Umweltverbände warnen vor weiteren Verzögerungen bei den Verhandlungen oder gar einem kompletten Scheitern. Die US-Meeresschutzorganisation Ocean Conservancy erinnerte jetzt daran, dass allein zwischen den Konferenzen in Busan und Genf rund 7,4 Millionen Tonnen Plastik zusätzlich in die Weltmeere gelangt seien – Beleg dafür, dass jeder Aufschub eine weitere Plastikflut auslöst.
Greenpeace und das internationale Bündnis Break Free From Plastic fordern eine Reduktion der globalen Plastikproduktion um mindestens 40 Prozent bis 2040, das Verbot unnötiger Einwegprodukte und gefährlicher Chemikalien sowie ein globales Kunststoff-Monitoring.
Zusätzliche Dramatik verleiht den Genfer Verhandlungen eine neue Untersuchung, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet erschienen ist und die Plastikverschmutzung als globale Gesundheitskrise beschreibt. Sie beziffert die jährlichen Schäden auf 1,5 Billionen US-Dollar – verursacht etwa durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes, Atemprobleme, besonders bei Kindern, und zunehmend auch durch Rückstände wie Mikroplastik in menschlichen Organen.
Hauptautor Philip Landrigan vom Global Observatory on Planetary Health am Boston College in den USA appellierte: "An die, die sich in Genf treffen: Bitte nehmen Sie die Herausforderung an und ermöglichen Sie sinnvolle und wirksame internationale Zusammenarbeit als Antwort auf diese globale Krise."
Die Konferenz in Genf ist unzweifelhaft der bisher kritischste Moment des internationalen Prozesses, der nun schon drei Jahre läuft. Gelingt es der High Ambition Coalition, die Blockierer zurückzudrängen und Gesundheits- wie Umweltaspekte klar ins Zentrum zu rücken, könnte das Abkommen in wenigen Tagen einen echten Fortschritt markieren. Andernfalls droht zumindest eine weitere Verzögerung – angesichts der zunehmenden Schäden kaum akzeptabel.
Lesen Sie dazu unseren Kommentar: Exit Plastikkrise

Aller Wahrscheinlichkeit werden sich die ökologisch Bornierten wieder einmal durchsetzen und wir alle in immer höheren Mass vergiftet, obwohl es längst Alternativen zum Fossil-Plastik gibt. Auf Einzelstaat-Basis wird vermutlich auch nichts geschehen, da alle sich hinter 'Wettbewerbsnachteilen' o. ä. verschanzen werden.